Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zur politischen Lyrik Erich Frieds

Es ist bemer­kens­wert, mit wel­cher Inten­si­tät sich Erich Fried mit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land befasst hat. Fried, gebo­ren am 6. Mai 1921, ist gebür­ti­ger Öster­rei­cher. Als Jude muss er sein Land mit sieb­zehn Jah­ren ver­las­sen. Er geht ins bri­ti­sche Exil. In Lon­don erwirbt er die bri­ti­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit und lebt dort bis zu sei­nem Tode im Jahr 1988. Aber nicht Groß­bri­tan­ni­en und Öster­reich spie­len in sei­ner poli­ti­schen Lyrik eine beson­de­re Rol­le, son­dern die Situa­ti­on der BRD. Das hat sicher­lich meh­re­re Grün­de: Deutsch bleibt auch im Exil sei­ne Mut­ter­spra­che, Deutsch­land war das Land, das ihn 1938 zur Flucht aus sei­ner Wie­ner Hei­mat zwang, und die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ent­wickelt sich nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­hält­nis­mä­ßig schnell wie­der zu einer ein­fluss­rei­chen Macht. Trotz aller Ver­stö­run­gen fühlt er sich Deutsch­land bio­gra­fisch, sprach­lich und poli­tisch ver­bun­den, spricht zuwei­len von »unse­rem« Land.

In sei­nem Vor­wort zu dem Gedicht­band So kam ich unter die Deut­schen, den Fried 1977, im Jahr des »Deut­schen Herbst«, in die poli­tisch hoch emo­tio­na­li­sier­te Dis­kus­si­on ein­brach­te, schreibt er: »Ich kann nie auf­hö­ren, an die Men­schen zu den­ken, die in die­sen letz­ten zwei Jahr­zehn­ten an der deut­schen Demo­kra­tie ver­zwei­fel­ten und die unter Poli­zi­sten­ku­geln oder hin­ter Ker­ker­mau­ern an den deut­schen Ver­hält­nis­sen gestor­ben sind oder jetzt lang­sam ster­ben. Ich kann nie auf­hö­ren, an die Men­schen in Deutsch­land und in aller Welt zu den­ken, die jetzt anfan­gen, die Ent­wick­lung die­ses Staa­tes, in dem man sagt ›Wir sind wie­der wer‹ mit wach­sen­der Angst zu sehen, Angst um Leben und Frei­heit der Men­schen in Deutsch­land, aber auch Angst vor dem, was die­ser Staat viel­leicht eines Tages Men­schen in ande­ren Län­dern antun könnte.«

Fried ana­ly­siert in sei­ner Lyrik das vor­herr­schen­de reak­tio­nä­re Bewusst­sein. Die NS-Zeit wird nicht auf­ge­ar­bei­tet, son­dern ver­drängt. Im Jahr 1964 erscheint das Gedicht Die Händ­ler, in dem er an den ver­brei­te­ten Zwei­fel an der Zahl von sechs Mil­lio­nen ermor­de­ter Juden anknüpft und sar­ka­stisch mit dem Vers endet: »Nur fünf Mil­lio­nen /​ – man tut uns mil­lio­nen­fach Unrecht /​ nur fünf Mil­lio­nen – /​ Wer bie­tet weni­ger?« In Zur Erin­ne­rung an eine graue Brief­mar­ke bringt Fried den Ver­drän­gungs­me­cha­nis­mus zur Spra­che, der Deutsch­land als Opfer sieht: »Eine Gedenk­mar­ke /​ zwan­zig Jah­re nach Hit­ler /​ weiß auf grau /​ Män­ner Frau­en Kin­der /​/​ Nicht zur Erin­ne­rung /​ an das Ende des drit­ten Rei­ches /​ an das Ende des Krie­ges /​ an die Ret­tung der Lager­in­sas­sen /​/​ Nur zur Erin­ne­rung /​ an zwan­zig Jah­re Ver­trei­bung /​ von Deut­schen aus den Gebie­ten /​ des Dran­ges nach Osten.«

