Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kommandoobjekt Sprache

Auf sprach­li­ches Glatt­eis zu füh­ren, scheint neu­er­dings der Ehr­geiz man­cher­lei schreib- und red­se­li­ger Leu­te. Wor­te zum aus der Rei­he tan­zen zu brin­gen, ist ange­sagt. Die Musik dazu ist krass und grell. Begrif­fe wer­den auf­ge­grif­fen wie streu­nen­de Übel­tä­ter. Alles, was bis­her üblich war, zu hin­ter­fra­gen, ist ja legi­tim. Doch in Revo­luz­zer-Pose Umstür­ze zu ver­an­stal­ten, eher nicht. Wir sol­len zum Gen­dern schlen­dern. So weit, so gut. Wenn es um die Balan­ce der Gerech­tig­keit zwi­schen den Geschlech­tern geht, gibt es dage­gen kaum ernst zu neh­men­den Wider­spruch. Das Abklop­fen der Sprach­re­geln auf wei­te­re Gül­tig­keit ist legi­tim. Wo mit groß­spre­che­ri­scher Man­nes­zucht Aus­ge­wo­gen­heit aus­ge­he­belt wird – ab in den klä­ren­den Waschsalon.

Inzwi­schen gru­selt es uns aller­dings beim Anblick all der mit die­sem Bad aus­ge­schüt­te­ten Kin­der. Alles, was mit »der, die, das« benannt wird, nun dem Mann-Frau-Sche­ma zuzu­ord­nen, wider­spricht gram­ma­ti­scher Logik. Mond und Son­ne, Uhr, Baum oder Arbeit haben kein »Geschlecht«. Ein Befall mit dem Virus »Wort­sa­lat« über­for­dert unse­re lin­gu­isti­schen Virolog(inn)en offen­bar total. Wenn sie ihn nicht sogar noch beför­dern, indem sie vom legi­ti­men Ein­zel­fall zu schnell ver­all­ge­mei­nern. Wie es halt so kommt, wenn Mann oder Frau schnell Recht bekom­men – der Über­mut über­trifft den Mut. Bis­her unge­ahn­te Sei­ten­we­ge sexu­el­ler Zuord­nung tun sich auf. Da wird auf ein­mal vol­le Pul­le von der tota­len Unsi­cher­heit der Bestim­mung des Geschlechts eines Men­schen schwa­dro­niert. Zu kaum Bezwei­fel­ba­rem wird Zwei­fel gesät. Der oder viel­mehr das Mensch kön­ne, dür­fe, ja müs­se sogar selbst sein Geschlecht bestimmen.

Zu ertra­gen wäre, wenn das Revi­die­ren soli­der Erkennt­nis­se auf Kosten der Wahr­heit nur von ame­ri­ka­ni­schen Evan­ge­li­ka­len prak­ti­ziert wür­de. Charles Dar­win muss man nicht gleich ver­göt­tern. Und die Legen­de von der Geburt von Adam und Eva neh­men selbst streng Bibel­gläu­bi­ge nicht wört­lich. Bloß – wo es um die gleich­be­rech­tig­te Zwei­sam­keit der bei­den Geschlech­ter geht, führt die Favo­ri­sie­rung des »Drit­ten Geschlechts« auf den Holz­weg. Und in Umlauf gebrach­te Wort­schöp­fun­gen beschwö­ren das Gespenst eines phy­si­schen Ter­rors: Beim ufer­lo­sen Ver­dacht von »Me too« droh­te bereits ein femi­ni­sti­scher Rosen­krieg. Und nun wer­den bereits so lei­se sach­ge­rech­te Ein­wän­de wie Kurt Star­kes »Jen­seits von Geschlecht« in Der Frei­tag und von Eugen Ruge in Die Zeit zur »Fra­ge der Endung« ganz feind­se­lig ange­zählt. Wenn nur jemals die Her­ab­set­zung des Sta­tus’ der Ost­be­völ­ke­rung ein sol­ches Echo auf­zu­wei­sen gehabt hätte!

