Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Graue Hinternentblößer über der grünen Stadt

Lässt der Besu­cher am Frei­bur­ger Mün­ster sei­ne Blicke nach oben schwei­fen, so könn­te er durch­aus anneh­men, dass er sich in Sodom und Gomor­rha befin­det und nicht in der selbst­er­nann­ten »Green City« im Schwarz­wald. Dort oben lau­ern sie und das ziem­lich erha­ben: eine Arma­da von in Stein gemei­ßel­ten (Phantasie-)Tieren und Men­schen in manch­mal unvor­teil­haf­ten Posen. Es sind mit­un­ter furcht­ein­flö­ßen­de Gestal­ten, die waa­ge­recht und keck an den Außen­bau­wer­ken her­vor­ra­gen. Trotz aller unter­schied­li­cher Dra­stik in der Dar­stel­lung und For­men­spra­che haben sie eins gemein­sam: Als Was­ser­spei­er sind sie Teil eines aus­ge­klü­gel­ten Ent­wäs­se­rungs­sy­stems, um das alt­ehr­wür­di­ge Gemäu­er der von cir­ca 1200 bis 1513 ent­stan­de­nen Stadt­pfarr­kir­che von Frei­burg im Breis­gau vor schäd­li­chem Regen­was­ser zu schüt­zen. Über die Ent­ste­hung der mit­un­ter der­ben Dar­stel­lun­gen in schwin­del­erre­gen­der Höhe – berühmt ist zum Bei­spiel der »Hin­ternent­blö­ßer« mit zwei Köp­fen – strei­ten sich die Fach­leu­te bis heu­te, weil die Stein­met­ze des Mit­tel­al­ters kaum etwas Schrift­li­ches hin­ter­las­sen haben. So rät­selt der Besu­cher über vie­le der schau­er­li­chen Wesen, fragt sich, war­um der eine stei­ner­ne Mensch da oben ske­let­tiert ist und sich ver­zwei­felt an den Schä­del fasst, der ande­re eine Gri­mas­se schnei­det oder der da hin­ten wie­der­um gleich zwei Köp­fe hat. Er fragt sich wei­ter­hin, war­um sich das Was­ser manch­mal wie Unrat aus den Mäu­lern der Fabel­we­sen auf die Köp­fe der Men­schen zu ergie­ßen scheint. Was war da los im Mit­tel­al­ter? Was auch immer die Stein­met­ze zu ihren Krea­tu­ren bewegt haben mag, sei es nun, um mit ihnen Gei­ster abzu­weh­ren, zu mah­nen, zu ver­spot­ten oder den Frei­bur­gern ihre augen­schein­lich äußerst zahl­rei­chen Laster vor­zu­hal­ten, die Ergeb­nis­se ihrer Schaf­fens­pro­zes­se wachen noch heu­te in mehr oder weni­ger gutem oder rekon­stru­ier­tem Zustand in luf­ti­ger Höhe. Durch ihre Posi­ti­on haben sie unein­ge­schränk­te Auto­ri­tät über die Stadt, der vor 900 Jah­ren von Her­zog Kon­rad I. von Zäh­rin­gen und sei­nem Bru­der Bert­hold III. das Stadt- und Markt­recht ver­lie­hen wurde.

Eigent­lich müss­te man in die­sem Jahr noch einen neu­en fei­xen­den Was­ser­spei­er namens »Coro­na« fest am Mün­ster anschrau­ben, denn er/​sie/​es, man weiß auch das nicht so genau, ist schließ­lich schuld, dass das allein schon von der Jah­res­zahl her beein­drucken­de Jubi­lä­um nicht so aus­gie­big wie geplant gefei­ert wer­den kann. Die goti­schen Was­ser­spei­er, unter ande­rem Kol­le­gen der eng­li­schen »gar­go­yles«, wachen seit Jahr­hun­der­ten über die viert­größ­te Stadt Baden-Würt­tem­bergs, die mit zu den wärm­sten und son­nen­ver­wöhn­te­sten Gegen­den Deutsch­lands gehört. Als Bewoh­ner ande­rer deut­scher Bun­des­län­der kann man es beim Wet­ter­be­richt der ARD-Tages­schau schon manch­mal nicht mehr hören, wenn für Frei­burg mal wie­der ein son­ni­ger und war­mer Tag ange­kün­digt wird, wäh­rend an dem Ort, wo man sel­ber gera­de ist, per­ma­nent die Eis­hei­li­gen vor der Tür herumlungern.

