Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein Leben auf Reisen

Bis zuletzt hat der 97-jäh­ri­ge Wal­ter Kauf­mann geschrie­ben, noch Tage vor sei­nem Tod eine Buch­be­spre­chung für Ossietzky. Mit die­ser Ener­gie hat er es auf über 40 welt­hal­ti­ge Bücher gebracht, in einem Leben, von dem mit­un­ter gesagt wird, es habe selbst einem Roman gegli­chen. Doch es war in sei­nem Aus­gangs­punkt trau­ma­ti­sche Rea­li­tät, auf die er als Roman­vor­la­ge gern ver­zich­tet hät­te. Als unehe­li­cher Sohn einer jüdi­schen Mut­ter im Ber­li­ner Scheu­nen­vier­tel gebo­ren, wur­de er mit zwei Jah­ren von einem wohl­ha­ben­den jüdi­schen Ehe­paar aus Duis­burg adop­tiert, was er erst Jah­re nach deren Tod in Ausch­witz erfährt. Indi­zi­en lie­ßen es ihn spä­ter für denk­bar hal­ten, dass der Adop­tiv­va­ter auch sein leib­li­cher war. Was er nur im ver­trau­ten Kreis erwähn­te – wir kann­ten uns lange.

Zu Hau­se zunächst wohl­be­hü­tet auf­ge­wach­sen, blei­ben ihm die Demü­ti­gun­gen auf dem Schul­hof nicht erspart. Dafür, dass sein bester Freund zu ihm hält, wird der von den ande­ren ver­pönt, es rutscht ihm her­aus: »Scha­de, dass du Jude bist.« (Dar­aus wur­de viel spä­ter der Titel eines Buches, das für »mei­ster­li­che Kurz­pro­sa« mit dem Lite­ra­tur­preis des Ruhr­ge­bie­tes aus­ge­zeich­net wur­de.) Als 14-Jäh­ri­ger erleb­te er das Grau­en beim Anblick der bren­nen­den Syn­ago­ge, deren Flam­men auf sei­ne Schu­le über­grif­fen, und wie sein Vater am sel­ben Tag bru­tal ver­haf­tet und sei­ne Anwalts­kanz­lei demo­liert wur­de. Mit einem der letz­ten Trans­por­te für jüdi­sche Kin­der schick­ten die Eltern ihn nach London.

Dort wur­de er aller­dings an sei­nem 15. Geburts­tag als feind­li­cher Aus­län­der inter­niert und spä­ter mit 2000 ande­ren Flücht­lin­gen nach Austra­li­en geschifft, wo er die ersten 18 Mona­te in einem ein­ge­zäun­ten Wüsten­camp ver­brin­gen muss. Wei­te­rer Haft ent­kommt er durch frei­wil­li­ge Mel­dung zur Armee, ist danach mal Obst­pflücker, Hafen­ar­bei­ter, Foto­graf, am lieb­sten See­mann. Ob dort Decks­mann oder Koh­l­en­trim­mer, neben der Kno­chen­ar­beit bleibt Zeit, um an Deck erste Schreib­ver­su­che zu machen. Die Short Sto­rys trägt er Inter­es­sier­ten gleich vor Ort vor, bekommt so Kon­takt zur Gewerk­schaft und zur KP-nahen Mel­bourne Rea­list Wri­ters Group. 1953 erscheint auf Eng­lisch sein erster Roman: Stim­men im Sturm. Zwei Jah­re spä­ter wird er von der Austra­li­schen See­manns­ge­werk­schaft zu den Welt­fest­spie­len nach War­schau delegiert.

Dort lernt er den DDR-Ver­le­ger Bru­no Peter­son ken­nen, der ihn zum bald statt­fin­den­den Schrift­stel­ler­kon­gress nach Ost­ber­lin ein­lädt. Die dor­ti­ge Begeg­nung mit nam­haf­ten Re-Migran­ten wie Anna Seg­hers, Arnold Zweig, Bodo Uhse, die sich nach ihrem Exil alle für die DDR ent­schie­den hat­ten, und ihn »unge­mein beein­druck­ten«, war der Aus­lö­ser, sich für die DDR zu inter­es­sie­ren. Doch der Vor­sit­zen­de des Schrift­stel­ler­ver­ban­des, der Spa­ni­en­kämp­fer Edu­ard Clau­di­us, selbst aus dem Ruhr­ge­biet, sag­te ihm: »Du kommst aus dem Ruhr­ge­biet, auch dort wer­den gute Leu­te gebraucht. Über­leg dir das.«

