Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wahn und Wirklichkeit

Alar­mie­rend ist, dass, als die­se Zei­len geschrie­ben wur­den, auf den Inten­siv­sta­tio­nen die schwe­ren Ver­läu­fe von an Coro­na Erkrank­ten zah­len­mä­ßig zunah­men und zwei Drit­tel der Kran­ken­häu­ser mit Inten­siv­sta­tio­nen nicht mehr auf­nah­me­fä­hig waren.

Beun­ru­hi­gend ist, dass die Pati­en­ten immer jün­ger wer­den. Kin­der stecken die Eltern an. Ich weiß von einer 40-jäh­ri­gen Mut­ter, die von ihrer 14-jäh­ri­gen Toch­ter ange­steckt wur­de und jetzt um ihr Leben kämpft. Eine Ver­bands­ge­mein­de aus einem rhein­land-pfäl­zi­schen Land­kreis, den ich gut ken­ne, mel­de­te in die­sen Tagen hin­sicht­lich des Alters der neu Infi­zier­ten: 5, 8, 30, 31, 49 Jah­re. Aus der benach­bar­ten Stadt kamen am sel­ben Tag die Anga­ben: 7, 9, 9, 10, 11, 39 Jahre.

Die »Alten« sind inzwi­schen weit­ge­hend geschützt, dank für­sorg­li­cher Impf­stra­te­gie. Mel­dun­gen von Hot-Spots, von Clu­ster in Senio­ren- und Pfle­ge­hei­men haben Sel­ten­heits­wert. Die Schutz­be­mü­hun­gen stie­ßen in der Regel auf Zustim­mung der Betrof­fe­nen. In unse­rem Stadt­teil haben sich aus einem Haus mit rund 30 alters­ge­rech­ten Woh­nun­gen die Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner soli­da­risch imp­fen las­sen und sind jetzt guten Mutes. Aber wehe, es kommt jemand ohne Mas­ke auf sie zu oder ver­sucht gar sie zu umar­men! Die »Alten« haben den Ernst der Lage ver­stan­den und hal­ten Abstand.

Ich habe sel­ten so dank­ba­re und wohl­ge­mu­te Men­schen in so gro­ßer Zahl gese­hen wie in den War­te­schlan­gen vor dem zen­tra­len Impf­zen­trum in Ham­burg. Als Mit­te April plötz­lich außer der Rei­he eine Son­der­lie­fe­rung an Impf­do­sen von Astra­Ze­ne­ca die Han­se­stadt erreich­te, wur­de die­se frei­ge­ge­ben für alle Impf­wil­li­gen ab 60. Die 24 000 Ter­mi­ne waren im Nu vergeben.

Sicher­lich sind die momen­ta­nen Pan­de­mie­be­stimm­ten grund­rechts­be­schrän­ken­den Ein­grif­fe, vor allem durch das geän­der­te Infek­ti­ons­schutz­ge­setz mit sei­ner »bun­des­ein­heit­li­chen Not­brem­se«, ein so in der Nach­kriegs­zeit noch nicht dage­we­se­ner fun­da­men­ta­ler Akt, über des­sen Maß­nah­men­ka­ta­log sich ver­mut­lich noch die Ver­fas­sungs­rich­ter beu­gen wer­den. Sie aber als eine »Ein­übung für die Abschaf­fung der Frei­heit« zu bezeich­nen und sie mit dem Ermäch­ti­gungs­ge­setz aus dem Jahr 1933 gleich­zu­set­zen, zeugt von einem gro­ßen Aus­maß an gei­sti­ger Ver­blen­dung. Es wird getan, als gäbe es in unse­rem poli­ti­schen System – und damit im Gegen­satz zum soge­nann­ten Drit­ten Reich oder heu­ti­gen auto­ri­tä­ren Staa­ten – nur die Legis­la­ti­ve und die Exe­ku­ti­ve, aber kei­ne anruf­ba­re, kon­trol­lie­ren­de Judi­ka­ti­ve, kei­ne im Grund­ge­setz ver­an­ker­te und funk­tio­nie­ren­de Gewaltenteilung.

Eine – hete­ro­ge­ne – Min­der­heit ver­wei­gert sich jedoch. Sie fabu­liert von einem »para­no­iden Irr­sinn der Wirk­lich­keit«, von »inhu­man-ver­bre­che­ri­schen Aspek­ten der ord­nungs-, poli­zei- und mili­tär­po­li­ti­schen Rea­li­tät unse­rer aktu­el­len Gegen­wart«, macht alle, die nicht ihrer Mei­nung sind, zu »affir­ma­ti­ven Coro­na-Gläu­bi­gen« und Impf­be­für­wor­ter zu »Agen­ten des phar­ma­zeu­tisch-indu­stri­el­len Kom­ple­xes«. Da aber die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung das abstru­se Welt­bild nicht teilt, da der bestä­ti­gen­de Auf­schrei, die all­ge­mei­ne Empö­rung aus­blei­ben, wird prompt von einem »dröh­nen­den Schwei­gen der Zivil­ge­sell­schaft« gefaselt.

