Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kommunikationskontrolle

Der Bun­des­deut­schen Post (Post AG) war im Janu­ar 2020 die Pres­se­frei­heit – in Gestalt einer Brief­mar­ke – zumin­dest 95 Cent wert. Wei­te­re Wert-Zei­chen, die die­se stets gefähr­de­te Frei­heit the­ma­ti­sie­ren, blie­ben bis­her aus. Doch ich ver­las­se bes­ser das durch­aus span­nen­de, aber bald wohl aus­ster­ben­de Gebiet der Phil­ate­lie, um hier in lese­freund­li­cher Kür­ze zwei ande­re Daten in den Fokus zu rücken.

Auf die Gefahr hin, gleich meh­re­re Eulen aus Spree-Athen nach wo auch immer hin zu tra­gen, erin­ne­re ich an das Jahr 1931, in dem am 15. Dezem­ber in der Weltbühne u. a. fol­gen­der Warn­hin­weis zu lesen war: »Die glei­che Not, die alle schwächt, ist Hit­lers Stär­ke. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus bringt wenig­stens die letz­te Hoff­nung von Ver­hun­gern­den: den Kan­ni­ba­lis­mus. Man kann sich schließ­lich noch gegen­sei­tig fres­sen. Das ist die fürch­ter­li­che Anzie­hungs­kraft die­ser Heils­leh­re. Sie ent­spricht nicht nur den wach­sen­den bar­ba­ri­schen Instink­ten einer Ver­elen­dungs­zeit, sie ent­spricht vor allem der Gei­stes­stur­heit und poli­ti­schen Ahnungs­lo­sig­keit jener ver­sacken­den Klein­bür­ger­klas­se, die hin­ter Hit­ler mar­schiert. Die­se Men­schen haben auch in bes­se­ren Zeit­läuf­ten nie gefragt, immer nur gegafft.«

Der Autor die­ser Vor­weih­nachts­zei­len ist Carl v. Ossietzky. Er war kurz zuvor im soge­nann­ten »Weltbühne-Pro­zess« ange­klagt, der im Kern zur Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­trol­le, im Über­gang von der Wei­ma­rer Zeit zur tau­send­jäh­ri­gen Nazi-Zeit, im Novem­ber 1931 statt­fand. Ossietzky wur­de wegen angeb­li­chen Geheim­nis­ver­rats zu 18 Mona­ten Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt. Er hat­te in der Weltbühne (12. März 1929) als ein frü­her Whist­leb­lower über den heim­li­chen Auf­bau einer Luft­waf­fe durch die Reichs­wehr berich­tet. Kurt Tuchol­sky stellt dazu in der Weltbühne (20/​1932) klar: »Um Ossietzky zu ver­hin­dern, bei­zei­ten los­zu­schla­gen, wur­de die Ankla­ge auch wegen mili­tä­ri­scher Spio­na­ge erho­ben, ein Delikt, das nicht vor­ge­le­gen hat.« Der eigent­li­che Autor des Luft­waf­fen­ar­ti­kels, den Ossietzky laut Tuchol­sky schütz­te, der gleich­falls ver­ur­teil­te Luft­fahrt­ex­per­te und Co-Autor, Wal­ter Krei­ser (1898-1958), ist, im Gegen­satz zu Ossietzky, kurz nach der Urteils­ver­kün­dung nach Frank­reich geflo­hen, spä­ter in die Schweiz und dann nach Bra­si­li­en, eine noch wenig beleuch­te­te Lebensgeschichte.

Wenn der Her­aus­ge­ber der Weltbühne auch behaup­tet haben soll, dass von ihm nichts wei­ter zu sagen sei, so ist doch an dies Zen­sur-Vor­spiel neun­zig Jah­re spä­ter und immer wie­der zu erin­nern, wie auch an das Jahr 1936, in dem Carl v. Ossietzky, vor 85 Jah­ren, der Frie­dens­no­bel­preis (rück­wir­kend für das Jahr 1935) zuge­spro­chen wur­de. In den nur fünf dazwi­schen lie­gen­den Jah­ren ver­schärf­te sich die Lage, und am 28. Febru­ar 1933 inhaf­tier­ten die Nazis den Her­aus­ge­ber der Weltbühne. Ossietzky über­leb­te die Haft und Son­der­be­hand­lun­gen (eine ver­mut­li­che Ver­gif­tung durch Tuber­kel­ba­zil­len) nicht. Er starb am 4. Mai 1938 an den Fol­gen der Haft. Der »Tag der Pres­se­frei­heit« – seit 1994 der 3. Mai – hät­te auch auf die­sen Tag gelegt wer­den können.