Kauf­mann nimmt den Rat an und reist nach 17 Jah­ren erst­ma­lig wie­der nach Duis­burg. Es kostet ihn Über­win­dung, an sei­nem Eltern­haus zu klin­geln. Seit die Vil­la »frei gezo­gen« war, so hat­te er gehört, wohn­te dort eine Unter­neh­mer­fa­mi­lie. Her­ein­ge­las­sen wird er nicht. Auf der Stein­trep­pe erklärt ihm die nun­meh­ri­ge Besit­ze­rin groß­her­zig, sie habe sei­ner Mut­ter auf deren Bit­ten ihr festes Schuh­werk mit auf »die lan­ge Rei­se« gege­ben. Durch die offe­ne Tür sieht er im Foy­er noch das Bild hän­gen, das sei­ne Mut­ter einst gemalt hat­te. Von Nach­barn, auf Behör­den und Ämtern wird er kühl emp­fan­gen – nie­mand weiß was, nie­mand will was wis­sen. »Ich fand die Erfah­rung so kläg­lich, so wenig ermun­ternd, dass für mich nur die Alter­na­ti­ve blieb, ent­we­der nach Ost­ber­lin oder zurück nach Austra­li­en«, sagt er im Mai 2019 der Jüdi­schen Rund­schau. »Aber Sie hat­ten nicht irgend­wel­che prin­zi­pi­el­len Sym­pa­thien für das ›ande­re System‹«, frag­te das kon­ser­va­ti­ve Blatt nach und muss­te sich anhö­ren: »Ich woll­te, wenn über­haupt nach Deutsch­land, nur in die­ses, das rote, das lin­ke Deutsch­land, wo ver­sucht wur­de, den Sozia­lis­mus aufzubauen.«

Als per­fekt Eng­lisch spre­chen­der Autor mit austra­li­schem Pass ist er in der DDR will­kom­men, wird als Bericht­erstat­ter in die gan­ze Welt geschickt. Etwa zum Pro­zess gegen Ange­la Davis in die USA. Im Künst­ler­ort Klein­mach­now, dem West­ber­li­ner Zehlen­dorf benach­bart, bekommt er bald ein schmuckes Häus­chen am Wald­rand zuge­wie­sen. Spä­ter bin ich als Ober­schü­le­rin im ört­li­chen Jugend­club für Lite­ra­tur ver­ant­wort­lich und lade als aller­er­sten die­sen Kauf­mann ein, der uns mit sei­nem cha­rak­te­ri­sti­schen, schwar­zen Schnauz­bart an Mark Twain erin­nert. Er liest aus »Ste­fan, Mosa­ik einer Kind­heit«, noch aus dem Eng­li­schen über­setzt. Und wir begrif­fen betrof­fen: Um Aben­teu­er geht es hier nicht.

Das Buch erschien, wie ande­re auto­bio­gra­fi­sche Roma­ne und Kin­der­bü­cher auch, in meh­re­ren Auf­la­gen und mach­te Wal­ter Kauf­mann in der DDR zu einem der authen­ti­schen Zeit­zeu­gen der NS-Juden­ver­fol­gung. Ob er nicht gespürt habe, dass die Pres­se nicht frei war, insi­stier­te die Jüdi­sche Rund­schau wei­ter. »Ich war ein jüdi­scher Emi­grant in der DDR und wur­de als sol­cher wahr­ge­nom­men. Alles, was ich an Erfah­run­gen mit­brach­te, wur­de unver­fälscht gedruckt.« Das betraf auch sei­nen 1980 erschie­ne­nen Repor­ta­ge-Band »Drei Rei­sen ins gelob­te Land«, der enor­me Reso­nanz fand. Isra­el hat­te ihn fas­zi­niert, etwa Begeg­nun­gen mit der Anwäl­tin Feli­ci­tas Lang­ner und mit Arbei­tern oder Min­der­hei­ten aller Art; sei­ne Beob­ach­tun­gen ver­an­lass­ten ihn aber auch zu dem dring­li­chen Appell, Ara­ber und Juden mögen fried­lich und freund­schaft­lich zusammenleben.

