Mein Lieblingsferienort auf der Insel Usedom wurde nach dem Ende der DDR wieder Kaiserbad. Ich habe es verkraftet. Insbesondere wenn wir Kaiserwetter hatten. Ich stieg, schamlos meiner antiroyalen Gesinnung trotzend, im »Kaiser Wilhelm« ab und schaute von dort auf die Seebrücke und aufs Meer. Inzwischen heißt das einstige Promenadenhotel nicht mehr nach dem Monarchen, sondern »Villa Seeblick«. Schreitet etwa die Demokratisierung weiter voran, wird der anachronistische Plunder aufgearbeitet, fragte ich mich und bekam Antwort im Internet. Das für Umbau und Umbenennung verantwortliche Unternehmen – ansässig in Hamburg – bietet im einstigen »Kaiser Wilhelm« seit Beginn des Jahres »sechs sehr hochwertige Ferienwohnungen« zum Kauf an. Drei seien schon weg, drei noch zu haben. Für jeweils 1,2 Millionen. Da muss man Krösus sein. Also nix mit Demokratisierung.
Nicht mal Wilhelm Zwo kaufte sich hier ein – der im Übrigen nie Bansin besuchte, wohl aber das benachbarte Heringsdorf. Er ließ sich auch lieber einladen, statt sich einzumieten. Oder kam mit der eigenen Yacht, der »Hohenzollern«. Die Hohenzollern hatten schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Küste Usedoms als Preußens Badewanne entdeckt.
Einen Sandhügel bei Heringsdorf, 34 Meter überm Meer, Kulm geheißen, fand seinerzeit der preußische Oberforstmeister Georg Bernhard von Bülow (1768-1854) so interessant, dass er dort einige Logierhäuser errichten ließ. Eins entwarf sogar Karl Friedrich Schinkel – als »Weißes Schloss« steht es noch immer dort unter Buchen und unter Denkmalschutz. Ringsum entstanden nach und nach die Villen der Bleichröders, Delbrücks und Oppenheims, Paläste und Tempel der Berliner Bankiers, also des preußischen Geldadels. Ihre Bewohner gaben der Siedlung den schmückenden Beinamen »Nizza der Ostsee«. Heute zählt man etwa sechshundert Prachtvillen und Sommerhäuser. Wilhelm Zwo kehrte insbesondere gern bei der Konsulin Elisabeth Staudt ein, der Witwe eines Berliner Großkaufmanns. Hitlers Leibarzt Theodor Morell übernahm später dieses Haus. Wofür es aber nichts konnte.
Einmal traf sich Wilhelm mit seinem Cousin auf See in Sichtweite der Küste: die weiße Kaiseryacht und das schwarze Schiff des Zaren Nikolai. Das war am 4. August 1907 – am 1. August 1914 erklärten sich beide den Krieg. Das ist auch deshalb der Erwähnung wert, weil an der Strandpromenade – wegen der zwölf Kilometer von Bansin bis Swinemünde als die längste des Kontinents gerühmt – bis 2022 die Fahnen aller Ostseeanrainer wehten. Selbstredend auch die russische Trikolore. Nachdem Russland wie weiland 1914 wieder einmal Kriegspartei geworden war, ersetzten deutsche Patrioten die russische durch die ukrainische Flagge. Irgendeiner muss nach einiger Zeit aber wohl auf die Landkarte geschaut und festgestellt haben, dass die Ukraine zwar ans Schwarze, nicht aber ans Baltische Meer grenzt. Mit Politik und Kriegen lassen sich zwar Grenzen verschieben, nicht aber die geografische Lage eines Landes. Jedenfalls flatterten in diesem Mai, als ich meine Füße ins Wasser bei Bansin baumeln ließ, statt der Flaggen der Ostseeanrainerstaaten die der bundesdeutschen Länder an den Masten …
Die »Villa Seeblick« war für unsereinen nunmehr also unerreichbar, es hieß Rückzug in die zweite Reihe, in die Bergstraße, wo ein Haus im Bäderstil sich an das andere schmiegt. Der Blick aufs Wasser ist von dort zwar unmöglich, davor spreizen sich die diversen Nobelabsteigen, alte wie neue, aber durch die Stiegen dazwischen hört man das Meer rauschen. Und die Möwen kreischen und kacken auch in der zweiten Reihe. Die weißen Villen in der Bergstraße heißen »Kurfürst«, »Imperator« oder »Germania«, und die Ferienwohnungen darinnen gehören vermutlich mehrheitlich Eigentümern, die tief im Westen leben wie wohl die meisten anderen Investoren an den östlichen Ostseegestaden. Die Ferienquartiere werden von ortsansässigen Büros verwaltet und vermietet. Im Internet heißt es dazu verschwommen: »Ein Großteil der Immobilien, insbesondere in den mondänen Kaiserbädern (Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin), ist in der Hand von privaten Eigentümern aus ganz Deutschland, die die Immobilien als Kapitalanlage oder für den eigenen Urlaub nutzen.«
Von wegen »ganz Deutschland« – da lachen nicht nur die Inselhühner.
