Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mord an jenen, »die uns die Suppe einbrockten«

Wir erfah­ren gegen­wär­tig aus Regie­rungs­quel­len, dass mit dem Mord an dem hohen Beam­ten Wal­ter Lübcke in Kas­sel drei bis­her unbe­kann­te Phä­no­me­ne die beson­de­re Gefahr kenn­zeich­nen, die neu­er­dings von Nazis aus­ge­he. Par­don: von Rechts­ex­tre­men. Nazis gibt es nicht, und die Links­ex­tre­men müs­sen auch immer als Gefahr gese­hen wer­den … Die drei Phä­no­me­ne: Schlä­fer als Mör­der, Poli­ti­ker als Opfer und Hass­re­den als Motiv.

Da sind also über­ra­schend »Schlä­fer« aufgetaucht.

Über­ra­schend? »Geh zur Bun­des­wehr« hieß es in einem Auf­ruf der NPD-Jugend­zeit­schrift Umbruch aus dem Jahr 1995. Jun­ge »Kame­ra­den und Kame­ra­din­nen« in der Berufs­wahl soll­ten »eine Aus­bil­dung bei Bun­des­wehr und Poli­zei in Erwä­gung zie­hen, mit dem Ziel, sich in beson­ders qua­li­fi­zier­ten Spe­zi­al­ein­hei­ten das nöti­ge Wis­sen und Kön­nen anzu­eig­nen«. Der Initia­tor des Auf­rufs ist Stef­fen Hup­ka, ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter des ver­stor­be­nen Neo­na­zi­füh­rers und Leut­nants a. D. Micha­el Küh­nen. Hup­ka: »Wider­stand, der auf die Besei­ti­gung eines volks­feind­li­chen Systems zielt, muß pro­fes­sio­nell geplant sein.« Der Auf­ruf war erfolg­reich. Zahl­rei­che Nazisch­lä­ger und Gewalt­tä­ter gehör­ten der Bun­des­wehr an oder sind noch Mit­glie­der des Reser­vi­sten­ver­ban­des. In Medi­en­be­rich­ten über Gewalt­ta­ten wird die Bun­des­wehr grund­sätz­lich nicht erwähnt, obwohl sich dort aber Schlä­fer fin­den. Schlä­fer, die etwa beim Bil­dungs­werk des Deut­schen Bun­des­wehr­ver­ban­des mit Namen »Karl Theo­dor Moli­na­ri« eine Wei­ter­bil­dung mach­ten oder machen. Moli­na­ri war Wehr­machts­of­fi­zier, Bun­des­wehr­ge­ne­ral und in Frank­reich ver­ur­teil­ter Kriegsverbrecher.

Zwei­tens heißt es: Nun­mehr gebe es auch den Mord an Poli­ti­kern – wie zuletzt in den zwan­zi­ger Jah­ren. Das habe man nicht vor­her­se­hen kön­nen. Also auch über­ra­schend? Poli­ti­ker ste­hen seit über 25 Jah­ren auf der Todes­li­ste »Ein­blick«. Das Muster, das dort vor­ge­schla­gen wird, fin­det sich nun im Fall Lübcke wie­der, spiel­te aber bereits 2015 beim Anschlag auf Hen­ri­et­te Reker eine Rolle.

Die Neo­na­zis drän­gen schon seit 1992 auf immer neue Maß­nah­men gegen den »Eth­no­zid an den Deut­schen«. Und so wol­len sie die­se Maß­nah­men durch­set­zen: »Der eigent­li­che Geg­ner ist nicht der Asy­lant, der Zigeu­ner, der Wirt­schafts- oder Kriegs­flücht­ling. Wir müs­sen uns an die hal­ten, die uns die Sup­pe ein­ge­brockt haben.« So heißt es in »Ein­blick«, wo detail­liert auf­ge­führt wird: »Und das sind 1. der deut­sche Gesetz­ge­ber, die deut­sche Regie­rung und alle nach­ge­ord­ne­ten deut­schen Behör­den, 2. die deut­schen Par­tei­po­li­ti­ker von CDUCSUSPDFDPPDSGRÜNEN, 3. deut­sche Juri­sten, 4. deut­sche Kir­chen­ver­tre­ter, 5. deut­sche Gewerk­schafts­funk­tio­nä­re, 6. deut­sche Unter­neh­mer, die ›bil­li­ge Aus­län­der‹ beschäf­ti­gen, 7. deut­sche Medi­en­ver­tre­ter, 8. deut­sche Leh­rer aller Schul­stu­fen und Pro­fes­so­ren, 9. deut­sche Schrift­stel­ler und ande­re Kunst­schaf­fen­de, 10. Funk­tio­nä­re deut­scher Sport­ver­ei­ne und -ver­bän­de, 11. ver­schie­de­ne Bür­ger­initia­ti­ven, gesell­schaft­li­che Grup­pie­run­gen, Ver­ei­ne und Ver­bän­de, 12 mehr oder weni­ger bekann­te und ein­fluss­rei­che deut­sche Ein­zel­per­sön­lich­kei­ten.« Sie alle sei­en »Inlän­der­fein­de«.

