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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Good bye BigBrotherAwards

Am 11. Juni 2021 sind in Bie­le­feld die Nega­tiv­prei­se Big­Brot­he­rA­wards 2021 an Daten­frev­ler und -kra­ken aus Wirt­schaft, Büro­kra­tie und Staat ver­lie­hen wor­den. Die Lau­da­tio­nes sind nach­zu­le­sen unter: https://bigbrotherawards.de/2021. Wäh­rend der Ver­lei­hungs­ga­la habe ich mich mit der fol­gen­den Rede aus der Jury des Big­Brot­he­rA­wards verabschiedet:

Lie­be Freun­din­nen und Freun­de, lie­be Juryst:innen, lie­bes Digi­tal­cou­ra­ge-Team! Das ist heu­te eine Pre­mie­re für mich – und auch für Euch. Denn zum ersten Mal seit dem Auf­takt der Big­Brot­he­rA­wards (BBA), also seit nun­mehr 21 Jah­ren, wer­de ich anläss­lich der Ver­lei­hung die­ses Nega­tiv­prei­ses 2021 hier in Bie­le­feld kei­ne »Lau­da­tio« auf einen der zahl­rei­chen Daten­frev­ler und -kra­ken im Öffent­li­chen Dienst hal­ten. Es bleibt also bei mei­nen ins­ge­samt zwan­zig »Lau­da­tio­nes« von 2000 bis 2020.

Tat­säch­lich habe ich Anfang die­ses Jah­res als Ver­tre­ter der Inter­na­tio­na­len Liga für Men­schen­rech­te die BBA-Jury ver­las­sen. Eine Ent­schei­dung, die ich schwe­ren Her­zens getrof­fen habe – schließ­lich habe ich mit Jury und Digi­tal­cou­ra­ge gern zusam­men­ge­ar­bei­tet und hal­te das Pro­jekt nach wie vor für wich­tig, ja ange­sichts for­cier­ter Digi­ta­li­sie­rung in Staat, Gesell­schaft und Wirt­schaft in zuneh­men­dem Maße.

Die­se Ent­schei­dung ist mir nach 20 Jah­ren nur des­halb ein wenig leich­ter gefal­len, weil ich erstens nicht als Bürgerrechts-»Fossil« oder »Urge­stein« enden woll­te, und zwei­tens, weil ich vor kur­zem ein Buch fer­tig­ge­stellt habe, das eine Art Bilanz mei­ner BBA-Arbeit zieht und einen – mei­nen – Teil der Geschich­te der bun­des­deut­schen Big­Brot­he­rA­wards reflek­tiert und doku­men­tiert. Der Titel: »Daten­kra­ken im Öffent­li­chen Dienst«.

Das Buch zeich­net den gefähr­li­chen Weg in den prä­ven­tiv-auto­ri­tä­ren Sicher­heits- und Über­wa­chungs­staat nach – und zwar anhand jener »Preisträger:innen«, die ich in den ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­ren zu »lau­da­tie­ren« die Ehre hat­te: Bun­des­re­gie­rung, Bun­des­kanz­ler­amt und Verteidigungsministe­rium, die frü­he­ren Bun­des­in­nen­mi­ni­ster Otto Schi­ly (SPD) und Wolf­gang Schäub­le (CDU), wei­te­re Bun­des- und Lan­des­in­nen­mi­ni­ster, die Innen­mi­ni­ster­kon­fe­renz, Bun­des­wehr, Bun­des­kri­mi­nal­amt, Bun­des­po­li­zei und Lan­des­po­li­zei­en, Bun­des­nach­rich­ten­dienst, Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den des Bun­des und der Län­der, Bun­des­an­walt­schaft, CDU- und grü­ne Frak­tio­nen sowie den EU-Mini­ster­rat. Deren »Sicher­heits­ge­set­ze« und »Anti­ter­ror­po­li­tik«, deren aus­ufern­de Über­wa­chungs- und Auf­rü­stungs­maß­nah­men kön­nen als digi­ta­le Mei­len­stei­ne einer fata­len Ent­wick­lung begrif­fen wer­den – vor­an­ge­trie­ben im »Namen der Sicher­heit«, mit Sicher­heit aber auf Kosten der Freiheit.

Die jeweils Ver­ant­wort­li­chen haben wir »aus­ge­zeich­net« – bes­ser: abge­straft – unter ande­rem für die recht­li­che und poli­ti­sche Mit­ver­ant­wor­tung für den US-Droh­nen­krieg, für die Lega­li­sie­rung von Staats­tro­ja­nern und elek­tro­ni­schen Fuß­fes­seln, für digi­ta­le Auf­rü­stung zum Cyber­krieg, für das »Lebens­werk« der unkon­trol­lier­ba­ren Daten­kra­ke »Ver­fas­sungs­schutz«, für Wett­rü­sten und Mas­sen­über­wa­chung im glo­ba­len Infor­ma­ti­ons­krieg der Geheim­dien­ste, für ras­si­sti­sche Raste­run­gen der Bun­des­po­li­zei, für fort­schrei­ten­de Ent­gren­zung der Staats­ge­walt, für die EU-Ter­ror­li­ste und dar­aus fol­gen­de Exi­stenz­ver­nich­tun­gen per Will­kür­akt, für die prä­ven­tiv-poli­zei­li­che Über­wa­chung der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on im ufer­lo­sen Vor­feld des Ver­dachts und für die »Anti­ter­ror-Geset­zes­pa­ke­te« eines Bun­des­in­nen­mi­ni­sters Otto Schi­ly nach 9/​11.

