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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Endlagerökonomie: Fass ohne Boden

Er ist die größ­te öffent­lich-recht­li­che Stif­tung des Bun­des: der »Fonds zur Finan­zie­rung der kern­tech­ni­schen Ent­sor­gung«. Am 16. Juni 2017 trat das Ent­sor­gungs­fonds­ge­setz in Kraft, mit dem der Fonds errich­tet wurde.

Der Atom­fonds, wie er all­ge­mein genannt wird, ist das Ergeb­nis eines Kom­pro­mis­ses zwi­schen Ener­gie­ver­sor­gern und Bun­des­re­gie­rung. Unter der Lei­tung des ehe­ma­li­gen Umwelt­mi­ni­sters Jür­gen Trit­tin (Bünd­nis 90/​Die Grü­nen) wur­de aus­ge­han­delt, dass die Strom­kon­zer­ne für die Still­legung und den Rück­bau der Kern­kraft­wer­ke sowie die Ver­packung der radio­ak­ti­ven Abfäl­le ver­ant­wort­lich sind. Die Ver­ant­wor­tung für Zwi­schen- und End­la­ge­rung des Atom­mülls hin­ge­gen ist mit einer ein­ma­li­gen Zah­lung von 24,1 Mil­li­ar­den Euro durch die Kon­zer­ne auf den Bund übergegangen.

Die Trit­tin-Kom­mis­si­on sah einen Kapi­tal­be­darf von 48,8 Mil­li­ar­den Euro für die Zwi­schen­la­ge­rung und die End­la­ge­rung. Aller­dings errech­ne­ten die Wirt­schafts­prü­fer von Warth & Klein im Auf­trag des Bun­des­wirt­schafts­mi­ni­ste­ri­ums schon im Jahr 2016, dass sich die Gesamt­ko­sten für den Rück­bau der Atom­kraft­wer­ke und die Atom­müll­la­ge­rung auf 169,8 Mil­li­ar­den Euro sum­mie­ren könn­ten. Da klafft eine erheb­li­che Finan­zie­rungs- und Erklärungslücke.

Das Stand­ort­aus­wahl­ge­setz (Stan­dAG) hat einen ambi­tio­nier­ten zeit­li­chen Rah­men für die End­la­ger­su­che gesetzt. Bis zum Jahr 2050 soll ein End­la­ger für hoch­ra­dio­ak­ti­ve Abfäl­le start­klar sein. Bis zum Zeit­punkt der Inbe­trieb­nah­me, aber auch wäh­rend der unter­stell­ten 50-jäh­ri­gen Betriebs- und anschlie­ßen­den Nach­be­triebs­zeit fal­len enor­me Kosten an. Kom­men die­se Ter­mi­ne, wie zu erwar­ten ist, ins Rut­schen, stei­gen zugleich auch die Kosten für die ober­ir­di­sche Zwi­schen­la­ge­rung der Abfäl­le, für die die bun­des­ei­ge­ne Gesell­schaft für Zwi­schen­la­ge­rung (BGZ) zustän­dig ist; inzwi­schen ist nicht mehr von 40 Jah­ren, son­dern von 100 Jah­ren Zwi­schen­la­ge­rung aus­zu­ge­hen. Die BGZ managt seit Beginn des Jah­res 13 Zwi­schen­la­ger für hoch­ra­dio­ak­ti­ve Abfäl­le – die dezen­tra­len wie Ahaus und Gor­le­ben und die Lager an elf Atom­kraft­wer­ken. Hin­zu kom­men ab 2020 die zwölf Lager mit schwach- und mit­tel­ra­dio­ak­ti­ven Abfäl­len. Eine geson­der­te Rol­le spie­len die Lager­stät­ten in Lub­min, die vom Finanz­mi­ni­ste­ri­um finan­ziert wer­den, eine Fol­ge der Wen­de­zeit, in der der Kraft­werks­kom­plex »Bru­no Leu­sch­ner« von der Treu­hand über­nom­men wurde.

Wer zahlt also am Ende die Zeche für die Suche nach einem End­la­ger für hoch­ra­dio­ak­ti­ve Abfäl­le, die Betriebs- und Nach­be­triebs­pha­se die Zwi­schen­la­ge­rung ato­ma­rer Abfäl­le? Und: Gibt es über­haupt eine län­ger­fri­sti­ge, soli­de Finanz­pla­nung für die Lage­rung des Atommülls?

Ein Anla­ge­er­folg beim Atom-Ent­sor­gungs­fonds will sich näm­lich bis­her nicht ein­stel­len. Sowohl auf der Akti­en- als auch auf der Anlei­he­sei­te ver­zeich­ne­te das pre­sti­ge­träch­ti­ge Port­fo­lio 2018 ein sat­tes Minus. Das gehe aus einem Bericht des Bun­des­wirt­schafts­mi­ni­ste­ri­ums her­vor, berich­te­te der Ber­li­ner Tages­spie­gel. Bis zum Jah­res­en­de ver­lo­ren die Akti­en im Fonds dem­nach 8,6 Pro­zent an Wert. Bei den Anlei­hen waren es im sel­ben Zeit­raum 3,2 Prozent.

Ein Grund für die schlech­ten Zah­len ist dem­nach die anhal­ten­de Nied­rig­zins­po­li­tik der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB).

