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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Bellybutton von Bansin

Mein Lieb­lings­fe­ri­en­ort auf der Insel Use­dom wur­de nach dem Ende der DDR wie­der Kai­ser­bad. Ich habe es ver­kraf­tet. Ins­be­son­de­re wenn wir Kai­ser­wet­ter hat­ten. Ich stieg, scham­los mei­ner anti­roya­len Gesin­nung trot­zend, im »Kai­ser Wil­helm« ab und schau­te von dort auf die See­brücke und aufs Meer. Inzwi­schen heißt das ein­sti­ge Pro­me­na­den­ho­tel nicht mehr nach dem Mon­ar­chen, son­dern »Vil­la See­blick«. Schrei­tet etwa die Demo­kra­ti­sie­rung wei­ter vor­an, wird der ana­chro­ni­sti­sche Plun­der auf­ge­ar­bei­tet, frag­te ich mich und bekam Ant­wort im Inter­net. Das für Umbau und Umbe­nen­nung ver­ant­wort­li­che Unter­neh­men – ansäs­sig in Ham­burg – bie­tet im ein­sti­gen »Kai­ser Wil­helm« seit Beginn des Jah­res »sechs sehr hoch­wer­ti­ge Feri­en­woh­nun­gen« zum Kauf an. Drei sei­en schon weg, drei noch zu haben. Für jeweils 1,2 Mil­lio­nen. Da muss man Krö­sus sein. Also nix mit Demokratisierung.

Nicht mal Wil­helm Zwo kauf­te sich hier ein – der im Übri­gen nie Ban­sin besuch­te, wohl aber das benach­bar­te Herings­dorf. Er ließ sich auch lie­ber ein­la­den, statt sich ein­zu­mie­ten. Oder kam mit der eige­nen Yacht, der »Hohen­zol­lern«. Die Hohen­zol­lern hat­ten schon zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts die Küste Use­doms als Preu­ßens Bade­wan­ne entdeckt.

Einen Sand­hü­gel bei Herings­dorf, 34 Meter überm Meer, Kulm gehei­ßen, fand sei­ner­zeit der preu­ßi­sche Ober­forst­mei­ster Georg Bern­hard von Bülow (1768-1854) so inter­es­sant, dass er dort eini­ge Logier­häu­ser errich­ten ließ. Eins ent­warf sogar Karl Fried­rich Schin­kel – als »Wei­ßes Schloss« steht es noch immer dort unter Buchen und unter Denk­mal­schutz. Rings­um ent­stan­den nach und nach die Vil­len der Bleich­rö­ders, Del­brücks und Oppen­heims, Palä­ste und Tem­pel der Ber­li­ner Ban­kiers, also des preu­ßi­schen Geld­adels. Ihre Bewoh­ner gaben der Sied­lung den schmücken­den Bei­na­men »Niz­za der Ost­see«. Heu­te zählt man etwa sechs­hun­dert Pracht­vil­len und Som­mer­häu­ser. Wil­helm Zwo kehr­te ins­be­son­de­re gern bei der Kon­su­lin Eli­sa­beth Staudt ein, der Wit­we eines Ber­li­ner Groß­kauf­manns. Hit­lers Leib­arzt Theo­dor Morell über­nahm spä­ter die­ses Haus. Wofür es aber nichts konnte.

Ein­mal traf sich Wil­helm mit sei­nem Cou­sin auf See in Sicht­wei­te der Küste: die wei­ße Kai­ser­yacht und das schwar­ze Schiff des Zaren Niko­lai. Das war am 4. August 1907 – am 1. August 1914 erklär­ten sich bei­de den Krieg. Das ist auch des­halb der Erwäh­nung wert, weil an der Strand­pro­me­na­de – wegen der zwölf Kilo­me­ter von Ban­sin bis Swi­ne­mün­de als die läng­ste des Kon­ti­nents gerühmt – bis 2022 die Fah­nen aller Ost­see­an­rai­ner weh­ten. Selbst­re­dend auch die rus­si­sche Tri­ko­lo­re. Nach­dem Russ­land wie wei­land 1914 wie­der ein­mal Kriegs­par­tei gewor­den war, ersetz­ten deut­sche Patrio­ten die rus­si­sche durch die ukrai­ni­sche Flag­ge. Irgend­ei­ner muss nach eini­ger Zeit aber wohl auf die Land­kar­te geschaut und fest­ge­stellt haben, dass die Ukrai­ne zwar ans Schwar­ze, nicht aber ans Bal­ti­sche Meer grenzt. Mit Poli­tik und Krie­gen las­sen sich zwar Gren­zen ver­schie­ben, nicht aber die geo­gra­fi­sche Lage eines Lan­des. Jeden­falls flat­ter­ten in die­sem Mai, als ich mei­ne Füße ins Was­ser bei Ban­sin bau­meln ließ, statt der Flag­gen der Ost­see­an­rai­ner­staa­ten die der bun­des­deut­schen Län­der an den Masten …

