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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Norman Paech zum 85.

Fünf­und­acht­zig und kein biss­chen »lei­se«. Als wären so vie­le Lebens­jah­re »auf dem Buckel« nicht schon aner­ken­nens­wer­te Lebens­lei­stung genug. Nicht bei Nor­man Paech, der ein Arbeits­le­ben lang viel bewäl­tigt und bewegt hat und der gera­de in schwie­ri­gen Kri­sen- und Kriegs­zei­ten wie die­sen beson­ders gefor­dert ist. Ange­sichts des rus­si­schen Kriegs gegen die Ukrai­ne, den Nor­man Paech zwei­fel­frei als völ­ker­rechts­wid­rig qua­li­fi­ziert, ist sei­ne Exper­ti­se beson­ders wich­tig: weil sie eine dees­ka­lie­ren­de, ver­hand­lungs­ori­en­tier­te frie­dens­po­li­ti­sche Gegen­po­si­ti­on zu den aller­mei­sten mei­nungs­bil­den­den Medi­en und Par­tei­en bezieht und weil sie deren »auf Sieg pro­gram­mier­ter Kriegs­lo­gik« widerspricht.

Gera­de für sol­che begrün­de­ten, im öffent­li­chen Dis­kurs so häu­fig miss­ach­te­ten Gegen­po­si­tio­nen wür­di­gen wir Nor­man Paech anläss­lich sei­nes 85. Geburts­tags, den er in die­sem Monat fei­ert. Der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor für Öffent­li­ches Recht und Völ­ker­recht an der Ham­bur­ger Hoch­schu­le für Wirt­schaft und Poli­tik (HWP) war und ist nicht nur Theo­re­ti­ker des Völ­ker­rechts mit inter­es­san­ten For­schun­gen und wich­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen – nein, er ist auch cou­ra­gier­ter »Prak­ti­ker« des Völ­ker­rechts, der das Völ­ker­ver­bin­den­de sucht und völ­ker- und men­schen­rechts­wid­ri­ge Zustän­de und Ent­wick­lun­gen in aller Welt erfahr­bar macht und anpran­gert. Dazu ver­ließ er immer wie­der Schreib­tisch und Lehr­stuhl und damit den legen­dä­ren aka­de­mi­schen Elfen­bein­turm. Oder anders aus­ge­drückt: Er steigt hin­ab vom Men­schen­rechts­him­mel in die Nie­de­run­gen der Völ­ker­rechts- und Men­schen­rechts­rea­li­tät, er taucht mit sei­nen rechts­po­li­ti­schen Inter­ven­tio­nen voll hin­ein in völ­ker­recht­li­che Kon­flik­te, hin­ein in Gefah­ren und Wider­nis­se vor Ort, die anson­sten immer wie­der aus dem öffent­li­chen Fokus ver­schwin­den – ob in Afri­ka, Asi­en, Latein­ame­ri­ka, Euro­pa, im Nahen und Mitt­le­ren Osten. So etwa im Palä­sti­na-Isra­el­kon­flikt – jen­seits der regie­rungs­amt­li­chen »Staats­rä­son«, oder in der Tür­kei – in Oppo­si­ti­on zur west­li­chen Nato-Dop­pel­mo­ral, oder in Syri­en, Irak und Kurdistan.

Eine sol­che Wür­di­gung des viel­fäl­ti­gen Wir­kens von Nor­man Paech fin­det sich bereits in einer Lau­da­tio, die ich Ende 2019 anläss­lich einer Preis­ver­lei­hung im Köl­ner Muse­um Lud­wig vor­ge­tra­gen habe. Das Netz­werk kur­di­scher Akademiker:innen ehr­te ihn mit die­sem Preis für sein Enga­ge­ment zugun­sten der kur­di­schen Befrei­ungs­be­we­gung – mit den Zie­len einer fried­li­chen und gerech­ten Lösung der kur­di­schen Fra­ge in der Tür­kei sowie einer Ent­kri­mi­na­li­sie­rung kur­di­scher Aktivist:innen, Orga­ni­sa­tio­nen und Medi­en hier­zu­lan­de und in der Euro­päi­schen Uni­on. Auch als Abge­ord­ne­ter und außen­po­li­ti­scher Spre­cher der Frak­ti­on Die Lin­ke im Bun­des­tag von 2005 bis 2009 hat er dafür gestritten.

