Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Und bist du nicht willig…

In mei­ner 30-bän­di­gen Brock­haus-Enzy­klo­pä­die war kein Platz für Sieg­fried Lich­ten­sta­ed­ter, bei Wiki­pe­dia wer­de ich fün­dig: gebo­ren im Janu­ar 1865 im mit­tel­frän­ki­schen Bai­ers­dorf, ermor­det im Dezem­ber 1942 im Ghet­to The­re­si­en­stadt im besetz­ten Teil der Tsche­cho­slo­wa­kei, dem dama­li­gen Pro­tek­to­rat Böh­men und Mäh­ren. Lich­ten­sta­ed­ter, Ver­wal­tungs­ju­rist und Publi­zist zu Fra­gen des Juden­tums, hat natür­lich nicht sein per­sön­li­ches Schick­sal vor­aus­se­hen kön­nen. Aber schon früh­zei­tig, im Jahr 1923, hielt er für mög­lich, was dann 1933 ein­traf: dass die Juden in Deutsch­land »tot­ge­schla­gen und ihre Güter den ›Ari­ern‹ gege­ben würden«.

Der Histo­ri­ker Götz Aly hat den, bei S. Fischer unter dem Titel »Pro­phet der Ver­nich­tung – Über Volks­geist und Juden­hass« erschie­ne­nen, hell­sich­ti­gen Tex­ten des baye­ri­schen Beam­ten ergän­zen­de und erläu­tern­de Essays bei­gefügt. Für ein ande­res Buch Lich­ten­sta­ed­ters, als Taschen­buch bei Comi­no, Ber­lin, erhält­lich, schrieb Aly das Vor­wort: für die erst­mals 1897 in Würz­burg erschie­ne­ne Streit­schrift »Nil­pferd­peit­sche und Kul­tur«. The­ma: die »gro­ße Lüge« von der »zivi­li­sa­to­ri­schen Mis­si­on« des christ­li­chen Euro­pas in den Kolonien.

In der über 120 Jah­re alten Publi­ka­ti­on fand Aly das Mot­to, das er sei­nem im Mai die­ses Jah­res erschie­ne­nen Buch »Das Pracht­boot – Wie Deut­sche die Kunst­schät­ze der Süd­see raub­ten« vor­aus­stell­te: »Im All­ge­mei­nen wird man ohne Über­trei­bung von sehr vie­len Kolo­nien Fol­gen­des behaup­ten kön­nen: Prü­geln, Rau­ben, Schän­den, Bren­nen, Mor­den neh­men einen gro­ßen Anteil der Arbeits­kraft euro­päi­scher Beam­ter, Offi­zie­re, Kauf­leu­te und For­schungs­rei­sen­der in Anspruch.« Aly wid­me­te Lich­ten­sta­ed­ter sein Buch.

Das titel­ge­ben­de Pracht­boot stammt von der nur sechs Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen Insel Luf. Ich blät­te­re im Welt­at­las hin zur Süd­see. Im Nor­den des 1975 gegrün­de­ten Staa­tes Papua-Neu­gui­nea fin­de ich die Insel­welt von Mela­ne­si­en und ent­decke, stau­nend, einen Archi­pel, der den Namen Bis­marck trägt. An des­sen nörd­li­chem Rand liegt, win­zig klein und im Druck nicht als Land­mas­se erkenn­bar, das Atoll der Her­mit-Inseln. Zu ihnen gehört als größ­te Insel Luf, auch nach 140 Jah­ren noch umspült – wie könn­te es anders sein? – von der Bismarck-Sea.

Von 1884 bis 1914 hieß die­ses sich über 3000 km erstrecken­de Mikro­in­sel­ge­biet Deutsch-Neu­gui­nea und war eine Kolo­nie des deut­schen Kai­ser­reichs. Der mit 4500 m höch­ste Berg der Insel­welt heißt noch heu­te nach einem Sohn Bis­marcks »Mount Wil­helm«. Auf Neu­gui­nea hiss­ten Ende Novem­ber 1884 die Mann­schaf­ten der Kai­ser­li­chen Kor­vet­te »Eli­sa­beth« und des Kano­nen­boo­tes »Hyä­ne« die Reichs­flag­ge in einer Bucht, die sie Fried­rich-Wil­helms­ha­fen tauf­ten. An Bord der S.M.S Eli­sa­beth war der Mili­tär­geist­li­che Gott­lob Johan­nes Aly, der Urgroß­on­kel von Götz Aly, einer der 380 Mann Besatzung.