Die »Vil­la See­blick« war für unser­ei­nen nun­mehr also uner­reich­bar, es hieß Rück­zug in die zwei­te Rei­he, in die Berg­stra­ße, wo ein Haus im Bäder­stil sich an das ande­re schmiegt. Der Blick aufs Was­ser ist von dort zwar unmög­lich, davor sprei­zen sich die diver­sen Nobel­ab­stei­gen, alte wie neue, aber durch die Stie­gen dazwi­schen hört man das Meer rau­schen. Und die Möwen krei­schen und kacken auch in der zwei­ten Rei­he. Die wei­ßen Vil­len in der Berg­stra­ße hei­ßen »Kur­fürst«, »Impe­ra­tor« oder »Ger­ma­nia«, und die Feri­en­woh­nun­gen dar­in­nen gehö­ren ver­mut­lich mehr­heit­lich Eigen­tü­mern, die tief im Westen leben wie wohl die mei­sten ande­ren Inve­sto­ren an den öst­li­chen Ost­see­ge­sta­den. Die Feri­en­quar­tie­re wer­den von orts­an­säs­si­gen Büros ver­wal­tet und ver­mie­tet. Im Inter­net heißt es dazu ver­schwom­men: »Ein Groß­teil der Immo­bi­li­en, ins­be­son­de­re in den mon­dä­nen Kai­ser­bä­dern (Ahl­beck, Herings­dorf, Ban­sin), ist in der Hand von pri­va­ten Eigen­tü­mern aus ganz Deutsch­land, die die Immo­bi­li­en als Kapi­tal­an­la­ge oder für den eige­nen Urlaub nutzen.«

Von wegen »ganz Deutsch­land« – da lachen nicht nur die Inselhühner.

Wäh­rend Use­dom zu DDR-Zei­ten fest in ost­deut­scher Hand war, ist die Insel inzwi­schen eines der belieb­te­sten Urlaubs­zie­le für West­deut­sche an der Ost­see, heißt es erhel­lend an ande­rer Stel­le. Nichts dage­gen zu sagen. Sol­len die Deut­schen doch Urlaub machen, wo sie mögen, sofern sie kei­nen Scha­den stif­ten. Aber, und das kor­re­spon­diert wohl irgend­wie mit­ein­an­der, Use­dom ist nicht nur eines der belieb­te­sten Urlaubs-, son­dern auch eines der belieb­te­sten Anla­ge­ob­jek­te der West­deut­schen. Die von mir tem­po­rär genutz­te Woh­nung zum Bei­spiel gehör­te einer Dame in Schles­wig-Hol­stein. Und wo viel inve­stiert wird, möch­te man auch mög­lichst viel ver­die­nen. Die Prei­se wie­der­um sor­tie­ren das Publi­kum, und der weni­ger betuch­te Teil wird spür­bar klei­ner. »Die Prei­se wer­den von eini­gen Ver­mie­tern ein­fach zu schnell erhöht«, erklär­te der Betrei­ber einer Platt­form für Feri­en­woh­nun­gen im Nord­ku­rier.

Alles wird teu­rer, hier aber beson­ders. Die Rück­kehr in ver­flos­se­ne Zei­ten ist spür­bar: Urlaub war einst Luxus und dar­um nur für Rei­che. Und: Das Urlaubs­pu­bli­kum wird homo­ge­ner, Aus­län­der trifft man allen­falls beim dienst­lei­sten­den Per­so­nal, nicht auf der Pro­me­na­de. Da und dort bedie­nen oppor­tu­ni­sti­sche Ver­mö­gens­ver­wal­ter die Erwar­tungs­hal­tung ihrer Gäste und die selbst­lo­ben­den Inve­sto­ren das gän­gi­ge Nar­ra­tiv: Seht, was wir aus den Rui­nen gemacht haben, nach­dem die fin­ste­re Zeit vor­bei war! »Mit der Beset­zung durch die Rus­si­sche Armee im Jah­re 1945 begann eine dunk­le Zeit«, behaup­tet bei­spiels­wei­se ein um die Jahr­hun­dert­wen­de errich­te­tes Haus in Ban­sin auf sei­ner elek­tro­ni­schen Wand­zei­tung. Man habe in den sech­zi­ger Jah­ren »schwe­ren Her­zens« das Haus an den Frei­en Deut­schen Gewerk­schafts­bund ver­kau­fen müssen.

