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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Als die Barbarei begann

Aus der Feder von Wil­li Her­zog (1901-1970), Leh­rer und Jour­na­list aus Dort­mund, Wider­stands­kämp­fer in Deutsch­land und Frank­reich, Ver­folg­ter des Nazi­re­gimes, stam­men auf­ge­fun­de­ne Doku­men­te. Dar­un­ter ein bemer­kens­wer­tes Zeug­nis des Kal­ten Krie­ges, ein Brief­wech­sel mit der Stadt Dortmund.

Die Stadt Dort­mund geneh­mig­te der VVN Dort­mund (damals noch ohne Zusatz BdA) in einem Brief an den Vor­sit­zen­den Wil­li Her­zog am 12. Sep­tem­ber 1952 eine Gedenk­fei­er vor dem Tat­ort eines Gesta­po-Mas­sa­kers, dem Forst­haus im Rom­berg­park zu »Ehren der Opfer des blu­ti­gen Kar­frei­tags 1945« mit den Auf­la­gen: Kei­nen geschlos­se­nen An- und Abmarsch vor­zu­neh­men, auf das Zei­gen von FDJ-Emble­men zu ver­zich­ten, kei­ne hoch- und lan­des­ver­rä­te­ri­schen Inhal­te zu zei­gen, in Reden nicht gegen Geset­ze zu ver­sto­ßen, in Stra­ßen kei­ne Zet­tel zu kle­ben – und dies alles gemäß Kon­troll­rats­ge­setz, Grund­ge­setz und »§1 Abs. 2 der Ver­ord­nung des Reichs­prä­si­den­ten zum Schut­ze des deut­schen Vol­kes vom 4.2.1933«.

Oder dies: Der Vor­sit­zen­de Rich­ter und Land­ge­richts­di­rek­tor Anton Rhein­län­der schreibt am 25. Juni 1953 an Wil­li Her­zog und droht ihm ein Straf­ver­fah­ren an. Rhein­län­der war 1946 Mit­be­grün­der der VVN Dort­mund und führ­te nun poli­ti­sche Pro­zes­se gegen VVN-Mit­glie­der, woge­gen die VVN Dort­mund pro­te­stiert hat­te. Den Pro­test­brief, in dem Rhein­län­der mit anti­fa­schi­sti­schen Äuße­run­gen von frü­her kon­fron­tiert wur­de, emp­fin­det er nun als beleidigend.

Sol­che dreist offe­nen Bekun­dun­gen aus der Zeit des Kal­ten Krie­ges fin­det man nicht oft. Beson­ders, dass noch 1952 eine Not­ver­ord­nung aus dem Febru­ar 1933 galt, ist bemerkenswert.

Vor 1933 betrieb Wil­li Her­zog gemein­sa­me Recher­chen mit Ber­nard von Bren­ta­no. Die Ergeb­nis­se flos­sen ein in Bren­ta­nos Buch mit dem pro­phe­ti­schen Titel »Der Beginn der Bar­ba­rei in Deutsch­land«, 1932 bei Rowohlt in Ber­lin erschienen.

Die Bar­ba­rei begann in der Tat lan­ge vor 1933. Man lese nur die Geschich­te der Frau, die im Okto­ber 1931 im Zug aus Stend­al in eine Män­ner­ge­sell­schaft von Stahl­hel­mern geriet. »Einer erzählt von Braun­schweig. ›Ja, ich war mit in Braun­schweig. Es war ein gro­ßer Erfolg für uns, nur in man­chen Stra­ßen hat sich die Bevöl­ke­rung sehr sch­ofel benom­men.‹ Sch­ofel ist gut. Es ist ein Tag nach der Beer­di­gung der Nazi­op­fer in Braun­schweig. Ich deu­te auf mei­ne Zei­tung und sage: ›Hier wird gera­de berich­tet von der Beer­di­gung der Opfer.‹ Jetzt wird der Mann leben­dig. ›Die Zei­tun­gen ver­het­zen bloß die Arbei­ter, aber wir wer­den es ihnen schon zei­gen. Wir haben in Braun­schweig fried­lich demon­striert, und dabei hat ein Arbei­ter (er sag­te Arbei­ter, nicht Kom­mu­nist) auf einen Mann von uns hin­ter­rücks mit dem Mes­ser ein­ge­sto­chen. Na, den haben wir gekriegt. Den haben wir buch­stäb­lich aus­ein­an­der­ge­ris­sen; wir haben ihm den Kopf ab- und Arme und Bei­ne aus­ge­ris­sen. Einen ande­ren haben wir ver­folgt, aber nicht mehr bekom­men, weil die Poli­zei kam. Mit dem hät­ten wir es genau­so gemacht.‹ Mir wur­de übel.«

