Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Versammlungsrecht im Dienst der Rechten

Das Grund­ge­setz hat seit sei­nem Inkraft­tre­ten am 23. Mai 1949 diver­se Ergän­zun­gen und Ver­än­de­run­gen erfah­ren, mehr­fach ver­bun­den mit einem Abbau von poli­ti­schen Rech­ten. Das Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz »gegen Hoch­ver­rat, Staats­ge­fähr­dung und Lan­des­ver­rat« vom 30. August 1951 war Aus­druck des damals weit­hin geschür­ten Anti­kom­mu­nis­mus. Die Geg­ner der Remi­li­ta­ri­sie­rung der Bun­des­re­pu­blik waren damals eben­falls im Visier der west­deut­schen Staats­füh­rung unter Kanz­ler Ade­nau­er. Am 19. Sep­tem­ber 1950 eröff­ne­te der soge­nann­te Ade­nau­er-Erlass die Straf­ver­fol­gung von Mit­glie­dern einer jeden als ver­fas­sungs­feind­lich ein­ge­stuf­ten Orga­ni­sa­ti­on. Haupt­ziel des Erlas­ses waren kom­mu­ni­stisch gepräg­te Ver­ei­ni­gun­gen. Anfang der 1950er Jah­re wur­de das Ver­tei­len von Flug­blät­tern gegen die Remi­li­ta­ri­sie­rung der Bun­des­re­pu­blik bestraft, FDJ und KPD wur­den im Ver­lauf der Wie­der­be­waff­nung Deutsch­lands verboten.

Max Rei­mann, der für die KPD im Par­la­men­ta­ri­schen Rat am Grund­ge­setz mit­ge­wirkt hat­te, hat­te bereits am 23. Mai 1949, im Ver­lauf der Zere­mo­nie für das Inkraft­tre­ten des Grund­ge­set­zes, vor­aus­ge­se­hen: »Die Gesetz­ge­ber aber wer­den im Ver­lau­fe ihrer volks­feind­li­chen Poli­tik ihr eige­nes Gesetz brechen.«

Men­schen, die des Kom­mu­nis­mus ver­däch­tigt wur­den, wur­den spä­te­stens ab der Bekannt­ga­be des KPD-Ver­bots am 17. August 1956 ver­folgt und inhaf­tiert. Auf die Wehr­pflicht folg­ten 13 Jah­re spä­ter die Not­stands­ge­set­ze, kurz danach folg­ten Berufs­ver­bo­te für Mar­xi­sten, Sozia­li­sten und radi­ka­le Demo­kra­ten auf Basis des von Wil­ly Brandt unter­zeich­ne­ten soge­nann­ten Radi­ka­len­er­las­ses; par­al­lel erfuhr auch die Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung eine dele­gi­ti­mie­ren­de Stim­mungs­ma­che, die Franz Josef Degen­hardt mit sei­nem berühm­ten Lied »Befra­gung nach Punk­ten« anprangerte.

Der Sozi­al­de­mo­krat Gert Börn­sen schrieb im August 1973 in der Zei­tung DieZeit: Hin­ter­grund des »Extre­mi­sten­er­las­ses« und der Berufs­ver­bots­pra­xis sei­en Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Bun­des­re­pu­blik. »Die Bedro­hung der spät­ka­pi­ta­li­sti­schen Ord­nung ist nicht durch noch so extre­me rechts­ra­di­ka­le und neo­na­zi­sti­sche Ideo­lo­gen und deren Ver­tre­ter im Staats­dienst gege­ben, son­dern durch ›Lin­ke‹. ‹(…) Die zuneh­men­de öffent­li­che Kri­tik an der Kon­zen­tra­ti­on und Zen­tra­li­sa­ti­on des Kapi­tals, an der Mono­po­li­sie­rung und Oli­go­po­li­sie­rung der Wirt­schaft und die poli­ti­schen Aus­wir­kun­gen die­ser Kri­tik auf Staat und Gesell­schaft haben die Rechts­kräf­te in der BRD ner­vös gemacht und ver­schärf­te Maß­nah­men des Staa­tes gegen die Kri­ti­ker for­dern las­sen« (DieZeit, 24.8.1973).

Auch nach der Auf­nah­me der DDR in den Gel­tungs­be­reich des Grund­ge­set­zes ging die Aus­höh­lung demo­kra­ti­scher Rech­te unge­bro­chen wei­ter. Unter dem Vor­wand des Anti­ter­ror­kamp­fes wer­den demo­kra­ti­sche Rech­te wie der Schutz des Fern­mel­de­ge­heim­nis­ses und wei­te­re Schutz­rech­te immer mas­si­ver abge­baut. Eine Rei­he von Bun­des­län­dern hat damit begon­nen, das Demon­stra­ti­ons- und Ver­samm­lungs­recht ein­zu­schrän­ken. Ver­fas­sungs­text und Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit stimm­ten in den sie­ben Jahr­zehn­ten seit Inkraft­tre­ten des Grund­ge­set­zes nie überein.