Nor­man Paech hat immer wie­der an Men­schen­rechts­de­le­ga­tio­nen u.a. in hier­zu­lan­de mehr oder weni­ger ver­dräng­ten Kri­sen- und auch Kriegs­ge­bie­ten teil­ge­nom­men und sich dabei nicht uner­heb­li­chen Gefah­ren aus­ge­setzt. Ein­mal, es war 2005, waren wir auch gemein­sam mit einer inter­na­tio­na­len Juri­sten­de­le­ga­ti­on in Istan­bul und Anka­ra unter­wegs, um die Men­schen­rechts­ent­wick­lung im Zusam­men­hang mit einem mög­li­chen EU-Bei­tritt der Tür­kei zu eru­ie­ren. Damals ist mir Norm­ans natür­li­che Auto­ri­tät und sein sou­ve­rä­nes Ver­hal­ten ange­nehm auf­ge­fal­len, auch in schwie­ri­gen Situa­tio­nen und Begeg­nun­gen. Paech initi­ier­te und betei­lig­te sich auch an Straf­an­zei­gen nach dem Völ­ker­straf­recht, wie 2016 gegen den tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Erdoğan und gegen wei­te­re Ver­ant­wort­li­che der tür­ki­schen Regie­rung, der Sicher­heits­or­ga­ne und des Mili­tärs wegen Kriegs­ver­bre­chen und Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit. Auch als Sach­ver­stän­di­ger und Gut­ach­ter in diver­sen Gerichts­ver­fah­ren ver­such­te er, sei­ne »abwei­chen­de« Sicht ein­zu­brin­gen; und schließ­lich war er auch noch einer jener Rich­ter des Inter­na­tio­na­len – nicht-staat­li­chen – Tri­bu­nals der Völ­ker (»Per­ma­nent peo­p­les tri­bu­nal on the Tur­key and the Kurds«) in Paris, das 2018 über die tür­ki­schen Kriegs­ver­bre­chen und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen gegen­über der kur­di­schen Bevöl­ke­rung rich­ten soll­te. Das Tri­bu­nal hat die Tür­kei und ihren Prä­si­den­ten Erdoğan schließ­lich im Mai 2018 für sol­che Kriegs- und Staats­ver­bre­chen ver­ant­wort­lich gemacht. Das Urteil ist ein auf­schluss­rei­ches und erschüt­tern­des Doku­ment über tür­ki­sche Ver­bre­chen, Mas­sa­ker an Zivi­li­sten, Mas­sen­ver­trei­bun­gen und Zer­stö­run­gen von Städten.

Das wis­sen­schaft­lich-theo­re­ti­sche Fun­da­ment der poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten und Inter­ven­tio­nen Nor­man Paechs lie­fern sei­ne zahl­rei­chen Bücher, so u. a. »Men­schen­rech­te. Geschich­te und Gegen­wart – Anspruch und Rea­li­tät« (2019) sowie, zusam­men mit sei­nem inzwi­schen ver­stor­be­nen Bre­mer Kol­le­gen und Freund Ger­hard Stu­by, das Stan­dard­werk »Völ­ker­recht und Macht­po­li­tik in den inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen« (akt. Aus­ga­be 2013). Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Lud­wig Watz­al hat die Bedeu­tung des Werks und sei­ner Ver­fas­ser so auf den Punkt gebracht: »Bei­de Autoren gehö­ren zu einer aus­ster­ben­den Spe­zi­es, die Fach­wis­sen mit kri­tisch-gesell­schaft­li­chem Enga­ge­ment ver­bin­den und dies auch noch ver­ständ­lich ver­mit­teln kön­nen. Ein Stan­dard­werk, das den euro­zen­tri­schen Blick­win­kel der herr­schen­den Völ­ker­rechts­leh­re zugun­sten einer Per­spek­ti­ve über­wun­den hat, die die gesell­schaft­li­chen Kräf­te der Deko­lo­ni­sie­rung mit­re­flek­tiert. Beson­ders her­vor­zu­he­ben ist der Abschnitt zum legi­ti­men Recht auf Wider­stand gegen­über Kolo­nia­lis­mus, Neo-Kolo­nia­lis­mus und Unter­drückung. Die­ser Wider­stand wird zuneh­mend als Ter­ror dif­fa­miert« (Das Par­la­ment).

