Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Kunstlump

Am 15. März 1920, wäh­rend des Kapp-Lütt­witz-Put­sches, ver­üb­ten Reichs­wehr­ein­hei­ten ein Mas­sa­ker in Dres­den, bei dem es zu cir­ca 60 Toten und 200 Ver­wun­de­ten kam. Bei den Kämp­fen durch­schlug eine Kugel ein Fen­ster der Sem­per­ga­le­rie und das Gemäl­de »Bath­se­ba am Spring­brun­nen« von Peter Paul Rubens. Oskar Kokosch­ka, damals Pro­fes­sor an der Dresd­ner Kunst­aka­de­mie, ver­öf­fent­lich­te dar­auf einen Appell, wäh­rend sol­cher­lei Aus­ein­an­der­set­zun­gen kul­tu­rel­le Wer­te zu scho­nen und sich bes­ser auf ein Ter­rain zu bege­ben, auf wel­chem die­se nicht beschä­digt wer­den kön­nen – etwa auf Schieß­plät­ze in der Hei­de oder den Zirkus.

Das ver­an­lass­te John Heart­field und Geor­ge Grosz zu einer Replik in der Zeit­schrift Der Geg­ner. Unter der Über­schrift »Der Kunst­lump« schrie­ben sie mit ätzen­der Feder: »Wir begrü­ßen mit Freu­de, daß die Kugeln in Gale­rien und Palä­ste, in die Mei­ster­bil­der der Rubens sau­sen, statt in die Häu­ser der Armen in den Arbei­ter­vier­teln!« Dar­über hin­aus stell­ten sie die »Kunst«, die in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ledig­lich einen Markt­wert besit­ze, gene­rell in Fra­ge: »Was soll der Arbei­ter mit Kunst? … Die Titu­lie­rung ›Künst­ler‹ ist eine Belei­di­gung. Die Bezeich­nung ›Kunst‹ ist eine Annul­lie­rung der mensch­li­chen Gleich­wer­tig­keit.« Kokosch­ka sei nichts ande­res als ein »Kunst­bürsch­chen« und »Kunst­lump«.

Nun­mehr fühl­te sich Ger­trud Alex­an­der, füh­ren­de Kul­tur­theo­re­ti­ke­rin der KPD, bemü­ßigt, in der Roten Fah­ne zu ant­wor­ten. Alex­an­der ver­stand sich in der Nach­fol­ge Franz Mehrings als Ver­tei­di­ge­rin des »bür­ger­li­chen Erbes« und beton­te Begrif­fe wie »Ewi­ges«, »Unsterb­li­ches« oder »Genie«. Sie unter­stell­te Heart­field und Grosz »Van­da­lis­mus«, äußer­te selbst star­ke Vor­be­hal­te gegen­über »moder­ner Kunst« wie Futu­ris­mus und Kubis­mus und frag­te: »Haben ein Rem­brandt, ein Rubens, ein Michel­an­ge­lo, ein Beet­ho­ven, ein van Gogh schuld, daß ihre Wer­ke dem Bür­ger nichts als Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt sind?«

Juli­an Gum­perz, Geg­ner-Her­aus­ge­ber, bemerk­te dazu in einem wei­te­ren Bei­trag in der Roten Fah­ne, es gehe hier­bei kei­nes­wegs um eine »Schuld« Rem­brandts, Rubens’, Michel­an­ge­los oder van Goghs: »Es han­delt sich hier gar nicht um eine Fra­ge der Schuld, son­dern um eine Fra­ge der Wir­kung … Es gibt kei­ne Kul­tur und Kunst, die über den Klas­sen steht.«

Bereits einen Tag spä­ter, am 23. Juni 1920, ant­wor­te­te Ger­trud Alex­an­der und bezeich­ne­te Expres­sio­nis­mus und die »ande­ren moder­nen Rich­tun­gen« als »Ver­falls­er­schei­nung und Ver­falls­pro­dukt der bür­ger­li­chen Gesell­schaft«, dem sie selbst »die revo­lu­tio­nä­re Mas­ke … vom Gesicht gezo­gen habe«. In Rich­tung Heart­field und Grosz schreibt sie: »Deut­li­cher kann man doch Lust und Wol­len zur Ver­nich­tung nicht for­mu­lie­ren.« In einem wei­te­ren Arti­kel, der einen Monat spä­ter in der Roten Fah­ne erschien, lässt sie ihrer Ver­ach­tung gegen­über »moder­ner Kunst«, die sie als »Samm­lung von Per­ver­si­tä­ten« bezeich­net, frei­en Lauf: »Wer aber sel­ber nichts kann als blö­den Kitsch zu kle­ben wie Dada, soll die Hän­de las­sen von der Kunst.«

