Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Protect me from what I want

Was immer uns tat­säch­lich oder ver­meint­lich gut­tut, was uns schmeckt oder schmückt, was uns ehrt oder Aner­ken­nung ver­schafft, davon wol­len wir mehr, jeden­falls die mei­sten von uns, und zwar mög­lichst sofort, ohne Auf­schub. Dabei bringt uns die­ses Mehr ab einem bestimm­ten Punkt in Wahr­heit gar kei­nen zusätz­li­chen Nut­zen mehr ein, ver­ur­sacht aber natür­lich exter­ne Kosten – sei­en es Roh­stoff- oder Ener­gie­ko­sten bei­spiels­wei­se –, die wir aus­blen­den oder gering­schät­zen. Mehr! Immer mehr! Wei­ter, immer weiter.

Ein sol­ches Fort­schrei­ten, das kein Ziel kennt, wird zum rasen­den Still­stand. Effi­zi­enz- wie Ren­di­te­jä­ger, die uns ewi­ges Wachs­tum pre­di­gen und am Ende nur mehr ver­wü­ste­tes Gelän­de hin­ter­las­sen – öko­lo­gisch, sozi­al, psy­cho­lo­gisch und auch wirt­schaft­lich –, haben jedes Maß ver­lo­ren. Und wir in man­cher Hin­sicht mit ihnen.

»Pro­tect me from what I want«, möch­te man da aus­ru­fen. Sol­ches Hilfs­be­geh­ren, wie es schon Mit­te der 1980er Jah­re von der Kon­zept­künst­le­rin Jen­ny Hol­zer for­mu­liert und um die Jahr­tau­send­wen­de von der Grup­pe Pla­ce­bo zu einem Song ver­ar­bei­tet wur­de, bringt es ganz wun­der­bar auf den Punkt: Die ver­hee­ren­de Stei­ge­rungs­lo­gik unse­res Lebens und Wirt­schaf­tens ver­dankt sich nicht nur sini­stren Geschäf­te­ma­chern, die uns jeden Dreck für Gold ver­kau­fen. Sie ist auch nicht aus­schließ­lich einem irgend­wie zen­tral gelenk­ten kapi­ta­li­sti­schen Räder­werk anzu­la­sten, das die Gesell­schaf­ten und Staa­ten zu beherr­schen trach­tet. Nein, der Treib­stoff all des­sen, das hat spä­te­stens das Inter­net bis zur Kennt­lich­keit deut­lich wer­den las­sen, sind wir, unse­re Wün­sche und Fan­ta­sien. Und es wäre in vie­ler­lei Hin­sicht tat­säch­lich bes­ser, wenn uns jemand oder etwas vor den eige­nen Begehr­lich­kei­ten schüt­zen würde.

Das ist natür­lich kei­ne ernst­ge­mein­te For­de­rung, aber als Gedan­ken­spiel durch­aus erkennt­nis­för­dernd. Der Kapi­ta­lis­mus hat bekannt­lich sei­nen Anfang genom­men, als die Men­schen anfin­gen, Zäu­ne zu bau­en – so Jean-Jac­ques Rous­se­au in sei­ner Schrift »Dis­kurs über die Ungleich­heit« (18. Jahr­hun­dert). War­um die Men­schen anfin­gen, Zäu­ne zu bau­en, lässt sich also schwer­lich aus der dar­auf beru­hen­den Wirt­schafts­wei­se her­lei­ten. Das ist den Leu­ten offen­bar ganz von allein ein­ge­fal­len. Auch die Kapi­tal­eig­ner von heu­te sind nicht zuletzt unse­re Schöpfung.

Die Auto­mo­bil­kon­zer­ne ver­kau­fen Stadt­ge­län­de­wa­gen, die zwar nie­mand braucht, die aber offen­bar bei Käu­fe­rin­nen und Käu­fern einen Man­gel kurie­ren, den sie viel­leicht spü­ren, aber nicht benen­nen kön­nen; das Inter­net ist in sei­nen Anfän­gen ganz maß­geb­lich durch Sex-Ange­bo­te groß­ge­wor­den; Dating-Dien­ste gehö­ren zu den am mei­sten besuch­ten Online-Platt­for­men; Goog­le, Face­book, Twit­ter & Co. sind sozia­le Wunsch­ma­schi­nen, die von Freund­schaft, Gemein­schaft und Teil­ha­be träu­men las­sen und von ihren Nut­zern nicht ein­mal Geld ver­lan­gen, son­dern sie nichts wei­ter als Zeit »kosten«, dar­über aber als »Kapi­tal« eine Wer­be- und besorg­nis­er­re­gen­de Daten­macht ent­fal­ten, die ihres­glei­chen sucht; etli­che »Ver­gleichs­por­ta­le« und tau­sen­de Online­shops, mit Ama­zon an der unan­ge­foch­te­nen Spit­ze, bie­ten mir heu­te nahe­zu täg­lich Dien­ste und Pro­duk­te an, von deren Exi­stenz ich bis dato nicht die gering­ste Ahnung hat­te und die in Anspruch zu neh­men mir von allein nie in den Sinn gekom­men wäre.

