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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wie auf Brüste starren

»Ich bin übri­gens demi«, raunt mir die Frau in der Aus­stel­lung zu. »Oh, cool«, ent­geg­ne ich. »Wie Demi Moo­re.« Sie sieht mich bestürzt an, dann ziem­lich gering­schät­zig – und geht.

Hin­ter­her erfah­re ich, dass die Frau nicht Demi, son­dern San­dra heißt. Demi, das ist ihre sexu­el­le Ori­en­tie­rung. Demisexuell.

Es ist doch immer wie­der ver­blüf­fend, dass man auch als erwach­se­ner und ver­meint­lich erfah­re­ner Mann nie aus­zu­ler­nen scheint auf dem wei­ten Feld der Sexua­li­tät. In der von ernst­haf­ten Sor­gen befrei­ten Nabel­schau erkennt der wohl­stands­ge­sät­tig­te Mensch immer neue Facet­ten sei­ner Sexua­li­tät und erfin­det Namen dafür. Das ist dop­pelt skur­ril. Zum einen schaf­fen aus­ge­rech­net die Men­schen, die behaup­ten, in kei­ne Schub­la­de zu pas­sen, neue Schub­la­den, in die sie sich frei­wil­lig stecken. Zum ande­ren benen­nen sie eben die­se Schub­la­den mit immer aus­ge­fal­le­ne­ren Bezeich­nun­gen, mit denen sie sich – als reich­te es auf ande­ren Gebie­ten nicht dafür – vom Nor­mal­bür­ger abhe­ben kön­nen. Das Gan­ze erin­nert ein wenig an die Sprach­spie­le der Dada-Künst­ler. Nur dass die neu­en Sexua­li­tä­ten nicht annä­hernd so inno­va­tiv sind wie die Gedich­te von Kurt Schwitters.

Bei­spiel Pan­se­xua­li­tät. Gemeint ist, dass erst ein­mal jeder begehrt wer­den kann. Auf dem Sin­gle­markt sind die Pan­se­xu­el­len die Alles­fres­ser. Ihre Ori­en­tie­rung ist zwar seit dem namens­ge­ben­den anti­ken Hir­ten­gott nichts Neu­es. Immer noch haben Pan­se­xu­el­le aber damit zu kämp­fen, dass ihre ver­meint­li­che Offen­heit nicht als Wahl­lo­sig­keit abge­tan wird. Zu schnell kommt der Ein­druck auf, noto­risch Unent­schlos­se­ne wür­den ihre Unver­bind­lich­keit intel­lek­tu­ell auf­hüb­schen wollen.

Beim Intel­lekt sind die Sapi­o­se­xu­el­len ganz vorn dabei. Sie füh­len sich vom Geist ihres Gegen­übers ange­zo­gen. Das ist ziem­lich lahm als Begrün­dung einer eige­nen sexu­el­len Rich­tung, denn auch die ober­fläch­lich­sten Nor­mal­sterb­li­chen müs­sen frü­her oder spä­ter mal ein Gespräch mit ihrem Part­ner füh­ren. Zumin­dest ein biss­chen Grips hat da wohl jeder gern. Den Intel­lekt als aus­schlag­ge­ben­des Kri­te­ri­um für Anzie­hung zu machen, ist genau­so ein­sei­tig, wie auf Brü­ste zu starren.

Und nun also Demi­se­xua­li­tät. Wie­der so ein Eti­kett, das nur dazu erfun­den wor­den zu sein scheint, um Ahnungs­lo­se zum Goog­len zu zwin­gen. Das Ergeb­nis ist ernüch­ternd: Demi­se­xu­el­le ord­nen sich irgend­wo zwi­schen sexu­ell aktiv und ase­xu­ell ein. Heißt im Klar­text: Sie stei­gen nicht gleich beim ersten Date mit jeman­den ins Bett. Und auch nicht beim fünf­ten. Das kann man klas­sisch kon­ser­va­tiv rüh­men oder auch als prü­de abtun.

Wohin führt das alles? Wir reden mehr als frü­her über Sexua­li­tät, ver­ste­hen uns aber immer weni­ger. Die neu­en Begrif­fe beschrei­ben alte Vor­lie­ben: Die Sexua­li­tät wird recy­celt. Mit dem neu­en Label hört sich selbst die lang­wei­lig­ste Nei­gung hipp an: Etikettenschwindel.

Ande­rer­seits – viel­leicht hält die stän­di­ge Namens­fin­dung die Dis­kus­si­on um die vie­len Spiel­ar­ten der Sexua­li­tät leben­dig und erwei­tert das Spek­trum des­sen, was für nor­mal emp­fun­den wird. Es wer­den neue Frei­räu­me auf­ge­tan, in denen jeder sei­ne eige­ne flu­ide Sexua­li­tät aus­le­ben darf. Damit ein­her gehen aber auch neue Beschrän­kun­gen: Wehe dem Pan­se­xu­el­len, der hete­ro bleibt. Wehe, ein Sapi­o­se­xu­el­ler lässt sich mit einem Real­schü­ler ein. Oder ein Demi­se­xu­el­ler über­nach­tet doch schon beim ersten Date.