Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Arbeitslosigkeit macht krank

Nicht nur Viren machen krank und kön­nen töd­lich sein. Auch die Arbeits­lo­sig­keit. Dabei hält sich die Mär hart­näckig in der »Mit­te der Gesell­schaft«: Arbeits­lo­se – das sind die Lebens­un­tüch­ti­gen, die Unzu­ver­läs­si­gen oder die Sozi­al­schma­rot­zer, faul und raf­fi­niert zugleich. Sie trü­gen die Schuld an ihrer Lage selbst. Ver­brei­tet ist die Auf­fas­sung vom sat­ten und zufrie­de­nen Arbeits­lo­sen, der mit sei­nem Wagen vorm Arbeits­amt vor­fährt, froh­ge­launt sei­ne »Stüt­ze« emp­fängt und sich danach wie­der ins erquicken­de Fau­len­zer­da­sein begibt. Doch der Ein­druck vom benei­dens­wer­ten Arbeits­lo­sen, der sich wohl­ver­sorgt und aus­ge­stat­tet mit allen Annehm­lich­kei­ten ein schö­nes Leben mache, ist nicht nur trü­ge­risch. Er ist falsch. »Arbeit ist schwer, kei­ne Arbeit ist die Höl­le«, lässt der Regis­seur Kat­ja Mann im Fern­seh­film »Das Geheim­nis der Frei­heit« zu ihrem Sohn Golo sagen.

Trotz Pan­de­mie und Wirt­schafts­kri­se ist die Zahl der Arbeits­lo­sen zuletzt kaum gestie­gen. Mit 2,9 Mil­lio­nen Per­so­nen – 6,3 Pro­zent aller Erwerbs­per­so­nen – war sie im Janu­ar 2021 etwa genau so groß wie im Juli des Vor­jah­res. Immer­hin aber über eine Mil­li­on höher als Ende 1980 und um 475.000 höher als im Vor­jah­res­mo­nat Janu­ar. Die Kri­se hat Spu­ren auf dem Arbeits­markt hin­ter­las­sen. Aber wes­halb schein­bar so schwa­che? Weil die Zahl der offi­zi­ell regi­strier­ten Arbeits­lo­sen die Lage beschö­nigt. Die Sta­ti­stik erfasst jene Arbeits­lo­sen nicht, die sich bei den Behör­den nicht mehr mel­den – kei­ne Chan­cen auf eine Ver­mitt­lung, kein Anspruch auf Lei­stun­gen, haben sie sich ent­mu­tigt aus dem Arbeits­markt zurück­ge­zo­gen. Auch Arbeits­su­chen­de in Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men und Umschu­lun­gen sowie 1-Euro-Job­ber tau­chen in kei­ner Arbeits­lo­sen­sta­ti­stik auf. Wie alle Per­so­nen, die älter sind als 58 Jah­re, min­de­stens 12 Mona­te Arbeits­lo­sen­geld II – Hartz IV – bezo­gen und in die­ser Zeit kei­ne sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäf­ti­gung ange­bo­ten bekom­men haben. Zusätz­lich streicht die Bun­des­agen­tur für Arbeit alle aus der Sta­ti­stik, die sich wei­gern, eine, wie es heißt, »zumut­ba­re Beschäf­ti­gung« anzu­neh­men. Mil­lio­nen Men­schen sind von sol­cher »ver­steck­ten« Arbeits­lo­sig­keit betrof­fen. Dar­un­ter die, die sich in Kurz­ar­beit befin­den. »Kurz­ar­beit Null« – das ist Arbeits­aus­fall total. Wie der offi­zi­ell regi­strier­te Arbeits­lo­se ist der »Kurz­ar­bei­ter Null« zum Nichts­tun ver­dammt. Er erhält Kurz­ar­bei­ter­geld, gegen­wär­tig maxi­mal 24 Mona­te, statt Arbeits­lo­sen­geld. Etwa 60 Pro­zent des Net­to­lohns. Im Früh­jahr 2020 ersetz­te die Bun­des­agen­tur für Arbeit den Unter­neh­mern für sechs Mil­lio­nen Men­schen, so viel wie noch nie, das Kurz­ar­bei­ter­geld. Bis Okto­ber ging die Zahl zurück, danach nahm sie wie­der zu. Nach Schät­zun­gen des ifo-Insti­tuts ist die Kurz­ar­beit bis Janu­ar 2021 wie­der um 20 Pro­zent gestie­gen. Die tat­säch­li­che Arbeits­lo­sig­keit ist also mil­lio­nen­fach höher als die von den Ämtern aus­ge­wie­se­ne, berück­sich­tigt man ihre ver­deck­ten Arten.

