Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mit Hans M. bei Hans W. in Zürich

In Zürich sind die Erin­ne­rungs­ta­feln jün­ger als die Häu­ser, an denen sie hän­gen. Eine in der Spie­gel­gas­se viel­leicht aus­ge­nom­men. Im Haus dane­ben, in der Nr. 12, starb 1837 Georg Büch­ner. Und in der Nr. 11 leb­te Lava­ter, der 1775 von Goe­the in die­sem Domi­zil besucht wor­den war. Alles sehr alte Immo­bi­li­en. Bei der Nr. 14 liest man zwi­schen den Fen­ster­rei­hen der zwei­ten und drit­ten Eta­ge in Ver­sa­li­en: »Hier wohn­te v. 21. Febr. 1916 bis 2. April 1917 Lenin, der Füh­rer der rus­si­schen Revo­lu­ti­on.« Das Haus ist, ohne dass man es erkennt, ein Neu­bau aus den 1970er Jahren.

Die Stadt hat­te zuvor das histo­ri­sche Objekt erwor­ben und unter Denk­mal­schutz gestellt, dann aber ent­setzt bemerkt, dass es nicht zu ret­ten war. Über die Blei­be hat­te die Krups­ka­ja sei­ner­zeit geschrie­ben: »Zwar war unser Haus hell, aber sei­ne Fen­ster gin­gen auf den Hof hin­aus, in dem es fürch­ter­lich roch, weil sich dort eine Wurst­fa­brik befand. Nur spät nachts konn­ten wir die Fen­ster öff­nen.« Das erklärt manches …

Die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei hat­te nach den Wah­len 1928 mit fünf Sit­zen im Stadt­rat die Mehr­heit und auch den Stadt­prä­si­den­ten gestellt – drei Mona­te spä­ter hing die­se Tafel in der Spie­gel­gas­se 14. Dar­auf­hin klag­te der Eigen­tü­mer, weil nach sei­ner Über­zeu­gung das Haus dadurch eine Wert­min­de­rung erfah­ren wür­de. Die Neue Zür­cher Zei­tung (NZZ) schrieb damals, dass der Stadt­rat Ver­hand­lun­gen »über eine ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gung für die Belas­sung der Tafel ein­ge­lei­tet« habe. Was dar­aus wur­de, ist nicht bekannt. Nur eben, dass sie noch immer hängt. Aber an einem neu­en Haus.

Von hier gelangt man in weni­gen Minu­ten zum Zäh­rin­ger­platz, wo sich wuch­tig neben einer Kir­che die Zen­tral­bi­blio­thek erhebt. Dort hat­te Lenin in jenem Jahr alles stu­diert, was ihm in die Fin­ger kam: von Rei­se­füh­rern über Unter­su­chun­gen zur Fleisch­ver­sor­gung des Deut­schen Rei­ches bis hin zu Abhand­lun­gen zu The­men wie »Höhen­kli­ma und Berg­wan­de­run­gen in ihrer Wir­kung auf den Men­schen«. In den 1940er Jah­ren sei ein Aus­leih­schein von ihm ver­schwun­den, der dann aber aus einem Anti­qua­ri­at zurück­ge­kauft wur­de und nun in einem Tre­sor des Stadt­ar­chivs lie­gen soll.

Das spricht für eine beacht­li­che Zunei­gung, obwohl Lenin selbst von den hie­si­gen Sozi­al­de­mo­kra­ten nicht viel hielt. »Der Magi­strat von Zürich besteht aus neun Mit­glie­dern, von ihnen sind vier Sozi­al­de­mo­kra­ten«, schrieb er 1917. Es han­de­le sich um »fried­li­che Spie­ßer, Oppor­tu­ni­sten, die sich an den par­la­men­ta­ri­schen Klein­kram gewöhnt haben und mit kon­sti­tu­tio­nell-demo­kra­ti­schen Illu­sio­nen bela­stet sind«.

Aber eben jene fried­li­chen Spie­ßer stif­te­ten ihm zehn Jah­re spä­ter die­se Tafel in der Spiegelgasse.

Zürich ist offen­kun­dig ein ziem­lich tole­ran­tes Pfla­ster. Das bekam auch unlängst Hans Mod­row zu spü­ren. Die Uni­ver­si­tät, kon­kret das dor­ti­ge Euro­pa-Insti­tut, hat­te den Ex-Mini­ster­prä­si­den­ten ein­ge­la­den, damit er etwas über die Ereig­nis­se in der DDR 1989 berich­te­te und über die Fol­gen, die sich aus der Her­stel­lung der staat­li­chen Ein­heit in Deutsch­land erga­ben. Man wol­le sich ein eige­nes Bild machen, hieß es, wes­halb bei­spiels­wei­se auch schon Gre­gor Gysi und Egon Krenz hier waren.

