Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die V-Leute und das Staatswohl

Die Mor­de der »NSU«-Terrorgruppe und der ver­hee­ren­de Anschlag des Isla­mi­sten Anis Amri auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt am 19. Dezem­ber 2016 haben eini­ges gemein­sam: Da ist zum einen der – ras­si­stisch oder pseu­do­re­li­gi­ös grun­dier­te – Hass auf bestimm­te Men­schen­grup­pen als trei­ben­des Motiv der Täter. Zum ande­ren agier­ten etli­che V-Leu­te der Ver­fas­sungs­schutz­äm­ter im Umfeld sowohl der »NSU« als auch des Atten­tä­ters Amri. Hät­ten die­se V-Leu­te die zustän­di­gen »Sicher­heits­be­hör­den« nicht recht­zei­tig war­nen kön­nen, so dass die Ter­ror­ak­te hät­ten ver­hin­dert wer­den kön­nen? Die Ant­wort auf die­se – nicht nur aus der Sicht der Opfer – all­zu berech­tig­te Fra­ge suchen seit Jah­ren meh­re­re par­la­men­ta­ri­sche Unter­su­chungs­aus­schüs­se auf Bun­des- wie auf Lan­des­ebe­ne. Ein nai­ver Zeit­ge­nos­se wür­de nun erwar­ten, dass der Ver­fas­sungs­schutz und die ande­ren invol­vier­ten »Sicher­heits­be­hör­den« alles tun, um die­se not­wen­di­ge Auf­klä­rungs­ar­beit nach Kräf­ten zu unter­stüt­zen. Aber weit gefehlt: Die Auf­ar­bei­tung des »NSU«-Skandals ist eine ein­zi­ge Geschich­te geziel­ter staat­li­cher Ver­tu­schung – von der Akten­ver­nich­tung bis hin zur Wei­ge­rung, die Ver­quickung von V-Leu­ten in das Tat­ge­sche­hen und sei­ne Hin­ter­grün­de zu offen­ba­ren. Das gilt in glei­cher Wei­se für die Auf­klä­rung des Fal­les Amri, der einen Sat­tel­zug in den Weih­nachts­markt auf dem Ber­li­ner Breit­scheid­platz lenkte.

Als der Amri-Unter­su­chungs­aus­schuss des Bun­des­ta­ges einen Ver­fas­sungs­schutz­be­dien­ste­ten ver­neh­men woll­te, der für die Füh­rung der V-Per­so­nen in der Ber­li­ner Isla­mi­sten­sze­ne ver­ant­wort­lich ist, ver­wei­ger­te das Bun­des­in­nen­mi­ni­ste­ri­um, die­sen V-Per­son-Füh­rer nament­lich zu benen­nen. Die Bun­des­tags­frak­tio­nen der Lin­ken, der Grü­nen und der FDP stell­ten dar­auf­hin beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt den Antrag, das Mini­ste­ri­um zur Nen­nung die­ses V-Per­son-Füh­rers zu ver­pflich­ten (»Organ­streit­ver­fah­ren«).

Am 3. Febru­ar 2021 wur­de nun vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit­ge­teilt, dass der Antrag abge­lehnt ist (Akten­zei­chen 2 BvE 4/​18). Beim Ein­satz ver­deck­ter Quel­len wie in die­sem Fall, so die Begrün­dung, »wird das par­la­men­ta­ri­sche Unter­su­chungs­recht durch die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Nach­rich­ten­dien­ste als Belang des Staats­wohls sowie durch die Grund­rech­te der betref­fen­den V-Per­so­nen begrenzt«. Die­ser V-Per­son sei schließ­lich sei­tens des Ver­fas­sungs­schut­zes umfas­sen­de Ver­trau­lich­keit zuge­si­chert wor­den. Dem Gericht erschien es des­halb als »nach­voll­zieh­bar, dass die V-Per­son die Ver­neh­mung ihrer Füh­rungs­per­son im Unter­su­chungs­aus­schuss trotz der vor­han­de­nen Mög­lich­kei­ten des Geheim­schut­zes als unzu­mut­ba­re Ein­schrän­kung, gar Bruch der ihr zuge­si­cher­ten Ver­trau­lich­keit ver­ste­hen und in der Fol­ge die Zusam­men­ar­beit mit dem Ver­fas­sungs­schutz auf­kün­di­gen werde«.

