Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Appell an die Vernunft

Bekom­men wir in Deutsch­land in schon sie­ben Jah­ren den Sozia­lis­mus? Wenn man dem auch in Ossietzky ver­öf­fent­li­chen­den Autor Gün­ter Buhl­ke glau­ben darf, dann besteht die­se Mög­lich­keit durch­aus. In sei­nem vor eini­ger Zeit erschie­ne­nen Buch »Novem­ber 2032« schil­dert er – offen­sicht­lich ange­regt von dem Roman »Ein Rück­blick aus dem Jahr 2000 auf 1887« des uto­pi­schen Sozia­li­sten Edward Bel­l­a­my – einen fik­ti­ven Macht­wech­sel im Deutsch­land des Jah­res 2025 aus der Sicht des Jah­res 2032. Ein Macht­wech­sel, ganz sim­pel basie­rend auf dem Wahl­sieg eines Bünd­nis­ses links­ge­rich­te­ter Par­tei­en. Wie sieht die­ser Sozia­lis­mus des Jah­res 2032 aus? Durch­weg posi­tiv. Das Groß­ka­pi­tal wur­de vom Par­la­ment ent­mach­tet, und die Arbeit konn­te dadurch wie­der einen ange­mes­se­nen Platz in der Gesell­schaft ein­neh­men. Die Par­tei­en erfül­len end­lich wie­der den Wil­len der Wäh­ler. Die Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se wur­den ange­gli­chen, die Ren­ten erhöht und die Men­schen­rech­te hochgehalten.

Wie Buhl­ke ganz offen schreibt, han­delt es sich bei sei­nem Buch um eine Uto­pie. In sei­ne Schil­de­run­gen, was im Kapi­ta­lis­mus unse­rer Gegen­wart alles nicht funk­tio­niert und was man dann ab dem von ihm pro­gno­sti­zier­ten Macht­wech­sel des Jah­res 2025 bes­ser machen kön­ne, streut er einen kur­zen Abschnitt über die Geschich­te der Sozi­al­uto­pie ein. Es ist durch­aus aner­ken­nens­wert, dass sich nach den Umbrü­chen des Jah­res 1989 wie­der jemand getraut, eine auf sozia­li­sti­schen Prin­zi­pi­en basie­ren­de Gesell­schaft posi­tiv zu schildern.

Man kann selbst­ver­ständ­lich an dem Buch vie­les kri­ti­sie­ren. Die öko­no­mi­schen Struk­tu­ren der kapi­ta­li­sti­schen Gesell­schaft wur­den von dem Autor bei­spiels­wei­se grob ver­ein­facht dar­ge­stellt. Auch ist auf­grund der geschicht­li­chen Erfah­run­gen kaum anzu­neh­men, dass sich eine schwer­rei­che Ober­schicht, wie vom Autor geschil­dert, ein­fach so die Ver­fü­gungs­ge­walt über ihre Ver­mö­gen aus den Hän­den neh­men lässt. Und außer­dem scheint die der­zei­ti­ge gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung in eine ganz ande­re Rich­tung zu gehen: Wir erle­ben der­zeit einen Vor­marsch der radi­ka­len Rechten.

Gün­ter Buhl­kes Buch ist, wie jede lin­ke Uto­pie, ein ganz simp­ler Appell an die mensch­li­che Ver­nunft. Dass allein ein sol­cher Appell in einer dem Grun­de nach unver­nünf­ti­gen Gesell­schaft kaum etwas bewirkt, ist bekannt. Uto­pien kön­nen aber die schein­bar unver­rück­ba­ren Grund­la­gen die­ser Unver­nunft in Fra­ge stel­len und zum kri­ti­schen Den­ken anre­gen. Nicht mehr. Und nicht weniger.

Gün­ter Buhl­ke: »Novem­ber 2032«, novum Ver­lag, 216 Sei­ten, 15,90 €