Zwei­fel­los blieb auch Wal­ter Kauf­mann klein­ka­rier­ter Dog­ma­tis­mus nicht erspart, aber er wuss­te sich übers Rei­sen hin­aus Frei­räu­me zu schaf­fen. Von 1985 bis 1993 war er Gene­ral­se­kre­tär des ost­deut­schen PEN und nahm als sol­cher manch reprä­sen­ta­ti­ve oder auch ver­mit­teln­de Funk­ti­on war. So konn­te er durch­set­zen, dass die eigent­lich ver­fem­ten PEN-Mit­glie­der Ste­fan Heym und Ralph Gior­da­no in der Vor­wen­de­zeit eine öffent­li­che Lesung beka­men. In sei­nem 2010 erschie­ne­nen Buch »Im Fluss der Zeit« beschrieb er dann sei­ne Freu­de über die geöff­ne­te Gren­ze, gleich­zei­tig war ihm, als habe er »ein Stück Hei­mat ver­lo­ren«. Auf eine roten Zie­gel­mau­er in Ber­lin-Lich­ten­berg sah er mit wei­ßer Far­be einen Gal­gen gepin­selt, an dem die Buch­sta­ben GYSI hin­gen. »Damals frag­te ich mich, ob nicht eine Rück­kehr nach Austra­li­en zu erwä­gen wäre.«

Schon bald wur­de sein Klein­mach­now zum Hot­spot für Rück­ga­be­for­de­run­gen ein­sti­ger west­li­cher Haus­be­sit­zer. Erst da erin­ner­te er sich wie­der der elter­li­chen Vil­la – schließ­lich wur­de jüdi­sches Eigen­tum nun zurecht bevor­zugt resti­tu­iert. Er erzähl­te mir, wie der Anwalt Otto Schi­ly den Fall über­nahm und ihm sag­te: Das erle­di­gen wir mit links. Doch bei­de muss­ten sich von Rechts wegen beleh­ren las­sen. Das Bun­des­mi­ni­ste­ri­um der Finan­zen teil­te Herrn Kauf­mann im Juni 1995 mit: »Ansprü­che nach dem Gesetz zur Rege­lung offe­ner Ver­mö­gens­fra­gen sind nicht gege­ben, da die­ses Gesetz nur für im Bei­tritts­ge­biet bele­ge­nes Ver­mö­gen gilt.« Der Gesetz­ge­ber hat­te es also ermög­licht, dass in Ost­deutsch­land 2,2 Mil­lio­nen Anträ­ge auf Rück­ga­be von Immo­bi­li­en gestellt wer­den konn­ten, in West­deutsch­land aber kein einziger.

Trotz man­chen Fru­stes gehör­te Wal­ter Kauf­mann nach der Ver­ei­ni­gung zu den nicht so zahl­rei­chen Ost-Autoren, die auch im Westen Ver­la­ge und Beach­tung fan­den. »Ein Leben auf Rei­sen«, so der Titel eines 2016 erschie­ne­nen Buches, blieb sein The­ma. Aber er war auch in Ber­lin stän­dig auf Ach­se. Ob auf Demos, Kon­fe­ren­zen, im Thea­ter, auf Aus­stel­lun­gen, bei Lesun­gen von Kol­le­gen oder PEN-Club Tref­fen, es war eine ver­traut gewor­de­ne, schö­ne Gewohn­heit, Wal­ter und sei­ne Lis­sy zu tref­fen. Man traf ihn auch auf dem Bild­schirm, etwa 2018 im von der Bun­des­stif­tung zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur geför­der­ten rbb-Film »Scha­lom Neu­es Deutsch­land – Juden in der DDR«. Nach des­sen Vor­auf­füh­rung im Kino schrieb er mir: »Mei­ne Aus­sa­ge, dass ich in der DDR nie mit Anti­se­mi­tis­mus kon­fron­tiert wor­den war, fehlt im Film – sie wur­de weg­ge­las­sen oder fiel einer Pan­ne bei den Dreh­ar­bei­ten zum Opfer. Ich habe sie münd­lich bei der Pre­mie­re wie­der­holt – es ist eine Pla­ge mit die­sen Filmmenschen!«

Im letz­ten Jahr setz­te er sich einer sol­chen Pla­ge noch zwei­mal aus und mach­te gute Erfah­run­gen. Sobald das Ber­li­ner Kino Baby­lon öff­nen kann, wird man ihm dort immer­hin wie­der­be­geg­nen, in einem Doku­men­tar­film zu sei­nem dra­ma­ti­schen Leben. Wie schon jetzt in dem zwei­stün­di­gen, bio­gra­fi­schen Inter­view, das Sabi­ne Kebir zuletzt auf weltnetz.tv mit dem Hell­wa­chen führ­te. Nun ist sei­ne Rei­se zu Ende gegan­gen. Nicht aber die Mög­lich­keit, sich auf die lite­ra­ri­sche Wan­der­schaft zu bege­ben, auf der er den Bedräng­ten eine Stim­me gab.