Aktu­ell gerät das Ver­samm­lungs­recht immer kon­kre­ter in den Vor­der­grund der Bemü­hun­gen füh­ren­der Kräf­te von Staat und Poli­tik, Wider­stand zu kon­trol­lie­ren, zu begren­zen und zu kri­mi­na­li­sie­ren. Ver­samm­lungs­ge­set­ze kön­nen dafür die­nen, die Ver­samm­lungs­frei­heit nach Art. 8 Abs. 2 GG demo­kra­tisch legi­ti­miert ein­zu­schrän­ken, wenn sie unter Ver­weis auf Arti­kel 2 Abs. 2 den Schutz der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit und des Rechts auf Leben höher gewich­ten als die Demon­stra­ti­ons­frei­heit. Seit 2006 lager­te der Bund das Ver­samm­lungs­recht in die Kom­pe­tenz der Bun­des­län­der aus.

Zum Ber­li­ner Gesetz­ge­bungs­pro­zess schrieb der Repu­bli­ka­ni­sche Anwalts­ver­ein: »Die Ver­samm­lungs­frei­heit ist – neben der Mei­nungs­frei­heit – eines der wich­tig­sten poli­ti­schen Grund­rech­te, das für den poli­ti­schen Mei­nungs­kampf, die gesell­schaft­li­che Teil­ha­be und die Sicher­stel­lung von demo­kra­ti­schen Grund­sät­zen von zen­tra­ler Bedeu­tung ist.«

Das erste Ver­samm­lungs­recht auf Län­der­ebe­ne führ­te schon 2008 zu einer Kla­ge von Gewerk­schaf­ten beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, die teil­wei­se von Erfolg gekrönt war: Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­öf­fent­lich­te am. 17. Febru­ar 2009 dazu eine Pres­se­mit­tei­lung mit fol­gen­der Aus­füh­rung: »Dem Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung liegt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de meh­re­rer Lan­des­ver­bän­de von Gewerk­schaf­ten und Par­tei­en sowie ande­rer nicht­staat­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen gegen annä­hernd das gesam­te Bay­VersG zugrun­de. Die Beschwer­de­füh­rer rügen einen ver­samm­lungs­feind­li­chen Cha­rak­ter des Geset­zes als Gan­zes sowie sei­ner Rege­lun­gen im Ein­zel­nen. Die Vor­schrif­ten führ­ten zu büro­kra­ti­scher Gän­ge­lei und Kon­trol­le der Bür­ger, die von der Wahr­neh­mung der Ver­samm­lungs­frei­heit abschreck­ten. Aus­drück­lich aus­ge­nom­men von den Angrif­fen sind aller­dings die Vor­schrif­ten, die spe­zi­fi­schen Gefah­ren rechts­ex­tre­mi­sti­scher Ver­samm­lun­gen begeg­nen sol­len (Art. 15 Abs. 2 Nr. 1a und 2 BayVersG).«

Der Erste Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat die Buß­geld­vor­schrif­ten bezüg­lich der Bekannt­ga­be-, Anzei­ge- und Mit­tei­lungs­pflich­ten der Ver­an­stal­ter, der Mit­wir­kungs­pflicht des Lei­ters und des Mili­tanz­ver­bots der Teil­neh­mer dar­auf­hin einst­wei­len außer Kraft gesetzt. Auch wer­den die Befug­nis­se für poli­zei­li­che Beob­ach­tungs- und Doku­men­ta­ti­ons­maß­nah­men im Zusam­men­hang mit Ver­samm­lun­gen einst­wei­len modi­fi­zie­rend ein­ge­schränkt. So sind ins­be­son­de­re Über­sichts­auf­zeich­nun­gen, bei denen eine Spei­che­rung des Ver­samm­lungs­ge­sche­hens erfolgt, nur zuläs­sig, wenn tat­säch­li­che Anhalts­punk­te die Annah­me recht­fer­ti­gen, dass von der Ver­samm­lung erheb­li­che Gefah­ren für die öffent­li­che Sicher­heit oder Ord­nung ausgehen.

Die gefähr­li­chen Wir­kun­gen der Ein­schrän­kung der Demo­kra­tie wer­den aktu­ell in Nord­rhein-West­fa­len deut­lich, wo sich ein neu­es Ver­samm­lungs­recht im gesetz­ge­be­ri­schen Pro­zess befin­det. Wenn NRW-Innen­mi­ni­ster Reul das Geset­zes­pa­ket als Mit­tel gegen Umtrie­be von rechts recht­fer­tigt, ist das zynisch. Unde­mo­kra­ti­sche Schrit­te, hier der Lan­des­re­gie­rung NRW, wie die Rege­lun­gen zum Mili­tanz­ver­bot oder zur Auf­zeich­nung von Ver­samm­lun­gen bah­nen den Rech­ten den Weg, anstatt ihnen ent­schlos­sen entgegenzutreten.