Das Inter­es­se des Histo­ri­kers Aly war 2019 geweckt wor­den, als er im Fami­li­en­ar­chiv auf die Auf­zeich­nun­gen des Urgroß­on­kels über sei­ne »läng­ste und schön­ste« Fahrt mit der S.M.S. Eli­sa­beth stieß, die ihn auch in die Süd­see geführt hat­te. Die Unter­la­gen ent­hiel­ten »eher bei­läu­fig« den Bericht von der Ver­nich­tungs­ak­ti­on gegen einen Volks­stamm auf der Insel New Ire­land (die noch heu­te so heißt). Flan­kiert von der »Eli­sa­beth« lei­te­te das Kano­nen­boot »Hyä­ne« die »Straf­ak­ti­on«, wie die offi­zi­el­le Beschö­ni­gung der Mord­bren­ne­rei lautete.

Statt­ge­fun­den hat­te die von dem Mari­ne­pfar­rer beschrie­be­ne Akti­on, um den Ein­woh­ne­rin­nen und Ein­woh­nern »das Bewusst­sein bei­zu­brin­gen, dass sie für began­ge­ne Aus­schrei­tun­gen stets eine stren­ge Stra­fe zu gewär­ti­gen haben«. Ihr Eigen­tum, ihre Hüt­ten, Boo­te und Pflan­zun­gen wur­den zer­stört. Die Insel­be­völ­ke­rung war in den Urwald geflüch­tet. Heu­te ist bekannt, dass die Anschul­di­gun­gen gegen die Insu­la­ner erfun­den waren, tat­säch­lich hat­ten sie sich dage­gen gewehrt, ein­ge­fan­gen und als Arbeits­skla­ven an Plan­ta­gen­be­sit­zer ver­kauft zu werden.

Es war die unhei­li­ge Alli­anz von Kolo­ni­al­her­ren, Gott und Kai­ser, die mit Unter­stüt­zung durch die her­bei­ge­ru­fe­ne oder extra aus dem fer­nen Euro­pa her­ge­schick­te Mari­ne­in­fan­te­rie auf ihren »Straf­ex­pe­di­tio­nen« genann­ten Raub- und Mord­zü­gen gegen sich weh­ren­de Ein­hei­mi­sche durch die Insel­welt zog.

Zurück zum Luf-Boot, sei­nem Raub und sei­nem »Hei­mat­ha­fen« in Ber­lin. Aly schreibt, er ken­ne das Schiff schon aus den 1970er Jah­ren von regel­mä­ßi­gen Besu­chen mit den Kin­dern in der Süd­see­ab­tei­lung des in West­ber­lin gele­ge­nen Muse­ums. Das Schiff ist »statt­li­che 15 Meter lang, ohne einen ein­zi­gen Nagel fest zusam­men­ge­fügt und mit wun­der­vol­len Schnitz­wer­ken und Male­rei­en ver­ziert. Es ist hoch­see­taug­lich und konn­te bis zu 50 Krie­ger oder Rei­sen­de auf­neh­men.« Ein tech­ni­sches und künst­le­ri­sches Meisterwerk.

Der Prä­si­dent der Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz beschreibt die Her­kunft am 28. Mai 2018, »als die 18 Meter lan­ge Kiste (…) in die erste Eta­ge des Hum­boldt Forums ein­schweb­te«, fol­gen­der­ma­ßen: »Max Thiel, der Direk­tor der deut­schen Han­dels­ge­sell­schaft Herns­heim & Co., kauf­te das Boot 1903«, nach­dem er es wie zufäl­lig gese­hen hat­te. Nach dem »Kauf« wur­de es zum »Muse­um für Völ­ker­kun­de in Ber­lin« ver­schifft. Die Bun­des-Kul­tur­staats­mi­ni­ste­rin jubel­te eben­falls: »Von jetzt an strahlt das Hum­boldt Forum als Kul­tur­ort, in dem Mensch­heits­kul­tur­ge­schich­te erzählt wer­den kann.«

Für Aly dage­gen ist »das Para­de­ob­jekt der Ber­li­ner eth­no­lo­gi­schen Samm­lung und des Hum­boldt Forums (…) nicht nur ein bedeut­sa­mes, unbe­dingt bewah­rens­wer­tes Zeug­nis mensch­li­cher Kul­tur, son­dern auch ein höchst lehr­rei­ches Bei­spiel für die zehn­tau­send­fach ange­wand­ten Prak­ti­ken kolo­nia­ler Gewaltherrschaft«.

