Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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8. Mai 1945

Auch in ein­hun­dert Jah­ren wird die dann in poli­ti­scher Ver­ant­wor­tung ste­hen­de Genera­ti­on an die­sem Datum nicht vor­bei­ge­hen kön­nen. An die­sem Tag ende­te das schlimm­ste Ver­bre­chen, das von Deut­schen jemals dem eige­nen Volk und ande­ren Völ­kern ange­tan wor­den ist: 50 Mil­lio­nen Tote und gewal­ti­ge Ver­wü­stun­gen der Lebens­be­din­gun­gen von Men­schen waren das Ergeb­nis des vom Hit­ler­fa­schis­mus ver­ur­sach­ten 2. Weltkrieges.

Die­ser 8. Mai 1945 hat in Euro­pa – wie auch in Asi­en nach dem Sieg über den fana­ti­schen japa­ni­schen Mili­ta­ris­mus – trotz aller von sei­nen befrei­ten Völ­kern ertra­ge­nen Tra­gö­di­en mehr­heit­lich Opti­mis­mus aus­ge­strahlt. Krie­ge schie­nen ver­meid­bar, weil die zwei damals macht­gie­rig­sten Erobe­rer besiegt waren. Wor­auf grün­de­te sich der Optimismus?

Nach dem Über­fall der Nazi­wehr­macht auf die Sowjet­uni­on 1941 hat­ten mit der UdSSR wenig brü­der­lich ver­bun­de­ne Staa­ten nach anfäng­li­chem Zögern doch zu einer Anti­hit­ler­ko­ali­ti­on zusam­men­ge­fun­den. Der Aggres­sor wur­de schließ­lich von der Sowjet­ar­mee in sei­ne Hoch­burg zurück­ge­trie­ben und zur Kapi­tu­la­ti­on gezwun­gen. Der Sieg der Alli­ier­ten lehr­te, wenn die Völ­ker unab­hän­gig von ihrer sozi­al­po­li­ti­schen Ord­nung ihre Kräf­te bün­deln, kön­nen Krie­ge aus Macht- und Pro­fit­gier ver­hin­dert wer­den. Der Grün­dung der Orga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen – UNO – ging die Anti­hit­ler­ko­ali­ti­on vor­aus. Die UNO ist die ins Völ­ker­recht geho­be­ne Poli­tik der fried­li­chen Koexi­stenz – sie soll­te es sein!

Von den mit dem 8. Mai 1945 ver­knüpf­ten Hoff­nun­gen der Völ­ker auf Frie­den ist nicht viel geblie­ben. Im Gegen­teil: Heu­te sind es die impe­ria­li­sti­sche Groß­macht USA und ihre Ver­bün­de­ten in der Nato, der größ­ten Mili­tär­macht der Welt­ge­schich­te – Deutsch­land füh­rend mit­ten­drin –, die gemein­schaft­lich oder mit ver­teil­ten Rol­len all jene Staa­ten mit Krieg über­zie­hen, die eige­ne sozi­al­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen anstre­ben und US-ame­ri­ka­ni­sche Vor­mund­schaft ableh­nen. Die Mehr­zahl die­ser ab 2000/​2001 über­fal­le­nen Staa­ten in Afri­ka, Ara­bi­en, Asi­en und Latein­ame­ri­ka haben noch abschrecken­de Erin­ne­run­gen an ihre im anti­im­pe­ria­li­sti­schen Auf­wind von 1945 gestürz­ten Kolo­ni­al­her­ren durch erstark­te natio­na­le Befrei­ungs­be­we­gun­gen. Von ihnen ist kaum noch die Rede – ein Man­gel in der Geschichts­ge­rech­tig­keit gegen­über anti­im­pe­ria­li­sti­schen Bewegungen.

War­um aber schlu­gen die guten Vor­sät­ze beim rela­tiv aus­ge­gli­che­nen Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen den Sie­ger­mäch­ten in einen Kal­ten Krieg um? Danach wer­den auch spä­te­re Genera­tio­nen fra­gen. Zum Bei­spiel: War­um wer­den gesell­schafts­po­li­ti­sche Alter­na­ti­ven zum deut­schen Impe­ria­lis­mus von Histo­ri­kern und Poli­tik­wis­sen­schaft­lern nach 1990 kaum noch dis­ku­tiert. Wur­de nach dem 8. Mai 1945 in Deutsch­land etwas ver­passt oder verspielt?