Allein 2018 muss­te der Atom­fonds, der von Anja Mikus – der lang­jäh­ri­gen Star-Fonds­ma­na­ge­rin in Dien­sten von Alli­anz Glo­bal Inve­stors und Uni­on Invest­ment – gelenkt wird, rund 125 Mil­lio­nen Euro an Nega­tiv­zin­sen an die Bun­des­bank respek­ti­ve die EZB über­wei­sen. Den­noch blicken Fonds­ver­wal­ter zuver­sicht­lich in die Zukunft: »Mitt­ler­wei­le haben sich die Märk­te erholt und die Anla­gen des Ent­sor­gungs­fonds an Wert zuge­nom­men«, heißt es in dem Bericht. Der Fonds habe die aktu­el­le Situa­ti­on genutzt, um gün­sti­ge­re Ein­stiegs­prei­se für wei­te­re Inve­sti­tio­nen zu erreichen.

Da es kei­ne Nach­schuss­pflicht der Strom­kon­zer­ne gibt, wird die Aus­ge­stal­tung der End­la­ger­su­che, aber auch die not­wen­di­ge For­schung am Ende von Haus­halts­be­ra­tun­gen der Par­tei­en bestimmt, und bei einer klam­men Kas­se wird es unglaub­li­che Ver­tei­lungs­kämp­fe geben. Die Bür­ger­initia­ti­ve Umwelt­schutz Lüchow-Dan­nen­berg (BI) fürch­tet eine »End­la­ger­su­che light« – ohne die Mög­lich­keit von Rück­sprün­gen, ohne eine breit ange­leg­te unter­tä­gi­ge Unter­su­chung meh­re­rer Stand­or­te in der Schluss­pha­se – und natür­lich die Gefahr, dass auf das Berg­werk im Salz­stock Gor­le­ben jeder­zeit wie­der zurück­ge­grif­fen wer­den kann.

Ent­spre­chen­de Fra­gen hat die BI an das Bun­des­um­welt­mi­ni­ste­ri­um (BMU) und die Ver­wal­ter des Atom­fonds gerich­tet, aus Sor­ge, dass die 24,1 Mil­li­ar­den Euro, die die Atom­strom­kon­zer­ne in den Fonds ein­ge­zahlt haben, vorn und hin­ten nicht reichen.

Jähr­lich wer­de akri­bisch ermit­telt, wel­che Kosten für die End­la­ger­su­che beim Bun­des­amt für kern­tech­ni­sche Ent­sor­gungs­si­cher­heit (BfE), bei der Bun­des­ge­sell­schaft für End­la­ge­rung (BGE) und der bun­des­ei­ge­nen Gesell­schaft für Zwi­schen­la­ge­rung (BGZ) anfal­len, betont hin­ge­gen die BMU-Admi­ni­stra­ti­on. Die­se Gel­der wür­den jähr­lich verauslagt.

Alex­an­der Que­kwer (BMU) schreibt unter Bezug auf den Geset­zes­text: »Am Ende eines Haus­halts­jah­res ermit­telt das BfE über eine ent­spre­chen­de Kosten-Lei­stungs-Rech­nung, wel­che der ihr bei der Auf­ga­ben­wahr­neh­mung ent­stan­de­nen Kosten refi­nan­zier­bar sind (z. B. Kosten für das Stand­ort­aus­wahl­ver­fah­ren) und wel­che nicht refi­nan­zier­bar sind (z. B. blo­ße Unter­stüt­zungs­tä­tig­keit für das BMU). Die jewei­li­ge Refi­nan­zier­bar­keit einer Auf­ga­be ergibt sich aus dem StandAG.«

Eine län­ger­fri­sti­ge Pla­nung, die über eine fünf­jäh­ri­ge Finanz­pla­nung des Bun­des hin­aus­geht, gibt es offen­sicht­lich nicht. Que­kwer: »Der BfE-Haus­halt und die für die Auf­ga­ben­wahr­neh­mung von BGE und BGZ ver­an­schlag­ten Haus­halts­ti­tel sind unmit­tel­ba­rer Bestand­teil des jeweils vom Deut­schen Bun­des­tag ver­ab­schie­de­ten Bun­des­haus­halts und der fünf­jäh­ri­gen Finanz­pla­nung des Bundes.«

Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint die Pro­gno­se, dass das Geld bei­spiels­wei­se für eine ver­glei­chen­de End­la­ger­su­che inklu­si­ve einer unter­tä­gi­gen Erkun­dung wei­te­rer Stand­or­te neben Gor­le­ben aus­rei­che, kühn. Ein klam­mer Finan­zie­rungs­spiel­raum hat weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen: für die finan­zi­el­le Aus­stat­tung und wis­sen­schaft­li­che Bera­tung von Kom­mu­nen, Umwelt­grup­pen und Ein­zel­per­so­nen, die in Par­ti­zi­pa­ti­ons­ver­fah­ren ein­ge­bun­den wer­den und um Augen­hö­he kämp­fen müs­sen, um ihre Rech­te wahr­neh­men zu kön­nen; für die End­la­ger- und Zwi­schen­la­ger­for­schung und für die Fair­ness bei der End­la­ger­su­che schlechthin.

Des­halb hakt die BI nach und fragt das Bun­des­um­welt­mi­ni­ste­ri­um, ob die betei­lig­ten Behör­den und bun­des­ei­ge­nen Fir­men BfE, BGE und BGZ über­haupt auf­ge­for­dert wor­den sind, eine Abschät­zung vor­zu­le­gen, wel­che Kosten bei der Zwi­schen­la­ge­rung bis zu Beginn einer End­la­ge­rung und wel­che Kosten bei einer ver­glei­chen­den End­la­ger­su­che bis zur Inbe­trieb­nah­me eines End­la­gers ent­ste­hen könnten.

Das The­ma ist Gegen­stand einer Ring­vor­le­sung am 5. Juni in der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin: »Öko­no­mie der End­la­ge­rung – wer zahlt die Zeche?«, Dis­kus­si­on mit Jür­gen Trit­tin, Prof. Dr. Clau­dia Kem­fert, Ort: Semi­nar­zen­trum, Zeit: 17–19 Uhr.