Träumt man nun des Nachts von die­sen stei­ner­nen Gestal­ten oder sieht sie viel­leicht sogar des Tags leib­haf­tig her­um­spu­ken, emp­fiehlt sich ein zügi­ger Besuch der Frei­bur­ger Para­psy­cho­lo­gi­schen Bera­tungs­stel­le, die in Deutsch­land ein­zig­ar­tig sein dürf­te. Dort wer­den Men­schen bera­ten – mitt­ler­wei­le gegen Gebühr, weil die För­de­rung sei­tens des zustän­di­gen Mini­ste­ri­ums ein­ge­stellt wor­den ist –, die »unge­wöhn­li­che, para­nor­ma­le, okkul­te oder uner­klär­li­che Erfah­run­gen gemacht« haben und die nun Hil­fe­stel­lung für den Umgang mit ver­stö­ren­den para­nor­ma­len Erfah­run­gen, zu denen sicher auch Was­ser­spei­er aus dem Jen­seits zäh­len, benö­ti­gen. Der­weil sehen die eher bera­tungs­re­si­sten­ten Was­ser­spei­er von oben – nicht ungnä­dig – auf eine Stadt mit knapp 230.000 Ein­woh­nern, die sich vor allem Öko­lo­gie groß auf die Fah­ne geschrie­ben hat. Es ist daher auch kein Zufall, dass in Frei­burg das Öko-Insti­tut e. V. ansäs­sig ist, das 1977 aus der Anti-Atom­kraft­be­we­gung her­vor­ge­gan­gen und mitt­ler­wei­le in Euro­pa füh­rend auf dem Gebiet der Nach­hal­tig­keits­for­schung ist.

Durch das ange­neh­me Kli­ma und das Ambi­en­te der Stadt mit sei­nen vie­len Grün­flä­chen herrscht tat­säch­lich oft die viel beschwo­re­ne medi­ter­ra­ne Atmo­sphä­re, die den Besu­cher ent­spannt durch die mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­to­re wan­deln lässt, durch die Gas­sen der Alt­stadt oder über den herr­li­chen Frei­bur­ger Wochen­markt am Mün­ster. Vor­sicht ist jedoch nachts ange­ra­ten und zwar nicht wegen der omi­nö­sen Was­ser­spei­er. Die Frei­bur­ger Bäch­le, künst­lich ange­leg­te und vom Fluss Drei­sam gespei­ste Was­ser­läu­fe, die die Alt­stadt wie ein Netz durch­zie­hen, soll­te man bes­ser nüch­tern über­que­ren, was sich nach über­mä­ßi­gem Genuss der typi­schen Schwarz­wäl­der Bier­spe­zia­li­tät Tan­nen­zäpf­le oder nach einem Besuch des idyl­li­schen Haus-Bier­gar­tens der Gan­ter-Braue­rei, der mitt­ler­wei­le bei schö­nem Wet­ter wie­der öff­net, durch­aus als etwas schwie­rig gestal­ten kann. Ganz Neu­gie­ri­ge, die schon immer mal wis­sen woll­ten, wie ihr Leib­ge­tränk eigent­lich her­ge­stellt wird, kön­nen zu coro­nafrei­en Zei­ten eine Füh­rung durch die Gan­ter-Braue­rei in der Schwarz­wald­stra­ße buchen, um so die viel­fäl­ti­gen Geheim­nis­se der Brau­kunst zu eruieren.

Stil­echt soll­te man in die »Green City« Frei­burg mit der Deut­schen Bahn anrei­sen. Auto­fah­rer, die nun empört auf­schrei­en, kann man ruhi­gen Gewis­sens auf das Netz der Frei­bur­ger Stra­ßen­bahn (Stra­Ba) ver­wei­sen, mit der man etli­che High­lights der Stadt bequem errei­chen kann und sie auf eine etwas ande­re Art und Wei­se ken­nen­lernt. Die Stra­Ba quert zum Bei­spiel einen der schön­sten Plät­ze Frei­burgs, Ober­lin­den, mit sei­nem Roten Bären aus dem Jahr 1120, der sich rühmt, der älte­ste Gast­hof Deutsch­lands zu sein. Abseits der Tou­ri­sten­pfa­de erreicht man mit ihr Stadt­tei­le wie Zäh­rin­gen oder Gün­ter­s­tal, wo die Schau­ins­land­bahn den Tou­ri­sten an den Haus­berg der Frei­bur­ger bringt. Zurück am Bahn­hof nach der Stra­Ba-Tour herrscht zunächst wie­der Ver­wir­rung beim armen Tou­ri­sten, nach­dem der ja schon mit den rät­sel­haf­ten Was­ser­spei­ern Bekannt­schaft gemacht hat. Wie­so sieht die Kir­che hin­ter dem Bahn­hof aus wie der Lim­bur­ger Dom? Schließ­lich steht der doch in Hes­sen. Tat­säch­lich wur­de die Herz-Jesu-Kir­che in den Jah­ren 1892 bis 1897 sti­li­stisch stark am impo­san­ten hes­si­schen Vor­bild ange­lehnt geplant, auch um dem damals neu­en Stadt­teil Stüh­lin­ger, wo sich die Kir­che befin­det, Pre­sti­ge zu ver­lei­hen. Auf­at­men, Erleich­te­rung, alles rich­tig gemacht: Man ist in Freiburg.