Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Momentaufnahmen Dauer verleihen

Bei­de gehö­ren zu den stil­len Malern und Gra­fi­kern, die Kunst mit sich allein und wie außer­halb der zeit­li­chen Strö­mun­gen abma­chen: Ant­je Fret­wurst-Col­berg und Fried­rich Wil­helm Fret­wurst. Moment­auf­nah­men ver­leiht das Künst­ler­paar Dau­er. Ant­je Fret­wurst-Col­berg, gebo­ren 1940 in Ham­burg, auf­ge­wach­sen in Rostock, Kunst­er­zie­hungs­stu­di­um in Greifs­wald, Stu­di­um an der Kunst­hoch­schu­le Ber­lin-Wei­ßen­see bei Arno Mohr, zunächst in Ber­lin, dann mit Fami­lie in Meck­len­burg-Vor­pom­mern ansäs­sig, ist in ihren Ölbil­dern und Gou­achen immer wie­der zu ver­trau­ten Ber­lin-Moti­ven zurück­ge­kehrt: Spree­brücken, Bahn­hö­fe und S-Bahn-Via­duk­te, Ber­li­ner Hin­ter­hö­fe, das Gespräch am Kaf­fee­tisch oder vor der Haus­tür, Men­schen auf der Stra­ße und im Lokal, Damp­fer­fahrt auf der Spree. Nicht die über­stei­ger­te Ner­vo­si­tät und Hek­tik der Ber­li­ner Stra­ßen­sze­nen inter­es­sie­ren sie, nicht die Groß­stadt als Ort anony­mer Men­schen­mas­sen und künst­li­cher Ver­gnü­gun­gen inspi­riert sie, son­dern klei­ne, ein­fa­che Sze­nen aus dem Leben, dem All­tag. Sie lässt sich immer wie­der von den ver­trau­ten Din­gen in ihrem Blick­feld über­ra­schen, beschnei­det sie auf merk­wür­di­ge Wei­se, malt sie von uner­war­te­ten Win­keln aus. Sie ent­wickelt einen aus­ge­spro­che­nen Sinn für das Räum­li­che, für ver­kürz­te oder erwei­ter­te Hori­zon­te, ver­setz­te Sich­ten. Alles ist von einem per­sön­li­chen, nicht­öf­fent­li­chen Stand­punkt aus gesehen.

Geheim­nis­voll, still liegt die Far­be auf ihren fast stillleben­haf­ten Bil­dern, wie Gedan­ken, die sich laut­los auf ihren Gegen­stän­den abge­la­gert haben. Da ist viel Nach­denk­lich­keit und Melan­cho­lie, so rich­tig hei­ter sind ihre Arbei­ten nicht. Da ist mensch­li­che Ein­sam­keit und Angst, Ver­lo­ren­heit im Men­schen­ge­drän­ge, aber kein Schrei, kei­ne unheil­dro­hen­de Umwelt, mag sie noch so trist sein, kei­ne Dis­har­mo­nie und kei­ne ent­schie­de­nen Kon­tra­ste. Die Schön­heit von Inti­mi­tät und bis ins Klein­ste rei­chen­der Inten­si­tät. Der Pin­sel­strich ist leicht und zugleich dicht ver­wo­ben, die Mate­rie erscheint mit­un­ter halb geformt. Die Künst­le­rin hat auch Aqua­tin­ten, die in ihrer Wir­kung der Tusch­zeich­nung ähneln, mit fein­ner­vi­gem Gespür für die Unwäg­bar­kei­ten des Kolo­rits über­malt und so wei­che, aber nicht zerlau­fen­de Farb­auf­trä­ge und Linea­turen erzielt. Zeich­ne­ri­sche Struk­tu­ren tre­ten bei ihr über­haupt zugun­sten male­ri­scher Ord­nun­gen zurück.

Die Schön­heit der Arbei­ten des 1936 in Althagen/​Fischland gebo­re­nen Fried­rich W. Fret­wurst, der wie sei­ne Frau erst Kunst­er­zie­hung in Greifs­wald, dann Male­rei und freie Gra­fik bei Fritz Dähn und Arno Mohr an der Kunst­hoch­schu­le Ber­lin-Wei­ßen­see stu­dier­te, beruht auf Balan­ce bei hoher Kom­pli­ka­ti­on des Bild­ge­sche­hens. Auch er hat sich Ber­li­ner Stadt­an­sich­ten gewid­met, vor allem aber der Land­schaft sei­ner Kind­heit, in die er wie­der zurück­ge­kehrt ist: dem Meer und dem Bod­den. Die Lein­wand, die Hart­fa­ser­plat­te, das Papier schei­nen sei­ner kon­struk­ti­ven Phan­ta­sie nahe­zu unbe­grenz­te Mög­lich­kei­ten zu bie­ten. Bei ihm bil­det sich die Farb­flä­che durch Pro­bie­ren, »Ein­stim­men«, Ein­fär­ben, Strei­chen, Trän­ken der Flä­che mit ver­dünn­ten Mix­tu­ren, pasto­sen Über­la­ge­run­gen, durch Zeich­nen, Aus­spa­ren, Über­ma­len. Die For­men­welt ent­fal­tet sich aus den span­nungs­voll aus­ba­lan­cier­ten Bezü­gen far­bi­ger Tex­tu­ren, aus dem Wech­sel­spiel von Anpas­sung und Kon­trast, aus asso­zia­ti­ven Zuord­nun­gen. Das ist Male­rei mit einer Viel­zahl von Bezü­gen, For­men, Far­ben, und der beson­de­ren Art und Wei­se ihrer Behandlung.

