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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ursachen eines Bebens

Nicht die Selbst­ent­blö­ßung zwei­er Rechts­po­pu­li­sten aus der ersten Rei­he und auch nicht das Zustan­de­kom­men der Video­auf­zeich­nung des Gesprächs der bei­den mit einer angeb­lich rei­chen Rus­sin in einer Vil­la auf Ibi­za sind das Wich­tig­ste an dem poli­ti­schen Beben in Öster­reich, son­dern die Ursa­chen und die Umstän­de des Auf­stiegs einer Par­tei wie der FPÖ. Auch hier gilt, wie in der Phy­sik und anders­wo: Von nichts kommt nichts.

Dass ein begna­de­ter Dem­ago­ge wie Jörg Hai­der, poli­tisch erstarkt im Grenz­land Kärn­ten, aus der Frei­heit­li­chen Par­tei Öster­reichs (FPÖ) bin­nen weni­ger Jah­re einen bestim­men­den Fak­tor des poli­ti­schen Lebens in Öster­reich machen konn­te, hat mit der Geschich­te des Lan­des zu tun, genau­er gesagt mit der lan­gen gemein­sa­men Regent­schaft der bei­den gro­ßen Par­tei­en. In den 72 Jah­ren seit Ende des Zwei­ten Welt­kriegs gab es nur 28 Jah­re, in denen Öster­reich nicht von einer Gro­ßen Koali­ti­on regiert wur­de. Acht­mal stell­te die Öster­rei­chi­sche Volks­par­tei (ÖVP) den Bun­des­kanz­ler und sie­ben­mal die Sozia­li­sti­sche Par­tei Öster­reichs (SPÖ). Das führ­te mit der Zeit zu einer Ver­kru­stung des poli­ti­schen Lebens und einer Men­ge Unzu­frie­den­heit bei vie­len Men­schen, die sich ver­nach­läs­sigt und aus­ge­grenzt fühlten.

Das Ver­spre­chen der FPÖ, die­se Ver­kru­stung auf­zu­bre­chen, fiel auf frucht­ba­ren Boden. Bei der Natio­nal­rats­wahl erreich­te die Par­tei 1999 mit 26,9 Pro­zent ihren bis­her höch­sten Stand. Die SPÖ blieb damals zwar mit 33,1 Pro­zent stärk­ste Par­tei, hat­te aber einen Rück­gang von 4,9 Pro­zent zu ver­zeich­nen und galt als Wahl­ver­lie­rer. Die FPÖ unter Jörg Hai­der gewann 5 Pro­zent hin­zu und war damit neben der ÖVP, die 1, 37 Pro­zent ver­lo­ren hat­te, mit eben­falls 26,9 Pro­zent zweit­stärk­ste Kraft. Die Regie­rungs­bil­dung war schwie­rig und zog sich bis ins Jahr 2000 hin. Am Ende ver­bün­de­te sich Schüs­sels ÖVP mit der FPÖ, die damit zum ersten Mal in einer öster­rei­chi­schen Regie­rung saß.

Pro­test­de­mon­stra­tio­nen im gan­zen Land waren die Fol­ge. In Wien ström­ten nach Schät­zun­gen der Poli­zei 150.000 und nach Schät­zun­gen der Ver­an­stal­ter 250.000 Men­schen zu einer Kund­ge­bung zusam­men. Die Reak­ti­on der euro­päi­schen Part­ner­län­der war eben­falls hef­tig. Wolf­gang Schüs­sel klag­te in sei­ner ersten Regie­rungs­er­klä­rung: »Unse­re euro­päi­schen Part­ner und ande­re Län­der neh­men Anstoß an der Regie­rungs­be­tei­li­gung der Frei­heit­li­chen Par­tei. Von 15 Mit­glieds­län­dern haben 14 beschlos­sen, die bila­te­ra­len Kon­tak­te zum Part­ner­land Öster­reich ein­zu­frie­ren.« Här­te, Aus­maß, Geschwin­dig­keit und Art des Vor­ge­hens hät­ten Öster­reich schockiert.

Von der einst kla­ren Abwehr­hal­tung der Euro­päi­schen Uni­on ist wenig geblie­ben. Als 18 Jah­re spä­ter der neue Hoff­nungs­trä­ger der ÖVP, Seba­sti­an Kurz, die FPÖ wie­der in die Regie­rung hol­te und gleich danach sei­ne Auf­war­tung beim EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten Jean-Clau­de Juncker in Brüs­sel mach­te, hielt die­ser sich sämt­li­che Hin­ter­tü­ren offen. Er erwähn­te den rech­ten Koali­ti­ons­part­ner der ÖVP mit kei­ner Sil­be, sag­te aber auf Nach­fra­ge, er wol­le sich nicht an Vor­ver­ur­tei­lun­gen der neu­en Regie­rung betei­li­gen. Er lese nur das Regie­rungs­pro­gramm, das Kurz aus­ge­han­delt habe, und das fin­de er stim­mig. Damit hat­te der New­co­mer freie Bahn und nach­träg­lich auch den Segen für sei­ne Betei­li­gung an der Abschot­tung der Bal­kan­rou­te gegen­über Flücht­lin­gen aus dem Nahen und Mitt­le­ren Osten.

Wer nach den Grün­den des Rechts­rucks in Euro­pa sucht, fin­det hier einen Teil der Erklä­rung. Die eigent­li­chen Ursa­chen lie­gen woan­ders und viel tie­fer: in der welt­weit zuneh­men­den Kluft zwi­schen Arm und Reich als Fol­ge der Glo­ba­li­sie­rung, in dem Gefühl der Ohn­macht gegen­über der Fremd­be­stim­mung durch anony­me Kräf­te außer­halb des eige­nen Blick­fel­des, gegen­über dem Raub­bau an der Natur, der Beschä­di­gung des Kli­mas durch den Wachs­tums­wahn der Indu­strie­staa­ten. Den Rest besorgt der chau­vi­ni­sti­sche Ber­ser­ker im Wei­ßen Haus mit sei­nem »Ame­ri­ca First!«. Das ist der Nähr­bo­den, auf dem Rechts­po­pu­lis­mus gedeiht. Wes Gei­stes Kind die­se Leu­te wirk­lich sind, zeigt das »ver­stö­ren­de Sit­ten­bild«, von dem der öster­rei­chi­sche Bun­des­prä­si­dent Van der Bel­len gespro­chen hat, als es um die Kon­se­quen­zen aus der Selbst­ent­blö­ßung der bei­den FPÖ-Spit­zen­po­li­ti­ker bei dem Tref­fen in der Vil­la auf Ibi­za ging. Sich mit sol­chen Leu­ten poli­tisch ein­zu­las­sen geht nie­mals gut.