Das Pots­da­mer Abkom­men der Sie­ger­mäch­te – es war Völ­ker­recht im Kon­text der UN-Char­ta – hat­te bestimmt, das ein­heit­li­che unge­teil­te Nach­kriegs­deutsch­land soll­te von anti­fa­schi­sti­schen Kräf­ten regiert wer­den. Das hat­ten die Signatar­mäch­te des Abkom­mens in einer begrenz­ten Zeit der Beset­zung Deutsch­lands poli­tisch-orga­ni­sa­to­risch zu regeln. Wo aber soll­ten sie in einem Volk, das mas­sen­haft von Anti­so­wje­tis­mus, Anti­kom­mu­nis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und ger­ma­nisch-deut­schem Grö­ßen­wahn ver­bil­det war, wo und wie soll­ten die poli­ti­schen Funk­tio­nä­re der Mili­tär­re­gie­run­gen in den Besat­zungs­zo­nen anti­fa­schi­sti­sche Kräf­te fin­den? Und wenn man wel­che gefun­den hat­te, waren sie bereit, auf Befeh­le der Sie­ger zu handeln?

In der nazi­deut­schen Ideo­lo­gie gal­ten Rus­sen als Unter­men­schen, und Afri­ka­ner gehör­ten nicht zu den zivi­li­sier­ten Völ­kern, son­dern in die Kate­go­rie Dienst­per­so­nal für Wei­ße. Die Ras­sen­lü­gen der Nazis steck­ten 1945 mehr­heit­lich noch in deut­schen Köp­fen. Ich bin in Nazi­deutsch­land in einem Real­gym­na­si­um zur Schu­le gegan­gen, ich weiß, wie Jugend­li­che anti­kom­mu­ni­stisch und ras­si­stisch indok­tri­niert wor­den sind. Wo also waren anti­fa­schi­sti­sche Frau­en und Män­ner, denen die Sie­ger ver­trau­en konn­ten? Die Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­be­we­gung waren zer­schla­gen wor­den, der größ­te Teil der bür­ger­li­chen Schich­ten stand vor dem Scher­ben­hau­fen sei­ner Gläu­big­keit an den »Füh­rer«. Vie­le von ihnen hiel­ten sich aus Scham zurück, ande­re mit Schuld­ge­füh­len ver­kro­chen sich.

Über­all in Deutsch­land fan­den zuerst über­le­ben­de Kom­mu­ni­sten, Sozi­al­de­mo­kra­ten und Gewerk­schaf­ter zu neu­en Orga­ni­sa­ti­ons­for­men. Hier prall­ten oft noch die alten Par­tei­vor­ur­tei­le von vor 1933 auf­ein­an­der. Sehr bald domi­nier­te der brei­te Volks­wil­le: Nie wie­der Faschis­mus, Mili­ta­ris­mus und Krieg. Von den emi­grier­ten Vor­stän­den der KPD, SPD und der Gewerk­schaf­ten kehr­ten die KPD-Füh­rer Wil­helm Pieck und Wal­ter Ulb­richt zuerst nach Ber­lin zurück. Von der SPD ergrif­fen die ehe­ma­li­gen Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten Otto Gro­te­wohl in Ber­lin und Dr. Kurt Schu­ma­cher in Han­no­ver poli­ti­sche Initia­ti­ven zum Wie­der­auf­bau der SPD. Der Exil­vor­stand der SPD erhielt zunächst kei­ne Aus­rei­se aus Lon­don. Die sowje­ti­sche Mili­tär­ad­mi­ni­stra­ti­on erlaub­te für ihre Zone bereits am 11. Juni 1945 die Grün­dung poli­ti­scher Par­tei­en. Die Arbei­ter­be­we­gung hat­te eine rea­le poli­ti­sche Basis, um auf eine demo­kra­ti­sche Ent­wick­lung Nach­kriegs­deutsch­lands direk­ten Ein­fluss zu neh­men. Die Herr­schaft der Arbei­ter­klas­se war eine rea­le und lega­le Alter­na­ti­ve zur bis­he­ri­gen Macht der bür­ger­li­chen Klas­se, die den Zwei­ten Welt­krieg mit­zu­ver­ant­wor­ten hat­te. Eine sol­che Ent­wick­lung ent­sprach auch den Inter­es­sen der Sowjetunion.

In ganz Deutsch­land for­der­ten Arbei­ter und brei­te Volks­schich­ten die Been­di­gung des Bru­der­kamp­fes von Kom­mu­ni­sten und Sozi­al­de­mo­kra­ten. Dar­in sahen sie eine Ursa­che für Hit­lers Auf­stieg zur Macht. Wie vie­le inne­re Wider­sprü­che bei Mit­glie­dern bei­der Par­tei­en zu über­win­den waren, ist bei­spiel­haft am Den­ken und Han­deln von Otto Gro­te­wohl zwi­schen Juni 1945 und Febru­ar 1946 nach­voll­zieh­bar. Im letz­ten Tref­fen zwi­schen Gro­te­wohl und Schu­ma­cher in Wen­nigsen bei Han­no­ver lehn­te Schu­ma­cher eine gesamt­deut­sche SPD-Kon­fe­renz ab. Gro­te­wohl ent­schied sich nun für eine Ein­heits­par­tei aus KPD und SPD in der sowje­ti­schen Zone, um die dor­ti­gen Chan­cen für eine Arbei­ter­par­tei nicht zu ver­schen­ken. Dafür wur­de er zum Ver­rä­ter gestem­pelt. Genau an einer sol­chen Alter­na­ti­ve schie­den sich die Gei­ster der Siegermächte.