Ob die Poli­zei dem Arbei­ter gehol­fen hät­te? Das ist frag­lich, liest man die Berich­te in dem Gemein­schafts­buch über die Rol­le der Poli­zei von Wei­mar. Sie ver­stand sich vor allem als bewaff­ne­ter Arm der herr­schen­den Klas­se gegen die Arbei­ter­be­we­gung. Dut­zen­de Zita­te aus Lehr­bü­chern und Fach­zei­tun­gen wie »Poli­zei­auf­ga­ben mit Lösun­gen« (Ber­lin 1927), »Alma­nach zum Poli­zei­ball« (Ber­lin 1926), »Die Poli­zei­pra­xis« (Jahr­gang 1930) bele­gen es. Bei­spiel für die Feind­schaft eines Groß­teils der Poli­zei gegen die Wei­ma­rer demo­kra­ti­sche Repu­blik: »Die Ver­ei­ni­gung der Poli­zei­of­fi­zie­re hat der ›B.Z. am Mit­tag‹ eine Mit­tei­lung zuge­hen las­sen, in der die Stel­lung der Her­ren dem repu­bli­ka­ni­schen Staat gegen­über prä­zi­siert ist: ‹Ich lie­be dich nicht, trotz­dem die­ne ich dir und neh­me von dir Stel­lung und Gehalt. Ja, ich erklä­re sogar, dass ich dei­ne Staats­form, auch unter Ein­satz des Lebens, ver­tei­di­gen will. Kor­rekt, nicht wahr? Nun aber bit­te kei­ne wei­te­ren Belä­sti­gun­gen oder gar Pro­pa­gan­da für die repu­bli­ka­ni­sche Staats­form machen und jün­ge­ren Kame­ra­den Vor­bild, Erzie­her sein, Lust und Lie­be zur Repu­blik wecken. Im Gegen­teil: Gesin­nungs­ge­nos­sen stär­ken, Schwan­ken­de stüt­zen, und bei Wah­len kann mir nie­mand in den Wahl­zet­tel gucken. Letz­ten Endes wird ja die Kar­re doch mal umge­wor­fen, und dann sind wir die gro­ßen Leute.«

Soll­te man den Nazis Auf­la­gen machen und ihnen Ver­bo­te ertei­len, so gel­te das, was in einer Akten­no­tiz von Staats­se­kre­tär Oberst von Bre­dow am 26. Juli 1932 fest­ge­hal­ten wur­de: »Sie kön­nen uns die größ­ten Stra­pa­zen auf­er­le­gen, sie kön­nen uns hun­gern las­sen, aber das Recht zur Rache las­sen wir uns von nie­mand neh­men, auch nicht von unse­rem Füh­rer!« (Hit­ler hat­te sich zur »Lega­li­tät« bekannt.)