Unter dem Sar­kas­mus Frieds liegt ver­bor­gen, zuwei­len auch direkt geäu­ßert, ein tie­fes Gefühl der Ent­täu­schung über die Ent­wick­lung der BRD. Sei­ne Hoff­nung, dass man aus den Jah­ren des Hit­ler­fa­schis­mus »Mensch­lich­keit ler­nen« und »wenig­stens eine gute bür­ger­lich Demo­kra­tie wer­den« wür­de, hat sich nicht erfüllt. Ja, in Wir sind wie­der wer heißt es: »Deutsch­land könn­te eine wirk­li­che Demo­kra­tie sein (…), wenn Hit­ler bei uns den Krieg nicht gewon­nen hätte.«

Mit dem Gedicht­band und Viet­nam und von 1966 tritt Fried ins Zen­trum der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Pro­test­be­we­gung. Unter dem Titel Vor­druck schil­dert er den damals ver­brei­te­ten Hass: »Links ist Platz geblie­ben /​ auf den man schrei­ben kann /​ rechts steht … sind unser Unglück /​ Wie fing die Zei­le an: /​ Die Juden ist kaum mehr zu lesen /​ aus­ra­diert und ver­blasst: /​ Schreibt Chi­ne­sen schreibt Nord­viet­na­me­sen /​ schreibt alle hin die ihr hasst /​ Schreibt ein­fach Die Bol­sche­wi­sten… /​ Die Oster­mar­schie­rer Die Roten /​ Die Polacken Die Gast­ar­bei­ter /​…/​ nur immer weiter.«

Einen Schwer­punkt in Frieds Lyrik bil­det die »Rote-Armee-Frak­ti­on« unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung von Ulri­ke Mein­hof, die in min­de­stens zehn Gedich­ten nament­lich genannt wird. Fried hat nach sei­nen eige­nen Wor­ten, so in sei­ner Tübin­ger Rede 1983, die RAF immer abge­lehnt. Trotz­dem spricht aus sei­ner Lyrik Empa­thie mit deren Per­so­nen. In Die Anfra­ge heißt es: »Mit Ver­leum­dung und Unter­drückung /​ und Kom­mu­ni­sten­ver­bot /​ und Todes­schüs­sen in Not­wehr /​ auf unbe­waff­ne­te Lin­ke /​ gelang es den Herr­schen­den /​ eine Hand­voll empör­ter Empö­rer /…/ so weit zu trei­ben /​ dass sie den Sinn ver­lo­ren /​ für das was in die­ser Gesell­schaft /​ ver­wirk­lich­bar ist.« Die­ses Gedicht, 1977 von einer Bre­mer Leh­re­rin im Schul­un­ter­richt durch­ge­nom­men, ver­an­lass­te den Bre­mer CDU-Abge­ord­ne­ten Bernd Neu­mann, 28 Jah­re spä­ter deut­scher Kul­tur­staats­mi­ni­ster, zur auf­se­hen­er­re­gen­den Bemer­kung: »So etwas wür­de ich lie­ber gleich ver­brannt sehen.«