Dass der FDGB den klei­nen Leu­ten aus der klei­nen Repu­blik für klei­nes Geld Urlaub an der See ermög­lich­te – kein Wort. Und die Nazi­zeit? War sie viel­leicht nicht eben­falls dun­kel, ein biss­chen wenig­stens? »Auch wäh­rend des 2. Welt­krie­ges konn­te an Gäste ver­mie­tet wer­den, aller­dings nur mit Früh­stück und gegen Abga­be von Lebensmittelmarken.«

Ein paar Häu­ser wei­ter steht eine ande­re Strand­vil­la an der Spa­zier­mei­le, errich­tet etwa zur sel­ben Zeit. Das dor­ti­ge Café wirbt mit dem Hin­weis, dass es das älte­ste auf der Insel und Treff­punkt bekann­ter Ufa-Stars wie Heinz Rüh­mann, Hans Albers und Wil­lie Frit­sch gewe­sen sei. »Lei­der gab es nicht nur schö­ne Zei­ten für das Café Asgard«, heißt es in der Selbst­dar­stel­lung. 1956 habe man »das Café per Zwangs­ver­mie­tung an die Han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on der DDR (HO) abge­ben« müs­sen. In fast 34 Jah­ren habe es die HO »geschafft, die Bau­sub­stanz extrem zu schä­di­gen«. Die HO-Herr­schaft über das Café ende­te 1990, 1991 »erstrahl­te es nach fast ein­jäh­ri­ger Bau­zeit im alten Glanz«.

Ach ja, der alte Glanz …

Vor­bei am Café und der Vil­la Vine­ta pro­me­niert man nach Herings­dorf, und irgend­wann steigt zur Rech­ten jener mit uralten Bäu­men bewach­se­ne Sand­hü­gel in die Höhe. Stei­le Trep­pen gehen hin­auf. Oben thro­nen, gleich Adler­hor­sten, exklu­si­ve Häu­ser wie etwa die Vil­la Mee­res­s­tern. Man kann das »roman­ti­sche Kuschel­nest« (Eigen­wer­bung) auch als Feri­en­woh­nung mie­ten, wenn die Eigen­tü­mer nicht da sind. Das sind Kai Diek­mann und sei­ne Frau Kat­ja Kess­ler. Der eine und die ande­re wer­den ihre Namen ken­nen – Diek­mann war andert­halb Jahr­zehn­te Chef­re­dak­teur der Bild und anschlie­ßend deren Her­aus­ge­ber, sei­ne Frau dort Kolum­ni­stin. Sie ist nicht nur Mut­ter von vier Kin­dern und pro­mo­vier­te Zahn­ärz­tin, die aber laut Selbst­aus­kunft nur zwei Tage in die­sem Beruf gear­bei­tet hat, son­dern seit Ende ihrer jour­na­li­sti­schen Tätig­keit auch preis­ge­krön­te Innen­aus­stat­te­rin: Für die Her­rich­tung der 2014 von ihr auf­ge­spür­ten Rui­ne auf dem Kulm bekam sie in Lon­don den Inter­na­tio­nal Design Award. »Es gab kei­nen Fuß­bo­den mehr«, berich­tet sie auf ihrer Home­page, »ein paar Tür­blät­ter, eine knar­zen­de Holz­trep­pe, ein höl­zer­ner Win­ter­gar­ten – viel war nicht übrig vom Charme alter Zei­ten«. Sie habe sich ent­schie­den, die klas­si­sche Zim­mer­auf­tei­lung »auf­zu­ge­ben zugun­sten eines ein­zi­gen gro­ßen Koch-Ess-Living-Lofts«. In einem acht­ein­halb­mi­nü­ti­gen Wer­be-Video erklärt Kess­ler die Ein­rich­tung: Hier ein töner­ner Kohl­kopf von einem Floh­markt in Lis­sa­bon, da der Win­ter­gar­ten aus Ant­wer­pen – noch mit zer­bro­che­nem Glas, hier die Möbel aus alten Fen­ster­lä­den und dort an der Pan­try das sand­ge­strahl­te Fen­ster aus einer Rostocker Schnaps­bren­ne­rei … Ach, ist es nicht schön, wenn man über die Floh- und Trö­del­märk­te die­ser Welt fla­nie­ren und etwas kre­ieren kann, was die Lebens­künst­le­rin »Vin­te­ri­or« nennt und als ihre eige­ne Erfin­dung bezeich­net. »Vin­ta­ge« und »Inte­ri­eur« zu einem neu­en Wort­ge­bil­de verknotet.

