Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Tertullians Pazifismus-Lesebuch

Man muss ihn nicht ver­eh­ren, wie es das »Öku­me­ni­sche Hei­li­gen­le­xi­kon« tut, das für ihn einen beson­de­ren »Gedenk­tag« aus­ge­wie­sen hat.

Man muss ihn nicht ein­mal ken­nen, auch wenn er mit ein­gän­gi­gen Wort­schöp­fun­gen für die latei­ni­sche Kir­chen­spra­che, wie zum Bei­spiel tri­ni­tas, sacra­men­tum, reli­gio, nun auch in der All­tags­spra­che wei­ter­lebt. Dar­über hin­aus hat er mit sei­ner »Tri­ni­täts-Leh­re«, wonach der christ­li­che Gott aus drei Per­so­nen in einer Sub­stanz besteht, maß­geb­lich dazu bei­getra­gen, dass der »Hei­li­ge Geist« in das Zwei­er­bünd­nis Gott­va­ter und Gott­sohn als Drit­ter auf­ge­nom­men wur­de, dem dann auch seit dem 4. Jahr­hun­dert ein eige­nes Erin­ne­rungs­fest, Pfing­sten, gewid­met wur­de. Der Gestal­ter die­ser Got­tes­leh­re war der aus Kar­tha­go stam­men­de Sohn eines »heid­ni­schen« Cen­tu­ri­os, der nach sei­ner Aus­bil­dung als Jurist und Phi­lo­soph Christ und seit­dem auch zu einem stren­gen Eife­rer für sei­nen neu­en Glau­ben wur­de. Sein Name: TERTULLIAN, Quin­tus Sep­ti­mi­us Flo­rens Ter­tul­li­an (cir­ca 160–225 n. Chr.). Sei­ne zahl­rei­chen Schrif­ten zur Ver­tei­di­gung des christ­li­chen Glau­bens und zur Lebens­füh­rung eines »wah­ren Chri­sten« haben ihre Zeit gehabt.

Ein klei­nes Büch­lein von ihm hat es aller­dings ver­dient, wie­der­ent­deckt zu wer­den. Es spie­gelt näm­lich zutref­fend wider, was die Men­schen in den ersten nach­christ­li­chen Jahr­hun­der­ten bewog, sich der »Sek­te der Chri­sten« anzu­schlie­ßen: der »früh­christ­li­che Pazi­fis­mus«, der sich an dem Vor­bild Jesu aus­rich­te­te und dadurch jeg­li­chen Waf­fen­ge­brauch ablehn­te – ein Allein­stel­lungs­merk­mal unter den zahl­rei­chen reli­giö­sen Bewe­gun­gen im dama­li­gen Römi­schen Reich. Die­se urchrist­li­che Hal­tung und die Tra­di­ti­on, die dar­aus erwuchs, sind heu­te so sehr ver­drängt, dass nur noch weni­ge Chri­sten sie ken­nen und befol­gen wie etwa die Wal­den­ser, die Wie­der­täu­fer, die Quä­ker, der Inter­na­tio­na­le Ver­söh­nungs­bund. Anlass für die Schrift des Ter­tul­li­an war ein Vor­fall, bei dem ein Sol­dat öffent­lich vor dem Kai­ser sei­nen Ehren­kranz aus Lor­beer sowie alle sei­ne Kriegs­in­si­gni­en wie Man­tel, Schwert und so wei­ter mit den Wor­ten ableg­te: »Ich bin Christ« – ein für den Sol­da­ten tod­brin­gen­des Bekennt­nis, das ihn aller­dings »die Anwart­schaft des Mar­ty­ri­ums erwar­ten ließ«. Im 11. Kapi­tel eben jener Schrift stellt Ter­tul­li­an die Argu­men­te über­zeu­gend dar, »war­um Chri­sten den Sol­da­ten­stand über­haupt nicht ergrei­fen soll­ten«. Der bewir­ke näm­lich, schreibt er, »durch die zwin­gen­de Gewalt dar­in, Ver­rich­tun­gen durch­zu­füh­ren, die einem Abfall vom Glau­ben gleich­kom­men«. Er fragt: »Soll der Sohn des Frie­dens Ban­de, Ker­ker, Fol­tern und Todes­stra­fen zum Voll­zug brin­gen, er, der nicht ein­mal die ihm zuge­füg­ten Belei­di­gun­gen rächt«, wie es die Bibel von ihm ver­langt? Die Schrift Ter­tul­li­ans vom Jah­re 211 n. Chr. wur­de fort­an Ori­en­tie­rungs­hil­fe für alle, die Chri­sten sein wollten.

