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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Aussage gegen Aussage

Zer­schla­gung und Pri­va­ti­sie­rung dro­hen. Den­noch beschloss die rot-rot-grü­ne Koali­ti­on Ber­lins im Mai, zwei Teil­net­ze der S-Bahn in getrenn­ten Losen aus­zu­schrei­ben: die Ver­bin­dun­gen der Nord-Süd-Rich­tung sowie die Stadt­bahn mit ihren Strecken in Ost-West-Rich­tung. Da neben dem Betrieb auch Wagen­be­schaf­fung, War­tung und Instand­hal­tung in Ein­zel­lo­sen aus­ge­schrie­ben wer­den, kön­nen meh­re­re Anbie­ter im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes zum Zuge kom­men, wäh­rend die Fahr­gä­ste even­tu­ell auf der Strecke blei­ben (sie­he Ossietzky 23/​2019).

Die grü­ne Ver­kehrs­se­na­to­rin Regi­ne Gün­ther ver­spricht sich von der Aus­schrei­bung mehr Wett­be­werb. Was SPD und Lin­ke umtreibt, bleibt unklar. Für den Fall, dass die Toch­ter der Deut­schen Bahn AG (DB), die Ber­li­ner S-Bahn GmbH, die Aus­schrei­bun­gen nicht gewinnt, droht den der­zei­ti­gen S-Bahn-Ange­stell­ten Unge­mach. Rechts­an­walt Bene­dikt Hop­mann geht davon aus, dass sich dadurch »die Arbeits­be­din­gun­gen ver­schlech­tern wer­den […] Ja, es ist bis­her nicht ein­mal klar, ob bei einem Betrei­ber­wech­sel die Über­nah­me aller Arbeits­kräf­te durch den neu­en Betrei­ber gesi­chert wer­den kann […]. Allein das müss­te für einen rot-rot-grü­nem Senat Grund genug sein, S-Bahn-Netz­tei­le nicht aus­zu­schrei­ben«. Die Aus­schrei­bung gefähr­de die ein­heit­li­che Inter­es­sen­ver­tre­tung, und die Beschäf­tig­ten der S-Bahn ver­lö­ren Tarif­ver­trä­ge, für die sie vie­le Jah­re gekämpft haben, so die wei­te­re Ana­ly­se des Fach­an­walts für Arbeitsrecht.

Der Wider­stand gegen die S-Bahn-Aus­schrei­bung, der sich unter ande­rem im Bünd­nis »Eine S-Bahn für Alle« for­miert hat, wird vom Senat bis­her weit­ge­hend igno­riert. Das Bünd­nis hat­te wegen der Coro­na-Ein­schrän­kun­gen um ein Mora­to­ri­um gebe­ten, weil eine öffent­li­che Dis­kus­si­on des Vor­ha­bens nicht mög­lich war. Den­noch trieb der Senat sei­ne Plä­ne unge­bremst vor­an und ver­öf­fent­lich­te Mit­te Juni die Ausschreibung.

Die Geg­ner zeig­ten ver­schie­de­ne Alter­na­ti­ven zur Aus­schrei­bung auf. Zum Bei­spiel könn­ten die Län­der Ber­lin und Bran­den­burg mit der DB und ihrer Eigen­tü­me­rin, der Bun­des­re­pu­blik, über einen Ein­stieg in die S-Bahn GmbH ver­han­deln. Kon­trol­lie­ren bei­de Län­der die Gesell­schaft, bedarf es kei­ner Ausschreibung.

Gegen­über Bür­ge­rin­nen und Bür­gern, die sich mit Ein­zel­pe­ti­tio­nen gegen die Aus­schrei­bung gewandt haben, behaup­tet der Senat in einem Ant­wort­schrei­ben: »Das Land Ber­lin hat […] wie­der­holt Anstren­gun­gen unter­nom­men, um die S-Bahn Ber­lin GmbH zu erwer­ben.« Ob das wahr ist, muss bezwei­felt wer­den, zumin­dest, was die letz­ten zehn Jah­re angeht.

