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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Zu wandeln die Zeiten«

In sei­nem gleich­na­mi­gen auto­bio­gra­fi­schen Buch ist sich Mar­kus Meckel bei der Ana­ly­se sei­ner Rol­le als Mit­be­grün­der der Ost-SPD und als ein poli­ti­scher Akteur der deut­schen Ver­ei­ni­gung treu geblie­ben. Wie er sich hier prä­sen­tiert, habe ich ihn schon Anfang der 1990er Jah­re, zusam­men mit Patrick von zur Müh­len, erlebt, als wir ihn für unse­rer Buch »Auf den Anfang kommt es an. Sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Neu­be­ginn in der DDR 1989« inter­view­ten und mit ihm dis­ku­tier­ten. Dort ent­geg­ne­te ich ihm u. a.: »Was mich wirk­lich maß­los stört (…), dass Sie sich dar­stel­len als Sub­jekt von Geschich­te, die Sie in Wirk­lich­keit gar nicht waren. Als gäbe es von der Grund­la­ge Ihrer pro­gram­ma­ti­schen Aus­sa­gen von 1989 zur jet­zi­gen Ent­wick­lung eine unge­bro­che­ne Kon­ti­nui­tät. Das ist mei­ner Ansicht nach eine Ver­lo­gen­heit, eine Unred­lich­keit oder doch eine Ver­drän­gung von gigan­ti­schem Aus­maß. Sie woll­ten nicht die Anglie­de­rung an die Bun­des­re­pu­blik: Sie ist gekom­men! Sie woll­ten einen nicht-kapi­ta­li­sti­schen Weg: Ein kapi­ta­li­sti­scher Weg ist gekom­men! Sie woll­ten mehr sozia­le Gerech­tig­keit: Wir haben jetzt in Ost­deutsch­land eine viel grö­ße­re sozia­le Unge­rech­tig­keit als je zuvor.«

Bei allen Ver­dien­sten, um die sich Meckel in die­sen, von ihm selbst geschil­der­ten, höchst wider­sprüch­li­chen Pro­zes­sen bemüht hat, auch in sei­ner Rol­le als tem­po­rä­rer SPD-Außen­mi­ni­ster in der Koali­ti­ons­re­gie­rung unter de Mai­zié­re, so ist sei­ne histo­ri­sche Ana­ly­se den­noch vol­ler Selbst­täu­schun­gen, weil er zwi­schen sei­nen eige­nen, dama­li­gen poli­ti­schen Inten­tio­nen und den ent­täu­schen­den Resul­ta­ten nicht wirk­lich unge­schminkt bilan­zie­ren kann.

Sicher­lich, nicht nur er hat sich für die Fest­schrei­bung der pol­ni­schen West­gren­ze, für die Ein­wan­de­rung sowje­ti­scher Juden und für den Erhalt der Boden­re­form im Ver­ei­ni­gungs­pro­zess Ver­dien­ste erwor­ben, aber er ist dabei zugleich einer viel­fa­chen Selbst­be­lü­gung auf­ge­ses­sen, um sei­ner »Hel­den­ge­schich­te« eine Kon­ti­nui­tät und histo­ri­sche Wirk­sam­keit zuzu­schrei­ben, die dem wirk­li­chen Geschichts­ver­lauf in kei­ner Wei­se gerecht wird. Soll­te die Grün­dung einer neu­en sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei den unde­mo­kra­ti­schen Füh­rungs­an­spruch der SED-Spit­ze infra­ge stel­len, ging dies bis heu­te mit der erneu­ten Spal­tung im lin­ken Par­tei­en­spek­trum ein­her, das sei­ne gemein­sa­me poli­ti­sche Gestal­tungs­kraft eher schwäch­te als stärk­te, wie sowohl der dra­ma­tisch schwin­den­de Wäh­ler­zu­spruch von kon­kur­rie­ren­der SPD und Links­par­tei beweist als auch der Auf­stieg der rechts­ra­di­ka­len AfD. War eine euro­päi­sche Frie­dens­ord­nung gewollt, haben wir eine radi­ka­le Aus­wei­tung der Auf­rü­stung und der Nato nach ganz Ost­eu­ro­pa erlebt sowie vie­le Krie­ge, an denen der Westen, welt­weit, füh­rend betei­ligt war und die zugleich, opfer­reich für alle Sei­ten, geschei­tert sind – wäh­rend der »Kal­te Krieg« gegen Russ­land und Chi­na fort­ge­setzt wird. Von einer Bewah­rung der Schöp­fung sind wir Licht­jah­re ent­fernt, auch ange­sichts der jüng­sten Pan­de­mie. Statt einer tie­fe­ren Auf­ar­bei­tung der NS-Geschich­te erle­ben wir einen Natio­na­lis­mus und Ras­sis­mus in Deutsch­land wie nie zuvor.

