Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Im Authentizitätswahn

»Eigent­lich bin ich ganz anders, nur komm’ ich so sel­ten dazu« (Ödön von Hor­váth). Jede und jeder wird die­ses Horváth’sche Unbe­ha­gen irgend­wie ken­nen, auch wenn sich wohl nie ermit­teln lie­ße, was das »Eigent­li­che«, die­se selt­sa­me inne­re Sub­stanz, denn sein soll. Aber die Sehn­sucht danach brei­tet sich in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit wie ein Virus pan­de­misch aus und ent­facht aller­or­ten einen Authen­ti­zi­täts­wahn, der in Wahr­heit die viel gefähr­li­che­re Krank­heit ist als die­je­ni­ge, die zu hei­len er vor­gau­kelt. Wir müss­ten nur end­lich die­ses zivi­li­sa­to­ri­sche Kor­sett abstrei­fen, unser »eigent­li­ches« Sosein zei­gen, dann wür­de alles bes­ser wer­den, »ech­ter«, eben authentischer.

»Unterm Strich zähl ich!« – die­se Wer­be­bot­schaft, wie sie vor gar nicht lan­ger Zeit von einem gro­ßen Ver­si­che­rungs­kon­zern über alle Medi­en ver­brei­tet wur­de, bringt auf ver­rä­te­ri­sche Wei­se zum Aus­druck, dass die Erd­er­wär­mung nicht unser ein­zi­ges Kli­ma-Pro­blem ist. Dass jeder vor allem an sich selbst denkt, pro­pa­giert und ins Extre­me gewen­det durch den soge­nann­ten Neo­li­be­ra­lis­mus, ist seit Jah­ren, was man den Geist der Zei­ten nen­nen könn­te. Und die­ser Geist hat das gesell­schaft­li­che Kli­ma eben­so geschä­digt wie die CO2-Emis­sio­nen das meteo­ro­lo­gi­sche. Extre­me Wet­ter­la­gen hier wie dort.

Die Bus­fah­re­rin schließt vor den her­an hasten­den, ganz knapp zu spät gekom­me­nen, aber jetzt nur noch poten­zi­el­len Fahr­gä­sten die Tür und fährt davon; der Kas­sie­rer rügt die Kun­din laut­hals, im Bei­sein und zum Ver­druss der hin­ter ihr War­ten­den, dass sie ver­ges­sen habe, ihr Gemü­se abzu­wie­gen; der Taxi­fah­rer stellt auch auf mehr­fa­che Bit­te hin das Radio kein biss­chen lei­ser; Nach­barn zie­hen gegen­ein­an­der vor Gericht, weil der Apfel­baum des einen zu viel Schat­ten auf das Grund­stück des ande­ren wirft. Das sei unzu­mut­bar und gehö­re behörd­lich unter­sagt. Über­haupt: Unterm Strich zäh­len die Ande­ren nicht.

Die Auf­zäh­lung lie­ße durch etli­che Bei­spie­le erwei­tern. Man gibt und zeigt sich heu­te, wie man sich gera­de so fühlt, man will aus sei­nem Her­zen kei­ne Mör­der­gru­be mehr machen. Also ist man, je nach Tages­tim­mung, miss­mu­tig oder gut gelaunt, immer unver­stellt eben, und merkt gar nicht, dass man damit unver­se­hens die Grup­pe jener – par­don – »Arsch­lö­cher« ver­grö­ßert, die einem selbst im All­tag gehö­rig auf die Ner­ven gehen. Man zeigt eben, wer und wie man »ist«, und kehrt sein »Inne­res«, sein ver­meint­lich unver­fälsch­tes Sosein nach außen – und zwar je lau­ter desto echter.

Ein ver­drieß­li­che­rer und gefähr­li­che­rer Unsinn ist kaum denk­bar. Dem gan­zen Gere­de von »authen­ti­schen Kunst­wer­ken« oder »authen­ti­schen, mit sich selbst iden­ti­schen Per­so­nen« – die­sen wei­ßen Schim­meln – liegt nichts als eine wir­re Idee zugrun­de. Authen­ti­zi­tät wäre dem­nach das Gegen­teil von Kul­tur, also davon, was den Men­schen vom Natur­we­sen unter­schei­det. Das Sozi­al­we­sen Mensch könn­te ohne ein halb­wegs fried­li­ches Mit­ein­an­der, ohne »cul­tu­ra«, die auf Ver­ede­lung und »Ver­stel­lung« beruht, nicht bestehen. Wir leben von Beginn an bis an unser Ende in Bezie­hun­gen. Und die­ses Zusam­men­le­ben wäre ohne Regeln und Kon­ven­tio­nen, ohne Rück­sicht­nah­me und Höf­lich­keit wohl nur schwer erträg­lich, wenn nicht gar unmög­lich. Und dass es rau­er wird da drau­ßen, rup­pi­ger, rück­sichts­lo­ser ist wohl kaum zu bestreiten.

