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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Verirrt in die Heimat

Nach dem Ende ihrer poli­ti­schen Tätig­keit bei den Grü­nen grün­de­ten Tho­mas Eber­mann (Spre­cher der Bun­des­tags­frak­ti­on 1987–1989) und Rai­ner Tram­pert (Bun­des­vor­stands­spre­cher 1982–1987) ein Zwei-Mann-Lese-Kaba­rett und mach­ten dort das, was sie schon vor­her getan hat­ten: die bestehen­den Ver­hält­nis­se ad absur­dum zu füh­ren. Das geschah jetzt dadurch, dass sie die­se selbst zu Wort kom­men lie­ßen. Sie ver­la­sen unge­fälscht Ver­laut­ba­run­gen aus der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung, und das Publi­kum kam aus dem Lachen kaum noch her­aus. Man nennt das wohl Ver­frem­dungs­ef­fekt. Von Zeit zu Zeit lie­ßen Eber­mann und Tram­pert ihre Fun­de drucken, in Büchern mit Titeln wie » Die Offen­ba­rung der Pro­phe­ten« (1995), »Ver­paßt Deutsch­land den Anschluß?« (2000), »Sach­zwang & Gemüt« (2002).

Spä­ter wech­sel­ten sie das Gen­re: Rai­ner Tram­pert schreibt poli­ti­sche Ana­ly­sen, Tho­mas Eber­mann Thea­ter­stücke, die er auch insze­niert. Wer sein Pro­gramm »Fir­men­han­del« (mit Robert Stad­lo­ber) nicht gese­hen hat, ist zu bedau­ern: Ori­gi­nal­ton von Selbstan­prei­sun­gen, mit denen Beleg­schaf­ten bei Lau­ne gehal­ten wer­de sol­len (»cor­po­ra­te identity«).

Come­dy ist das aus vie­len Grün­den nicht. Einer davon: Der Sati­re liegt ein theo­re­ti­sches Kon­zept zugrun­de – tat­säch­lich die nega­ti­ve Dia­lek­tik Theo­dor W. Ador­nos und die »Gro­ße Wei­ge­rung« von Her­bert Mar­cu­se. Letz­te­rem galt 2014 das Stück »Der ein­di­men­sio­na­le Mensch wird fünf­zig« (mit Kri­stof Schreuf, Andre­as Spechtl und Robert Stad­lo­ber). In sei­nem Bekennt­nis zu Mar­cu­ses Nega­ti­on wird Eber­mann fast posi­tiv, aber nur mit sei­ner Wahl­ver­wandt­schaft zu einem von ihm ver­ehr­ten Theo­re­ti­ker, des­sen Feind­schaft gegen­über den bestehen­den Ver­hält­nis­sen er teilt.

In sei­ner jüng­sten Pro­duk­ti­on scheint er zur Tech­nik sei­ner ein­sti­gen Lesun­gen mit Tram­pert zurück­zu­keh­ren. Sie heißt »Hei­mat – eine Besich­ti­gung des Grau­ens« und ist ein »Anti-Hei­mat­abend«, zur­zeit dar­ge­bo­ten auf einer Tour­nee durch die Bun­des­re­pu­blik und Öster­reich zusam­men mit dem Sozio­lo­gen, Jour­na­li­sten und Film­vor­füh­rer Thor­sten Mense. Die Wer­bung für das Stück zeigt einen röh­ren­den Hirsch.

Wie­der geht es um die Selbst­ent­lar­vung von Zeit­geist und -pra­xis. Der Anlass liegt auf der Hand: Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, eines der indu­stri­ell höchst­ent­wickel­ten Län­der der Welt, hat neu­er­dings ein Hei­mat­mi­ni­ste­ri­um (ver­wal­tet von Horst See­hofer), und der Bun­des­prä­si­dent preist die Hei­mat. Die­se lacht uns auch von Wahl­pla­ka­ten ent­ge­gen. Am hei­mat­lich­sten ist die AfD. Sie hat die Sai­te ange­zupft, nach deren Klän­gen See­hofer, Stein­mei­er, die Grü­nen und alle ande­ren Schuh­platt­ler tanzen.

