Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Von Einst und Jetzt

Die Dis­kus­si­on über den Wie­der­auf­bau der Born­platz­syn­ago­ge in Ham­burg (sie­he Ossietzky 2/​2021, S. 50) geht wei­ter. Für Diens­tag, 16. Febru­ar, haben die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Stadt­ent­wick­lungs­se­na­to­rin Doro­thee Sta­pel­feld und der städ­ti­sche Ober­bau­di­rek­tor Franz-Josef Höing Befür­wor­ter und Geg­ner des Wie­der­auf­baus zu einem Gespräch in die Behör­de ein­ge­la­den. Für März ist eine Podi­ums­dis­kus­si­on in der Patrio­ti­schen Gesell­schaft geplant, auf deren Home­page (www.patriotische-gesellschaft.de) das Vor­ha­ben im Für und Wider the­ma­ti­siert wird.

Die Kri­ti­ker rich­ten zur­zeit ihr Augen­merk vor allem auf Dis­kre­pan­zen, die ihrer Ansicht nach zwi­schen der am 22. Janu­ar 2021 erfolg­ten Aus­schrei­bung und den For­de­run­gen bestehen, die im Febru­ar 2020 kurz vor der Bür­ger­schafts­wahl unter Mit­wir­kung der Senats­kanz­lei an die Mach­bar­keits­stu­die gestellt wurden.

Unbe­ha­gen berei­tet ihnen auch, dass der gegen­wär­ti­ge Lan­des­rab­bi­ner Shlo­mo Bistritz­ky, der die Idee des Wie­der­auf­baus ins Gespräch gebracht hat­te, der sehr ortho­do­xen jüdi­schen Grup­pie­rung Cha­bad Lub­o­witsch ange­hört. Bevor er 2012 Rab­bi­ner der Gemein­de wur­de, lei­te­te er das Cha­bad-Zen­trum in Ham­burg. »Sehr ortho­dox« heißt zum Bei­spiel, dass er Frau­en aus reli­giö­sen Grün­den nicht die Hand gibt. Die zwei­te, libe­ral gesinn­te Jüdi­sche Gemein­de spielt in der Dis­kus­si­on bis­her zumin­dest öffent­lich kei­ne Rolle.

Zwi­schen­zeit­lich sind sehr anrüh­ren­de Brie­fe von ehe­ma­li­gen jüdi­schen Ham­bur­ge­rin­nen und Ham­bur­gern aus den USA und Isra­el bei den Kri­ti­kern ein­ge­gan­gen. Sie spre­chen mit teils dra­sti­schen Wor­ten der heu­ti­gen Jüdi­schen Gemein­de das Recht ab, sich die »Syn­ago­ge der ehe­ma­li­gen Com­mu­ni­ty durch Wie­der­auf­bau anzu­eig­nen«. Die jüdi­sche Lebens­welt von vor 1933/​38 sei eine ande­re als die heutige.

Zu die­sen Schrei­ben gehört der Brief von Eri­ka Estis, geb. Freund­lich. 1922 in Ham­burg gebo­ren, ent­kam sie Ende 1938 mit einem »Kin­der­trans­port« nach Eng­land und lebt heu­te in der Nähe von New York. Ihre Eltern, Apo­the­ker Paul und Irma Freund­lich, wur­den in Ausch­witz ermor­det. Auch Estis ist ent­setzt über die Plä­ne zum Wie­der­auf­bau der Born­platz­syn­ago­ge in histo­ri­scher Gestalt. Sie schreibt:

(Die­se Syn­ago­ge besuch­ten) »mei­ne Fami­lie und ich an allen Fei­er­ta­gen und häu­fig auch zum Schab­bat. Nach den dama­li­gen deutsch-jüdi­schen Maß­stä­ben war dies eine ortho­do­xe Gemein­de. Wir bewun­der­ten und respek­tier­ten unse­ren Rab­bi­ner, Ham­burgs Ober­rab­bi­ner Dr. Josef Car­le­bach. Ich besit­ze noch einen Brief mei­nes Vaters an mei­ne älte­ste Schwe­ster, die im Jahr 1941 bereits in New York leb­te, in dem er über die bewe­gen­de Pre­digt des Rab­bi­ners zu den Hohen Fei­er­ta­gen die­ses Jah­res schrieb. Die Gemein­de, die einen Nach­bau unse­rer alten Syn­ago­ge errich­ten möch­te, ist völ­lig anders als alle Gemein­den, die in Ham­burg bestan­den. Der heu­ti­ge Ham­bur­ger Ober­rab­bi­ner ist ein Chas­sid, der mög­li­cher­wei­se sogar unse­re Form des Juden­tums ablehnt. Er tritt für die Zer­stö­rung eines Denk­mals ein, das an eine leben­di­ge und enga­gier­te Jüdi­sche Gemein­de unter der Füh­rung unse­res gelieb­ten Ober­rab­bi­ners erin­nert. Der Ver­such, die­se alte Syn­ago­ge nach­zu­bau­en, ist ver­ach­tens­wert. Die Zer­stö­rung der gesam­ten Gedenk­stät­te, die an frü­he­re Zei­ten erin­nert, ist für uns, deren Fami­li­en dort gelebt und gebe­tet haben und dann aus­ge­löscht wur­den, herz­zer­rei­ßend. Schon der Gedan­ke, dass die­ses Vor­ge­hen ange­mes­sen sein könn­te, ist voll­kom­men unmög­lich, beschä­mend und schändlich.«