Und wie reagier­ten die Betrof­fe­nen auf sol­che »Ehrun­gen«? Anstatt sich die künst­le­risch gestal­te­te Preis­tro­phäe per­sön­lich abzu­ho­len und sich der öffent­li­chen Kri­tik zu stel­len, reagier­ten die aller­mei­sten, wie es BBA-Mit­or­ga­ni­sa­to­rin Rena Tan­gens (Digi­tal­cou­ra­ge e.V.) aus­drückt, »mit dem klas­si­schen Drei­klang: Igno­rie­ren, Abstrei­ten, Abwie­geln«. Spe­zi­ell von staat­li­cher Sei­te, also von »mei­nen Preisträger:innen«, hat in zwan­zig Jah­ren – unge­lo­gen – nicht eine Mini­ste­rin, kein Sicher­heits­po­li­ti­ker, kei­ne Füh­rungs­kraft einer Sicher­heits­be­hör­de die demo­kra­ti­sche Grö­ße bewie­sen, sich der Jury, ihrer Kri­tik und dem Publi­kum offen und öffent­lich zu stel­len. Wett­ge­macht wird die­se Ver­wei­ge­rungs­hal­tung nur durch das recht gro­ße Medi­en­echo; und nicht zuletzt dadurch, dass unter allen jähr­lich aus­ge­zeich­ne­ten Daten­kra­ken aus Wirt­schaft, Gesell­schaft und Staat sich über­durch­schnitt­lich vie­le Staatsdaten­kra­ken befan­den, die oben­drein auch noch den »Publi­kums­preis« erhiel­ten, weil sie das Publi­kum »beson­ders beein­druckt, erstaunt, erschüt­tert, empört« haben.

Nur ein­mal konn­te ich einen Preis­trä­ger, der sich gedrückt hat­te, live und in Far­be stel­len: Ich erin­ne­re mich noch genau an jenen Coup, wäh­rend des »Früh­stück­fern­se­hens« von SAT1 im Novem­ber 2005, zu dem ich zusam­men mit dem dama­li­gen BKA-Prä­si­den­ten Jörg Ziercke und dem dama­li­gen nie­der­säch­si­schen Innen­mi­ni­ster Uwe Schü­ne­mann (CDU) gela­den war. In Abspra­che mit dem Regis­seur der Sen­dung konn­te ich Schü­ne­mann zu des­sen sicht­li­chem Erstau­nen den Big­Brot­he­rA­ward als Foto nach­tra­gen. Nach mei­ner Kurz­lau­da­tio hat er sich vor lau­fen­der Kame­ra artig bedankt und das gerahm­te Foto zur Brust genom­men – obwohl ich ihn zuvor dafür rüg­te, dass er die künst­le­ri­sche Preis­tro­phäe wäh­rend der Ver­lei­hungs­fei­er 2003 nicht per­sön­lich abge­holt hat­te. Denn hät­te er sich damals der Kri­tik gestellt, hät­te er sich womög­lich eine Nie­der­la­ge vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erspa­ren kön­nen; denn sei­ne »aus­zeich­nungs­wür­di­ge« anlass­lo­se prä­ven­ti­ve Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung im Poli­zei­ge­setz ist spä­ter für weit­ge­hend ver­fas­sungs­wid­rig erklärt worden.

Zwar konn­ten wir die »lau­da­tier­ten« Daten-Skan­da­le, Miss­stän­de und Fehl­ent­wick­lun­gen im Staats­we­sen in aller Regel nicht ver­hin­dern, aber wenig­stens zur poli­ti­schen Auf­klä­rung und kri­ti­schen Mei­nungs­bil­dung bei­tra­gen; aber auch dazu, den einen oder ande­ren beson­ders pre­kä­ren Mei­len­stein per Ver­fas­sungs­be­schwer­de gericht­lich ganz oder teil­wei­se aus dem Weg räu­men zu las­sen – wie etwa im Jahr 2010 die erste anlass­lo­se Vor­rats­spei­che­rung von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten der gesam­ten Bevöl­ke­rung. Auf die Gerichts­ent­schei­dun­gen über die zwei­te Ver­si­on der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung sowie zum Staats­tro­ja­ner in der Straf­pro­zess­ord­nung müs­sen wir immer noch warten.

