Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Verkannte Helden

Am Abend des 8. Novem­ber 1939, um 21.20 Uhr, explo­diert die Bom­be: Mau­ern zer­ber­sten, ein Teil der Decke stürzt ein. Schreie, Ent­set­zen, Panik. Sie­ben Men­schen ster­ben unter den Trüm­mern, ein ach­ter wird die Ver­let­zun­gen nicht über­le­ben. Über sech­zig Per­so­nen sind teil­wei­se schwer ver­letzt. Hit­ler, dem die Bom­be galt, über­lebt. Drei­zehn Minu­ten vor der Deto­na­ti­on hat­te er sei­ne Rede in dem mit über 3 000 »alten Kämp­fern« gefüll­ten Bür­ger­bräu-Saal in Mün­chen been­det. Wäh­rend die brau­nen Par­tei­ge­nos­sen immer wie­der in »Heil«-Rufe ein­stimm­ten, war ihr Füh­rer vom Red­ner­pult gestie­gen und hat­te – ganz ent­ge­gen sei­ner son­sti­gen Gewohn­heit – den Saal ver­las­sen, um noch am Abend einen Son­der­zug nach Ber­lin zu errei­chen. Hät­te Hit­ler noch an sei­nem Red­ner­pult gestan­den, er hät­te den Anschlag nicht über­lebt. Als ihn im Zug die Nach­richt vom Bom­ben­at­ten­tat erreicht, sagt er zu sei­nen Beglei­tern: »Dass ich den Bür­ger­bräu­kel­ler frü­her als sonst ver­las­sen habe, ist mir eine Bestä­ti­gung, dass die Vor­se­hung mich mein Ziel errei­chen las­sen will.«

Die natio­na­le Hatz nach dem Atten­tä­ter hat ein rasches Ende. Noch wäh­rend Hit­ler sei­ne Rede hielt, war ein schmäch­ti­ger Mann beim Ver­such, die Gren­ze zur Schweiz ille­gal zu über­schrei­ten, bei Kon­stanz fest­ge­nom­men wor­den. Sein Name: Georg Elser, 36 Jah­re alt, Schreiner­ge­sel­le von der Ost­alb. Die Zöll­ner fin­den bei ihm bela­sten­de Gegen­stän­de: Dräh­te und Hül­sen, ein Notiz­buch mit Adres­sen von Spreng­stoff-Fabri­kan­ten. Doch der Mann schweigt. Die Beam­ten brin­gen Elser zur Gesta­po. Die Ver­hö­re wer­den här­ter. Es setzt auch Prü­gel. Vier Tage lang. Ohne Ergeb­nis. Am fünf­ten Tag gesteht Elser. Er fragt sei­ne Pei­ni­ger: »Was kriegt einer, der so etwas gemacht hat?«

Wer war die­ser unschein­ba­re Hand­wer­ker? Ein Möch­te­gern-Mär­ty­rer? Tat­säch­lich ist Georg Elser alles ande­re als ein idea­li­sti­scher Spin­ner. Die Königs­bron­ner ken­nen ihn als zurück­hal­ten­den Ein­zel­gän­ger. Er ist kein Par­tei­mit­glied. Poli­tik inter­es­siert ihn nicht. Aber er lei­det an dem, was um ihn her­um, unter dem Jubel sei­ner Lands­leu­te, passiert.

Die würt­tem­ber­gi­sche Ost­alb ist eine Hoch­burg des Pie­tis­mus. Und einer wie Elser, ein pedan­tisch-peni­bler Hand­wer­ker, will am lieb­sten sein eige­ner Herr sein. Ihm fehlt jede Vor­aus­set­zung dafür, sich an die natio­na­le Auf­bruch­stim­mung anzu­pas­sen. Sein Gerech­tig­keits­sinn, sein tief ver­wur­zel­ter pie­ti­sti­scher Cha­rak­ter geben ihm die Ener­gie und die Aus­dau­er, von Herbst 1938 an über ein Jahr lang das Atten­tat zu pla­nen und vor­zu­be­rei­ten. Eine schwie­ri­ge Gewis­sens­fra­ge war dem vor­aus­ge­gan­gen: Dem Pie­ti­sten ist Gewalt zutiefst fremd. Elser ent­schei­det sich den­noch für den Anschlag. Er sieht kei­ne ande­re Mög­lich­keit, das dro­hen­de Unheil zu stop­pen. Ein Mann mit Eigen­sinn und Mut in einem Oze­an von Opportunismus.