All die hei­lig­spre­chen­den oder hei­lig­stra­fen­den Gott­fin­der von 1989, wo sind sie geblie­ben? Die da Got­tes Schöp­fung zu prei­sen und zu schüt­zen beru­fen sind – ihre Stim­men feh­len jetzt. Zu erin­nern ist an das bio­lo­gi­sche Ein­mal­eins, genannt Got­tes Schöp­fung! Reg­sa­me Pfäff­lein und all die frau­lich zutrau­lich Gebe­ne­dei­ten haben uns rech­tens den Marsch durch die Insti­tu­tio­nen gebla­sen. Paro­le: Her­aus aus den Par­tei­dog­men, hin­ein ins allein Selig­ma­chen­de. Die Mah­nung der mora­li­schen Instanz von Bär­bel Boh­ley, Fried­rich Schor­lem­mer oder Jens Reich ist ver­stummt. Auch Peter Micha­el Die­stels wohl­ge­setz­te spä­te Nach­denk­lich­keit von 2020 konn­te nicht das beharr­li­che Schwei­gen von Ange­li­ka Bar­be bis Vera Lengs­feld, von Rai­ner Eppe­l­mann bis Wer­ner Schulz ver­ges­sen las­sen. Wen hört man sonst? Die zu abso­lu­ter Pro­mi­nenz hoch­ge­styl­ten Wolf­gang Thier­se und Joa­chim Gauck. Put­zen sie doch trüb­ste Fehl­grif­fe der Eini­gung auf Hoch­glanz. Dar­in spie­geln sich sprach­li­che Irrläufer.

Zu Zei­ten, als noch ras­si­sti­sche oder sexi­sti­sche Über­grif­fe unbe­ach­tet blie­ben, waren schnell zu akti­vie­ren­de Feind­bil­der des Kal­ten Krie­ges im Schwan­ge. Da blieb nichts Halt­ba­res übrig. Zum distan­zie­ren­den Prä­di­kat »ehe­ma­lig« gab es ein Arse­nal abwer­ten­der Voka­beln: Von Sta­si­spit­zel, SED-Dik­ta­tur, Unrechts­re­gime bis Staats­bank­rott, Gesin­nungs­schnüf­fe­lei und Schieß­be­fehl. Nach objek­ti­vie­ren­der Abwä­gung klingt das alles nicht. Das Anmah­nen schlug ins Ankla­gen um. Aus Nach­den­ken erwuchs im Hand­um­dre­hen das Vor­den­ken frem­der Ver­hal­tens­mu­ster. Was kaum erwar­tet wur­de: Das der Täter­schaft bezich­tig­te Per­so­nal gab ohne nen­nens­wer­ten Wider­stand auf.

Na, wie das den Tri­umph blitz­schnell voll­ende­ter Tat­sa­chen begün­stig­te! Das Ver­ge­hen­de ver­ging gera­de­zu über­stürzt. Wort­hül­sen folg­ten Schlag­wor­ten. Merk­wür­dig, wie par­al­lel dazu ande­re Sprach­re­ge­lun­gen Platz grif­fen. Wel­cher Anti­fa­schis­mus bleibt bei ver­ord­ne­ter Ver­mei­dung des Wor­tes Faschis­mus noch übrig? Nazi­herr­schaft wur­de in nobler Kor­rekt­heit zu »Natio­nal­so­zia­lis­mus« ver­edelt. Jene völ­ker­mor­den­de Dik­ta­tur auf einer Stu­fe mit dem gera­de Ver­gan­ge­nen? Die Ver­blüf­fung über jenen wag­hal­si­gen Ver­gleich stell­te den zag­haf­ten Pro­test dage­gen in den Schatten.