Wech­seln wir einen Moment lang den Blick­win­kel, neh­men wir mal an, die Min­der­heit hät­te tat­säch­lich die Wahr­heit auf ihrer Sei­te und wir, die blin­de Mehr­heit, (Pandemie-)Untertanen wie sie bei Hein­rich Mann im Buche ste­hen, wür­den nicht erken­nen, dass und wie wir von Poli­ti­kern, Viro­lo­gen und Medi­en ver­blen­det wer­den: weil wir uns mit der »Herr­schaft der Angst« so arran­giert haben wie jene abhän­gig und unmün­dig gehal­te­ne Gesell­schaft in dem dys­to­pi­schen Roman »Fah­ren­heit 451« von Ray Brad­bu­ry. Wäre es so, müss­te uns, wie bei Brad­bu­ry, selbst­stän­di­ges Den­ken ver­bo­ten sein, und wir wür­den tat­säch­lich in einem auto­ri­tä­ren Staat leben. Viel­leicht in einer »Gesund­heits­dik­ta­tur«, wie auf Demon­stra­tio­nen gegen die Vor­sor­ge­maß­nah­men behaup­tet wird. Oder in den Fän­gen des berüch­tig­ten »tie­fen Staa­tes«, sodass die von uns akzep­tier­te Rea­li­tät eine Schein­welt ist, eine Matrix.

*

Ljud­mi­la Ulitz­ka­ja, Jahr­gang 1943, hat Macht und Schrecken eines auto­ri­tä­ren Staa­tes erfah­ren. Sie erleb­te die Ver­haf­tung ihres Groß­va­ters und die Ver­fol­gung von Ver­wand­ten. Sie arbei­te­te nach dem Stu­di­um an einem Insti­tut für Gene­tik in Mos­kau, wur­de ent­las­sen, weil sie ver­bo­te­ne Samis­dat-Lite­ra­tur ver­brei­tet hat­te. Mit 40 begann sie zu schrei­ben. 1992 wur­de sie erst­mals aus­ge­zeich­net, mit dem fran­zö­si­schen Prix Médi­cis für ihre Novel­le »Sonetsch­ka«. Inzwi­schen wird sie als »eine der wich­tig­sten zeit­ge­nös­si­schen Schrift­stel­le­rin­nen Russ­lands« gewürdigt.

Am Frei­tag, 19. März, erhielt sie in Ham­burg in einer digi­tal aus­ge­rich­te­ten Fei­er­stun­de den mit 50 000 Euro dotier­ten, alle zwei Jah­re ver­lie­he­nen Sieg­fried Lenz Preis der gleich­na­mi­gen Stif­tung. Mit ihm wer­den »inter­na­tio­na­le Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler aus­ge­zeich­net, die mit ihrem erzäh­le­ri­schen Werk Aner­ken­nung erlangt haben und deren schöp­fe­ri­sches Wir­ken dem Geist von Sieg­fried Lenz nahe ist«. Ulitz­ka­ja ist nach den Schrift­stel­lern Amos Oz (Isra­el), Juli­an Bar­nes (Groß­bri­tan­ni­en) und Richard Ford (USA) die erste von der Sieg­fried Lenz Stif­tung aus­ge­zeich­ne­te Frau. Damit geht die Ehrung erst­mals nach Ost­eu­ro­pa. Lenz hät­te sich gefreut, war er doch ost­preu­ßi­scher Herkunft.

Ham­burgs Erster Bür­ger­mei­ster Peter Tschent­scher ging in sei­nem Gruß­wort beson­ders auf das im ver­gan­ge­nen Jahr in Russ­land erschie­ne­ne Buch »Tschu­ma« (Pest) ein, das im Janu­ar 2021 unter dem Titel »Eine Seu­che in der Stadt« in deut­scher Über­set­zung erschie­nen ist. Das histo­risch ver­bürg­te Sze­na­rio erzählt von einer dro­hen­den Pest­epi­de­mie in Mos­kau des Jah­res 1939, »die durch das schlimm­ste und mäch­tig­ste Macht­in­stru­ment jener Zeit gestoppt wur­de«, durch den Geheim­dienst der UdSSR. Das Buch ist kein Roman. Es war ursprüng­lich vor 40 Jah­ren als – dann doch nicht ver­film­tes – Dreh­buch kon­zi­piert wor­den, was sei­ne Lek­tü­re anschau­lich-leicht macht. Der wie­der her­vor­ge­hol­te Text »liest sich in Coro­na-Zeit gera­de­zu unheim­lich aktu­ell« (Lau­da­to­rin Sig­rid Löffler).