Er inspi­ziert in Mün­chen den Bür­ger­bräu­kel­ler, fer­tigt Zeich­nun­gen, besorgt Spreng­stoff. In der Nacht zum 5. August 1939 beginnt er, an der Säu­le zu arbei­ten, die sei­ne Bom­be ver­ber­gen soll. Unter dem Schein sei­ner Taschen­lam­pe bricht er Stück für Stück des Mau­er­werks her­aus. Den Schutt wirft er in die Isar. Er arbei­tet 35 Näch­te. In der Nacht zum 6. Novem­ber ist er fer­tig und fährt nach Konstanz.

Drei Wochen spä­ter, nach sei­ner Ver­haf­tung, sei­nem Geständ­nis und wei­te­ren Ver­hö­ren in den Räu­men des Ber­li­ner Reichs­si­cher­heits­haupt­am­tes, wird Elser aus dem Gefäng­nis abge­holt und in das 80 Kilo­me­ter ent­fern­te KZ Sach­sen­hau­sen gebracht. Der Plan der Nazis: In einem Schau­pro­zess soll er nach dem Kriegs­en­de als Zeu­ge gegen den bri­ti­schen Geheim­dienst vor­ge­führt wer­den. Als Werk­zeug bri­ti­scher Spio­ne, die Hit­ler töten woll­ten. Als ein für die NS-Pro­pa­gan­da wich­ti­ger Häft­ling genießt er Vor­zugs­be­hand­lung, wird aber völ­lig iso­liert. Kein Brief erreicht ihn, eige­ne Brie­fe blei­ben unbeantwortet.

Fünf Jah­re spä­ter droht Deutsch­land die Nie­der­la­ge im Krieg. Der Kron­zeu­ge Georg Elser wird nicht mehr gebraucht. Ende 1944 wird er nach Dach­au gebracht. Am 5. April 1945 erreicht ein Schnell­brief Himm­lers den dor­ti­gen Lager­kom­man­dan­ten. Dar­in heißt es knapp: »Bei einem der näch­sten Ter­ror­an­grif­fe auf Mün­chen bzw. die Umge­bung von Dach­au ist angeb­lich Elser ver­un­glückt. Ich bit­te zu die­sem Zweck Elser in abso­lut unauf­fäl­li­ger Wei­se zu liqui­die­ren.« Genau­so wird ver­fah­ren. Am 9. April wird Elser rück­lings von KZ-Wäch­tern erschossen.

In der Gale­rie deut­scher Wider­stands­kämp­fer führ­te Georg Elser bis vor weni­gen Jah­ren ein Schat­ten­da­sein. Anders als der vier Jah­re älte­re Graf von Stauf­fen­berg eig­ne­te er sich nicht für die Rol­le des staat­lich ver­klär­ten Hel­den. Hier der gebil­de­te Offi­zier, der zunächst den Ver­hei­ßun­gen des NS-Regimes ver­traut, enga­giert mit­ge­macht hat und erst spä­ter umge­kehrt ist, dann aber ent­schie­den zur Tat schritt. Dort der zurück­hal­ten­de Schreiner­ge­sel­le Elser, der bereits 1939, als Stauf­fen­berg und Mil­lio­nen ande­re Deut­sche noch dem Füh­rer zuju­bel­ten, als Schreiner­ge­sel­le mit Volks­schul­ab­schluss den mör­de­ri­schen Cha­rak­ter des Regimes erkann­te und den Ent­schluss zum Atten­tat fasste.

Kei­ne Fra­ge: Georg Elser war und ist eine Her­aus­for­de­rung für die deut­sche Öffent­lich­keit. Er mach­te deut­lich, dass ein ein­fa­cher Mann aus dem Vol­ke sich zu einer welt­ge­schicht­li­chen Tat auf­raf­fen konn­te. Er straf­te all jene Lügen, die sich wei­ter­hin ein­re­de­ten, sie hät­ten dem Ter­ror des NS-Staa­tes nichts ent­ge­gen­set­zen kön­nen. Sei­ne Tat beschäm­te vie­le Deutschen.