Aus Ocker­gelb und Tür­kis­blau wer­den die »Gol­de­nen Ber­ge« (1992) unse­rer Träu­me gebo­ren. Dann wie­der zie­hen pfeil­schnel­le Flug­kör­per am Him­mel ihre Bahn, leicht, spitz, ver­let­zend. In der Sog­wir­kung des Stur­mes ste­hen, wir­beln, tan­zen Men­schen auf der Erde. »Genie­ßen Sie den Unter­gang des Abend­lan­des…« (1994) ist der Titel die­ses Bil­des. Die eige­ne Kata­stro­phe berei­tet hier höch­stes Vergnügen.

Das Ein­ge­bun­den­sein des Men­schen in die Natur und sein gleich­zei­ti­ges Getrennt­sein von ihr – das war schon The­ma der Roman­tik. Wie ein Seil­tän­zer bewegt sich Fried­rich W. Fret­wurst auf der unsicht­ba­ren, »glä­ser­nen« Grenz­li­nie zwi­schen der inne­ren und äuße­ren Land­schaft. »Dra­chen am Strand« (1996) ist als Zitat von Cas­par David Fried­richs »Mönch am Meer« ein Schlüs­sel­bild. Die Kom­pakt­heit der Flug­kör­per, die eigent­lich papier­leich­te Hohl­kör­per sind, drückt – trotz der Wei­te und Lee­re des Rau­mes – den ein­zel­nen Men­schen fast zu Boden und gibt der Sze­ne eine star­ke räum­li­che Ver­dich­tung, eine fast klau­stro­pho­bi­sche Zusammendrängung.

Fried­rich W. Fret­wurst erfährt das Wider­stän­di­ge, das Gegen­ständ­li­che der Ding­welt, das sinn­lich-sin­nen­haf­te Ent­ste­hen von Mate­ria­li­tät in der Vor­stel­lung an auf­gip­feln­den Steil­ufern, gedräng­ten Hafen- und wei­ten Strand­bil­dern, von Fest­stim­mun­gen mit pasto­sem, tem­pe­ra­ment­vol­lem, fast unbe­küm­mer­tem Farb­auf­trag, oder bei Gewit­ter­stür­men und Regen­land­schaf­ten. Sel­ten spannt sich in unse­ren Brei­ten ein azur­blau­er Him­mel über das Rund unse­res Hori­zonts, eher tür­men sich gewal­ti­ge Wol­ken­mas­sen, die schon Emil Nol­de fas­zi­nier­ten, drücken uns graue Wol­ken­decken nie­der, hin­dern dif­fu­se Dunst­schlei­er die Sicht, lösen Win­ter­ne­bel die Kon­tu­ren auf; Phä­no­me­ne, die Wil­liam Tur­ner, James McN­eill Whist­ler und Cas­par David Fried­rich auf ganz unter­schied­li­che Wei­se inspi­rier­ten. Zwie­spra­che der Stof­fe, Wand­lun­gen, Zustän­de und Über­gän­ge – das erregt das Inter­es­se Fret­wursts immer wie­der von neu­em. Und immer ist der Betrach­ter selbst Teil der Land­schaft, stets im Mit­tel­punkt des Horizontkreises.

Ja, Land­schaf­ten kön­nen kom­ple­xe Par­ti­tu­ren sein, in denen jeder die Spur sei­ner Melo­die fin­den mag. Erstaun­lich, dass in den Arbei­ten so gro­ßer Dich­te bei bei­den Künst­lern die »Lösung« oft ein­fach und plau­si­bel erscheint: Ein Indiz für die Fähig­keit, dif­fu­se Form­kom­ple­xe zusam­men­zu­fas­sen, ein Indiz wohl zugleich für die Bewah­rung eines ein­heit­li­chen Lebens­ge­fühls in der Balan­ce des Disparaten.

 

Ant­je Fret­wurst-Col­berg und Fried­rich Wil­helm Fret­wurst. Gale­rie der Ber­li­ner Gra­phik­pres­se, Sil­vio-Mei­er-Stra­ße 6, 10247 Ber­lin-Fried­richs­hain, Mi – Fr 13 – 18.30 Uhr, Sa 11 – 15 Uhr, bis 17. Juli.