Ein bedau­er­li­ches, frü­hes Opfer die­ser Ent­wick­lung ist die Höf­lich­keit, die zwar in man­chen Krei­sen durch­aus noch gepflegt wird, deren Regeln jedoch im Berufs­all­tag und erst recht im Inter­net, in sozia­len Medi­en oder via E-Mail zuneh­mend außer Kraft gesetzt wer­den. Ich emp­fin­de sol­ches »außer-Form-gera­ten« unse­rer dia­lo­gi­schen Pra­xis, des­sen unfrei­wil­li­ger Zeu­ge man immer öfter im All­tag wird, weil etwa Tele­fon­ge­sprä­che heu­te öffent­lich und laut­hals geführt wer­den, als schwe­re Beein­träch­ti­gung. Man möch­te sich stän­dig »fremd­schä­men«.

Es geht dabei um mehr als um Fra­gen des guten Geschmacks. Und es geht schon gleich gar nicht um so etwas wie Sit­te und Anstand, deren Ver­lust wir gern, sei es bedau­ernd oder beglückt, umstands­los den neu­en Medi­en zuschrei­ben. Das ist jedoch eigen­tüm­lich kurz gesprun­gen. Denn dass da auf allen Kanä­len geschimpft, geflucht und belei­digt wird, ist doch nicht gera­de­wegs dem tech­ni­schen Fort­schritt anzu­la­sten. Tech­nik mag ja die Hemm­schwel­le sen­ken, die aggres­si­ven Impul­se gehen aber ein­deu­tig von den »Usern« aus: nicht vom Han­dy, son­dern vom Han­dy-Nut­zer, nicht vom Pro­vi­der, son­dern vom E-Mail-Absen­der, nicht von Twit­ter oder Insta­gram, son­dern vom Twit­te­rer oder Instagramer.

Wir spre­chen von ganz gewöhn­li­chen Zeit­ge­nos­sen, deren, ja, aso­zia­le Ver­hal­tens­wei­sen dafür sor­gen, dass sich die Rea­li­tät den media­len Umgangs­for­men immer wei­ter annä­hert. Das ver­meint­lich Ech­te, Unver­fälsch­te steht hoch im Kurs, hat aber mit­nich­ten nur lästi­ge Aus­wir­kun­gen auf unse­ren gesell­schaft­li­chen Nah­ver­kehr. Es prägt viel­mehr auf besorg­nis­er­re­gen­de Wei­se inzwi­schen das gesam­te Welt­ge­sche­hen. Und hier wird der indi­vi­du­el­le Gewinn, den eini­ge »Ich­ler« aus ihrem mon­strö­sen Geha­be zie­hen mögen, tat­säch­lich zu einem ern­sten kol­lek­ti­ven und einem aku­ten poli­ti­schen Problem.

Als Donald Trump im Novem­ber 2016 von den US-Bür­gern zum 45. Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten gewählt wur­de, nann­ten sei­ne Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler als wich­tig­sten Grund dafür, ihm ihre Stim­me gege­ben zu haben, sei­ne »Authen­ti­zi­tät«. End­lich mal einer, der sagt, was er denkt, der so anders ist (zu sein scheint) als die strom­li­ni­en­för­mi­gen Berufs­po­li­ti­ker, das geschmäh­te »Estab­lish­ment«, das seit ewi­gen Zei­ten nur um sich sel­ber kreist und sich um »unse­re« Belan­ge einen Dreck schert. Aus der­sel­ben Grund­stim­mung zie­hen »Poli­ti­ker« auch anders­wo ihre Zustim­mung, in Groß­bri­tan­ni­en und Bra­si­li­en, in Polen und Ungarn – die Auf­zäh­lung fort­zu­set­zen, wür­de mich in Depres­si­on stürzen.