Am 17. Juni soll­te auf Antrag der Links­frak­ti­on im Ver­kehrs­aus­schuss des Bun­des­ta­ges eine »Selbst­be­fas­sung« zur Ber­li­ner S-Bahn-Aus­schrei­bung statt­fin­den. Vor­ab muss­te das Bun­des­ver­kehrs­mi­ni­ste­ri­um einen Bericht abge­ben, der Ossietzky vor­liegt. Dar­in heißt es: »Auf Nach­fra­ge bei der Deut­schen Bahn AG (DBAG) wur­de mit­ge­teilt, dass das Land Ber­lin im Vor­feld der Aus­schrei­bung des Teil­net­zes ‚Ring‘ vor etwa 10 Jah­ren bei der DBAG ange­fragt hat, ob sie die S-Bahn Ber­lin GmbH an das Land ver­kau­fen wür­de. Dies hat die DBAG jedoch abge­lehnt, da der SPNV [Schie­nen­per­so­nen­nah­ver­kehr; K. K.] in Deutsch­land zum Kern­ge­schäft des Kon­zerns gehört. Wei­te­re Anfra­gen oder Gesprä­che dar­über hat es, nach Aus­kunft der DBAG, seit­her nicht gege­ben.« Carl Waß­muth von der pri­va­ti­sie­rungs­kri­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand arg­wöhnt, dass die Aus­sa­ge des Senats, die DB ver­kau­fe nicht, ein Vor­wand sei, um die von Finanz­se­na­tor Mat­thi­as Kol­latz und der Ver­kehrs­se­na­to­rin Regi­ne Gün­ther poli­tisch erwünsch­te Pri­va­ti­sie­rung als zwin­gend hin­zu­stel­len. Die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Sabi­ne Lei­dig (Die Lin­ke) fin­det ange­sichts des Berichts: »10 Jah­re Funk­stil­le sind genug! Das DB-Manage­ment soll­te end­lich direk­te Ver­hand­lun­gen mit Ber­lin und Bran­den­burg über die Zukunft der Ber­li­ner S-Bahn anstre­ben. Ein Ein­stieg bei­der Län­der ermög­licht die Direkt­ver­ga­be und ver­hin­dert die dro­hen­de Zer­schla­gung und Privatisierung.«

Im glei­chen Bericht führt das Bun­des­ver­kehrs­mi­ni­ste­ri­um übri­gens aus, dass bei Aus­schrei­bung »nach einem Betrei­ber­wech­sel in der Anfangs­zeit betrieb­li­che Pro­ble­me auf­tre­ten könn­ten, die auf man­geln­de Erfah­rung in einem Netz zurück­zu­füh­ren sind. In der Regel spie­len sich die betrieb­li­chen Pro­zes­se aber nach einer Ein­ge­wöh­nungs­pha­se ein.«

In der Regel? Ein­ge­wöh­nungs­pha­se? Die Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner haben kei­ne Lust auf ein neu­es S-Bahn-Cha­os. War­um muten SPD und Lin­ke ihnen so etwas zu? Und wes­halb die Grü­nen dem Land nicht den Zugriff auf den öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr sichern, bleibt eben­falls unver­ständ­lich. Für das Auf­hal­ten des Kli­ma­wan­dels ist die Ver­fü­gung über das wich­tig­ste Trans­port­mit­tel Ber­lins zentral.

Übri­gens: Die Selbst­be­fas­sung zur S-Bahn-Aus­schrei­bung im Bun­des­tags­ver­kehrs­aus­schuss wur­de kurz­fri­stig am 17. Juni von den Koali­ti­ons­frak­tio­nen CDU/​CSU und SPD ver­tagt. Da die näch­ste Sit­zung am 1. Juli die letz­te vor der Som­mer­pau­se ist und deren Tages­ord­nung wegen des Kon­junk­tur­pa­kets et cete­ra schon jetzt über­bor­det, kommt das The­ma ver­mut­lich erst nach der Som­mer­pau­se zur Spra­che. Die Zukunft einer Haupt­schlag­ader des öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehrs in der Bun­des­haupt­stadt ist nicht wirk­lich wichtig.