Der Insti­tuts­di­rek­tor infor­mier­te beim Begrü­ßungs­emp­fang – hier Apé­ro gehei­ßen –, dass die Uni­ver­si­tät mit rund 25.000 Stu­die­ren­den und fast 10.000 Mit­ar­bei­tern nicht nur die größ­te der Schweiz, son­dern wohl euro­pa­weit auch die ein­zi­ge sei, die nicht von Poten­ta­ten und Kir­chen­für­sten, son­dern per Volks­ent­scheid gegrün­det wor­den war. 1832 habe ein sol­ches Quo­rum den Regie­rungs­rat des Kan­tons zur Kon­sti­tu­ie­rung einer Alma Mater ver­an­lasst. Und Mod­row konn­te hin­zu­fü­gen, dass bis­lang kei­ne der über drei­hun­dert Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len in Deutsch­land den Mut beses­sen habe, den letz­ten SED-Mini­ster­prä­si­den­ten zu einem Vor­trag ein­zu­la­den. Also gleich zwei Alleinstellungsmerkmale.

Die vier­ecki­ge grü­ne Kup­fer­kup­pel überm Haupt­ge­bäu­de thront gleich­sam über der Stadt und ist von nahe­zu allen Plät­zen zu sehen. Ein­stein war hier Dozent, und Chur­chill hielt nach dem Krieg eine Rede, die Außen­mi­ni­ster Arme­ni­ens und der Tür­kei unter­zeich­ne­ten die Auf­nah­me diplo­ma­ti­scher Bezie­hun­gen. Dem fei­er­li­chen Akt 2009 wohn­ten die Außen­mi­ni­ster Russ­lands und der USA, Law­row und Clin­ton, bei. In die­sen Mau­ern wur­de also nicht nur Wis­sen­schafts­ge­schich­te geschrie­ben. Aber auch. Die Uni brach­te zwölf Nobel­preis­trä­ger her­vor, das heißt, die­se hat­ten ent­we­der in Zürich stu­diert oder gelehrt.

Das zu wis­sen war nicht erheb­lich, wohl aber illu­striert es den Kon­text, in wel­chem der 91-jäh­ri­ge Mod­row sprach. Der Hör­saal mit mehr als zwei­hun­dert Sitz­plät­zen lang­te nicht, um alle neu­gie­ri­gen Zuhö­rer auf­zu­neh­men, es muss­te ein zwei­ter Saal geöff­net wer­den, in wel­chen dann Mod­rows freie Rede über­tra­gen wur­de. Auch die­ser Raum war gut gefüllt. Mehr Zuhö­rer, als sei­ner­zeit zu Gysi gekom­men sei­en, kon­sta­tier­te der Insti­tuts­di­rek­tor beglückt, ohne damit vor­sätz­lich die Eitel­keit des Refe­ren­ten bedie­nen zu wollen.

Das Publi­kum: ein pari­tä­ti­sche Mischung aus Alten und Jun­gen, auf­merk­sam und inter­es­siert, sei­ne Fra­gen so höf­lich wie die Reak­tio­nen auf Ant­wor­ten, die nicht – wie sagt man? – auf den Punkt kamen. Es waren nicht nur Fans erschie­nen, die anschlie­ßend ein Auto­gramm erba­ten. Aber tole­rant waren sie alle. Wir befan­den uns schließ­lich in der Schweiz.

Danach gab es bei einem exzel­len­ten Ita­lie­ner ein mehr­gän­gi­ges Essen, an dem ein Dut­zend gela­de­ne Aka­de­mi­ker, Wirt­schafts­leu­te und Poli­ti­ker teil­nah­men. Der Direk­tor des Euro­pa-Insti­tuts, ein freund­li­cher, wit­zi­ger Pro­fes­sor mit ras­pel­kur­zen Haa­ren und modi­scher Bril­le, brach­te uns noch bis zum Hotel. Wir kamen plau­dernd an eben jener Biblio­thek vor­bei, und er berich­te­te, dass er in jun­gen Jah­ren eine Per­son getrof­fen habe, die mit Lenin angeb­lich im Lese­saal geses­sen hat­te. Lenin sei von die­sem als Work­aho­lic, aber auch als ein ziem­lich fin­ster drein­blicken­der, übel­lau­ni­ger Mensch beschrie­ben wor­den. Jeden Tag sei er pünkt­lich zur Öff­nung des Hau­ses erschie­nen und habe bis zur letz­ten Minu­te lesend und schrei­bend auf sei­nem Stuhl geses­sen. Mag sein, dass es so war, viel­leicht aber ver­hält es sich wie mit vie­len ande­ren Über­lie­fe­run­gen: Im Lau­fe der Jah­re wer­den sie immer län­ger, detail­lier­ter und auch skurriler.