Die Aus­ein­an­der­set­zung zeigt in bemer­kens­wer­ter Wei­se, wie viel­fäl­tig und kon­tro­vers Fra­gen der »Kunst« in den lin­ken Krei­sen der dama­li­gen Zeit dis­ku­tiert wur­den. Noch zwei Jah­re spä­ter, im Jahr 1922, geht Max Herr­mann-Nei­ße in einer Rede mit dem Titel »Die bür­ger­li­che Lite­ra­tur­ge­schich­te und das Pro­le­ta-riat« – als Bro­schü­re publi­ziert im Ver­lag der Zeit­schrift Die Akti­on – aus­führ­lich auf die Pro­ble­ma­tik ein, ohne sich expli­zit auf den Dresd­ner Vor­fall zu bezie­hen. Herr­mann-Nei­ße stellt die Fra­ge: »Hat das, was in Kunst und Dich­tung bis­her offi­zi­ell als das Ver­eh­rungs­wür­di­ge geprie­sen wur­de, auch für den klas­sen­be­wuß­ten Pro­le­ta­ri­er Wert?« Er ana­ly­siert die Wer­ke bekann­ter Schrift­stel­ler, geht mit Goe­the hart ins Gericht und kommt zu dem Schluss: »Der Glau­be an die Kunst, die Ehr­furcht vor der Kunst, ist, scheint mir, der letz­te und gefähr­lich­ste Wahn, dem die Men­schen erliegen.«

Ger­trud Alex­an­der hat­te gegen­über Heartfield/​Grosz behaup­tet, »daß es sich um eine voll­stän­dig anar­chi­sti­sche Anschau­ung gegen­über Kunst und Kul­tur han­delt. Die­ser Anar­chis­mus ent­puppt sich als ein Aus­weg pri­mi­tiv­ster Art, den Kapi­ta­lis­mus zu über­win­den.« Dabei führt sie als histo­ri­sche Ana­lo­gie die eng­li­schen Maschi­nen­stür­mer des begin­nen­den 19. Jahr­hun­derts an. Das Pro­le­ta­ri­at sol­le die Pro­duk­ti­ons­mit­tel nicht zer­stö­ren, son­dern über­neh­men – eben­so wie das gesam­te kul­tu­rel­le Erbe.

Dem­ge­gen­über gibt es die Auf­fas­sung, gera­de die dama­li­gen Maschi­nen­stür­mer hät­ten in sel­te­ner Klar­heit den Klas­sen­cha­rak­ter der kapi­ta­li­sti­schen Maschi­ne­rie erkannt. Einen Kon­tra­punkt zu Ger­trud Alex­an­ders Geschichts­bild hat­te schon Herr­mann-Nei­ße in sei­ner Rede for­mu­liert: »Die Wis­sen­schaft ist ein Mit­tel zur Beherr­schung der Arbei­ter­klas­se durch die Bür­ger­klas­se, ein Mit­tel der Klas­sen­herr­schaft!« Und in der Tat lässt sich dar­über strei­ten, ob die blo­ße Über­nah­me bis­he­ri­ger Pro­duk­ti­ons­mit­tel und -kräf­te erstre­bens­wert ist – oder nicht viel­mehr eine par­ti­el­le Abschaf­fung der­sel­ben, da sie sich bis­wei­len eher als Destruk­ti­ons­kräf­te erwei­sen. So betrach­tet gewinnt die »Kunst­lump-Debat­te« eine zunächst unge­ahn­te Aktualität.

 

Claus Kri­sten beschäf­tigt sich mit deut­scher Kolo­ni­al­ge­schich­te und mit der Wei­ma­rer Repu­blik (sie­he auch www.clauskristen.de). Im Schmet­ter­ling Ver­lag erschien hier­zu sein Buch: »Ein Leben in Man­nes­zucht. Von Kolo­nien und Novem­ber­re­vo­lu­ti­on – ›Städ­te­be­zwin­ger‹ Georg Maercker«.