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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zeitzeichen

Das ist ein guter Titel für die Aus­stel­lung der Gesell­schaft zum Schutz für Bür­ger­recht und Men­schen­wür­de (GBM) in der Ber­li­ner Laden­ga­le­rie der jun­gen Welt. Zur Eröff­nung am 18. Juni fan­den sich – trotz gro­ßer Hit­ze – etwa 80 Gäste ein. Die Male­rin Mar­ti­na Dost, die jet­zi­ge Vor­sit­zen­de des Arbeits­krei­ses Kul­tur der GBM, eröff­ne­te die Aus­stel­lung mit einer aus­ge­zeich­ne­ten Rede, die viel Bei­fall fand. Peter und Maria Michel hat­ten 36 Gemäl­de, Gra­phi­ken, Klein­pla­sti­ken, Kera­mi­ken, Foto­gra­fien und gebrauchs­gra­fi­sche Arbei­ten von Künst­lern aus­ge­wählt, die in der GBM-Gale­rie in der Ber­li­ner Weit­ling­s­tra­ße – solan­ge sie bestand – aus­ge­stellt hat­ten. Da die Mie­te für die­se Gale­rie zu hoch wur­de, muss­te sie 2016 lei­der geschlos­sen wer­den. Hier waren 17 Jah­re lang 87 Aus­stel­lun­gen vor­wie­gend mit Wer­ken von Künst­lern gezeigt wor­den, die in der DDR stu­diert und gewirkt hat­ten. Ziel war die Prä­sen­ta­ti­on von Bewah­rens­wer­tem. Ronald Paris, Gud­run Brü­ne, Hei­drun Hege­wald, Tho­mas Rich­ter, Wil­li Sit­te, Wal­ter Womacka und vie­le ande­re hat­ten dort ihre Wer­ke ausgestellt.

Im 70. Grün­dungs­jahr der DDR wird mit der Aus­stel­lung »Zeit­zei­chen« der Beweis erbracht, dass die im Arbei­ter-und-Bau­ern-Staat ent­stan­de­ne Kunst nicht min­der­wer­tig ist, wie es die Bil­der­stür­mer in den »Wech­sel­jah­ren« laut­hals pro­pa­gier­ten, und dass die Künst­ler nach wie vor Gewich­ti­ges vor­zu­brin­gen haben. In der Aus­stel­lung »60 Jah­re – 60 Wer­ke«, die anläss­lich der 60-Jahr-Fei­er des Grund­ge­set­zes im Ber­li­ner Gro­pi­us­bau statt­ge­fun­den hat­te, fehl­ten in der DDR ent­stan­de­ne Arbei­ten von Künst­lern völ­lig. Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel hat­te die Expo­si­ti­on damals eröff­net. Der Kura­tor der Schau begrün­de­te das Feh­len der »Ost­kunst« so: Kunst kön­ne nur in Frei­heit gedei­hen; in der DDR habe es kei­ne Frei­heit gege­ben, also auch kei­ne Kunst.

Eine gewal­ti­ge Unter­drückungs­wel­le hat­te in den Neun­zi­ger­jah­ren ein­ge­setzt; Kunst­wer­ke ver­schwan­den in den Depots der Muse­en, bau­ge­bun­de­ne Arbei­ten wur­den zer­stört, über­malt, »ein­ge­la­gert«, ver­un­glimpft. Dage­gen wand­te sich der Arbeits­kreis Kul­tur der GBM lan­ge Jah­re unter der Lei­tung von Horst Kolod­ziej und Peter Michel. Die auf­op­fe­rungs­vol­le Arbeit scheint dazu bei­getra­gen zu haben, dass sich in den letz­ten Jah­ren ein dif­fe­ren­zier­te­rer Umgang mit Kunst aus der DDR durch­setz­te. Muse­en in Rostock, Schwe­rin, Hal­le und andern­orts, auch klei­ne­re Gale­rien fie­len in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren mit einer offe­nen Hal­tung gegen­über der im Osten Deutsch­lands ent­stan­de­nen Kunst auf. Dort gehö­ren sol­che Expo­na­te ganz selbst­ver­ständ­lich in die stän­di­gen Aus­stel­lun­gen. Vie­le Künst­ler, die ihre Sozia­li­sie­rung in der DDR erleb­ten und nach 1989/​90 wei­ter­ar­bei­te­ten, sind sich in Hal­tung und Stil treu geblieben.

