Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wir machen weiter

Erfreu­li­ches ist aus Osna­brück zu hören. Die Stu­den­tin Sarah Was­ser­mann befass­te sich 2020 in ihrer Dis­ser­ta­ti­on »Wir machen wei­ter – Tex­ti­les Lai­en­schaf­fen in der DDR und Ent­wick­lung nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung« mit der ver­schwun­de­nen DDR. Und nicht nur sie, auch ande­re Stu­den­ten erfor­schen, was in der geschmäh­ten DDR, dem »Unrechts­staat«, künst­le­risch mög­lich und wirk­lich war. Bei Sarah Was­ser­mann geht es spe­zi­ell um das Lai­en­schaf­fen, um »Volks­kunst«, ein Begriff, der nega­tiv bela­den ist und an »Völ­ki­sches« erin­nert. Da haben »Bild­ne­ri­sches Volks- oder Ama­teur­schaf­fen«, auch »Frei­zeit­kunst« schon einen bes­se­ren Klang. Unter »Volks­kunst« ist – wenn man die Lexi­ka befragt – das künst­le­risch gestal­te­te Hand­werks­gut ins­be­son­de­re der Berg­leu­te, Bau­ern, Fischer und Hir­ten zu ver­ste­hen, das immer zweck­ge­bun­den war. Ute Mohr­mann, Pro­fes­so­rin für Eth­no­gra­phie und Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für Euro­päi­sche Eth­no­lo­gie der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin a. D., unter­sucht in ihrer Arbeit »Vom kon­flikt­rei­chen Wer­den«, was in vier­zig Jah­ren DDR auf dem Gebiet des bild­ne­ri­schen Volks­schaf­fens ent­stan­den und gewach­sen ist, was bewahrt wer­den muss als Teil des natio­na­len Kulturerbes.

Erste Mal- und Zei­chen­zir­kel ent­stan­den vor­wie­gend in den Betrie­ben um Hal­le, meist in Betrie­ben der SAG (Sowje­ti­schen Akti­en­ge­sell­schaft). Zugrun­de lagen gemein­sa­me Erleb­nis­se und poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen, die oft in Kol­lek­tiv­ar­bei­ten dar­ge­stellt wur­den. Gelenkt wur­den die Zir­kel von Kul­tur­funk­tio­nä­ren, gelei­tet wur­den sie von aka­de­misch aus­ge­bil­de­ten Künst­lern. Beacht­li­che Lei­stun­gen sind da ent­stan­den. Die Werk­tä­ti­gen betei­lig­ten sich mit viel Freu­de an Chö­ren, Thea­ter-, Musik- und Tanz­grup­pen. Es grün­de­ten sich Sin­ge- und Ama­teur­film­clubs. Seit 1959 gab es Arbei­ter­fest­spie­le. An den Ruhr­fest­spie­len nahm die DDR mit bemer­kens­wer­ten Bei­trä­gen teil. Seit 1962 arbei­te­te das Zen­tral­haus für Kul­tur­ar­beit in Leip­zig unter staat­li­cher Lei­tung. Seit 1963 erschien die Zeit­schrift »Bild­ne­ri­sches Volks­schaf­fen«, und 1964 ent­stand, ange­regt durch den Bit­ter­fel­der Weg, eine Mas­sen­be­we­gung des Volks­schaf­fens. Ziel war die ästhe­ti­sche Erzie­hung der Bevöl­ke­rung. Es gab die Mög­lich­keit, eine Spe­zi­al­schu­le zu besu­chen, an zen­tra­len Lehr­gän­gen teil­zu­neh­men und an Abend­schu­len in künst­le­ri­schen Hoch­schu­len sei­ne Fähig­kei­ten zu ent­wickeln. Die Bezie­hun­gen zwi­schen Volks- und Berufs­kunst wur­den enger. In den Kunst­aus­stel­lun­gen der DDR in Dres­den waren zu Beginn auch Wer­ke des bild­ne­ri­schen Volks­schaf­fens zu bewun­dern. Ab 1969 fan­den aller vier Jah­re ent­spre­chen­de Aus­stel­lun­gen statt, die auch im Aus­land ein gro­ßes Echo fan­den. Regle­men­tie­run­gen durch poli­ti­sche Funk­tio­nä­re wur­den in den 1970er Jah­ren schon kri­tisch betrach­tet, es gab sati­ri­sche Dar­stel­lun­gen über das Leben in der DDR. Die Freu­de am Selbst­ge­stal­ten nahm zu.

