Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Spinnen die Römer?

Nein, sie spin­nen nicht, die Römer. Auch wenn das, was sich in den letz­ten Wochen in Ita­li­en vor den ver­ständ­nis­lo­sen bis ent­setz­ten Augen der Bevöl­ke­rung bereits seit Dezem­ber abspiel­te, die­sen Ein­druck euro­pa­weit ver­brei­tet haben mag. Doch das, was Mit­te Janu­ar zu dem unver­ant­wort­li­chen Ver­hal­ten eines macht­be­ses­se­nen ehe­ma­li­gen Regie­rungs­chefs geführt hat, ist inzwi­schen anhand des nun abseh­ba­ren Epi­logs die­ser vom Zaun gebro­che­nen Regie­rungs­kri­se deut­lich geworden:

Wie­der ein­mal soll eine Regie­rung, die nicht dem maxi­ma­len Kapi­tal­in­ter­es­se ent­sprach, ein­fach abge­löst wer­den durch einen »tec­ni­co«, einen Fach­mann, der in die­sem Fall aber kei­ne Spar­po­li­tik durch­set­zen wird (wie zuletzt 2011 Mario Mon­ti), son­dern im Gegen­teil, die dem Land von der EU zuge­spro­che­nen Schul­den-Mil­li­ar­den »sinn­voll« aus­ge­ben soll. Ein Unter­schied, mit dem sich die mei­sten derer trö­sten, die die Demo­kra­tie wei­ter geschwächt sehen, denn es sind nun schon fast zehn Jah­re, dass die Ita­lie­ner mit »von oben« ein­ge­setz­ten Regie­rungs­chefs über­rascht werden.

Die Regie­rung Con­te II, deren hete­ro­ge­ne Kom­po­nen­ten – die Demo­kra­ten (PD) und die 5-Ster­ne-Bewe­gung (M5S), die Rest­lin­ken (LeU) und die Ren­zi-Abspal­tung von der PD Ita­lia Viva (IV) – durch den Mini­ster­prä­si­den­ten Giu­sep­pe Con­te seit Sep­tem­ber 2019 mit viel Geduld und eini­gem Geschick zusam­men­ge­hal­ten wor­den waren, hat­te das weit­ge­hend unvor­be­rei­te­te Land eini­ger­ma­ßen bedacht durch die Pan­de­mie-Kri­se geführt. Wofür gut 60 Pro­zent der Ita­lie­ner ihrem Regie­rungs­chef durch­aus dank­bar waren.

Aber Con­tes Regie­rung bot nun nach Mei­nung der »pote­ri for­ti« kei­ne genü­gen­de Garan­tie für eine neo­li­be­ral ori­en­tier­te Inve­sti­ti­ons­po­li­tik für die erwar­te­ten Coro­na-Hilfs­gel­der (mehr als 200 Mrd. €), die hier wie ein neu­er Mar­schall­plan her­bei­ge­sehnt wer­den, der Ita­li­en aus allem Elend erlö­sen soll. Das Argu­ment feh­len­der Fach-Kom­pe­ten­zen kam ins Spiel, aber vor allem soll­ten die noch immer als poli­ti­sche Außen­sei­ter gel­ten­den 5-Ster­ne nicht an die Fleisch­töp­fe gelan­gen. Die Bewe­gung M5S ist zwar nicht »links« im tra­di­tio­nel­len Sin­ne, gilt aber weit­hin als unbe­re­chen­bar, hat­te sie doch inzwi­schen eine mini­ma­le Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung (red­di­to di citta­di­nan­za) und eine klei­ne Mil­de­rung (Quo­ta 100) der 2011 erfolg­ten bru­ta­len Ren­ten­kür­zung durch­set­zen kön­nen. Wei­te­re Ver­än­de­run­gen im Gesund­heits- und Bil­dungs­we­sen sowie bei der Infra­struk­tur waren schon ange­kün­digt, eben­so eine ent­schie­de­ne­re Umwelt- und eine freund­li­che­re Aus­län­der­po­li­tik sowie vor allem eine Stär­kung des öffent­li­chen Sek­tors gegen­über dem pri­va­ten. Das ist durch­aus umstrit­ten, eben­so wie die von Außen­mi­ni­ster Di Maio 2018 durch­ge­setz­te Chi­na-freund­li­che Poli­tik, die Ita­li­en als erstes EU-Land in die Sei­den­stra­ßen-Pla­nung ein­bin­det – ein Dorn im Auge des US- und EU-Establishments.

Die gro­ßen Medi­en und die ver­sam­mel­te Rech­te (Lega, For­za Ita­lia (FI) und Fra­tel­li d’Italia (FdI)) mach­ten eigent­lich schon von Anfang an Pro­pa­gan­da gegen die Con­te II.-Regierung. Als Con­te nun an die direk­te Aus­ar­bei­tung des Reco­very-Plans (New Genera­ti­on EU) ging, ein kom­ple­xes Unter­fan­gen, für das er eine gan­ze Taskfor­ce mobi­li­sie­ren woll­te, tön­te es aus fast allen Kanä­len: Con­te esse delen­dam! Ren­zi schritt zur Tat: Er bezich­tig­te die Regie­rung, der er ange­hör­te, der abso­lu­ten Unfä­hig­keit, setz­te zwar in Ver­hand­lun­gen mit den Mini­stern noch erheb­li­che Ver­än­de­run­gen an dem Plan durch, zog aber am 13. Janu­ar dann doch sei­ne bei­den IV-Mini­ste­rin­nen zurück. Damit war das Feu­er auf Con­te eröffnet.