Sie sol­len mit poli­ti­schen Mit­teln und mit Gewalt aus­ge­schal­tet wer­den: »Alle die­se Leu­te müs­sen wis­sen, dass sie die Ziel­schei­be künf­ti­ger grund­stür­zen­der Ver­än­de­run­gen sein wer­den und dass sie unter Umstän­den ein gewis­ses Risi­ko ein­ge­hen, wenn sie ihre Akti­vi­tä­ten fort­set­zen.« So hieß es im zen­tra­len neo­fa­schi­sti­schen Maga­zin Nati­on Euro­pa11/12-1992. Und dann ein Jahr spä­ter in der Todes­li­ste »Ein­blick«. Waren die War­nun­gen vor dem Kon­zept der Nati­on Euro­pa noch als Spin­ne­rei abge­tan wor­den, so gab der »Ein­blick« einen Ein­druck, wie ernst sol­che Kon­zep­te gemeint sind: »Jeder von uns muß selbst wis­sen, wie er mit den ihm hier zugäng­lich gemach­ten Daten umgeht. Wir hof­fen nur, ihr geht damit um!« Das Ein­blick-Kon­zept gei­stert seit vie­len Jah­ren durch die Nazi-Medi­en. Der NSU hielt sich vor allem an Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, hat­te aber im Jahr 2007 mit der Poli­zi­stin Miche­le Kie­se­wet­ter auch schon jene Beam­ten im Blick, die »uns das ein­ge­brockt« haben. Und nun rücken die füh­ren­den Leu­te ins Visier. Gegen Frau Mer­kel sol­len Gal­gen hel­fen, die schon mal als Model­le von Pegi­da durch die Stra­ßen getra­gen werden.

Bemer­kens­wert ist drit­tens tat­säch­lich, dass wenig Genau­es über die Moti­ve der Täter gesagt wird. Sie sei­en voll Hass und aus ihren Wor­ten wür­den Taten, so heißt es unbe­stimmt. Sie lehn­ten Tole­ranz ab. Na und? Tole­ranz gegen­über Into­le­ran­ten? Nein, sagen ver­nünf­ti­ger­wei­se vie­le Leute.

Was ist der Antrieb für rech­ten Hass und die ent­spre­chen­den Hand­lun­gen? Deutsch­land wer­de an die Frem­den ver­kauft, sagen nicht nur die ganz Rech­ten. Man müs­se den Holo­caust an den Deut­schen ver­hin­dern. Der Gedan­ke vom »Volks­tausch« gei­stert durch rech­te Medi­en. Dage­gen sei Wider­stand erlaubt, sogar der Wider­stands­ar­ti­kel 20 des Grund­ge­set­zes wird bemüht. Und somit wür­den »die Schul­di­gen« bestraft. Die Vor­be­rei­tung sol­cher Ver­bre­chen geht nicht nur auf das Kon­to der rech­te­sten Krei­se, son­dern auch auf das der ganz bür­ger­li­chen Het­zer aus der Mit­te. Thi­lo Sarazzin ist noch immer in der SPD.

»Das deut­sche Volk hat ein Natur­recht auf Erhal­tung sei­ner Iden­ti­tät und Eigen­art«, wes­halb eine »eth­ni­sche Kata­stro­phe« durch »Über­frem­dung« abzu­wen­den sei. Das steht im »Hei­del­ber­ger Mani­fest« deut­scher Pro­fes­so­ren vom Juni 1981, der Kampf­schrift, mit der de fac­to der Krieg gegen den wach­sen­den »asia­ti­schen Anteil« an der Bevöl­ke­rung erklärt wur­de. »Deutsch­land schafft sich ab« von Thi­lo Sar­ra­zin ist drei­ßig Jah­re spä­ter ein wei­te­rer Höhe­punkt der­ar­ti­ger Publi­ka­tio­nen. Stets wer­den sie vom Bei­fall der äußer­sten Rech­ten empfangen.