Ob offi­zi­ell oder inof­fi­zi­ell, ver­deckt oder offen – die Wir­kun­gen der Arbeits­lo­sig­keit sind ver­hee­rend. Wären enor­me Ein­kom­mens­ein­bu­ßen und Armut ihre ein­zi­ge Fol­ge, wäre das schlimm genug. Aber die mensch­li­che Tra­gö­die ist weit grö­ßer. Sie beginnt mit Selbst­zwei­feln, der gro­ßen Angst vor der unsi­che­ren Zukunft, mit Resi­gna­ti­on. Ohn­macht lähmt jene, die arbei­ten wol­len und nicht dür­fen. Sie füh­len sich ver­lo­ren und über­flüs­sig. Dage­gen hel­fen weder Arbeits­lo­sen­geld noch diver­se Fort­bil­dun­gen. Hun­der­te von Stu­di­en bele­gen, dass Arbeits­lo­se stär­ker unter see­li­schen Bela­stun­gen lei­den als Erwerbs­tä­ti­ge. Aus einer Stu­die des Robert-Koch-Insti­tuts geht her­vor, dass der Gesund­heits­zu­stand der Arbeits­lo­sen, ihrer Kin­der und ande­rer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger deut­lich schlech­ter ist als der­je­ni­gen, die arbei­ten. Sie füh­len sich nicht mehr gebraucht, emp­fin­den sich als wert­los und von der Gesell­schaft ver­sto­ßen. Sozia­le Kon­tak­te schwin­den, gewöhn­lich zuerst die zu den ehe­ma­li­gen Kol­le­gen. Per­sön­lich­keit zer­set­zen­de Wir­kun­gen, psy­chi­sche und phy­si­sche Krank­hei­ten neh­men zu. Was wird aus dem klei­nen Mann in den gro­ßen Erschüt­te­run­gen der Welt, fragt Hans Fal­la­da in »Klei­ner Mann – was nun?« Vie­le ken­nen die Geschich­te des Ber­li­ner Klein­bür­gers in der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se, die nach dem »schwar­zen Frei­tag« im Okto­ber 1929 an der New Yor­ker Bör­se aus­brach und jah­re­lang die gan­ze kapi­ta­li­sti­sche Welt im Fie­ber hielt. Es ist eine Geschich­te zwi­schen der Angst, kei­ne Arbeit zu fin­den und der Angst, sie wie­der zu ver­lie­ren. Der Dich­ter zeigt den Arbeits­lo­sen in sei­ner Ver­zweif­lung, aber auch in der Hoff­nung, ohne die er nicht wei­ter­le­ben kann.

Auch im »moder­nen« Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts emp­fin­den Men­schen eine eigen­ar­ti­ge Scham. Vie­len Arbeits­lo­sen fällt es schwer, Freun­den und Bekann­ten, selbst Ver­wand­ten und dem Ehe­part­ner zu erzäh­len, dass sie ent­las­sen wor­den sind. Arbeits­lo­se brin­gen län­ge­re Zeit im Kran­ken­haus zu als Berufs­tä­ti­ge. Das betrifft alle Krank­hei­ten. Die mit Abstand deut­lich­sten Unter­schie­de zei­gen sich hin­sicht­lich sta­tio­nä­rer Auf­ent­hal­te wegen psy­chi­scher Stö­run­gen: Arbeits­lo­se Män­ner ver­brin­gen nahe­zu sie­ben­mal mehr Tage mit einer ent­spre­chen­den Dia­gno­se im Kran­ken­haus als Nicht-Arbeits­lo­se, ermit­tel­te das Robert-Koch-Insti­tut. Arbeits­lo­se glei­ten ab in sozia­les, psy­chi­sches und fami­liä­res Fehl­ver­hal­ten. Fami­li­en­zwist, Schei­dun­gen, Alko­hol­miss­brauch, Ver­bre­chen beglei­ten den Ver­lust an Selbst­wert­ge­fühl. Für arbeits­lo­se Jugend­li­che bestehen im Ver­gleich zu den Erwerbs­tä­ti­gen glei­chen Alters signi­fi­kant höhe­re Risi­ken, dro­gen­ab­hän­gig zu wer­den. Die Gefahr ist beson­ders hoch bei männ­li­chen Jugend­li­chen, bei denen, die sehr lan­ge arbeits­los sind und bei Kin­dern und Jugend­li­chen arbeits­lo­ser Eltern.