Die Erzäh­lung beginnt wie eine Film­ein­stel­lung: »Durch eine rie­si­ge Schnee­sturm­wü­ste rollt, mit den Schein­wer­fern den tan­zen­den Schnee­wir­bel beleuch­tend, ein Güter­zug. Lang­sam und lan­ge. Er fährt vor­bei an einer hin­ter hohen Schnee­we­hen kaum aus­zu­ma­chen­den Stadt und ver­schwin­det in der ver­schnei­ten Fin­ster­nis.« Kame­ra­schwenk: »Ein lang­ge­schos­si­ges Gebäu­de am Ende der Welt, völ­lig ein­ge­schneit. Hin­ter eini­gen Fen­stern brennt trü­bes Licht. (…) In einer Iso­lier­kam­mer sitzt Rudolf Iwa­no­witsch May­er. Er trägt Schutz­an­zug und -maske.«

Aus die­ser Iso­lier­kam­mer gelang­te die Seu­che in die rus­si­sche Haupt­stadt. May­er wird nach Mos­kau bestellt, er muss Bericht erstat­ten über den Stand sei­ner For­schung. Was er nicht bemerkt hat: Er hat sich beim Able­gen des Schutz­an­zugs infi­ziert. Bahn­fahrt. Vol­les Abteil. Ankunft im rie­si­gen Kasaner Bahn­hof. Über­nach­tung im Hotel Moskwa. Zum Hotel­fri­seur. May­er hustet, der Fri­seur kann die Hand mit dem Rasier­mes­ser nicht recht­zei­tig zurück­zie­hen, auf May­ers Wan­ge ent­steht ein klei­ner Krat­zer. Am näch­sten Tag Ver­samm­lung des Kol­le­gi­ums des Volks­kom­mis­sa­ri­ats für Gesund­heit. May­er trägt vor, ver­kün­det, dass das Land »bald über die ersten Muster des neu­en Impf­stoffs ver­fü­gen« wird: »Er schützt gegen alle bekann­ten Stäm­me von Pestviren.«

Husten. Fie­ber. May­er muss ins Kran­ken­haus, wo ein Arzt sofort die Pest dia­gno­sti­ziert. Alarm. Es schlägt die Stun­de des auto­ri­tä­ren Staa­tes. Josef Sta­lin ist Gene­ral­se­kre­tär des ZK der KPdSU, Law­ren­ti Beria ist Chef des Volks­kom­mis­sa­ri­ats für inne­re Ange­le­gen­hei­ten, dem NKWD, und damit auch der mäch­tig­ste Mann der gefürch­te­ten Geheim­po­li­zei. Die hat ein­schlä­gi­ge Erfah­rung in der Auf­spü­rung von Men­schen. Effek­tiv in der Kon­takt­ver­fol­gung, kom­pro­miss­los in der Umset­zung der Iso­lie­rung der Kon­takt­per­so­nen, orga­ni­siert sie in weni­gen Tagen eine stren­ge Qua­ran­tä­ne. Gegen den Geheim­dienst hat die Seu­che kei­ne Chan­ce. Die betrof­fe­nen Men­schen auch nicht. Sie wer­den abge­holt, ohne dass ihnen der Grund genannt wird, und weg­ge­schlos­sen. Bis sie an der Pest ster­ben oder bis die Gefahr vor­bei ist.

Wäh­rend­des­sen sitzt die Angst auf den Dächern der Stadt. Die Angst vor dem, was für vie­le viel­leicht schlim­mer ist als die Pest. »Ser­jo­sha«, sagt die Frau zu dem aus der Qua­ran­tä­ne heim­keh­ren­den Mann, »ich dach­te, du kommst nicht wie­der.« – »Dina, es war die Pest. Nur die Pest!« – »Nur die Pest?«, frag­te Dina. Er nickt.

Ulitz­ka­ja schreibt im Nach­wort: »Ver­mut­lich war dies das ein­zi­ge Mal in der Geschich­te die­ser bru­ta­len und rück­sichts­lo­sen Orga­ni­sa­ti­on, dass sie dem Wohl ihres Vol­kes dien­te und nicht sei­ner Ein­schüch­te­rung und Vernichtung.«

Wer die­ses Buch zur Hand nimmt, erfährt Sei­te für Sei­te den Unter­schied zwi­schen dem hier­zu­lan­de gras­sie­ren­den Wahn und dem Leben in einer rea­len Diktatur.

Ljud­mi­la Ulitz­ka­ja: Eine Seu­che in der Stadt, aus dem Rus­si­schen von Gan­na-Maria Braun­gardt, Carl Han­ser Ver­lag 2021, 112 Sei­ten, 16 €. Infor­ma­tio­nen zur Preis­ver­lei­hung: www.siegfriedlenz-stiftung.org.