»Schäub­le: Euro­pä­er sol­len Abwehr des Aus­län­der­zu­stroms gemein­sam regeln«, titel­te die West­fä­li­sche Rund­schau am 3. August 1991. Das »Aus­län­der­pro­blem« wur­de zum Kriegs­grund, zur Begrün­dung mili­tä­ri­scher Ein­sät­ze. Wo die Füh­run­gen von SPD und Grü­nen Ausch­witz bemüh­ten, das künf­tig durch Krie­ge zu ver­hin­dern sei, haben sich die CDU und CSU gern mehr an völ­ki­sche Begrün­dun­gen gehal­ten, irgend­wie ehr­li­cher. Da berich­te­te die All­gäu­er Zei­tung vom 15. Mai 1998 über den Wahl­kampf­auf­tritt von CDU-Mini­ster Vol­ker Rühe vor Bun­des­wehr­an­ge­hö­ri­gen in Markt­ober­dorf: »Wenn wir im Koso­vo nicht rich­tig reagie­ren, haben wir noch mehr Flücht­lin­ge im Land.« Das war die Ankün­di­gung eines Angriffs­krie­ges zur Abwen­dung von »Flücht­lings­strö­men«. Mit Bun­des­wehr­pu­bli­ka­tio­nen wur­de die Trup­pe auf den Krieg gegen den Zustrom von Aus­län­dern ein­ge­stellt. Dar­in wur­den schon in den neun­zi­ger Jah­ren die Aus­län­der als Bedro­hung und ihr »Zustrom« als Anlass für »mili­tä­ri­sche Ein­sät­ze« zur »Daseins­vor­sor­ge« dar­ge­stellt. Mit einer mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft dro­he ein Anspruch der Aus­län­der auf glei­che sozia­le und poli­ti­sche Rech­te und somit eine »poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Desta­bi­li­sie­rung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land« (Infor­ma­ti­on für die Trup­peIfdT 9/​92). »Schutz vor unkon­trol­lier­ten Zuwan­de­run­gen und vor Über­frem­dung« als einer »neu­en Bedro­hung« wur­de in IfdT 5/​97 als mili­tä­ri­sche Auf­ga­be genannt. Schon in der Vor­la­ge des Bun­des­mi­ni­sters für Ver­tei­di­gung vom 20. Janu­ar 1992 zur »Neu­ge­stal­tung der Bun­des­wehr« – erster Ent­wurf der Ver­tei­di­gungs­po­li­ti­schen Richt­li­ni­en – wur­den mili­tä­ri­sche Maß­nah­men gegen den »Zuwan­de­rungs­druck« vorgesehen.

Der im Mord­fall Lübcke inhaf­tier­te Ste­phan Ernst, hat offen­bar den nor­we­gi­schen Mas­sen­mör­der Anders Brei­vik gele­sen. Und der zitier­te den Blog von »Fjor­d­man«: »Der Islam und alle, die ihn prak­ti­zie­ren, müs­sen total und phy­sisch aus der gesam­ten west­li­chen Welt ent­fernt wer­den.« Für Brei­vik sind der Zustrom von Mus­li­men und der Ein­fluss von Mar­xi­sten und Isla­mi­sten die Haupt­ge­fah­ren für Euro­pa, und gegen sie sei der Krieg zu füh­ren. Min­de­stens 76 Tote waren in die­sem Krieg am 22. Juli 2011 in Oslo und Utøya zu bekla­gen, nahe­zu 169 Tote hat die­ser Krieg der Neo­na­zis in Deutsch­land bis­her gefor­dert. Unge­zählt die Toten im Krieg gegen den »isla­mi­sti­schen Ter­ror«, dar­un­ter die min­de­stens 140 Todes­op­fer des Ober­sten Georg Klein vom Sep­tem­ber 2009 am Kun­dus­fluss. Es sol­len »isla­mi­sti­sche Anfüh­rer«, so Klein, unter ihnen gewe­sen sein, wes­halb all die anwe­sen­den Kin­der, Frau­en und Grei­se gleich mit ermor­det wurden.

Nein, die Phä­no­me­ne sind so neu nicht, die sicht­bar wurden.

Wer­den Leh­ren dar­aus gezo­gen? Der Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2018 von NRW wur­de von Bild mit der Über­schrift ver­se­hen: »Mehr lin­ke Gewalt«.