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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zu viele Mutmaßungen

Die »Wort­ver­laufs­kur­ve« des DWDS (Digi­ta­les Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che) für den Gebrauch des Wor­tes »mut­maß­lich«, die mit dem Jahr 1946 ein­setzt, düm­pelt von da an bis in die 1980er Jah­re vor sich hin, steigt dann aber bis in die 2010er-Jah­re (mit klei­nen Aus­nah­men) steil nach oben. Gegen­wär­tig ist der Gebrauch ein wenig zurück­ge­gan­gen, hält sich aber auf dem Niveau der »Nuller«-Jahre.

Der ins­ge­samt rasan­te Anstieg in den ver­gan­ge­nen vier Jahr­zehn­ten hat die­ses Wort aus unter­schied­li­chen Grün­den ins Gere­de gebracht: Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Mat­thi­as Zim­mer (FAZ vom 10.8.2011) beklagt den »mitt­ler­wei­le inflationäre[n] Gebrauch«. Der Jour­na­list Kai Barg­mann gesteht, ihm sei »die­ses Wort schon län­ger ein Dorn im Auge«.

Womit aber hat die­ses Wort sol­che Ableh­nung ver­dient? Denn es hat doch, was sei­nen Gebrauch betrifft, einen respek­ta­blen Hin­ter­grund: Zum einen soll es der geho­be­nen Sti­le­be­ne ange­hö­ren (Goog­le-Wör­ter­buch), vor allem aber die Unschulds­ver­mu­tung, eine der Säu­len des Rechts­staats, schüt­zen. Die­se schirmt den – mut­maß­li­chen – Täter gegen vor­schnel­le Ver­ur­tei­lung ab. Die Tat selbst ist nicht vor ihrer Benen­nung geschützt. Weil aber zwi­schen bei­dem nicht immer unter­schie­den wird, kommt es zu lächer­li­chen For­mu­lie­run­gen: Da wer­den ille­ga­le Auto­rennen inner­halb geschlos­se­ner Ort­schaf­ten zu »mut­maß­lich ille­ga­len Auto­rennen« (BR 24, 18.6.21). Ein Atten­tat gegen einen liba­ne­si­schen Regie­rungs­chef wird zu einem »mut­maß­li­chen Atten­tat«, und ein Mes­ser­an­griff zu einem »mut­maß­li­chen Mes­ser­an­griff« (MDR, 28.6.21). Die bedau­er­li­che Fol­ge: Da auch Offen­kun­di­ges Mut­ma­ßun­gen unter­wor­fen wird, kön­nen, umge­kehrt, Mut­ma­ßun­gen an Offen­kun­di­ges geknüpft wer­den und es somit in Fra­ge stellen.

Die Bri­sanz ent­steht nicht zuletzt dadurch, dass die betref­fen­den Anga­ben Poli­zei­be­rich­te zur Grund­la­ge haben: Alfred Sah­len­der weist dar­auf hin: »Meist müs­sen sich Redak­tio­nen auf Infor­ma­tio­nen von Poli­zei oder Staats­an­walt­schaft stüt­zen« (Die Main-Post, 4.8.2010). Franz-Josef Hanke setzt den Gedan­ken fort: »Vor allem in Poli­zei­be­rich­ten sind sol­che unfrei­wil­li­gen Bedeu­tungs­ver­schie­bun­gen durch feh­ler­haf­te Anwen­dung von Wör­tern wie ›ver­mut­lich‹ und ›ver­meint­lich‹ oder ›mut­maß­lich‹ nicht gera­de selten.«

Die pau­scha­le Benut­zung des Wor­tes »mut­maß­lich« ver­är­gert Medi­en­kon­su­men­ten. So äußert sich ein empör­ter Leser fol­gen­der­ma­ßen: »Da löscht ein offen­bar gestör­ter Ver­bre­cher vie­le Men­schen­le­ben aus, wird noch am Tat­ort fest­ge­nom­men, ist nach­weis­lich der Schul­di­ge und gilt den­noch als der mut­maß­li­che Täter« (https://www.merkur.de/lokales/leserbriefe/leserbriefe/mutmasslich-2431554.html, vom 25.7.2012: Zugriff: 5.7.21)