Alys in knapp zwei Jah­ren zusam­men­ge­tra­ge­nen Fak­ten zu dem nach Ber­lin ver­schlepp­ten Boot, für deren Recher­che anschei­nend weder das Kul­tur­staats­mi­ni­ste­ri­um noch das Muse­um in all den Jah­ren Anlass sah, spre­chen dage­gen eine ande­re Spra­che: »Die Ein­woh­ner der Her­mit-Inseln stör­ten die kolo­nia­le Aus­beu­tung und waren nicht wil­lens, als Arbeits­kräf­te dar­an mit­zu­wir­ken. Des­halb unter­nah­men die deut­schen Her­ren alles, um sie zum Arbei­ten zu zwin­gen und nöti­gen­falls aus­zu­rot­ten.« »… und bist du nicht wil­lig, so brauch ich Gewalt«, heißt es ja schon im »Erl­kö­nig«.

Auf­ge­pol­stert wird die Histo­rie der Straf­ex­pe­di­tio­nen und des Rau­bes mit »phan­ta­sie­vol­len Aus­re­den«, die, wie Aly zeigt, sogar Ein­gang in den Brock­haus von 1902 fan­den: Luf sei von Ein­ge­bo­re­nen bewohnt, die jedoch im Aus­ster­ben begrif­fen sind. Naja, sie wur­den »aus­ge­stor­ben«. Aly schil­dert detail­liert, wie Luf auf Bis­marcks Befehl und auf Betrei­ben deut­scher, schier all­mäch­ti­ger Plan­ta­gen­be­sit­zer und Han­dels­häu­ser, vor allem des Import­un­ter­neh­mens Herns­heim, unter Vor­wän­den zer­stört wird. Den Erobe­rern fol­gen die Plün­de­rer und Kunst­räu­ber. Aly: »Vor allem Herns­heim und (sein Nef­fe) Thiel las­sen ›rat­ten­kahl‹ absam­meln.« All­tags­ge­rät­schaf­ten, Kult­ob­jek­te, Schä­del, Kunst­wer­ke und nicht zuletzt das Luf-Boot, auch wenn es für einen Raub kei­ne kon­kre­ten Bele­ge gibt. In den Memoi­ren Herns­heim steht zu lesen, das Luf-Boot sei in sei­nen Besitz über­ge­gan­gen. Im Klar­text heißt das für Aly, man habe sich das Boot im Gefühl kolo­nia­ler All­macht angeeignet.

Im Natio­nal­mu­se­um von Papua-Neu­gui­nea gibt es vie­le Leer­stel­len. Ber­lin könn­te sie füllen.

*

Ein kur­zer Schlen­ker auf einen ande­ren Erd­teil zu einem ande­ren »kolo­nia­len Erbe« sei erlaubt. Am 27. Mai wur­de bekannt, dass die Bun­des­re­gie­rung 113 Jah­re nach dem Ende des Ver­nich­tungs­krie­ges des Deut­schen Kai­ser­reichs gegen die Here­ro und Nama (1904 bis 1908) in Nami­bia, der dama­li­gen deut­schen Kolo­nie »Deutsch-Süd­west­afri­ka« (1884 bis 1915), die­se Kolo­ni­al­ver­bre­chen erst­mals offi­zi­ell als Völ­ker­mord aner­ken­nen wird (sie­he dazu den Bei­trag »Völ­ker­mord und Kapi­ta­lis­mus« in die­sem Heft).

*

Auch heu­te noch unter­hal­ten Län­der wie Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, die Nie­der­lan­de und die USA kolo­nia­le Bezie­hun­gen. Vor allem in der Kari­bik sind vie­le Inseln unter der Kon­trol­le der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­mäch­te. »Spit­zen­rei­ter«, was die Anzahl der Kolo­nien betrifft, ist Großbritannien.

 

Götz Aly: Das Pracht­boot, S. Fischer Ver­lag, Frank­furt a. M. 2021, 235 S., 21 .