Im Gegen­satz zur offi­zi­el­len Regie­rungs­po­li­tik und den ein­fluss­rei­chen Medi­en sieht Fried den Grund für die Ent­wick­lung der RAF zum Ter­ror in erster Linie nicht bei deren Mit­glie­dern, son­dern in der repres­si­ven Struk­tur die­ses Staa­tes. In Ein Nach­ruf (Erst­druck 1985), schreibt er im Blick auf ein 1964 erschie­ne­nes Buch: »Es soll nicht ver­ges­sen sein /​ dass in Deutsch­land vor vie­len Jah­ren /​ ein Buch mit Gedich­ten und Pro­sa /​ erschie­nen ist /​ Gegen den Tod /​ das warn­te vor dem Atom­krieg /​ und das zusam­men­ge­stellt war /​ von zwei Men­schen /​ Bern­ward Ves­per /​ und Gud­run Ens­s­lin /​ die bei­de tot sind.« Ihnen sei ihr Leben genom­men wor­den »vom sel­ben Übel /​ … gegen das bei­de /​ gekämpft haben bis zur Ver­zweif­lung /​ lan­ge vor irgend­ei­nem /​ bewaff­ne­ten Kampf.« Die­ses Übel des repres­si­ven Staats beschreibt Fried im Gedicht Ein neu­es Lied von der festen Burg, in dem er Rechts­bruch und Gewalt in den Justiz­voll­zugs­an­stal­ten Stamm­heim und Mann­heim in der ersten Hälf­te der sieb­zi­ger Jah­re anklagt. Der letz­te Vers lau­tet resü­mie­rend: »Denn wer die Macht hat, hat das Recht /​ und soll den Geist regie­ren. /​ Und wer das frech beschimpft als schlecht, /​ den kön­nen wir rui­nie­ren. /​ Die Mei­nung der Welt, /​ wie sau­er sie sich stellt, /​ sie küm­mert uns nicht, /​ wir hal­ten streng Gericht«. Fried geht wie vie­le ande­re beim Tod von Andre­as Baa­der, Gud­run Ens­s­lin und Ulri­ke Mein­hof in der Haft von Mord aus. In Ulri­ke Mein­hofs Selbst­mord heißt es: »Selt­sa­mer /​ Selbst­mord /​ des­sen Spu­ren /​ auf ande­res deu­ten /​/​ Wund­ma­le /​ Wür­ge­spur /​ nicht wie beim Tod /​ durch Erhän­gen /​/​ (…) Aber es darf nicht /​ das Ande­re sein /​ Es muss /​ Selbst­mord gewe­sen sein /​/​ trotz aller Spu­ren /​ Näm­lich /​ sonst müss­te es /​ Mord sein …«

Aber Fried beschreibt die restau­ra­ti­ve Poli­tik in den sieb­zi­ger Jah­ren nicht nur anhand der Ereig­nis­se um die RAF. In Fast zum Lachen heißt es: »SPD­chen und CDU­chen /​ schlos­sen ein Wett­chen: /​ Wer kann das Staat­chen bes­ser /​ vor lin­ken Feind­chen errett­chen.« Mehr­mals erwähnt er die Berufs­ver­bo­te gegen Lin­ke. Beson­ders kri­tisch beschreibt er Poli­zei und Justiz, spe­zi­ell die vom Staat gerecht­fer­tig­te Gewalt von Poli­zi­sten. Die Todes­schüs­se der Poli­zei kom­men in Frieds Lyrik wie­der­holt vor. In Jemand ande­rer heißt es: »Eli­sa­beth van Dyck ist erschos­sen wor­den /​ von zwei Poli­zi­sten /​ … /​/​ Der Todes­schüt­ze gibt an /​ in Not­wehr geschos­sen zu haben /​ denn sie woll­te zur Waf­fe grei­fen /​ Der Schuss traf die Frau in den Rücken /​/​ Wie kann ein Mann /​ auf eine Frau die ihn /​ gera­de erschie­ßen will /​ in Not­wehr so schie­ßen /​ dass er die Angrei­fe­rin /​ in den Rücken trifft?« In Sieg der kämp­fe­ri­schen Demo­kra­tie oder Kul­tu­rel­le Kon­ti­nui­tät geht Fried auf einen Vor­fall im Deut­schen Schau­spiel­haus Ham­burg 1981 ein: »… als bei der Pre­mie­re /​ in der Pau­se /​ ein Häuf­lein Demon­stran­ten /​ (unbe­darft und gewalt­los) /​ auf die Büh­ne geschlüpft war /​ um ihnen etwas zu sagen /​ über Gefan­ge­ne, da rief die­ses Publi­kum /​ nicht nur Nein und nicht nur nach Poli­zei /​ son­dern rief auch Tot­schie­ßen, Auf­hän­gen und Ver­ga­sen /​/​ Als die Demon­stran­ten ver­schüch­tert gegan­gen waren, erklär­te der frü­he­re Bür­ger­mei­ster von Ham­burg /…/ das Ver­hal­ten des Publi­kums sei ein erfreu­li­cher Sieg /​ der kämp­fe­ri­schen Demo­kra­tie über den Terror.«