Wie aber kann die öffent­li­che Wür­di­gung für einen sol­chen Mann aus­se­hen? Wie das Erin­nern? Gesell­schaf­ten erin­nern sich der Ver­gan­gen­heit nicht allein in Aner­ken­nung des für sich Gro­ßen. Erin­ne­rung bedarf einer sie tra­gen­den Grup­pe: der ade­li­ge, mili­tä­ri­sche, sozi­al­de­mo­kra­ti­sche, der kom­mu­ni­sti­sche oder kirch­li­che Wider­stand wird von Adel, Mili­tär, Par­tei oder Kir­che im Gedächt­nis gehal­ten. Wohin also mit Elser?

Elser erging es wie vie­len ande­ren Frau­en und Män­ner des Wider­stands: Das poli­ti­sche Nach­kriegs-Deutsch­land sorg­te sich mehr um die Inte­gra­ti­on der NS-Täter als um die Reha­bi­li­tie­rung der Opfer. Schlim­mer noch: Juri­sten, die schon dem NS-Regime treu zu Dien­sten waren, rich­te­ten wie­der über Men­schen, spra­chen wie­der Urteile.

So im Jahr 1955 am Ber­li­ner Land­ge­richt im Rah­men eines Wie­der­gut­ma­chungs­ver­fah­rens im Fall Mau­rice Bavaud. Die Geschich­te des jun­gen Schwei­zers weist zahl­rei­che Par­al­le­len zu Georg Elser auf: Im Okto­ber 1938 kauft der 22-jäh­ri­ge Mau­rice eine Pisto­le und reist nach Deutsch­land, um Hit­ler zu töten. Von Ber­lin fährt er nach Mün­chen, wo er sei­nen Plan, Hit­ler wäh­rend des Gedenk­mar­sches der SA zur Feld­herrn­hal­le nie­der­zu­strecken, wegen des ungün­sti­gen Schuss­win­kels auf­ge­ben muss. Bavaud wird spä­ter in einem Zug ohne Fahr­kar­te auf­ge­grif­fen, ver­wickelt sich in Wider­sprü­che, wird schließ­lich der Gesta­po über­stellt, die ihn ver­hört und ihm ein Geständ­nis abpresst; vom Volks­ge­richts­hof zum Tod ver­ur­teilt, wird er am 14. Mai 1941 in Ber­lin-Plöt­zen­see durch die Guil­lo­ti­ne hingerichtet.

Bavaud fin­det nicht nur in der Erin­ne­rung der Nach­welt nicht statt, er wird zehn Jah­re nach Kriegs­en­de von der Justiz des Lan­des, die ihn einst in den Tod beför­der­te, erneut ver­ur­teilt. Bavauds Fami­lie hat­te ein Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bean­tragt. Es ging dabei auch um eine Wie­der­gut­ma­chungs-Zah­lung in Höhe von 40 000 Fran­ken. Doch der hin­ge­rich­te­te Hit­ler-Atten­tä­ter wur­de ein zwei­tes Mal ver­ur­teilt: dies­mal zu fünf Jah­ren Zucht­haus und fünf Jah­ren Ehren­ver­lust. Immer­hin erging die Ent­schei­dung »gerichts­ge­büh­ren­frei«. Man habe – so das Gericht – nicht anders ent­schei­den kön­nen, weil »das Leben Hit­lers im Sin­ne der Vor­schrift des Para­gra­phen 211 StGB in glei­cher Wei­se als geschütz­tes Rechts­gut anzu­er­ken­nen war. Der Antrag auf Auf­he­bung des Todes­ur­teils des Volks­ge­richts­hofs vom 18.12.1939 wird zurückgewiesen.«

Erst in einem drit­ten Ver­fah­ren – 1956 – wur­de das Todes­ur­teil aus dem Jahr 1939 end­lich auf­ge­ho­ben und kei­ne Frei­heits­stra­fe mehr aus­ge­spro­chen. End­lich über­wies die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land der Fami­lie Bavaud 40 000 Schwei­zer Fran­ken, die vor­ab bestä­ti­gen muss­te, dass damit »die­se Affä­re defi­ni­tiv liqui­diert sei«. Georg Elser – Mau­rice Bavaud: zwei Hit­ler-Atten­tä­ter, die ohne jeg­li­che Unter­stüt­zung einer Ver­schwö­rer-Grup­pe frü­her als ande­re wag­ten, »es« zu tun. Und mit ihren Leben bezahlten.

