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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ameisen & Möpse

»Der Jude kann über­haupt in nichts, was das deut­sche Leben anbe­trifft, weder im Guten noch im Bösen, eine schöp­fe­ri­sche Rol­le spie­len« (Ernst Jün­ger: »Über Natio­na­lis­mus und Juden­fra­ge«, Süd­deut­scheMonats­hef­te 9/​1930). Nach Able­ben des knapp »Tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches«, spä­te­stens seit 1949, moch­te Jün­ger, ein Mei­ster der humor­lo­sen Selbst­in­sze­nie­rung, natür­lich nicht mehr als ein hirn­lo­ser, dumm­schwät­zi­ger Anti­se­mit gel­ten – eine weit­ver­brei­te­te Hal­tung im BRD-Wirt­schafts­wun­der­land der Täter­schwei­ge­zeit. Opfer müs­sen ohne­hin stets für sich selbst spre­chen, außer es sti­li­sie­ren sich Täter in einer nach­träg­li­chen Denk­spi­ra­le zu Opfern und tra­gen fort­an Lei­dens­mi­nen. Also: Kein Wort kam mehr aus der Stahl­fe­der über »Assi­mi­la­ti­ons- und Zivi­li­sa­ti­ons­ju­den« und deren »end­lo­ses Feuil­le­ton­ge­schwätz« (Ori­gi­nal­ton Ernst Jün­ger). Die Juden, die er in den 1930er Jah­ren noch zu »Amei­sen, Bak­te­ri­en, Kei­men« zähl­te und die ihm »Geschmeiß« waren.

Damit steht der 1895 gebo­re­ne Jün­ger nicht allein. Chau­vi­ni­sti­sche und völ­kisch-ras­si­sti­sche Ansich­ten wer­den im reichs­deut­schen Intel­lek­tu­el­len­mi­lieu unüber­hör­bar for­mu­liert. Etwa vom lite­ra­risch anti­mo­der­nen und 1875 gebo­re­nen Dich­ter Frei­herr Bör­ries von Münch­hau­sen, der an den ehe­ma­li­gen Mit­schü­ler am Goe­the-Gym­na­si­um in Han­no­ver, den Juri­sten und Schrift­stel­ler Sam­my Gro­n­e­mann, noch weit vor 1933 schreibt: »Sie sind David­stern­ler, ich bin gewiss kein Haken­kreuz­ler, aber doch wer­den Sie begrei­fen, dass es mir als deut­schem Schrift­stel­ler pein­lich ist, wenn in der deut­schen Lite­ra­tur Juden eine füh­ren­de Stel­lung inne­ha­ben, aber das könn­te noch ange­hen. Was für mich schlicht­hin uner­träg­lich ist, ist, dass sie die­se Stel­lung zu Recht inne­ha­ben« (Sam­my Gro­n­e­mann: »Erin­ne­run­gen«, Ber­lin 2002, 2004)

Ein schi­zo­phre­ner Befund des in den Denk­mu­stern des Natio­nal­so­zia­lis­mus doch früh und tief ver­strick­ten Poe­ten, und er voll­zieht nichts ande­res als der zeit­wei­lig in Han­no­ver-Kirch­horst behei­ma­te­te Ernst Jün­ger wenig spä­ter in den Süd­deut­schenMonats­hef­ten. Auch der Bal­la­den­dich­ter Münch­hau­sen lässt an sei­ner Gesin­nung kei­nen Zwei­fel auf­kom­men, bil­der­reich über­trumpft er Jün­ger noch, der eben­falls das Goe­the-Gym­na­si­um in Han­no­ver besucht hat­te. Münch­hau­sen: »Wenn Adel einen Sinn und Wert haben soll, der über die äußer­li­che Namens­ver­zie­rung hin­aus­geht, so kann es nur dies sein: Men­schen­züch­tung. (…) Eine Kreu­zung von Mops und Dackel ergibt immer nur ein Mist­vieh und zer­stört somit gleich­zei­tig die Stäm­me bei­der rein­ge­züch­te­ter Eltern. Eine Ehe zwi­schen Ari­ern und Juden ergibt immer einen Bastard, der den Sprung, den Riss, im Äuße­ren und Innern, in Spra­che und Bewe­gung, in Geist und See­le, in Sitt­lich­keit und Den­ken nie los­wird. Der rei­ne jüdi­sche Stamm ist durch die Misch­ehe eben­so auf Geschlech­ter hin­aus ver­nich­tet, wie der rei­ne blau-blon­de Stamm« (Bör­ries von Münch­hau­sen: »Adel und Ras­se«, 1924).

Doch der Dich­ter kann noch kür­zer: »Die deut­sche See­le stirbt, der Jude ist ihr Mör­der«, schreibt er sich in »Vom Ster­be­bett der deut­schen See­le« (1926) von der See­le. Münch­hau­sen erhält 1922 den Schil­ler­preis, wird im Mai 1933 in die preu­ßi­sche Aka­de­mie der Kün­ste beru­fen, unter­schreibt im Okto­ber 1933 mit 88 wei­te­ren Schrift­stel­lern das Gelöb­nis treue­ster Gefolg­schaft für den Füh­rer, schlägt 1936 vor, den Juden die deut­schen (Tarn-)Namen weg­zu­neh­men, so wären sie bes­ser zu erken­nen, wird 1944 in die Liste der »Gott­be­gna­de­ten« Künst­ler auf­ge­nom­men, einer Liste des Reichs­pro­pa­gan­da­mi­ni­ste­ri­ums, und nimmt sich am 16. März 1945, vier Tage vor sei­nem 71. Geburts­tag, beim Her­an­na­hen der alli­ier­ten Trup­pen mit einer Über­do­sis Schlaf­ta­blet­ten das Leben.

1998 stirbt Ernst Jün­ger eines natür­li­chen Todes. Zu früh, der Ein­hun­dert­drei­jäh­ri­ge hät­te gern über sich geschrie­ben gele­sen, er sei der ein­zi­ge Schrift­stel­ler, der in drei Jahr­hun­der­ten gelebt hat.

Post­skrip­tum

Paul Celan notier­te ein­mal, ohne Ernst Jün­ger oder Mar­tin Hei­deg­ger nament­lich zu nen­nen: »Noch die ›Besten‹ wol­len den Juden (der ja nichts anders als eine Gestalt des Mensch­li­chen, aber immer­hin eine Gestalt ist) als Per­son, als Sub­jekt nicht wahr­ha­ben« Paul Celan: »Mikro­li­then« (31).

Jüngst erschien von Oskar Ansull das Buch »Papier­strei­fen«, Wehr­hahn Ver­lag, Han­no­ver 2020, 240 Sei­ten, 22 €.