Zu all die­sen Erschei­nun­gen, die die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung für nor­mal hält, stellt Fried in Zur Kennt­lich­keit in fünf Zei­len die Fra­ge nach wirk­li­cher Demo­kra­tie: »Ist eine Demo­kra­tie /​ in der man nicht sagen darf /​ dass sie kei­ne /​ wirk­li­che Demo­kra­tie ist /​ wirk­lich eine /​ wirk­li­che Demokratie?«

In sei­ner kri­ti­schen Wahr­neh­mung der BRD nimmt Fried Mili­ta­ri­sie­rung und Kriegs­vor­be­rei­tung als beäng­sti­gend wahr, beson­ders in den acht­zi­ger Jah­ren. So ent­larvt er in Sprach­re­ge­lung, den »Ver­tei­di­gungs­fall« als »tücki­schen Angriff«. Er schreibt: »Der Ver­tei­di­gungs­fall /​ ist der Fall /​ in dem nichts /​ zu ver­tei­di­gen /​ bleibt.« In Nein dan­ke? rich­tet Fried sich aber auch kri­tisch an die Anti-Atom­kraft­be­we­gung, die die Atom­waf­fen außer­acht lässt. Im knap­pen, aber prä­gnan­ten Gedicht zur Rüstung Sta­tus quo heißt es: »zur Zeit des Wett­rü­stens /​/​ Wer will /​ dass die Welt /​ so bleibt /​ wie sie ist /​ der will nicht /​ dass sie bleibt.«

Aber Fried hebt in sei­nem lyri­schen Werk auch die Bewe­gung gegen die auto­ri­tä­ren Ver­hält­nis­se her­vor und nennt nament­lich ent­spre­chen­de Per­so­nen oder wid­met ihnen Gedich­te. Sei­nem Kol­le­gen Peter-Paul Zahl setzt er mehr­mals ein Denk­mal. Zu den von ihm her­aus­ge­ho­be­nen Per­so­nen gehö­ren auch Fritz Bau­er, Bri­git­te Hein­rich, Paul-Ger­hard Hübsch, Ben­no Ohnes­org, Georg von Rauch oder Karl-Heinz Roth. Beson­ders bekannt ist Frieds län­ge­res Gedicht Für Rudi Dutsch­ke. Mit ihm war er nicht nur befreun­det, er ver­ehr­te ihn. Dutsch­ke erscheint als jemand, des­sen Frei­heits­be­wusst­sein sich mit »Güte und Lie­be« ver­band. »Denn der Kampf, der dein Gesicht und dein Herz hat­te /​ ist auch ein Kampf /​ um die Lie­be zu vie­len ohne Abgren­zun­gen und Gren­zen /​ Sonst wäre er für dich und das Den­ken an dich zu klein. /​ Der Kampf geht weiter.«

Es ist erstaun­lich, mit wel­chem Scharf­sinn Fried in sei­ner Lyrik Ent­wick­lung und Ver­hält­nis­se der Bun­des­re­pu­blik erfasst hat. Und der Kampf geht tat­säch­lich wei­ter, muss wei­ter­ge­hen. Denn vie­les, was Fried kri­ti­siert hat, ist auch über drei Jahr­zehn­te nach sei­nem Tod noch zu bekla­gen – man den­ke nur dar­an, dass die­ser Staat heu­te mit sei­nen Rüstungs­aus­ga­ben welt­weit auf Rang sie­ben liegt.