Die Fra­ge der Bewaff­nung der Poli­zei war eine drän­gen­de. Stra­ßen­kampf per Stra­ßen­wa­gen für sechs Per­so­nen, Ein­satz von »ame­ri­ka­ni­schem Poli­zei­gas«, Schie­ßen vom Kraft­rad, »Ver­le­gung des Rück­wegs« – das sind so die The­men. Mit Lock­spit­zeln galt es zusam­men­zu­ar­bei­ten – das war nicht »moral­wid­rig«. Sodann Was­ser­wer­fer, Maschi­nen­ge­weh­re und -pisto­len, Hand­gra­na­ten, Leucht­pi­sto­len. Alles dabei. Bren­ta­no und Her­zog fas­sen zusam­men: »Die berit­te­nen Patrouil­len in den Quar­tie­ren der Arbei­ter erwecken den Ein­druck, als befän­de man sich in erober­tem Gebiet. Der Ein­druck ist rich­tig. Es han­delt sich dar­um, jeden Ver­such der Arbei­ter­schaft, ihre Lage zu ver­än­dern und zu ver­bes­sern, sofort zu ersticken.«

Bren­ta­no schil­dert ein Gespräch mit einem alten demo­kra­ti­schen Jour­na­li­sten, »der eine lei­ten­de Posi­ti­on in einer gro­ßen Zei­tung inne­hat­te« und vor dem Ersten Welt­krieg als Kor­re­spon­dent in Lon­don für eine Ber­li­ner Zei­tung tätig war. Man sprach über den 1. Mai 1929, »als man in Ber­lin einen Bür­ger­krieg insze­nier­te und in meh­re­ren Stra­ßen des Arbei­ter­vier­tels Pro­le­ten wie Hasen jag­te und abschoss«. Der alte Kol­le­ge sag­te: »Vor dem Krieg hät­te ein sol­ches Vor­ge­hen der Poli­zei zur sofor­ti­gen Revo­lu­ti­on geführt.« Bei Strei­k­un­ru­hen sei vor dem Krieg in Ber­lin ein­mal ein Arbei­ter getö­tet wor­den. Damals erreg­te es die Öffent­lich­keit in star­kem Maße. Nach Ber­lin muss­te der Kor­re­spon­dent stän­dig berich­ten, wie in Eng­land dar­über gedacht wur­de. Aber 1929 ging der Blut­mai fast ohne Auf­re­gung durch. Jedoch: Die Weltbühne the­ma­ti­sier­te das Ver­bre­chen und nann­te den Ver­ant­wort­li­chen, den SPD-Polizeipräsidenten.

Und heu­te? Die Poli­zei kennt vie­ler­orts nicht die Arbei­ter­klas­se als Feind. Aber die Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund sehr wohl. Und wie­der ging die Bewaff­nung der Poli­zei mit Tasern und Maschi­nen­pi­sto­len glatt durch, die in jedem Poli­zei­wa­gen mit­zu­füh­ren sind, In NRW ging dies auf eine Anord­nung von Innen­mi­ni­ster Her­bert Reul (CDU) zurück. Die­se Anord­nung konn­te nur als Auf­for­de­rung ange­se­hen wer­den, die­se Waf­fen auch ein­zu­set­zen. Und das geschah im August 2022 dann in der Dort­mun­der Nord­stadt. Ein 16-jäh­ri­ger Sene­ga­le­se wur­de mit Taser und MP erschos­sen. Demon­stran­ten wie­sen auf Schil­dern dar­auf hin, dass der­ar­ti­ges hun­dert­fach in Deutsch­land pas­siert. Nur – so sagen Exper­ten – in zwei Pro­zent der Fäl­le von töd­li­cher Poli­zei­ge­walt kommt es zur Ankla­ge. (In der Wei­ma­rer Zeit war es ähn­lich.) Dies geschieht nun end­lich auch in Dort­mund. Gegen fünf Schüt­zen mit Tasern und Maschi­nen­pi­sto­le wur­de Ankla­ge erho­ben, in einem Fall wegen Totschlags.

 Ber­nard von Bren­ta­no: Der Beginn der Bar­ba­rei in Deutsch­land, 1932, Rowohlt Ver­lag Berlin.