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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Weich gegen hart

Nichts in der Welt sei wei­cher als Was­ser, heißt es im Taote­king des Lao­tse, und doch bezwin­ge nichts das Star­re und Har­te der­art wie das Was­ser. Es ist nicht wirk­lich ent­schie­den, wer oder was am Ende gewin­nen, sich durch­set­zen wird. Es sind 81 Sprü­che vom »Alten Mei­ster« aus Chi­na über­lie­fert und der Spruch vom wei­chen Was­ser, das den har­ten Stein besiegt, ist popu­lär bis heu­te. Das ist einem Dich­ter des 20. Jahr­hun­derts zu dan­ken, der die phi­lo­so­phisch-hart­näcki­ge Geduld des ewig­strö­men­den Was­sers und die Geschich­te des Spru­ches in den Bern­stein einer Bal­la­de gebannt hat. Ber­tolt Brecht nahm um 1938 in »Die Legen­de von der Ent­ste­hung des Buches Taote­king auf dem Weg des Lao­tse in die Emi­gra­ti­on« die­sen Kern­ge­dan­ken wie­der auf, in Däne­mark, wo er selbst auf dem Weg in die Emi­gra­ti­on war.

Dies zur Vor­ge­schich­te des Buches, das 2021 zwei­spra­chig (dt./engl.) im Schi­bri Ver­lag erschie­nen ist, her­aus­ge­ge­ben von Man­fred Schewe: »81 Sprü­che zur Ent­här­tung der Welt«. Das Buch ver­steht sich als Anstoß zu einem inter­kul­tu­rel­len Dia­log in der (nicht nur) von Covid-19 heim­ge­such­ten Welt und über sie. Der Her­aus­ge­ber hat 81 Autorin­nen und Autoren aus 14 Län­dern (u. a. Chi­le, Deutsch­land, Frank­reich, Ita­li­en, Irland, Isra­el, Schweiz, Ukrai­ne, USA) ein­ge­la­den, über den Spruch Lao­tses auf je eige­ne Art und Wei­se in Wort und Bild zu reflek­tie­ren, zu träu­men und zu fantasieren.

Wer nach dem ersten Blick unter dem Titel ein Sach­buch über Tech­ni­ken des Was­ser­ent­här­tens ver­mu­tet, wird ent­täuscht sein. Es ent­fal­tet, nach einer das gan­ze Pro­jekt dar­le­gen­den Ein­füh­rung, sich über 238 Sei­ten ein Kalei­do­skop der Welt­wahr­neh­mung und gleich­zei­tig eine viel­schich­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on der über zwei­tau­send Jah­re alten Spruch­weis­heit. Lite­ra­tur, Kunst, Gegen­wart, Zukunft, Denk- und Sicht­wei­sen flie­ßen hier zu einem kurz­wei­lig zu lesen­den Gewe­be inein­an­der kurz­wei­lig, aber kei­nes­wegs anspruchs­arm: Der Bei­trag von Almut Küp­pers aus Frank­furt a.M. etwa erzählt auf raf­fi­nier­te Wei­se eine an Brecht ange­lehn­te Geschich­te: »Herr Keu­ner und das Virus«, in der sie eine ganz ande­re Gefähr­lich­keit ins Spiel bringt, die das aktu­el­le Virus schon seit jeher über­bie­tet, näm­lich das Virus der Aus­län­de­ri­tis, die uralte Ableh­nung des Fremden.

Auch Conal Cree­don aus Cork (Irland) führt gedank­lich, einen Satz von Albert Ein­stein para­phra­sie­rend, über den gegen­wär­ti­gen Covid-19 Zustand hin­aus, den Cree­don bereits als einen drit­ten Welt­krieg wahr­nimmt, den Ein­stein nur pro­phe­zeit hat, um zu fol­gern, dass der vier­te Welt­krieg wie­der mit Stöcken und Stei­nen aus­ge­tra­gen wer­den wird. Cree­don will dem gro­ßen Ein­stein nicht wider­spre­chen, aber er lässt offen, ob es tat­säch­lich so sein wird. Am Him­mel über die­ser fra­gi­len Erde, so möch­te ich mei­ner­seits vor­läu­fig und vor­sich­tig schluss­fol­gern, zeich­nen sich eher kos­mi­sche Krie­ge ab.

Gert Hof­mann, eben­falls aus Cork (Irland), geht dem Spruch des Wei­sen direkt nach und lie­fert auf knapp drei Sei­ten einen kon­zi­sen Grund­text zum inte­gra­ti­ven Unter­neh­men, das ich in sei­ner umfas­sen­den Dimen­si­on hier nur strei­fen kann. Ein gelun­ge­nes Pro­jekt über­grei­fen­der Zusam­men­ar­beit. Es wird wohl, ent­ge­gen der postu­lier­ten Absicht, nicht wirk­lich zur Ent­här­tung der Welt bei­tra­gen, aber zum Ver­ste­hen und ein­an­der Zuhö­ren, es kann ein Bewusst­sein schaf­fen von der Gefähr­dung weltweit.

Ob es letzt­lich zu einer »Ent­här­tung« kom­men, das Har­te durch das Wei­che besiegt wer­den wird, sei dahin­ge­stellt. Wich­ti­ger könn­te es sein, mehr auf das Bieg­sa­me zu ach­ten, wor­auf Ger Fitz­Gib­bon ver­weist: »A reed befo­re the wind lives on, while migh­ty oaks do fall.« Er zieht hier Ein­sich­ten von Aesop und Chau­cer zusam­men, die gesagt haben, dass ein Schilf sich unbe­scha­det im Wind wie­gen kann, wäh­rend Eichen bre­chen, fal­len, stür­zen kön­nen. Wal­ter Ben­ja­min sag­te das ein­mal ähn­lich, wenn er mein­te, dass man zwar immer revo­lu­tio­när sein sol­le, aber nie konsequent.

Also: Das Büch­lein ist nur zu emp­feh­len, und eine Fort­set­zung des Pro­jekts wäre wei­ches Was­ser auf die harte
Müh­le der Zeit.

81 Sprü­che zur Ent­här­tung unse­rer Welt, hrsg. von Man­fred Schewe. Schi­bri-Ver­lag, Milow 2019, 238 S., 22,80 .