Die­se Begrün­dung spricht nicht gera­de für eine pro­fun­de Kennt­nis der Rea­li­tät des V-Leu­te-Ein­sat­zes, eher für ein blin­des Ver­trau­en der Ver­fas­sungs­rich­ter in die Beteue­rung von Regie­rungs­ver­tre­tern, V-Leu­te sei­en schlicht­weg »unver­zicht­bar« für die Auf­klä­rung ter­ro­ri­sti­scher oder »extre­mi­sti­scher« Bestre­bun­gen. Dabei han­delt es sich bei den V-Leu­ten regel­mä­ßig nicht um enga­gier­te Demo­kra­ten, son­dern häu­fig um Kri­mi­nel­le und hart­ge­sot­te­ne Über­zeu­gungs­tä­ter. Sie müs­sen zwei­fel­los stets fürch­ten, dass sie ent­tarnt wer­den, von wel­cher Sei­te auch immer – und sor­gen des­halb manch­mal auf ihre Wei­se vor. Jeden­falls aus Naz­i­k­rei­sen ist bekannt, dass V-Leu­te ihren Gesin­nungs­ge­nos­sen nicht sel­ten offen­bar­ten, dass sie vom Staat ange­wor­ben wor­den sind. Ihr Salär wur­de dann häu­fig zum Auf­bau der Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur, zur Finan­zie­rung von Pro­pa­gan­da oder zu ähn­li­chen Zwecken ein­ge­setzt. Auf die­se Wei­se hat der Ver­fas­sungs­schutz, wie Rolf Göss­ner (in dem unten genann­ten Buch, S. 36 f.) schreibt, »rechts­ex­tre­me Sze­nen, Netz­wer­ke, Orga­ni­sa­tio­nen und Par­tei­en, die er ledig­lich beob­ach­ten soll, nicht etwa wirk­lich­keits­nah erfasst, beur­teilt und geschwächt, son­dern viel­fach über sei­ne bezahl­ten Spit­zel mit­fi­nan­ziert, geschützt und bestärkt«. Es kön­ne kei­ne Rede davon sein, dass sich die V-Leu­te als zuver­läs­si­ge Infor­ma­ti­ons­quel­le bewährt hät­ten – im Gegen­teil: »Sie belü­gen und betrü­gen nicht nur die eige­nen Leu­te, son­dern oft auch die Behör­den«, bemerkt der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Hajo Fun­ke. »Unter dem Deck­man­tel der Geheim­dien­ste kön­nen sie unge­stört agie­ren, sie schüt­zen dann nicht die Ver­fas­sung, son­dern bekämp­fen sie; sie pro­fi­tie­ren vom Staat und schwä­chen ihn zugleich« (Hajo Fun­ke, Sicher­heits­ri­si­ko Ver­fas­sungs­schutz, Ham­burg 2018, S. 33).

War­um aber mei­nen die Ver­fas­sungs­rich­ter und Rich­te­rin­nen, dass die Gewähr­lei­stung unbe­ding­ter Ver­trau­lich­keit gegen­über sol­chen zwie­lich­ti­gen Gestal­ten im Inter­es­se des »Staats­wohls« gebo­ten sei? Mit die­sem »Staats­wohl«, dass immer­hin den Vor­rang gegen­über dem ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­ten Unter­su­chungs­recht des Par­la­ments genie­ßen soll, ist offen­bar etwas ande­res gemeint: Ver­tei­digt wer­den soll anschei­nend der Nim­bus des Ver­fas­sungs­schut­zes mit sei­nen frag­wür­di­gen Über­wa­chungs­prak­ti­ken. Die Öffent­lich­keit soll auch wei­ter­hin glau­ben, dass die­se Insti­tu­ti­on zur Bekämp­fung des Ter­ro­ris­mus und des »Extre­mis­mus« unver­zicht­bar ist.

In sei­ner lan­gen Geschich­te hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Grund­rech­te in vie­len Fäl­len gegen den Macht­an­spruch staat­li­cher Instan­zen ver­tei­digt. Erin­nert sei nur an das Volks­zäh­lungs­ur­teil von 1983, mit dem das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung aus der Tau­fe geho­ben wur­de, oder an den Brok­dorf-Beschluss von 1985 zur Bedeu­tung der Ver­samm­lungs­frei­heit. Durch die Ver­hin­de­rung der par­la­men­ta­ri­schen Auf­klä­rung zwei­fel­haf­ter V-Leu­te-Ein­sät­ze agier­ten die Rich­ter und Rich­te­rin­nen in die­sem Fall aber eher wie eine Art Staats­ge­richts­hof, der einer dunk­len Sei­te der Macht sei­nen Segen erteilt.

 

Prof. Dr. Mar­tin Kutscha hat bis 2013 Staats­recht in Ber­lin gelehrt und kürz­lich gemein­sam mit der VVN-Vor­sit­zen­den Cor­ne­lia Kerth das Buch »Was heißt hier eigent­lich Ver­fas­sungs­schutz?« herausgegeben.