Das Irre ist: Es funk­tio­niert. Wir machen in gro­ßer Zahl mit. Wir kau­fen und klicken mil­li­ar­den­fach. Ich kann mich da selbst gar nicht aus­neh­men, obwohl ich sicher alles ande­re als ein »digi­tal nati­ve« bin. Aber auch ich fra­ge mich manch­mal – nach­träg­lich –, war­um ich das Buch jetzt bei Ama­zon und nicht beim Buch­händ­ler um die Ecke bestellt habe. Weil es ein­fa­cher ist, beque­mer ist, weil es schnel­ler geht? Schö­ner ist es in kei­nem Fall, weil der Besuch der Buch­hand­lung nicht nur »sinn­li­cher«, son­dern auch sozi­al »wert­vol­ler« gewe­sen wäre; min­de­stens ein kur­zes Gespräch ist dort obligatorisch.

Aber sol­cher »Wert« scheint im Rasen der Gegen­wart zuneh­mend zu ver­blas­sen. Ich emp­fan­ge einen Reiz (Buch­emp­feh­lung), der Reiz erzeugt einen Wunsch (Buch­kauf), und die­ser Wunsch löst eine sofor­ti­ge Reak­ti­on aus. »Eins, zwei, meins.« Ganz ein­fach, ganz schnell. Ohne Beden­ken. Ich will es, ich kann es. Also mache ich es. Aber so etwas, wie gedan­ken­ver­lo­ren auch immer, zu tun und mit dem näch­sten Atem­zug auf die Inter­net-Rie­sen, die Dis­coun­ter, die Pau­schal­rei­sen-Anbie­ter, die Agrar- und Auto­mo­bil­kon­zer­ne zu schimp­fen, weil sie die Welt zu einem unwirt­li­chen Ort machen, ist nicht wirk­lich schlüs­sig. Solan­ge das eige­ne Han­deln dem eige­nen Den­ken zuwi­der­läuft, bleibt es wahn­sin­nig schwer, viel­leicht aus­sichts­los, die Din­ge zum Bes­se­ren zu wenden.

Immer­hin scheint sich die­se Erkennt­nis lang­sam zu ver­brei­ten. Inter­es­san­ter- und auch über­ra­schen­der­wei­se Wei­se begin­nen vor allem jun­ge Leu­te, die ja, zumin­dest in den rei­chen Indu­strie­län­dern, ohne nen­nens­wer­te Man­gel­erfah­run­gen auf­ge­wach­sen sind, zu begrei­fen, dass die schnel­le Befrie­di­gung ins­be­son­de­re der vie­len durch Rekla­me geweck­ten Begehr­lich­kei­ten mit Bedürf­nis­er­fül­lung rein gar nichts zu tun hat. Denn obwohl so vie­le ihrer Wün­sche stets erfüllt wur­den, blei­ben sie irgend­wie bedürf­tig, emp­fin­den eine Unzu­frie­den­heit, die sie sich schwer erklä­ren kön­nen, manch­mal sogar einen Zorn, der sie ohne erkenn­ba­ren Anlass aggres­siv wer­den lässt. Etwas stimmt nicht, sowohl mit ihnen wie auch mit der soge­nann­ten Rea­li­tät, in der als »nor­mal« gilt, was ein zumeist begriffs­lo­ses Lei­den verursacht.

So sind die heu­te Jugend­li­chen und jun­gen Erwach­se­nen zwar mit den elek­tro­ni­schen Medi­en wie selbst­ver­ständ­lich auf­ge­wach­sen und wis­sen mit ihnen ent­spre­chend umzu­ge­hen, ste­hen den »Seg­nun­gen« der Tech­nik wie der Wirt­schaft aber zuneh­mend skep­tisch gegen­über. Vie­le neh­men, völ­lig zu Recht, nun auch die von Tech­nik und Wirt­schaft ver­ur­sach­ten Kosten in den Blick und hin­ter­fra­gen deren Domi­nanz, ver­ord­nen sich eine Online-Diät, blockie­ren den Ver­kehr, ernäh­ren sich vegan. Sie erken­nen intui­tiv, dass sie weder als Kon­su­ment noch als User gebo­ren wur­den, son­dern Bedürf­nis­se haben, die mit Pro­duk­ten, Dien­sten oder Apps nicht zu befrie­di­gen sind. Sol­che Skep­sis ist einer­seits ganz wun­der­bar, sie setzt jedoch ande­rer­seits Such­be­we­gun­gen in Gang, die oft­mals selt­sam wider­sprüch­lich anmuten.