Meckel ist auch als füh­ren­der Mann der staats­nah finan­zier­ten »Stif­tung zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur«, wie vie­le ande­re auch, der gefähr­li­chen Selbst­täu­schung erle­gen, dass die DDR nur ein »Unrechts­staat«, eine »2. deut­sche Dik­ta­tur« war, die immer wie­der mit der NS-Dik­ta­tur qua­si ein­ge­eb­net wur­de. Inner­halb der DDR-Kir­chen gab es aber, trotz Sta­si-Beob­ach­tung, ein höchst pri­vi­le­gier­tes Leben, wie Meckel auch zugibt. Und es konn­te sich in einer inne­ren sowie in einer Ost-West-Ver­net­zung eine Oppo­si­ti­ons­be­we­gung ent­wickeln, wie sie nie in der NS-Dik­ta­tur mög­lich gewe­sen wäre; auch dadurch konn­te das offen­bar reform­un­fä­hi­ge staats­so­zia­li­sti­sche System von Innen mit auf­ge­sprengt wer­den. Er wird zugleich über­gan­gen, dass es die­se, wenn auch sehr spä­ten Reform­be­mü­hun­gen gleich­falls inner­halb in der SED gege­ben hat und nicht nur in der KPDSU unter Gorbatschow.

Meckel ist durch die Gesin­nung sei­nes Vaters, der im 2. Welt­krieg Offi­zier der deut­schen Wehr­macht war, in star­kem Maße geprägt wor­den. Eine wirk­lich gründ­li­che Auf­ar­bei­tung der NS-Zeit durch sei­nen Vater ist bei ihm Zuhau­se nie wirk­lich erfolgt. Jeden­falls hat sein Vater kaum dar­über mit ihm gespro­chen, wie Meckel selbst zugibt. Auch die Rol­le sei­ner Mut­ter, die vier Kin­der fasst im Allein­gang in die­ser Pfar­rers­fa­mi­lie erzo­gen hat, kommt so gut wie nicht bei ihm vor. Meckel ist also eher als Anti­kom­mu­nist, in gewis­ser Kon­ti­nui­tät zur NS-Zeit, sozia­li­siert wor­den – Sym­pa­thie sei­nes Vaters mit der Beken­nen­den Kir­che her oder hin. Des­sen ist sich Meckel nie wirk­lich bewusst gewor­den. Des­halb konn­te er auch bis heu­te nicht ver­ste­hen, war­um sozia­li­sti­sche Revo­lu­tio­nen legi­ti­me welt­hi­sto­ri­sche Ver­su­che waren, um die uni­ver­sel­len sozia­len Spal­tun­gen und die elen­de Rück­stän­dig­keit zu überwinden.

Dele­gi­ti­mie­rung durch End­dif­fe­ren­zie­rung, aber auch End­dif­fe­ren­zie­rung für die eige­ne Legi­ti­mie­rung ist Meckels histo­ri­sches Strick­mu­ster – dar­in ist er vie­len »Auf­ar­bei­tern« ähn­lich. Das alles erin­nert mich des­halb an das ambi­va­len­te Erbe des Refor­ma­tors Mar­tin Luthers, der zwar die Ana­chro­nis­men der Katho­li­schen Kir­che im Pro­te­stan­tis­mus zu über­win­den ver­such­te, aber zugleich mit dem vor­herr­schen­den Adel, die berech­tig­ten Bau­ern­auf­stän­de nie­der­zu­rin­gen half und auch die auf­stre­ben­de, früh­bür­ger­li­che Eman­zi­pa­ti­on, in Form der Juden, bekämpf­te. Er kann des­halb auch nicht ver­ste­hen, war­um die sozia­li­sti­schen. Revo­lu­tio­nen eine Früh­form der Über­win­dung kapi­ta­li­sti­scher Gesell­schafts­ord­nung und ihrer zutiefst unge­rech­ten sozia­len Spal­tung dar­stell­ten und es letzt­lich einer Syn­the­se der eman­zi­pa­to­ri­schen Momen­te des Reform­so­zia­lis­mus und des Reform­ka­pi­ta­lis­mus in Zukunft bedarf. Inso­fern offen­bart sich sein histo­ri­sches Geschichts­ver­ständ­nis in die­sem Buch eher als begrenzt und reak­tio­när, statt als zukunftsweisend.

Mar­kus Meckel: Zu wan­deln die Zei­ten. Erin­ne­run­gen, Leip­zig 2020, 512 S. 29,80 .