Bei­spie­le lie­ßen sich zuhauf fin­den. So heißt es in der jW (6./7.4.2019): »Der mut­maß­li­che Atten­tä­ter von Christ­church soll psych­ia­trisch unter­sucht wer­den.« Der Mann, der eine Frau und ihren 8jährigen Sohn in Frank­furt auf einem Bahn­steig, auf dem vie­le Men­schen war­ten, vor einen ein­fah­ren­den Zug stößt, wird auf NDR info (29.7.2019) als »mut­maß­li­cher« Täter bezeich­net; weni­ge Tage spä­ter wird die offen­kun­di­ge Tat sprach­lich indi­rekt sogar dem Zwei­fel aus­ge­setzt: »an dem Ort, an dem er den Jun­gen vor einen Zug gesto­ßen haben soll« (NDR info, 31.7.2019).

Der bereits zitier­te Mat­thi­as Zim­mer beschreibt die para­do­xe Fol­ge die­ses Sprach­ge­brauchs fol­gen­der­ma­ßen: »Die Mut­ma­ßung ist der Rich­ter­spruch des com­mon sen­se. Der mut­maß­li­che Dieb ist durch die Mut­ma­ßung schon mehr als ein Ver­däch­ti­ger. Er steht im War­te­zim­mer rich­ter­li­chen Nach­voll­zugs einer schon all­seits akzep­tier­ten Vorverurteilung.«

Noch bri­san­ter wird die­se Fol­ge, wenn sie über die Wie­der­ga­be von Poli­zei­be­rich­ten auf der Lokal­sei­te hin­aus­geht und poli­ti­sche Urtei­le legi­ti­miert: So tappt der eben zitier­te M. Zim­mer selbst in die von ihm beschrie­be­ne Fal­le: »Auch die noch leben­den Mas­sen­mör­der aus der Kon­kurs­mas­se des ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en erschei­nen uns [!] schul­dig, auch wenn sie das Kriegs­ver­bre­cher­tri­bu­nal in Den Haag bis­lang noch nicht ver­ur­teilt hat. Der ›mut­maß­li­che Kriegs­ver­bre­cher‹ geht uns hier dann doch schwer von den Lip­pen.« Hier zeigt sich, dass die Unschulds­ver­mu­tung im tag­täg­li­chen poli­ti­schen Mei­nungs­kampf kei­ne Chan­ce hat. Hier­für ein belie­bi­ges, zugleich aber typi­sches Bei­spiel: »Nach Attacke auf Solar­Winds: Micro­soft mel­det erneu­ten Cyber­an­griff mut­maß­lich rus­si­scher Hacker« (SPIEGEL Netz­welt: 28.05.2021) Unnö­tig zu erwäh­nen, dass die Hacker nicht als rus­si­sche Bür­ger, son­dern als Agen­ten der rus­si­schen Regie­rung gemeint sind. Das »Syri­en-Nar­ra­tiv«, das Nor­man Paech (Ossietzky 12/​21) beschreibt, dürf­te sich als Fund­gru­be für den pro­pa­gan­di­sti­schen Gebrauch des miss­bräuch­lich ver­wen­de­ten Wor­tes »mut­maß­lich« erwei­sen. Hier­für nur ein Bei­spiel (wer mehr davon haben möch­te, braucht nur »mut­maß­lich syri­en gift­gas« ein­zu­ge­ben): »Noch immer ver­sucht Russ­land, den mut­maß­li­chen Ein­satz von Chlor­gas im syri­schen Duma als pure Insze­nie­rung abzu­tun« (tages­schauhin­ter­grund, 9.4.2020).

Ich wür­de gern vor jedes »mut­maß­lich« ein »Vorsicht!«-Schild auf­stel­len: Denn leicht kann die ehren­wer­te Unschulds­ver­mu­tung zur Schutz­wand für Pro­pa­gan­da werden.