Die­se Buch­kri­tik fasst gut zusam­men, was Nor­man Paechs unge­wöhn­li­cher Drei­klang aus wis­sen­schaft­li­cher For­schung, recht­li­cher Exper­ti­se und poli­ti­scher Pra­xis kenn­zeich­net. Tat­säch­lich inter­es­siert ihn in erster Linie die inter­na­tio­na­le Per­spek­ti­ve des Rechts, der Min­der­hei­ten­schutz und das Recht der Völ­ker auf Selbst­be­stim­mung, Frie­den und Ent­wick­lung. Initi­al­zün­dung dafür waren für ihn und sei­ne Posi­tio­nie­rung der Viet­nam­krieg, der Palä­sti­na-Isra­el-Kon­flikt und die anti­ko­lo­nia­len Krie­ge der 1960er Jah­re in Afri­ka. In den letz­ten Jahr­zehn­ten übte er – gegen alle Kriegs­pro­pa­gan­da hier­zu­lan­de – u. a. schar­fe Kri­tik am Nato-Krieg gegen Jugo­sla­wi­en (1999) als kla­ren Bruch des Völ­ker­rechts, und spä­ter am US- und Nato-Krieg in Afgha­ni­stan (2001-2021) sowie am völ­ker­rechts­wid­ri­gen US-Krieg gegen den Irak (2003-2011) mit Hun­dert­tau­sen­den von Todes­op­fern und lang­fri­stig desa­strö­sen Fol­gen im Mitt­le­ren Osten. Bis heu­te sind die­se Völ­ker­rechts- und Kriegs­ver­bre­chen der west­li­chen Welt, des »Ver­tei­di­gungs­bünd­nis­ses« Nato und sei­ner Mit­glieds­staa­ten, der USA und ihrer »Koali­ti­on der Wil­li­gen« bekannt­lich nicht gesühnt: kei­ner der poli­tisch und mili­tä­risch Ver­ant­wort­li­chen ist je zur Rechen­schaft gezo­gen worden.

Das Schwer­ge­wicht sei­ner völ­ker- und men­schen­recht­li­chen Argu­men­ta­ti­on und Inten­tio­nen hat Nor­man Paech kon­se­quent auf Ver­stän­di­gungs- und Frie­dens­po­li­tik, Dees­ka­la­ti­on und akti­ve Ver­hand­lungs­di­plo­ma­tie gelegt; und er hat sich klar gegen Mili­ta­ri­sie­rung, staat­li­che Auf­rü­stung und ris­kan­te Eska­la­ti­ons­po­li­tik posi­tio­niert, wie wir sie der­zeit rund um den Krieg Russ­lands gegen die Ukrai­ne als qua­si »alter­na­tiv­los« erle­ben müs­sen. Für sei­ne völ­ker­recht­li­chen Gegen­po­si­tio­nen zur Regie­rungs­po­li­tik und zum herr­schen­den Dis­kurs hat Nor­man Paech nicht nur Aner­ken­nung und Lob geern­tet, son­dern viel­fach auch hef­ti­ge Kri­tik bis hin zu Dif­fa­mie­run­gen wie Putin- oder Ter­ror­ver­ste­her, aber auch Anti­se­mi­tis­mus-Vor­wür­fe ertra­gen müs­sen. Dies hat ihn jedoch nicht davon abge­hal­ten, auch wei­ter­hin har­te öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu füh­ren und aus­zu­hal­ten – trotz nicht sel­ten kolos­sa­ler Zumu­tun­gen und bös­ar­ti­ger Attacken.

Umso mehr: Herz­li­chen Glück­wunsch, lie­ber Nor­man Paech, und alle erdenk­lich guten Wün­sche zum 85. Geburts­tag. Und auf wei­te­re erkennt­nis­rei­che Arti­kel – unter ande­rem in Ossietzky.

Hier sind Nor­man Paechs aktu­el­le und auch älte­re Schrif­ten zu fin­den: http://www.norman-paech.de/