Dabei muss man ernst­haft fra­gen, ob Authen­ti­zi­tät und Demo­kra­tie über­haupt kom­pa­ti­bel sind oder sich nicht viel­mehr aus­schlie­ßen. Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker müs­sen Kom­pro­mis­se ein­ge­hen kön­nen, sie müs­sen im Sin­ne des Gemein­we­sens in der Lage sein, Posi­tio­nen zu ver­tre­ten, die viel­leicht nicht ihrer Pri­vat­hal­tung ent­spre­chen, kurz, Din­ge sagen und tun, die sie als Nicht-Poli­ti­ker weder sagen noch tun wür­den. Anders wären die viel­fäl­ti­gen und teils wider­sprüch­li­chen Ansprü­che einer sich immer wei­ter aus­dif­fe­ren­zie­ren­den Gesell­schaft gar nicht hand­hab­bar. Jeden­falls solan­ge sie wei­ter­hin demo­kra­tisch ver­fasst sein soll.

Wer einen Anspruch auf die eine, »eige­ne« Wahr­heit erhebt und sein Inne­res unkul­ti­viert, also mög­lichst »echt« ins Außen über­füh­ren möch­te, soll­te von der Poli­tik mög­lichst fern­ge­hal­ten wer­den. Kurz: Wer pri­mär nach innen schaut statt nach außen, ist für Füh­rungs­auf­ga­ben in der Poli­tik schlicht unge­eig­net. Ein auch nur flüch­ti­ger Blick in die Ver­gan­gen­heit und auf die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on in man­chen Län­dern die­ser Welt lässt erken­nen, wor­auf das hin­aus­läuft. So etwas Ähn­li­ches hat schon mehr­fach in die Kata­stro­phe geführt. Denn die kol­lek­ti­ve Ent­spre­chung der indi­vi­du­el­len Authen­ti­zi­tät ist die natio­na­le oder gar völ­ki­sche Iden­ti­tät. Das wah­re Ich geht dabei, so die hof­fen­de Über­zeu­gung, in einer qua­si-natür­li­chen Gemein­schaft von Glei­chen auf, die in ihrer Lebens­art und Gesin­nung nicht von äuße­ren Ein­flüs­sen »ver­un­rei­nigt« wer­den darf.

Sol­che Iden­ti­täts­po­li­tik ist nichts ande­res als Tri­ba­lis­mus und kehrt den Zivi­li­sa­ti­ons­pro­zess radi­kal um. Der läuft ganz wesent­lich eben nicht auf Gleich­för­mig­keit hin­aus, son­dern bezieht sei­ne Kraft aus sozia­ler Rei­bung, besteht also dar­in, die Ver­schie­den­heit pro­duk­tiv zu machen. Alle Wider­sprü­che in dem einen, ein­zi­gen »Volks­kör­per« zum Ver­schwin­den zu brin­gen, hät­te den kul­tu­rel­len Käl­te­tod zur Fol­ge – und mün­det in nichts ande­rem als Gewalt.

Was wir Zivi­li­sa­ti­on nen­nen, und wovon wir die ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te, min­de­stens in der west­li­chen Hemi­sphä­re, in unvor­stell­ba­rem Aus­maß pro­fi­tiert haben, ist kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Sie bedarf unse­res akti­ven Schut­zes. Und der bestün­de unter ande­rem dar­in, die­sem selt­sa­men Authen­ti­zi­täts-Schwach­sinn ent­ge­gen­zu­tre­ten, der unse­re Zukunft eben­so bedroht wie das eigen­nüt­zi­ge und kurz­sich­ti­ge Vor­teils­den­ken von Wirt­schaft und Poli­tik, das den öko­lo­gi­schen und gesell­schaft­li­chen Kli­ma­wan­del maß­geb­lich befeu­ert hat.

Jeder ist sei­nes Glückes Schmied, und jeder mehrt, wie dies Adam Smith gelehrt hat, den Nut­zen aller, indem er sei­nen ganz eige­nen Nut­zen ver­folgt. Aber die­se immer noch gül­ti­ge öko­no­mi­sche Lehr­mei­nung hat mit der Wirk­lich­keit rein gar nichts zu tun. Ego­is­mus und Eigen­sinn sind viel­mehr die Haupt­ur­sa­chen all unse­rer Pro­ble­me. Für wen die Ande­ren »unterm Strich nichts zäh­len«, der ist ein Toten­grä­ber all des­sen, was zu bewah­ren jede Anstren­gung wert sein sollte.