In der Werk­schau »Zeit­zei­chen« domi­niert Womack­as Ölge­mäl­de »Blaue Rose«. Im Vor­der­grund beweint eine schwarz­ge­klei­de­te Mut­ter bestia­lisch ermor­de­te Men­schen, im Hin­ter­grund bren­nen Häu­ser. Über allem steht die blaue Rose als Sinn­bild der Hoff­nung. Die­ses Bild ent­stand 1999 und pran­gert die Ver­bre­chen der NATO in Jugo­sla­wi­en an. Die blaue Rose erin­nert an die blaue Blu­me der Roman­tik; sie steht in ihrer wun­der­ba­ren Schön­heit im kras­sen Gegen­satz zu dem furcht­ba­ren Gesche­hen. Sie wur­de zum Sym­bol der GBM.

Den Besu­cher emp­fängt im Ein­gangs­be­reich Harald K. Schul­zes Bild »Loo­ser«, ent­stan­den 2015. Dar­ge­stellt wer­den zwei gewalt­be­rei­te Neo-Nazis, deren gekrümm­te Arme ein Haken­kreuz bil­den. Sie füh­ren eine Fah­ne mit runen­haf­ten Ele­men­ten mit und sind bereit, sofort bru­tal zuzu­schla­gen. Dane­ben zeigt Hei­drun Hege­wald ihre »Hom­mage à Käthe Kollwitz/​Als Nadi­ne starb« eine groß­ar­ti­ge Zeich­nung von erschüt­tern­der Ein­dring­lich­keit und wun­der­ba­rer Zart­heit. Bei­de Bil­der sind vol­ler Expres­si­vi­tät und bil­den in ihrer Aus­sa­ge einen har­ten Kontrast.

Wir sehen in der Aus­stel­lung vie­le her­vor­ra­gen­de Wer­ke: Jen­ny Wieg­mann-Muc­chis Bron­ze »Feu­er in Alge­ri­en« von 1957/​58; Achim Kühns Arbeit »Die Gedan­ken sind frei«, ein gefes­sel­tes Buch aus geschmie­de­tem und teil­ge­färb­tem Stahl aus sei­ner Rei­he »Stahl­bi­blio­thek«, ent­stan­den 2009. Zu bewun­dern sind Land­schaf­ten, Arbei­ten zur anti­ken Mytho­lo­gie, ein duf­ti­ges Blu­men­stillle­ben von Gün­ter Bren­del, ein alle­go­ri­sches Natu­re mor­te von Wolf­ram Schu­bert oder die kost­ba­re Male­rei von Hein­rich Tess­mer – man kommt ins Schwärmen.

Vie­le der Expo­na­te sind ver­käuf­lich, eini­ge fan­den schon ihre Lieb­ha­ber. In einem Gale­rie­ge­spräch am 11. Juli ging es um den aktu­el­len Umgang mit Kunst aus der DDR und um ein Wie­der­auf­le­ben der legen­dä­ren Gra­phik-Edi­tio­nen der jun­gen Welt. Auf das Schaf­fen eini­ger Künst­ler wur­de aus­führ­li­cher ein­ge­gan­gen. Es war wie­der ein inter­es­sier­tes und wiss­be­gie­ri­ges Publi­kum gekom­men, das den Wert der in der DDR ent­stan­de­nen Kunst zu wür­di­gen wuss­te und die kom­men­de Genera­ti­on davon über­zeu­gen kann, dass – nach Dosto­jew­ski – »Kunst für den Men­schen genau­so ein Bedürf­nis ist wie Essen und Trinken«.

»Zeit­zei­chen« bis 30. August, Laden­ga­le­rie der jun­gen Welt, Ber­lin, Tor­stra­ße 6 (Nähe Rosa-Luxem­burg-Platz), Montag–Donnerstag 11–18 Uhr, Frei­tag 10–14 Uhr, Ein­tritt frei. In der Som­mer­pau­se vom 15. Juli bis 4. August bleibt die Laden­ga­le­rie geschlossen.