Ita­li­ens demo­kra­ti­sche Nor­men sind kom­plex. Es gibt kein kon­struk­ti­ves Miss­trau­ens­vo­tum, son­dern ver­schie­den­ste Wege für neue Regie­rungs­bil­dun­gen im Fal­le eines Schei­terns. Hier sei nur fest­zu­hal­ten, dass Con­te bei der fol­gen­den Ver­trau­ens­ab­stim­mung in bei­den Kam­mern eine aus­rei­chen­de Mehr­heit erhielt, wenn auch im Senat nur eine rela­ti­ve – zwar eine wacke­li­ge Basis, aber eigent­lich kein zwin­gen­der Grund zum Rück­tritt. Doch hät­te es vor­aus­sicht­lich für die danach anste­hen­de Abstim­mung über die von einem M5S-Mini­ster vor­ge­brach­te Justiz­re­form zum explo­si­ven The­ma der Ver­jäh­rungs­frist nicht gereicht, denn die­se wol­len die mei­sten Par­la­men­ta­ri­er eben nicht abschaf­fen. So leg­te Con­te die Ent­schei­dung über sei­nen Ver­bleib schließ­lich in die Hän­de des Staats­prä­si­den­ten. Nach tage- und näch­te­lan­gen Ver­hand­lun­gen des Par­la­ments­prä­si­den­ten mit allen Par­tei­en über einen mög­li­chen erneu­er­ten Regie­rungs­pakt – wäh­rend­des­sen Ren­zi beim sau­di­schen Prin­zen Moham­med al Sal­man in Riad einen hoch­do­tier­ten Pri­vat-Vor­trag bei des­sen Finanz­fonds zur sau­di­schen »Renais­sance« hielt – ließ Ren­zi nach sei­ner Rück­kehr die gan­ze Sache ein­fach plat­zen: Kei­ne Über­ein­kunft mit Con­te sei mehr mög­lich. Wie­der über­nahm der Staats­prä­si­dent das Ruder und ver­kün­de­te umge­hend sei­ne Ent­schei­dung, nun den erprob­ten Ex-EZB-Chef Mario Draghi mit der Son­die­rung der Lage für die Bil­dung einer brei­test­mög­li­chen Über­gangs-Regie­rung zu beauf­tra­gen. Denn Neu­wah­len sei­en mit der sozia­len und sani­tä­ren Coro­na-Not­la­ge nicht ver­ein­bar. Ren­zi und auch Ber­lus­co­ni jubi­lier­ten. Sie hat­ten Draghis Namen bereits vor­ab inof­fi­zi­ell ins Spiel gebracht, und auch der Chef der Con­fin­du­stria, ein neu­er Hard­li­ner, ist froh, dass nun vor allem »Wachs­tum« garan­tiert wer­den soll. Auch der CDU-Abge­ord­ne­te Mari­an Wendt, Part­ner von For­za Ita­lia in der PPE in Brüs­sel, hat­te die Hoff­nung geäu­ßert, Ber­lus­co­ni kön­ne in die­sem dra­ma­ti­schen Moment für mehr Sta­bi­li­tät sor­gen (Repub­bli­ca vom 31.1.21, S. 29).

Allein Draghis Name, des viel­ge­lob­ten ober­sten Ban­kers, der sich schon in den 80er Jah­ren als Grand Com­mis für die wich­tig­sten Pri­va­ti­sie­run­gen der Staats­in­du­strien ein­ge­setzt hat­te, ver­ur­sach­te bin­nen drei Tagen den Fall des berüch­tig­ten spread um 20 Pro­zent (von 113 auf 93 Punk­te) – das allein wird Ita­li­en etwa eine Mil­li­ar­de an Zin­sen auf die Staats­pa­pie­re erspa­ren. Die Bör­sen­kur­se stie­gen EU-weit. Ren­zi sieht dar­in die beste Zukunfts-Ver­si­che­rung für alle Kin­der Ita­li­ens, und nach und nach stimmt sich nicht nur die bis­he­ri­ge Koali­ti­on, son­dern auch die Rech­te auf »Super­Ma­rio« als ver­meint­li­chen Ret­ter des Vater­lan­des ein, trotz poli­tisch unver­ein­ba­rer Inter­es­sen­la­gen. Wer dann dar­an zugrun­de gehen wird, wird sich erst spä­ter zei­gen. Und ob über­haupt und wie die »Regie­rung der Dra­chen« de fac­to aus­se­hen und mit wel­chem Pro­gramm sie real antre­ten wird, kann man erst dem­nächst in Ossietzky lesen.