In Frank­reich gin­gen die soge­nann­ten Gelb­we­sten auf die Stra­ße, weil die Regie­rung zur Finan­zie­rung und Durch­set­zung der Ener­gie­wen­de alle fos­si­len Kraft­stof­fe höher besteu­ern woll­te; ja, im Ver­lauf der Pro­te­ste sind wei­te­re, sehr berech­tig­te For­de­run­gen, etwa hin­sicht­lich der Alters­vor­sor­ge, dazu­ge­kom­men, aber der Aus­gangs­punkt waren die Sprit­prei­se. Umwelt­schüt­zer kla­gen gegen Wind­kraft­be­trei­ber, weil die Roto­ren eine Gefahr für Schwarz­stör­che oder Fle­der­mäu­se dar­stell­ten. Buch­lieb­ha­ber und Leser kau­fen ihre Bücher inzwi­schen mehr­heit­lich bei den gro­ßen Buch-Ket­ten oder gleich im Inter­net und bekla­gen den Nie­der­gang des klei­nen Sor­ti­ments­buch­han­dels. Ich könn­te die Auf­zäh­lung noch eine gan­ze Wei­le fortsetzen.

Sol­che inter­nen und exter­nen Wider­sprü­che machen uns, unser Unbe­ha­gen an der Gegen­wart mani­pu­lier­bar. Das Pro­blem besteht dar­in, dass jeder, der ver­än­dernd wirk­sam wer­den will, hier­bei immer auch die eige­nen Belan­ge im Auge behal­ten, also bei sich sel­ber anset­zen muss. Die mei­sten ver­blei­ben dann aber auch genau dort, bei sich selbst. Auf eine sau­be­re Umwelt als anzu­stre­ben­den Wert kön­nen sich vie­le heu­te ver­mut­lich leicht eini­gen, aber die Ziel­er­rei­chung, sie­he das Wind­kraft-Bei­spiel, ist umstrit­ten. Ande­re Wer­te, wie etwa Gerech­tig­keit oder ein soli­da­ri­sches Mit­ein­an­der sind viel­leicht abstrakt eini­gungs­fä­hig, kon­kret aber schwer zu fas­sen, weil sie sich in der Rea­li­tät auf viel­fa­che Wei­se und zum Teil wider­sprüch­lich über­la­gern und weil sie bei­spiels­wei­se im »Markt­ge­sche­hen« prak­tisch nicht vor­kom­men. In Pro­duk­ti­on und Kon­sum­ti­on herrscht Wett­be­werb, jeder ist des Ande­ren Kon­kur­rent, von soli­da­ri­schem Mit­ein­an­der kei­ne Spur. Immer­hin erzeugt sol­che Nicht­be­ach­tung aber noch Phan­tom­schmer­zen, zu deren Lin­de­rung nun jedoch all­zu oft die fal­schen The­ra­pien ange­bo­ten und lei­der auch ange­nom­men werden.

Sol­cher Phan­tom­schmerz äußert sich als dif­fu­ses Unbe­ha­gen an dem, was ist und wie es ist. Es ist ein Man­gel­ge­fühl, das psy­chi­sche und psy­cho­so­ma­ti­sche Lei­den – Stress, Depres­sio­nen, Burn-out – zu einem Mas­sen­phä­no­men gemacht hat. Was im vor­ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert, in den auto­ri­tä­ren Zei­ten stren­ger Ge- und Ver­bo­te, die Neu­ro­sen waren, das sind in unse­rer Gegen­wart des »anything goes« die mehr oder min­der schwe­ren Depres­sio­nen, das »erschöpf­te Selbst«, das von kei­nen stren­gen Kon­ven­tio­nen mehr sei­nen Platz zuge­wie­sen bekommt. Wir sind heu­te gezwun­gen, uns per­ma­nent selbst zu »erfin­den«. Für Men­schen, die Ori­en­tie­rung und Halt, min­de­stens Leit­plan­ken suchen, ist die libe­ra­le Gesell­schaft eine Zumu­tung. Ein biss­chen Unfrei­heit könn­te da schon für Ent­la­stung sor­gen – und die­ser zumeist unein­ge­stan­de­ne Wunsch lässt dann gern den Ruf nach einer star­ken »Füh­rung« ertö­nen. Aber wor­in die­ser Kin­der­wunsch mün­det, soll­ten wir wissen.

Ja, schön wärs, wenn’s schö­ner wär. Das pas­siert aber nicht von selbst. Und hier­bei stets auf frem­de Hil­fe zu hof­fen – Gre­ta oder die Grü­nen oder die Lin­ken werden’s schon rich­ten –, ist kin­disch. Um etwas »Schö­ne­res«, viel­leicht sogar einen »System­wech­sel« zu errei­chen, ist wün­schen nicht genug. Ohne eige­ne Ver­än­de­run­gen, ohne zu han­deln, wird das nix.