Nun, nach zwan­zig Jah­ren Ver­lei­hungs­pra­xis und -ein­drücken scheint mir die Zeit reif, vom Big­Brot­he­rA­ward aus per­sön­li­chen Grün­den Abschied zu neh­men – unter ande­rem auch, weil ich Wie­der­ho­lun­gen ver­mei­den will. Über­la­stungs­grün­de hat­ten mich schon zuvor dazu bewo­gen, den Vor­stand der Inter­na­tio­na­len Liga für Men­schen­rech­te zu ver­las­sen und Anfang des Jah­res auch mei­ne Zulas­sung als Rechts­an­walt auf­zu­kün­di­gen – just nach­dem ich Ende 2020 das Kla­ge­ver­fah­ren gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wegen mei­ner vier Jahr­zehn­te wäh­ren­den Beob­ach­tung durch den »Ver­fas­sungs­schutz« gewon­nen hat­te. Die­se Dau­er­über­wa­chung war von Anfang an unver­hält­nis­mä­ßig und grund­rechts­wid­rig, wie das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nach 15 Ver­fah­rens­jah­ren end­gül­tig und rechts­kräf­tig geur­teilt hat. Lau­ter gute Grün­de, eine Zäsur zu machen und neue Schwer­punk­te zu set­zen. An Ruhe­stand ist jeden­falls nicht zu denken.

Abschlie­ßend noch ein paar Bemer­kun­gen zum Big­Brot­he­rA­ward-Pro­jekt: Bekannt­lich wol­len wir damit ufer­lo­ses Daten­sam­meln, Daten­miss­brauch, aus­ufern­de Kon­trol­le und Über­wa­chung in Staat, Wirt­schaft und Gesell­schaft anpran­gern, in den Fokus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung heben und so das Bewusst­sein für den Wert der Pri­vat­sphä­re wecken – weil die­se im Zuge der Durch­di­gi­ta­li­sie­rung aller Lebens­be­rei­che all­mäh­lich ver­lo­ren zu gehen droht. Unser Ziel ist poli­ti­sche Auf­klä­rung über die fata­len Fol­gen, die mit der Beein­träch­ti­gung der Pri­vat­sphä­re, mit der Ver­let­zung von Per­sön­lich­keits­rech­ten und infor­ma­tio­nel­ler Selbst­be­stim­mung zusam­men­hän­gen. Immer dem Leit­ge­dan­ken der Daten­schutz- und Bür­ger­rechts­grup­pe Digi­tal­cou­ra­ge fol­gend, die den BBA aus­rich­tet: auch und gera­de im digi­ta­len Zeit­al­ter für eine lebens­wer­te Welt kämp­fen und des­halb zugleich gegen Über­wa­chungs­staat und Über­wa­chungs­ka­pi­ta­lis­mus. In Wirk­lich­keit sind die Big­Brot­he­rA­wards also nicht nur Negativ-»Oscars für Daten­kra­ken«, son­dern viel­mehr Auf­klä­rungs­prei­se, die den Keim eines zivil­ge­sell­schaft­li­chen Gegen­ent­wurfs in sich tragen.

Zum Abschied noch ein paar Wor­te an die Adres­se der Veranstalter:innen: Ganz beson­ders freue ich mich ange­sichts die­ser Erfolgs­ge­schich­te, dass ich an Eurer Idee eines deut­schen Big­Brot­he­rA­wards von Anfang an betei­ligt war und die­ses Pro­jekt bis vor kur­zem mit­prä­gen konn­te – zusam­men mit den so enga­gier­ten Initiator:innen und Künstler:innen Rena Tan­gens und pade­lu­un sowie den fabel­haf­ten Teams von Digi­tal­cou­ra­ge, zu denen auch unse­re »Text­be­treue­rin« und Lek­to­rin Clau­dia Fischer, das Über­set­zungs­team um Seba­sti­an Lis­ken und Mode­ra­tor Andre­as Lie­bold gehö­ren – zusam­men mit den ande­ren Juror:innen aus den koope­rie­ren­den Daten­schutz-, Bür­ger- und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen: Deut­sche Ver­ei­ni­gung für Daten­schutz (DVD), Inter­na­tio­na­le Liga für Men­schen­rech­te und Cha­o­s­Com­pu­ter­Club (Stand: 2020/​21).

Euch allen möch­te ich heu­te ganz herz­lich für die tol­le und frucht­ba­re Zusam­men­ar­beit dan­ken – und auch unse­rem treu­en und hoch moti­vier­ten Publi­kum. Euch allen alles erdenk­lich Gute für eine über­le­bens­wer­te Zukunft im digi­ta­len Zeit­al­ter, für digi­ta­le Selbst­ver­tei­di­gung, aber auch für gestärk­te Grund­rech­te und eine quick­le­ben­di­ge Demo­kra­tie, die lei­der in der Coro­na-Kri­se stark gelit­ten haben. Es gibt jeden­falls künf­tig wohl noch mehr zu tun – und ich wer­de Euch dabei auch von außen nach Kräf­ten unterstützen.

 

Rolf Gös­s­ner: Daten­kra­ken im öffent­li­chen Dienst. ›Lau­da­tio‹ auf den prä­ven­ti­ven Sicher­heits- und Über­wa­chungs­staat. Mit Gast­bei­trä­gen von Ger­hart Baum, Sabi­ne Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger und Heri­bert Prantl; Papy­Ros­sa Ver­lag, Köln 2021, 366 S., 19.90 €, Bezug u. a.: https://shop.papyrossa.de/Goessner-Rolf-Datenkraken-im-oeffentlichen-Dienst