Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lokale Kulturpolitik im Übergang

Von kom­mu­na­ler Kul­tur­po­li­tik hört man mei­stens dann, wenn eine Stadt wie­der ein Thea­ter, eine Oper oder ein Muse­um schlie­ßen will, weil sie sich ange­sichts ihrer defi­zi­tä­ren Haus­halts­la­ge dazu gezwun­gen sieht. Was dann folgt, ist bekannt. Bil­dungs­bür­ger kämp­fen mit allen Mit­teln dage­gen an, ver­su­chen Öffent­lich­keit her­zu­stel­len, oft ohne Unter­stüt­zung brei­ter Tei­le der Bevöl­ke­rung, die das alles gar nicht inter­es­siert. Und die Schicht der Bil­dungs­bür­ger, da kön­nen Sta­ti­sti­ker behaup­ten, was sie wol­len, wird schma­ler, weil die neu­en Geld­e­li­ten sich längst abge­kop­pelt haben von der Kul­tur- und Bil­dungs­eli­te, genau­so wie von der poli­ti­schen Schicht. Nicht mehr Kul­tur, egal ob bil­den­de Kunst oder Lite­ra­tur, spielt bei ihnen eine her­aus­ra­gen­de Rol­le, son­dern Sta­tus­sym­bo­le sind wich­tig. Musik? Besten­falls bei Fei­er­stun­den. Lite­ra­tur? Ein Unter­hal­tungs­ro­man im Urlaub auf den Ber­mu­das. Ein Sozio­lo­ge nann­te die­sen Pro­zess die »Ver­pro­le­ta­ri­sie­rung der Geld­e­li­ten«. Ein Begriff, dem man eini­ges abge­win­nen kann, wenn man ihn nicht als Belei­di­gung der Pro­le­ta­ri­er begreift. Die zukünf­ti­gen Kämp­fe der Bil­dungs­bür­ger um den Erhalt der Stan­dards wer­den also schwie­ri­ger, weil ihre Anzahl gerin­ger wird und ihr Ein­fluss somit schwindet.

Das alles ver­deckt aber ein ande­res Pro­blem, das viel zu wenig Beach­tung fin­det. Im Schat­ten eta­blier­ter Kul­tur gerät zuneh­mend eine ande­re unter Druck, die alter­na­ti­ve Kul­tur näm­lich, zu der im wei­te­sten Sin­ne auch die Lite­ra­tur gehört. Freie Thea­ter­grup­pen, inno­va­ti­ve Musik, Lite­ra­tur­pro­jek­te – ihre För­de­rung wird weit­ge­hend laut­los aus den öffent­li­chen Etats gestri­chen. Wenn Kom­mu­nen etwas ret­ten wol­len, dann jene Kul­tur, die nach außen hin strahlt und eine Stadt wer­be­wirk­sam auf­stellt (soge­nann­ter wei­cher Stand­ort­fak­tor). Mit dem »Schmud­del­kind« der alter­na­ti­ven Kul­tur han­delt man sich viel­leicht sogar Ärger ein, weil ihre Künst­ler mal wie­der den eta­blier­ten Geschmack belei­di­gen. War­um also die­se Leu­te bei sin­ken­den Etats auch noch fördern?

Dabei kann man bei frei­en Thea­ter­grup­pen oft die inno­va­tiv­sten Insze­nie­run­gen erle­ben, die das zukünf­ti­ge Thea­ter­le­ben berei­chern. Bei Lesun­gen tre­ten nicht im Main­stream befind­li­che Autoren auf, die inhalt­lich und for­mal etwas zu sagen haben, nach­denk­li­che Stun­den jen­seits der übli­chen Ober­fläch­lich­keit sind mög­lich. Das­sel­be gilt für jun­ge Kunst. Die alter­na­ti­ve Kul­tur­sze­ne ist das Expe­ri­men­tier­feld für die Kunst und Kul­tur der Zukunft.

Als Autor merkt man den Pro­zess schlei­chend. Ange­bo­te zu Lesun­gen oder ander­wei­ti­gen Lite­ra­tur­pro­jek­ten von Kul­tur­äm­tern kom­men seit Jah­ren immer sel­te­ner, bis man plötz­lich fest­stellt, dass vie­le Städ­te in dem Bereich gar nichts mehr anbie­ten. Leucht­tür­me eta­blier­ter Kunst blei­ben noch bestehen, aber drum her­um wird jeder Wild­wuchs weggeschnitten.

An die Stel­le der Kul­tur­äm­ter tre­ten Bür­ger­ver­ei­ne, die Autoren anru­fen und um Lesun­gen oder Tex­te für irgend­wel­che Anläs­se bit­ten. Fragt man nach Hono­ra­ren, beginnt das Her­um­druck­sen. Man macht die Arbeit doch auch ehren­amt­lich für die Bür­ger, wie kann ein Künst­ler da Geld ver­lan­gen? Macht der Kul­tur­amts­lei­ter in der Stadt, den es ja immer noch gibt und für den die­se Ver­ei­ne einen Teil sei­ner Arbeit über­neh­men, sei­ne Arbeit auch kostenlos?