Unten im Gar­ten, neben der Pro­me­na­de, reckt ein kau­zi­ger Kopf sei­ne Bron­ze­na­se in den Him­mel. Der Typ mit der Flie­ge ist der Kom­po­nist Engel­bert Hum­per­din­ck. »Zufäl­lig« wie sei­ner­zeit Frau Kess­ler das Haus ent­deck­te, fand Herr Diek­mann bei der Restau­rie­rung den Umstand her­aus, dass der Ton­dich­ter im Herbst 1906 hier eini­ge Zeit zuge­bracht hat­te. »Bei Diek­mann war der jour­na­li­sti­sche Jagd­in­stinkt geweckt«, schrieb die in Regens­burg erschei­nen­de Neue Musik­zei­tung hun­dert Jah­re nach des Kom­po­ni­sten Tod 2021. »Auf einer Auk­ti­on erstei­ger­te er ein Poe­sie­al­bum von Hum­per­din­cks Schwe­ster Erne­sti­ne, die mit 17 Jah­ren an Tuber­ku­lo­se gestor­ben war. In dem Album fand sich die zweit­äl­te­ste Kom­po­si­ti­on Hum­per­din­cks mit dem Titel Erin­ne­rung.« Der obses­si­ve Geschich­ten­jä­ger Diek­mann erwarb auch die Tage­bü­cher von Hum­per­din­cks Sohn Wolf­ram, 48 Klad­den. Und ihm fiel eine Post­kar­te in die Hän­de, 1916, wäh­rend des Ersten Welt­krie­ges geschrie­ben in eben die­sem Hau­se, gerich­tet an die Türk­stra­ße 8 in Pots­dam. »Das ist hier bei uns gleich um die Ecke, sagt Diek­mann. Hum­per­din­ck befin­det sich also in unse­rem heu­ti­gen Feri­en­haus und schreibt qua­si an unse­ren Haupt­wohn­sitz.« Das sei doch »ein unglaub­li­cher Zufall«.

Was es an Zufäl­len im Leben eines Top-Jour­na­li­sten halt eben so gibt.

Ver­mut­lich han­del­te es sich auch um einen Zufall, dass man bei dem von Diek­mann ent­fach­ten Hum­per­din­ck-Hype auf der Insel ver­gaß, dar­an zu erin­nern, dass der erfolg­rei­che Kom­po­si­teur – »Hän­sel und Gre­tel« ist eine der meist­ge­spiel­ten Opern der Welt – auch zu den 93 Intel­lek­tu­el­len gehör­te, die 1914 die Kriegs­ver­bre­chen deut­scher Sol­da­ten im über­fal­le­nen Bel­gi­en als ver­leum­de­ri­sche Pro­pa­gan­da der Fein­de im Mani­fest »An die Kul­tur­welt!« empört zurück­wie­sen. Dar­in fin­den sich Sät­ze wie die­se: »Es ist nicht wahr, daß unse­re Krieg­füh­rung die Geset­ze des Völ­ker­rechts miss­ach­tet. Sie kennt kei­ne zucht­lo­se Grau­sam­keit. Im Osten aber tränkt das Blut der von rus­si­schen Hor­den hin­ge­schlach­te­ten Frau­en und Kin­der die Erde, und im Westen zer­rei­ßen Dumd­um­ge­schos­se unse­ren Krie­gern die Brust. Sich als Ver­tei­di­ger euro­päi­scher Zivi­li­sa­ti­on zu gebär­den, haben die am wenig­sten das Recht, die sich mit Rus­sen und Ser­ben ver­bün­den und der Welt das schmach­vol­le Schau­spiel bie­ten,  Mon­go­len und Neger auf die wei­ße Ras­se zu hetzen.«

Scham hin oder her, ob Hän­sel oder Gre­tel, Max oder Moritz, Kai oder Kess­ler – sol­len sie doch alle nach ihrer Façon leben und glück­lich wer­den auf Use­dom. Ich habe nichts dawi­der. Mich stört nur die Unver­fro­ren­heit, mit der sie den pri­va­ten Kos­mos der Welt prä­sen­tie­ren und ihren Maß­stab zur Elle aller erklä­ren. Diek­mann: »Bevor wir dar­über reden, was es alles Neu­es gibt, soll­ten wir dar­über nach­den­ken, was es zu bewah­ren gilt.« Oder wie Frau Kess­ler in ihrem Video über ihre Koch­plat­te so wun­der­bar schlicht sagt: »Das ist der Bel­ly­but­ton, der Bauch­na­bel.« Um den kann man schön krei­sen auf dem Kulm. Wenn man’s sich halt lei­sten kann.