Wenn ich aus der Haus­tür tre­te, dann schaue ich vis-à-vis auf das Carl-von-
Ossietzky-Gym­na­si­um in Pan­kow, und ein paar Stra­ßen wei­ter, in der Ossietz­ky­stra­ße, gehe ich oft an einer Skulp­tur des Bild­hau­ers Klaus Simon vor­bei. Sie steht da erst seit 1989 auf einem grö­ße­ren Rasen­stück zwi­schen den Häu­sern und der Stra­ße auf einem kaum sicht­ba­ren, sehr fla­chen Sockel und ist als klei­ne, leicht vor­ge­beug­te, in einen Man­tel gehüll­te Gestalt, Hän­de in den Man­tel­ta­schen ver­gra­ben, schon von wei­tem zu erken­nen. Ja, es ist, als gehe Carl v. Ossietzky, mit­ten im Gehen nur kurz auf­ge­hal­ten, aus einem der Häu­ser auf die Stra­ße zu. Ein ganz und gar unhel­di­sches, bei­läu­fig platz­ier­tes Denk­mal, das dem Bild­hau­er da gelun­gen ist.

Die lan­ge Geschich­te der Zen­sur ist seit dem römi­schen Zwölf-Tafel-Gesetz, das die Todes­stra­fe bereit­hielt, und schon weit davor bekannt und in ent­spre­chen­den Publi­ka­tio­nen nach­zu­le­sen. Es fand und fin­det die pein­li­che Kon­trol­le der Pres­se- und Druckerzeug­nis­se, die Ver­fol­gung und Ermor­dung unlieb­sa­mer Autorin­nen und Autoren zu allen Zei­ten und in allen Kul­tu­ren, Län­dern, Staa­ten und Syste­men statt. Weni­ge gegen­tei­li­ge Ruh­mes­blät­ter sind da bis heu­te zu ver­tei­len. Das Lesen der Zen­so­ren ver­fei­ner­te sich bis ins Lesen zwi­schen den Zei­len, um dort ver­bor­ge­ne und ver­bo­te­ne gei­sti­ge Schmug­gel­wa­re auf­zu­spü­ren. Da konn­te Hein­rich Hei­ne beim Grenz­über­tritt, als sei­ne Kof­fer durch­wühlt wur­den, noch spot­ten: »Die Contre­ban­de, die mit mir reist, die hab ich im Kop­fe stecken.« (»Deutsch­land. Ein Win­ter­mär­chen«, 1843/​44) Das beein­druckt die Zen­sur­ge­walt­ha­ber nicht, dann rol­len eben die Köp­fe. Es gilt nach wie vor: Die Pres­se­frei­heit ist stets gefähr­det. Dem Befund ist man­ches oder doch vie­les noch hin­zu­zu­fü­gen, was die Gegen­warts­ge­schich­te bereits von selbst und wei­ter­hin hin­zu­fügt, wenn wir heu­te in der »frei­en« Pres­se lesen und hören, wer wo wes­we­gen ange­klagt, ver­ur­teilt, gefan­gen gehal­ten wird, auf der Flucht ist, um Asyl nach­sucht oder ermor­det wor­den ist. Inzwi­schen gibt es zwar welt­weit ein kri­ti­sches Radar- und Warn­sy­stem, das Ein­schrän­kun­gen von Pres­se­frei­heit mehr und min­der erfolg­reich auf­spürt und anpran­gert, aber es will ein­fach nicht aufhören.

Unan­ge­nehm aller­dings ist es, wenn Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen, die es bes­ser wis­sen müss­ten, ihren Spott über Inhaf­tier­te und Ver­folg­te nicht zügeln kön­nen, weil sie in der einen oder ande­ren Geg­ner­schaft gedan­ken­los ge- oder befan­gen sind. Die Geschich­te des Namens­ge­bers die­ser Zwei­wo­chen­schrift und des in sei­nem Namen ver­lie­he­nen Prei­ses, ist und bleibt dem Kampf für Pres­se­frei­heit ver­pflich­tet, und sie bil­det gleich­zei­tig ein wesent­li­ches Stück hun­dert­jäh­ri­ger Zen­sur-, Straf- und Mord­ge­schich­te allein in Deutsch­land ab.

Post­skrip­tum: Der Kan­ni­ba­lis­mus, von dem Carl v. Ossietzky 1931 schrieb, lässt sich noch stei­gern. Vom in Czer­no­witz gebo­re­nen Alfred Gong gibt es da ein gru­se­lig-gro­tes­kes Mär­chen: »Die Legen­de vom Nim­mer­satt« (1951), in der ein Mensch in einer Zel­le ver­ges­sen wur­de. Ein­ge­sperrt in Dun­kel und Hun­ger, leb­te er noch nach acht Wochen und begann, »nur noch Haut und Kno­chen«, sich selbst zu fres­sen, ver­län­ger­te sein Leben auf die­se Wei­se um »zwei­mal acht Wochen«. »Doch als an ihm nichts übrig­blieb als die Kno­chen, öff­ne­te sich breit die Zel­len­tür, und einer schrie: Du bist frei! Vor Freu­de fiel unser Ske­lett tot nie­der. Unser Mann war geret­tet: Zwar war es mit ihm vor­bei, doch hat­te er die Frei­heit wieder!«

 

Anmer­kung: Alfred Gongs (1920-1981) Lebens­ge­schich­te, geprägt von Flucht und Exil, wur­de u. a. von Peter Rychlo mehr­fach publi­ziert. Bücher von Gong sind anti­qua­risch zu finden.