Wer eine demo­kra­ti­sche Ver­samm­lung anmel­det, dem wer­den fort­an weit­ge­hen­de Sicher­heits­ver­pflich­tun­gen auf­er­legt, es dro­hen sogar Frei­heits- und Geld­stra­fen, Ord­ner und ein­fa­che Teil­neh­mer und Teil­neh­me­rin­nen müs­sen mit Kon­se­quen­zen rech­nen, Video-Auf­zeich­nung der Ver­samm­lung erwecken den Ein­druck eines Gene­ral­ver­dachts, und sie stei­gern die Gefahr der Will­kür. Ein Gum­mi­pa­ra­graph (§ 27) zum Bei­spiel regelt, dass die Poli­zei ein­schrei­ten kann, wenn sich jemand ihrem Ein­druck nach aggres­siv oder pro­vo­ka­tiv ver­hält. Rech­te Poli­zei-Chat-Grup­pen und ande­re bedenk­li­che Struk­tu­ren in eini­gen Poli­zei­be­hör­den offen­ba­ren, wel­che Gefahr hier im Raum steht.

  • 7 des Geset­zes­pa­kets sieht vor, dass nie­mand eine nicht ver­bo­te­ne Ver­samm­lung stö­ren darf. Die­ses Stö­rungs­ver­bot führt dazu, dass Rech­te auf öffent­li­chen Ver­samm­lun­gen die Demo­kra­tie ver­höh­nen kön­nen und demo­kra­ti­sche Gegen­kund­ge­bun­gen kri­mi­na­li­siert werden.
  • 18 besagt unter dem Stich­wort »Mili­tanz­ver­bot«, es »ist ver­bo­ten, eine (…) Ver­samm­lung unter frei­em (…) Him­mel zu ver­an­stal­ten, zu lei­ten oder an ihr teil­zu­neh­men, wenn die­se infol­ge des äuße­ren Erschei­nungs­bil­des 1. durch das Tra­gen von (…) uni­form­ähn­li­chen Klei­dungs­stücken, 2. durch ein para­mi­li­tä­ri­sches Auf­tre­ten oder 3. in ver­gleich­ba­rer Wei­se (…) ein­schüch­ternd wirkt«. Auch hier ist ein enor­mer Ermes­sens­spiel­raum für Sicher­heits­kräf­te gege­ben. Als uni­form-ähn­lich kön­nen auch ein­heit­li­che Streik-T-Shirts von Gewerk­schaft­lern gelten.

Wir wis­sen, dass der Schoß der rech­ten Gefahr immer noch frucht­bar ist, und sagen zu der­ar­ti­gen Geset­zes-Neue­run­gen: Weh­ret den Anfän­gen! Der Wider­stand gegen sol­che Ent­wick­lun­gen steckt noch in den Kin­der­schu­hen. Die Gewerk­schaf­ten spie­len bei der Mobi­li­sie­rung eine zen­tra­le Rol­le, da bei­spiels­wei­se auch Streik-Aktio­nen leicht eben­falls durch gesetz­lich beschlos­se­ne Repres­si­on behin­dert und kri­mi­na­li­siert wer­den kön­nen, indem Sicher­heits­be­hör­den etwa die Ver­di-Westen von Gewerk­schaft­lern als uni­form­ähn­li­che Beklei­dung »ein­schät­zen«.

Demo­kra­ti­sche Initia­ti­ven der Zivil­ge­sell­schaft ver­tei­di­gen das Ver­samm­lungs­recht unter #VersGNRW­stop­pen, um wei­ter­hin zu demo­kra­ti­schem Enga­ge­ment zu ermutigen.

RA Jasper Prig­ge fasst auf sei­ner Web­site zusam­men: »Der Geset­zes­ent­wurf ist offen­bar von dem Ziel getra­gen, Ver­samm­lun­gen ein­zu­schrän­ken. (…) Der Staat täte bes­ser dar­an, die Wahr­neh­mung von Grund­rech­ten zu för­dern und es Men­schen so ein­fach wie mög­lich zu machen, sich zu ver­sam­meln. Denn die Ver­samm­lungs­frei­heit ist in einer Demo­kra­tie ein hohes Gut. Sie ermög­licht es, unmit­tel­ba­ren Pro­test auf die Stra­ße zu tra­gen. (…) Es wird eine Zeit kom­men, da wird es wie­der mög­lich sein, mit vie­len Men­schen gemein­sam zu demon­strie­ren. Die­ser Geset­zes­ent­wurf will dies erschwe­ren – das soll­ten wir nicht zulassen.«