Mit der »Kon­stan­ti­ni­schen Wen­de« (ab cir­ca 310 n. Chr.), durch die das Chri­sten­tum schließ­lich Staats­re­li­gi­on wur­de, kam es dann zum Bruch mit dem »früh­christ­li­chen Pazi­fis­mus«. Es ent­stand eine grund­sätz­lich ande­re, eine »Zwei­te Tra­di­ti­on«, wie der enge Freund und Gedan­ken­spen­der Diet­rich Bon­hoef­fers, Jean Las­ser­re, sie nann­te, eine Tra­di­ti­on, die die »Erste Tra­di­ti­on«, die von Jesus kam, fast völ­lig aus­ge­löscht hat.

Galt bis­her im Sin­ne Ter­tul­li­ans: »Wer Sol­dat bleibt, kann kein Christ wer­den«, so hieß es nun: »Wer die Waf­fe weg­wirft, kann kein Christ blei­ben«, er sei zu »exkom­mu­ni­zie­ren«, wie die Reichs­syn­ode von Arles auf Druck des Kai­sers schon 314 n. Chr. ver­füg­te. Danach ent­wickel­te der »Hei­li­ge« Augu­sti­nus (354–430 n. Chr.) das Kon­zept des »Gerech­ten Krie­ges«, und fort­an führ­te die Chri­sten­heit bis in unse­re Zeit hin­ein unauf­hör­lich Krie­ge – alles »Gerech­te Krie­ge« – und beging »Kriegs­ver­rich­tun­gen« bru­tal­ster Art, in der Regel mit prie­ster­li­chem Bei­stand, weil angeb­lich alle »gott­ge­wollt«: die Sach­sen­krie­ge, die Kreuz­zü­ge, die Kolo­ni­al­krie­ge, die bei­den Welt­krie­ge, der Viet­nam­krieg, zu dem der katho­li­sche Kar­di­nal Spell­man und der evan­ge­li­ka­le Pre­di­ger Bil­ly Gra­ham ermun­ter­ten. Schließ­lich, noch nicht ver­ges­sen: der Kreuz­zug des US-Prä­si­den­ten Geor­ge W. Bush gegen den Irak, der dort Zer­stö­rung, Flucht und Elend brachte.

Auch wenn die Groß­kir­chen zur Zeit bei den viel­fäl­ti­gen Mili­tär­ein­sät­zen nicht mehr von »Gerech­ten Krie­gen« spre­chen – ihre Mili­tär­seel­sor­ger sind immer noch dabei, wenn die christ­li­chen Regie­run­gen wie­der ein­mal die Waf­fen spre­chen las­sen, und ver­mit­teln so der Bevöl­ke­rung den Ein­druck: Hier geht alles mit rech­ten und gerech­ten Din­gen zu, auch wenn das Völ­ker- und Men­schen­recht dabei schon mal beschä­digt wird – wie ganz offen­sicht­lich in dem genann­ten Irak­krieg. Dazu wer­den dann die Mili­tär­aus­ga­ben in den Staa­ten des »christ­li­chen Abend­lan­des« grö­ßer und grö­ßer, und der US-Prä­si­dent, der bei sei­nen »Evan­ge­li­ka­len« viel Zustim­mung erfährt, konn­te auch des­halb unlängst erklä­ren, »man kön­ne Atom­waf­fen auch ein­set­zen, um Krie­ge zu füh­ren« (FR, 4.5.2020) – viel­leicht wie schon zwei­mal, vor 75 Jah­ren, im August 1945, in Japan, wozu, nota bene, ein luthe­ri­scher Feld­geist­li­cher »im Ver­trau­en auf Gott« des­sen Segen verabreichte.

Wie das gegen­wär­ti­ge Virus, das virus coro­nae, so brei­tet sich auch das Mili­tär­we­sen aus, das virus mili­tis. Ter­tul­li­an woll­te die­ses Mon­ster mit sei­ner klei­nen Schrift über­win­den; ihr Titel lau­tet »De coro­na mili­tis« (Vom Kran­ze des Sol­da­ten). Die Schrift könn­te auch in unse­ren Tagen hilf­reich sein, dem virus mili­tis zu wider­ste­hen und damit einen wah­ren Ehren­kranz zu erlan­gen, den »Ehren­kranz des Frie­dens«, eine CORONAPACIS.