Bei­de Schick­sa­le fan­den lan­ge Zeit kaum Ein­gang in die Geschich­te des Hit­ler-Wider­stands. Allein vier­zig Jah­re wur­de in Mün­chen über Elsers Tat gestrit­ten, ehe sich die Stadt­re­gie­rung zu einer Ehrung durch­rang. Heu­te, mehr als sieb­zig Jah­re nach sei­nem Atten­tats­ver­such, ist Georg Elser end­lich reha­bi­li­tiert: Mehr als fünf­zig Stra­ßen und Plät­ze und drei Schu­len sind mitt­ler­wei­le im ganz Deutsch­land nach ihm benannt; die Post leg­te sogar 2003 eine Georg-Elser-Son­der­mar­ke auf. Im Ber­li­ner Regie­rungs­vier­tel steht am Spree­ufer in der »Stra­ße der Erin­ne­rung« eine Elser-Büste, neben Tho­mas Mann, Edith Stein und Wal­ter Rathen­au. Und es gibt seit Novem­ber 2011 eine sieb­zehn Meter hohe Skulp­tur inmit­ten des alten Regie­rungs­be­zir­kes an der Wil­helm­stra­ße, ein Stahl­band mit Lich­ter­ket­te, das Pro­fil Elsers skiz­zie­rend. Die Sil­hou­et­te, so wol­len es Initia­to­ren um den Schrift­stel­ler Rolf Hoch­huth ver­stan­den sehen, soll sich in der Nähe des ein­sti­gen Bun­kers von Adolf Hit­ler »über den Ort der Täter erheben«.

Mitt­ler­wei­le gibt es aber auch hör­bar auch Kri­tik an der »unheim­li­chen Gedenk­kul­tur des Georg Elser«. Die Kri­ti­ker stel­len fest, Elser tau­ge als opti­ma­le Pro­jek­ti­ons­flä­che für die nach­ge­hol­te Oppo­si­ti­on gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus, weil er sich ide­al als Vor­bild für alle »zeit­gei­sti­gen Gut-Men­schen« eig­ne. Die Rechts­hi­sto­ri­ke­rin Ange­li­ka Nuß­ber­ger, ehe­ma­li­ge Vize­prä­si­den­tin am Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, hat auf die Instru­men­ta­li­sie­rung der Schick­sa­le von Men­schen hin­ge­wie­sen, die in einem bestimm­ten histo­ri­schen Kon­text aus der Men­ge her­aus­ge­tre­ten sind – und wie sich die recht­li­chen und mora­li­schen Bewer­tun­gen in der Nach­be­trach­tung ver­än­dern. Aus Atten­tä­tern und Vater­lands­ver­rä­tern wer­den Helden.

Das gilt auch für deut­sche Wider­stands­kämp­fer. Die Tat­sa­che, dass aus heu­ti­ger Sicht die NS-Zeit mit Blick auf Angriffs­krie­ge, Ras­sen­ideo­lo­gie und Holo­caust eine bar­ba­ri­sche Zeit war, macht es gewis­ser­ma­ßen ein­fach, alle Geg­ner des Systems als auf­rech­te, muti­ge Men­schen zu iden­ti­fi­zie­ren. Es sind ganz und gar unstrit­ti­ge Hel­den. Wer den­je­ni­gen Respekt zollt, die gegen den natio­nal­so­zia­li­sti­schen Unrechts­staat, gleich aus wel­chen Grün­den, gekämpft haben, steht auf der Sei­te von Demo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit. Es sind »beque­me« Hel­den. An ihrer Ehren­haf­tig­keit ändert das nichts.

Vom Autor erscheint in Kür­ze: WIDERSTREIT – Über Macht, Wahn und Wider­stand, Nomen Ver­lag, 254 Sei­ten, 20 €.