Mod­row und mir blieb noch ein wenig Zeit zwi­schen einem Gespräch mit Poli­ti­kern und einem Inter­view mit dem SRF-Hör­funk. Ein Natio­nal­rat, wie hier die Abge­ord­ne­ten des eid­ge­nös­si­schen Par­la­ments hei­ßen, und des­sen wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter hat­ten um das Tref­fen gebe­ten. Die bei­den jun­gen Sozi­al­de­mo­kra­ten zeig­ten sich als sehr gut infor­mier­te Men­schen, die die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se in Deutsch­land auf­merk­sam und kri­tisch ver­folg­ten – im Übri­gen auch in der Tages­zei­tung jun­ge Welt –, und rich­te­ten ent­spre­chen­de Fra­gen an Mod­row, um Hin­ter­grün­de und Zusam­men­hän­ge zu erfahren.

Nun zogen wir durch die ver­win­kel­ten Stra­ßen und Gäss­chen der Alt­stadt, es ging hin­ab und hin­auf und der Atem bis­wei­len kurz. Wir schau­ten in der Spie­gel­gas­se vor­bei und lan­de­ten schließ­lich im Frau­mün­ster unten an der Lim­mat. Im Chor­raum aus dem 13. Jahr­hun­dert ver­weil­ten wir gerau­me Zeit und bestaun­ten die far­bi­gen Glas­fen­ster von Marc Chagall aus dem 20. Jahr­hun­dert, schmal und hoch auf­ra­gend, ein Feu­er­werk für die Sin­ne und Vexier­bil­der zugleich. Mehr für den Unkun­di­gen als für den Bibel­ken­ner. Dafür müs­se man sich nicht ent­schul­di­gen, mein­te ich auf Mod­rows Ein­wand. Dann, im Sei­ten­schiff, noch Gia­co­met­tis »Himm­li­sches Para­dies« betrach­tet, ein Glas­ge­mäl­de von 27 Qua­drat­me­tern – ein­ge­setzt im Sep­tem­ber 1945. Eine Kom­po­si­ti­on von dich­ten, kraft­voll leuch­ten­den Far­ben mit Gott­va­ter und Jesus, Pro­phe­ten und Evan­ge­li­sten und beten­den Engeln auf den Knien.

Hin­aus ins Freie und über die Lim­mat, vor­bei am Rei­ter­stand­bild von Hans Wald­mann, aus­gangs des 15. Jahr­hun­derts Bür­ger­mei­ster der Schwei­zer Reichs­stadt Zürich im Hei­li­gen Römi­schen Reich und als Des­pot nach einem Schnell­ver­fah­ren am 6. April 1489 ent­haup­tet. Sei­ne Grab­plat­te ist im Frau­mün­ster, sein Ruf bis heu­te umstrit­ten. Die einen spre­chen von Justiz­mord, die ande­ren von Gerech­tig­keit. 1937 wur­de die­se Pla­stik errich­tet – gegos­sen aus der Bron­ze ita­lie­ni­scher U-Boo­te. Und auf dem Sockel steht »Feld­herr und Staats­mann«. Hans M. amü­siert sich sicht­lich über Hans W. und meint: »Wir Hän­se zie­hen durch die Welt und haben sel­ten Glück …«

Im Groß­mün­ster mit den bei­den Tür­men jen­seits des Flus­ses mustern wir ein wei­te­res Kir­chen­fen­ster von Gia­co­met­ti, und als ich Mod­row vor­schla­ge, nun auch noch ins Volks­haus zu eilen, schaut er nur auf die Uhr. Nee, nicht mehr heu­te. Dabei lohn­te der Besuch des ersten alko­hol­frei­en Volks­hau­ses der Schweiz am Hel­ve­tia­platz noch aus einem ande­ren Grun­de. Dort hat­te Lenin am 9. Janu­ar 1917 auf einer Ver­an­stal­tung der sozia­li­sti­schen Arbei­ter­ju­gend eine Rede gehal­ten, wor­an seit 1970 eine Tafel erin­nert. Mit­ten im Krieg refe­rier­te er über die 1905er-Revo­lu­ti­on. Und soll­te sich dabei gewal­tig täu­schen: »Euro­pa ist schwan­ger mit der Revo­lu­ti­on«, sag­te er dort vor zumeist stu­den­ti­schem Publi­kum. »Wir, die Alten, wer­den viel­leicht die ent­schei­den­den Kämp­fe die­ser kom­men­den Revo­lu­ti­on nicht erleben.«

Aber viel­leicht irr­te nicht Lenin, son­dern wir gehen fehl. Die Pha­se, die vor drei­ßig Jah­ren ende­te, war even­tu­ell nur eine Vor­stu­fe. Der eigent­li­che Umbruch steht erst noch ins Haus.