Das Ver­trau­en in die eige­ne Fähig­keit schwin­det, Selbst­hass, Angst­ge­füh­le, Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­le, Depres­sio­nen stel­len sich ein. Und Arbeits­lo­sig­keit bringt vie­le der von ihr Betrof­fe­nen früh ins Grab. Die Sterb­lich­keit, Selbst­mor­de und Mor­de, die Auf­nah­me in Gefäng­nis­se und psych­ia­tri­sche Kli­ni­ken – sie sind bei Arbeits­lo­sen höher als bei Arbeits­tä­ti­gen. Arbeits­lo­sig­keit ist eine mör­de­ri­sche, sozia­le Krank­heit. Hun­dert­tau­sen­de ster­ben durch den sozia­len Stress, den sie aus­löst. Arbeits­lo­se befin­den sich in einem beäng­sti­gen­den Kreis­lauf. Gesund­heit­lich Labi­le wer­den zuerst gefeu­ert. Sind sie ohne Arbeit, ver­schlim­mern sich die gesund­heit­li­chen Schä­den und neue kom­men hin­zu. Durch das Sieb der Ein­stel­lungs­un­ter­su­chun­gen kom­men vor­wie­gend gesun­de Arbei­ter. Die Dar­win­sche »natür­li­che Aus­le­se« wird von den Kapi­ta­li­sten gna­den­los prak­ti­ziert. Schon Engels schrieb in sei­ner »Dia­lek­tik der Natur«, dass die Auf­fas­sung der Geschich­te als eine Rei­he von Klas­sen­kämp­fen viel inhalts­vol­ler und tie­fer sei als die »mag­re und ein­sei­ti­ge Phra­se vom Kampf ums Dasein« (MEW 20: 565  f.). Wahr ist, dass jene, die gesund­heit­lich ange­schla­gen sind, immer wie­der ins Arbeits­lo­sen­da­sein gesto­ßen wer­den. Das ist kein Natur­ge­setz, son­dern gesell­schaft­lich bedingt. Hun­dert­tau­sen­de ver­zich­ten aus Angst um ihren Arbeits­platz auf eine not­wen­di­ge Kur und ver­heim­li­chen, dass sie krank sind. Aus Angst, als »Krank­feie­rer« denun­ziert zu wer­den, scheu­en vie­le den Gang zum Arzt. Kraft­fah­rer Karl Mai­wald in Max von der Grüns »Stel­len­wei­se Glatt­eis« erhält von der Betriebs­lei­tung ein Schrei­ben, in dem ihm unter­stellt wird, er habe nicht wegen sei­ner Abszes­se krank­ge­macht, son­dern weil ihm die zuge­teil­ten Fahr­ten nicht zusag­ten. Sol­che Brie­fe wur­den an alle ver­schickt, die inner­halb von zwölf Mona­ten drei­mal erkrank­ten. »Vie­le lie­ßen sich dadurch so ein­schüch­tern, dass sie schon wie­der arbei­te­ten, bevor sie gesund waren, es kam vor, dass Fah­rer mit Fie­ber am Steu­er saßen.«

Auch das Insti­tut für Arbeits­markt- und Berufs­for­schung (IAB) ermit­tel­te, dass immer mehr Men­schen krank zur Arbeit gehen. Etwa die Hälf­te der Befrag­ten habe ange­ge­ben, sich min­de­stens ein­mal im Jahr krank zur Arbeit geschleppt zu haben. Sie woll­ten im har­ten Kon­kur­renz­kampf um die Arbeits­plät­ze nicht als Blau­ma­cher daste­hen (jun­ge Welt v. 30.01.2020). Vie­le Arbeits­lo­se, arme und kran­ke Men­schen müss­ten nicht früh ster­ben, gäbe es die­se Angst nicht und erhiel­ten sie die Ver­gün­sti­gun­gen und bevor­zug­ten Behand­lun­gen, die Betuch­te für sich in Anspruch neh­men. Die maka­bre Wahr­heit, die noch immer gilt: Weil du arm bist, musst du frü­her sterben.