Der Bür­ger­mei­ster einer klei­nen Stadt am öst­li­chen Rand des Ruhr­ge­biets erklär­te neu­lich, in der städ­ti­schen Kul­tur­sze­ne könn­ten nur noch Künst­ler mit­ar­bei­ten, die zwar pro­fes­sio­nell, aber nicht pro­fes­sio­nal sei­en. Abse­hen davon, dass es das Wort im Deut­schen gar nicht gibt, mein­te er genau das, was die Ver­ei­ne auch mei­nen. Ein Künst­ler darf für sei­ne Wer­ke kein Geld ver­lan­gen, also die Kunst nicht als Beruf aus­üben. Aber wel­che Künst­ler machen so etwas mit? Es sind die Hob­by­künst­ler, man­che dar­un­ter wirk­lich nicht schlecht und als mög­li­che Talen­te auch zu för­dern, aber durch­gän­gi­ge För­de­rung und Aus­ein­an­der­set­zung mit Kunst ergibt das nicht.

Der Umgang mit dem Pro­blem treibt die toll­sten Blü­ten. Um den Haus­halts­etat des Krei­ses Unna zu ret­ten, schlug vor ein paar Jah­ren der dama­li­ge Regie­rungs­prä­si­dent allen Ern­stes die voll­stän­di­ge Auf­lö­sung des Kul­tur­etats vor. Der beträgt aber schon unter einem Pro­zent, das Strei­chen hät­te also nichts, aber auch gar nichts an dem Pro­blem gelöst. Inzwi­schen ist der Mann abge­löst und auch ver­ges­sen. Manch­mal ist die Geschich­te doch gerecht.

Alles, was anstren­gend ist, was den Zuhö­rer her­aus­for­dert, hat es schwer und wird weit­ge­hend abge­schafft. Pri­va­te Spon­so­ren, die immer öfter in die Bre­sche sprin­gen, wo öffent­li­che För­de­rung fehlt, glei­chen da nichts aus, denn wenn ein Unter­neh­men Geld für Kunst aus­gibt, muss die Sache Erfolg haben. Also ori­en­tiert es sich an der eta­blier­ten Kunst und mei­det jedes Risiko.

Genau­so han­deln auch vie­le Städ­te. War­um Kunst für Min­der­hei­ten, noch dazu sol­che, die pro­vo­ziert? Dann doch eher eine Büh­ne auf dem Markt­platz, flan­kiert von ein paar Bier­stän­den, auf denen Cover­bands Oldies sin­gen. Man kann die Ver­an­stal­tun­gen wahl­wei­se Früh­lings-, Som­mer- oder Alt­stadt­fe­ste nen­nen. Und die Leu­te sind zufrie­den. Soll da noch jemand kom­men und meckern!

Eine Sze­ne droht zu ver­schwin­den und mit ihr vie­le über­ra­schen­de Ideen und Gedan­ken. Gedan­ken, die nicht unbe­dingt Pro­fi­te brin­gen oder Fir­men anlocken und damit Arbeits­plät­ze schaf­fen, son­dern ein­fach nur unser Leben berei­chern. Die unse­re Sicht­wei­se auf die Welt ver­än­dern und Anstö­ße geben, sogar wel­che, die schmerz­haft sein kön­nen. Ist das etwa nichts?

Selbst­ver­ständ­lich wäre es falsch, die Schuld dafür den Städ­ten zuzu­schie­ben. Wer all das will, muss sie in den Stand set­zen, dass sie ihre Auf­ga­ben erfül­len kön­nen, im Sozia­len genau­so wie im Kul­tu­rel­len. Die Geld­e­li­ten haben sich längst aus ihrer sozia­len Ver­ant­wor­tung ver­ab­schie­det und drücken sich vor dem Steu­er­zah­len, wo sie nur kön­nen. Hier ist Bun­des-, bes­ser noch Euro­pa­po­li­tik gefragt. Poli­tik ins­ge­samt wird erfahr­bar im direk­ten Umfeld. Wenn Kom­mu­nen kein Geld mehr haben, kön­nen sie nichts poli­tisch gestal­ten, fällt also poli­tisch erfahr­ba­res Leben weg. Mit der Kunst ist es genau­so. Wenn sie im direk­ten Umfeld nicht mehr erfahr­bar ist, schwin­det das Inter­es­se an ihr, droht Ver­fla­chung und Ödnis. Und die, das ist ganz sicher, wird sich irgend­wann öko­no­misch nie­der­schla­gen. Mit Ver­blö­dung kann man kei­nen Staat entwickeln!

 

Der Schrift­stel­ler und ehe­ma­li­ge Leh­rer Hein­rich Peuck­mann, der am 15. Juli sei­nen 70. Geburts­tag fei­ert, ist seit Mai 2019 Gene­ral­se­kre­tär des deut­schen PEN-Zen­trums. Die Redak­ti­on Ossietzky gra­tu­liert doppelt.