Die Volks­kunst­kon­fe­renz in Gera 1984 konn­te 70.000 Mit­glie­der in 5.000 Zir­keln für Male­rei und Gra­fik, für Pla­stik und Kera­mik, für Schnit­ze­rei und Holz­ge­stal­tung sowie für Tex­til­ge­stal­tung ver­zeich­nen. Die Mit­glie­der der Zir­kel und Grup­pen waren weni­ger Arbei­ter und Bau­ern, son­dern größ­ten­teils Inge­nieu­re, Archi­tek­ten, Leh­rer, Stu­den­ten, Schü­ler und Haus­frau­en. Gemein­sa­me Besu­che von Kon­zert-, Thea­ter- und ande­ren kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen – nach­zu­le­sen in den Bri­ga­de­ta­ge­bü­chern – doku­men­tie­ren den gesell­schaft­li­chen Stel­len­wert der »ästhe­ti­schen Erziehung«.

Vie­le ver­mis­sen das heu­te, zumal nach der »Wen­de« sol­che Ver­an­stal­tun­gen oft nicht mehr bezahl­bar sind. Erhal­ten haben sich eini­ge Zusam­men­künf­te schrei­ben­der Arbei­ter, die der Bit­ter­fel­der Auf­for­de­rung »Greif zur Feder, Kum­pel« schon vor Jah­ren gefolgt waren. Auch Chö­re und Musik­grup­pen arbei­ten noch unter ande­ren Vor­aus­set­zun­gen. Mal- und Zei­chen­zir­kel bestehen teil­wei­se mit viel per­sön­li­chem Enga­ge­ment wei­ter. Mit der DDR ver­schwun­den sind die finan­zi­el­le För­de­rung sol­cher Zir­kel, die Ver­schmel­zung von Arbeit und sinn­vol­ler Frei­zeit­ge­stal­tung. Den­noch sind das kol­lek­ti­ve Erleb­nis und der Stolz auf Erfol­ge in den ver­blie­be­nen Gemein­schaf­ten geblie­ben. Es exi­stie­ren noch Kur­se an Volks­hoch­schu­len oder Jugend­kunst­schu­len für kul­tu­rel­le Bil­dung. Aber alles, was mit DDR zusam­men­hing, wur­de nie­der­ge­macht, »auf­ge­ar­bei­tet«. 7.000 Expo­na­te der Male­rei, Gra­phik und Pla­stik sowie der Tex­til­ge­stal­tung und Kera­mik wer­den im Archiv der Aka­de­mie der Kün­ste gela­gert. Das Kunst­ar­chiv Bees­kow bewahrt Arbei­ten, die von den Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen auf­ge­kauft wurden.

Im Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum der DDR-All­tags­kul­tur in Eisen­hüt­ten­stadt gab es 2015/​16 eine sehens­wer­te Aus­stel­lung unter dem Titel »Frei­zeit, Kunst & Lebens­freu­de. DDR-Lai­en­schaf­fen aus dem Kunst­ar­chiv Bees­kow«. Es muss erwähnt wer­den, dass aus dem Volks­schaf­fen nicht weni­ge erfolg­rei­che Berufs­künst­ler her­vor­ge­gan­gen sind. Eine aus­ge­zeich­ne­te Arbeit als Zir­kel­lei­ter lei­ste­ten die Künst­ler Bern­hard Fran­ke und Wolf­gang Speer. Das Pan­kower Gra­phik­zen­trum, das vor eini­gen Jah­ren in der Laden­ga­le­rie der jun­gen Welt aus­stell­te und von Wolf­gang Speer gelei­tet wur­de, ist nach wie vor bekannt. In Bit­ter­feld wird das Werk von Bern­hard Fran­ke von der Stadt bewahrt; ein Kunst­ver­ein, der aus sei­nem Zir­kel her­vor­ging, küm­mert sich dar­um. Das alles darf nicht ver­ges­sen wer­den. Noch gibt es kei­ne umfas­sen­de wis­sen­schaft­li­che Dar­stel­lung des Lai­en­schaf­fens in der DDR. Ute Mohr­mann ist auf die­sem Gebiet viel zu ver­dan­ken. Es war eben nicht alles schlecht in der DDR, vie­les davon gilt es zu erhal­ten. Geben wir die Hoff­nung nicht auf.