Seit­dem leben wir offen­bar mit der sprach­lich gar­nier­ten Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on. Das Bei­spiel sol­cher­art Abwick­lung wirkt wei­ter. Es macht Schu­le. Gan­ze Welt­re­gio­nen unter­lie­gen heu­te dank dort regie­ren­der Des­po­ten fast unbe­se­hen pau­scha­ler Abwer­tung. Der Brust­ton der Über­zeu­gung tönt durch die Medi­en. Wer per­so­ni­fi­ziert das? Media­le Instan­zen. Ursa­chen und Beweg­grün­de inter­es­sie­ren kaum. Ins­be­son­de­re die ehe­ma­li­gen War­schau­er-Pakt-Staa­ten erfreu­en sich kaum dif­fe­ren­zier­ter Inter­pre­ta­ti­on. Kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten wer­den etwa aus den uns immer nahen öst­li­chen Nach­bar­län­dern kaum bekannt. Die Intel­lek­tu­el­len Polens und Ungarns hat­ten uns immer so viel zu bie­ten – wo ist ihr Ein­fluss geblie­ben? Bul­ga­ren oder Rumä­nen zie­hen mit Ser­ben und Kroa­ten in punc­to Nicht­be­ach­tung gleich. Was im immer noch rie­si­gen Herr­schafts­be­reich Wla­di­mir Putins vor sich geht, ist in der Bericht­erstat­tung redu­ziert auf einen begün­stig­ten Gegenspieler.

Rus­si­sche The­men, falls nur von fern sowje­tisch grun­diert, sind in den engen Kodex distan­zie­ren­der Sprach­re­ge­lung ver­bannt. Bis zu Flü­gen in den Welt­raum wird wer­tend sor­tiert. Sig­mund Jähn war als Part­ner sowje­ti­scher Kos­mo­nau­ten erster Deut­scher im Welt­all. Im kom­mu­na­len Dis­put um die Benen­nung eines Hal­len­ser Pla­ne­ta­ri­ums muss er als »Reprä­sen­tant des Unrecht­re­gimes« auf die Straf­bank. Naja, die Popu­la­ri­tät von Sport­lern, Künst­lern oder ande­ren dama­li­gen Lei­stungs­trä­gern muss den ande­ren Deut­schen stets erst müh­sam ver­mit­telt wer­den. So geht es aber umge­kehrt mit der Abkehr von Vor­ur­tei­len eben­falls. Wenn nun ras­si­sti­sche und sexi­sti­sche Arro­ganz in west­li­chen Brei­ten ver­brei­te­ter waren als im Osten? Immer­hin war man dort eng befreun­det mit Regi­men, die wie Spa­ni­en und Por­tu­gal noch lan­ge kolo­nia­li­sti­sche Unter­drückung ver­an­stal­te­ten. Und wer hat denn die Prak­ti­ken der Apart­heid tat­kräf­tig unter­stützt? Wer war gewöhnt, über Neger und Zigeu­ner her­zu­zie­hen? Das Dasein in den eta­blier­ten Wohl­stands­zo­nen der Ersten Welt pro­vo­zier­te das doch offenbar.

Mensch­li­che Qua­li­tä­ten wer­den eben vom Man­gel an gutem Gewis­sen ange­zehrt. Es nagen die Ver­su­chung und die Ver­füh­rung an ihnen. Die Über­le­gung, was die gün­stig­sten Ergeb­nis­se ver­spricht, baut mora­li­sche Hem­mun­gen ab. Da ist es kein Wun­der, dass das Eige­ne nur über das Eigen­tum defi­niert wird. All­mäch­ti­ges Kosten-Nut­zen-Den­ken ent­mensch­licht unse­ren Sprach­schatz. Der Spruch »Wer hat was dafür bezahlt« zieht Muse­ums­gut aus­schließ­lich auf die Krämerebene.
Ech­te künst­le­ri­sche Wer­te sind jedoch im Huma­nen, nicht im Mer­kan­ti­len zu fin­den. War­um stets von »Raub­kunst« spre­chen? »Rau­ben­de und Beraub­te« – das ist nur ein Kri­mi. Exo­ti­sche Kunst aber gehört zum Welt­kul­tur­er­be. Deren Geist hat da, wo sie zu sehen war, Geschich­te gemacht. Was bis­her für die Öffent­lich­keit nur als eth­no­gra­fi­sches Objekt inter­es­sant war, bleibt als Objekt einer Resti­tu­ti­on kunst­fremd. Wer alles nur mit einem Geld­wert fixiert, ver­liert das Gespür für Kultur.