Hier befin­det man sich in der Mit­te und in ihrem Über­gang zur Rech­ten. Eber­mann setzt die Kennt­nis die­ser Tat­sa­che vor­aus und begibt sich in die (sei­ner Mei­nung nach zuwei­len nur schein­ba­re) Gegen­rich­tung. Als Buch zum Stück hat er eine Art gedruck­ter Ver­si­on vor­ge­legt. Titel: »Lin­ke Hei­mat­lie­be. Eine Entwurzelung«.

Der Autor hat sich ein gro­ßes Lese-Pen­sum zuge­mu­tet. Er ana­ly­siert Äuße­run­gen und Tex­te aus der – im par­tei­über­grei­fen­den, enge­ren und wei­te­ren Sinn – Lin­ken und ent­deckt Schnitt­men­gen zur Hei­mat­be­gei­ste­rung der Mit­te und der Rech­ten: in der Wahl­wer­bung, beim Phi­lo­so­phen Chri­stoph Türcke, dem Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Oskar Negt, dem Fil­me­ma­cher Edgar Reitz, ja sogar bei Men­schen, mit deren Ansich­ten er in vie­lem über­ein­stimmt, aber nicht in punc­to Hei­mat. War­um hat sie es ihnen angetan?

Zum Teil aus tak­ti­schem Kal­kül. Sie mei­nen, man dür­fe die Hei­mat nicht den Rech­ten über­las­sen, son­dern müs­se deren Liebhaber(innen) dort abho­len, wo sie eben ste­hen. Im Ergeb­nis – so ant­wor­tet Eber­mann – lan­de man eher dort, wo die schon sind, ohne dass sie sich bewegen.

Er bohrt noch eine Schicht tie­fer: Die Frö­ste lin­ker Iso­la­ti­on sind offen­bar schwer aus­zu­hal­ten. So ent­ste­he der Wunsch, irgend­wo zu Hau­se zu sein, auch um den (unein­ge­stan­de­nen) Preis, dass dem hei­me­li­gen Ort, den man sich aus­ge­sucht hat, ande­re fern­blei­ben müssen.

Und noch schmerz­haf­ter: Eber­mann fin­det Ele­men­te der Regres­si­on selbst bei Autoren, die zu sei­ner eige­nen poli­ti­schen Sozia­li­sa­ti­on bei­getra­gen haben (Tuchol­sky) und die er in vie­lem wert­schätzt (Ernst Bloch). »Ein Kes­sel Brau­nes« aus der DDR wird auch ser­viert. (Das Pro­blem hier: Wie kann Sozia­lis­mus in einem Land mit vie­len ehe­ma­li­gen Nazis aus­se­hen?) Gro­ßen Respekt hat Eber­mann vor dem fran­zö­si­schen Sozio­lo­gen Didier Eri­bon. Und doch sieht er auch bei die­sem die Not­wen­dig­keit der Kri­tik: Zwar erklä­re er in sei­nem von Tobi­as Haber­korn über­setz­ten Buch »Rück­kehr nach Reims«, war­um die fran­zö­si­sche Unter­klas­se, von der eta­blier­ten Lin­ken im Stich gelas­sen, sich nach rechts wand­te, aber er bemer­ke nicht, dass er nur einen Teil im Blick hat: die wei­ßen Abge­häng­ten, nicht die aus ras­si­sti­schen Grün­den Mar­gi­na­li­sier­ten. Die­se konn­ten gar nicht erst auf den Gedan­ken ver­fal­len, dass ihnen in Frank­reich eine »Hei­mat« vor­ent­hal­ten wurde.

Es ist ein unge­müt­li­ches Buch. Die Hei­mat muss wohl den Rech­ten über­las­sen blei­ben: so sei­ne zen­tra­le These.

Wo bleibt das Posi­ti­ve? Fal­sche Fra­ge. Es han­delt sich um Kri­ti­sche Theorie.

Tho­mas Eber­mann: »Lin­ke Hei­mat­lie­be. Eine Ent­wur­ze­lung«, mit einem Vor­wort von Thor­sten Mense, kkv kon­kret, kon­kret tex­te 75, 143 Sei­ten, 19,50 €. Ter­mi­ne der Tour »Hei­mat – eine Besich­ti­gung des Grau­ens« sie­he unter https://www.heimatfeindschaft.de.