Die Grün­dung der SED in der sowje­ti­schen Zone im April 1946 scheuch­te impe­ria­li­sti­sche Ideo­lo­gen auf. In den kapi­ta­li­sti­schen Staa­ten des Westens hat­ten die uner­war­te­ten Lei­stun­gen der Roten Armee bei der Ver­nich­tung der Nazi­wehr­macht das Anse­hen der Sowjet­uni­on stark erhöht. Eine Ein­heits­par­tei aus Kom­mu­ni­sten und Sozi­al­de­mo­kra­ten sowie die ein­set­zen­de Bewun­de­rung der Sowjet­ar­mee wur­den zu Gefah­ren west­li­cher Frei­heit erklärt. Nicht mehr Aus­rot­tung des Faschis­mus mit Stumpf und Stiel, son­dern die System­aus­ein­an­der­set­zung hat­te Prio­ri­tät. Alle alt­be­kann­ten Vor­ur­tei­le gegen die UdSSR und die Kom­mu­ni­sten anders­wo – »Lakai­en Mos­kaus« – blüh­ten auf. Dem ideo­lo­gi­schen Klas­sen­kampf folg­te die Grün­dung der Nato, ver­meint­lich zur Abwehr sowje­ti­scher Über­grif­fe auf West­eu­ro­pa. Die Nato war die mili­tä­ri­sche Unter­ma­lung der anti­so­wje­ti­schen und anti­kom­mu­ni­sti­schen poli­ti­schen Staats­dok­trin. Bei­des zusam­men dele­gi­ti­mier­te jede volks­de­mo­kra­ti­sche oder sozia­li­sti­sche Alter­na­ti­ve zum Kapi­ta­lis­mus – und das seit 1945.

Auf die­sen Gegen­satz grün­de­te der Auf­stieg der bür­ger­lich-kapi­ta­li­sti­schen Füh­rungs­kräf­te aus der zwei­ten und drit­ten Rei­he des geschla­ge­nen faschi­sti­schen Systems – mit oder trotz ihrer bis­he­ri­gen Denkungsart.

Ange­sichts von Not und Elend in der heu­ti­gen Welt durch Krie­ge, Hoch­rü­stung und Zer­stö­rung von Exi­stenz­be­din­gun­gen für Men­schen, des Miss­brau­ches von Res­sour­cen der Natur und der Miss­ach­tung von Kli­ma­ver­än­de­run­gen sowie der immer rück­sichts­lo­se­ren Aus­beu­tung von Mil­lio­nen Men­schen durch eine Hand­voll Mil­li­ar­dä­re – ange­sichts die­ser Tat­sa­chen ist 76 Jah­re nach dem 8. Mai 1945 eine sach­ge­rech­te deut­sche Nach­kriegs­ge­schich­te not­wen­dig. In ihr darf das Neben­ein­an­der bei­der deut­scher Staa­ten nicht als ille­gi­ti­mer Bru­der­krieg dif­fa­miert wer­den – und das auch noch im Nach­hin­ein –, den Kom­mu­ni­sten zu ver­ant­wor­ten hät­ten, son­dern als zwei alter­na­ti­ve, aber lega­le Wege. Bei­de deut­sche Staa­ten han­del­ten 1945 in der poli­ti­schen Logik der bis­he­ri­gen gesamt­deut­schen Klas­sen­ge­schich­te. Die Ein­hal­tung der Ver­pflich­tun­gen der Besat­zungs­mäch­te aus dem Pots­da­mer Abkom­men las­sen sich heu­te leich­ter bewer­ten. Der Wie­der­auf­bau des Lan­des wur­de in der DDR und in der BRD auf unter­schied­li­che Wei­se ange­packt – mit ande­ren poli­tisch-öko­no­mi­schen Ergeb­nis­sen. Mit »rich­tig« und »falsch«, hier die Guten, dort die Bösen, ist nichts zu beant­wor­ten. Poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Kampf­be­grif­fe und über­hol­te Feind­bil­der gehö­ren in den Papier­korb des Kal­ten Krie­ges. Respekt vor den Lebens­lei­stun­gen der Men­schen in Ost und West: Damit beginnt Geschichts­ge­rech­tig­keit. Mit der Ant­wort auf die Fra­gen, wo kom­men wir her, was ist aus den zwei legi­ti­men Wegen in Deutsch­land-Ost und Deutsch­land-West nach 1945 gewor­den, was ist erhal­tens­wert, was ist zu über­win­den, und wo wol­len wir eigent­lich hin.