Während Usedom zu DDR-Zeiten fest in ostdeutscher Hand war, ist die Insel inzwischen eines der beliebtesten Urlaubsziele für Westdeutsche an der Ostsee, heißt es erhellend an anderer Stelle. Nichts dagegen zu sagen. Sollen die Deutschen doch Urlaub machen, wo sie mögen, sofern sie keinen Schaden stiften. Aber, und das korrespondiert wohl irgendwie miteinander, Usedom ist nicht nur eines der beliebtesten Urlaubs-, sondern auch eines der beliebtesten Anlageobjekte der Westdeutschen. Die von mir temporär genutzte Wohnung zum Beispiel gehörte einer Dame in Schleswig-Holstein. Und wo viel investiert wird, möchte man auch möglichst viel verdienen. Die Preise wiederum sortieren das Publikum, und der weniger betuchte Teil wird spürbar kleiner. »Die Preise werden von einigen Vermietern einfach zu schnell erhöht«, erklärte der Betreiber einer Plattform für Ferienwohnungen im Nordkurier.
Alles wird teurer, hier aber besonders. Die Rückkehr in verflossene Zeiten ist spürbar: Urlaub war einst Luxus und darum nur für Reiche. Und: Das Urlaubspublikum wird homogener, Ausländer trifft man allenfalls beim dienstleistenden Personal, nicht auf der Promenade. Da und dort bedienen opportunistische Vermögensverwalter die Erwartungshaltung ihrer Gäste und die selbstlobenden Investoren das gängige Narrativ: Seht, was wir aus den Ruinen gemacht haben, nachdem die finstere Zeit vorbei war! »Mit der Besetzung durch die Russische Armee im Jahre 1945 begann eine dunkle Zeit«, behauptet beispielsweise ein um die Jahrhundertwende errichtetes Haus in Bansin auf seiner elektronischen Wandzeitung. Man habe in den sechziger Jahren »schweren Herzens« das Haus an den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund verkaufen müssen.
Dass der FDGB den kleinen Leuten aus der kleinen Republik für kleines Geld Urlaub an der See ermöglichte – kein Wort. Und die Nazizeit? War sie vielleicht nicht ebenfalls dunkel, ein bisschen wenigstens? »Auch während des 2. Weltkrieges konnte an Gäste vermietet werden, allerdings nur mit Frühstück und gegen Abgabe von Lebensmittelmarken.«
Ein paar Häuser weiter steht eine andere Strandvilla an der Spaziermeile, errichtet etwa zur selben Zeit. Das dortige Café wirbt mit dem Hinweis, dass es das älteste auf der Insel und Treffpunkt bekannter Ufa-Stars wie Heinz Rühmann, Hans Albers und Willie Fritsch gewesen sei. »Leider gab es nicht nur schöne Zeiten für das Café Asgard«, heißt es in der Selbstdarstellung. 1956 habe man »das Café per Zwangsvermietung an die Handelsorganisation der DDR (HO) abgeben« müssen. In fast 34 Jahren habe es die HO »geschafft, die Bausubstanz extrem zu schädigen«. Die HO-Herrschaft über das Café endete 1990, 1991 »erstrahlte es nach fast einjähriger Bauzeit im alten Glanz«.
Ach ja, der alte Glanz …
Vorbei am Café und der Villa Vineta promeniert man nach Heringsdorf, und irgendwann steigt zur Rechten jener mit uralten Bäumen bewachsene Sandhügel in die Höhe. Steile Treppen gehen hinauf. Oben thronen, gleich Adlerhorsten, exklusive Häuser wie etwa die Villa Meeresstern. Man kann das »romantische Kuschelnest« (Eigenwerbung) auch als Ferienwohnung mieten, wenn die Eigentümer nicht da sind. Das sind Kai Diekmann und seine Frau Katja Kessler. Der eine und die andere werden ihre Namen kennen – Diekmann war anderthalb Jahrzehnte Chefredakteur der Bild und anschließend deren Herausgeber, seine Frau dort Kolumnistin. Sie ist nicht nur Mutter von vier Kindern und promovierte Zahnärztin, die aber laut Selbstauskunft nur zwei Tage in diesem Beruf gearbeitet hat, sondern seit Ende ihrer journalistischen Tätigkeit auch preisgekrönte Innenausstatterin: Für die Herrichtung der 2014 von ihr aufgespürten Ruine auf dem Kulm bekam sie in London den International Design Award. »Es gab keinen Fußboden mehr«, berichtet sie auf ihrer Homepage, »ein paar Türblätter, eine knarzende Holztreppe, ein hölzerner Wintergarten – viel war nicht übrig vom Charme alter Zeiten«. Sie habe sich entschieden, die klassische Zimmeraufteilung »aufzugeben zugunsten eines einzigen großen Koch-Ess-Living-Lofts«. In einem achteinhalbminütigen Werbe-Video erklärt Kessler die Einrichtung: Hier ein tönerner Kohlkopf von einem Flohmarkt in Lissabon, da der Wintergarten aus Antwerpen – noch mit zerbrochenem Glas, hier die Möbel aus alten Fensterläden und dort an der Pantry das sandgestrahlte Fenster aus einer Rostocker Schnapsbrennerei … Ach, ist es nicht schön, wenn man über die Floh- und Trödelmärkte dieser Welt flanieren und etwas kreieren kann, was die Lebenskünstlerin »Vinterior« nennt und als ihre eigene Erfindung bezeichnet. »Vintage« und »Interieur« zu einem neuen Wortgebilde verknotet.
Unten im Garten, neben der Promenade, reckt ein kauziger Kopf seine Bronzenase in den Himmel. Der Typ mit der Fliege ist der Komponist Engelbert Humperdinck. »Zufällig« wie seinerzeit Frau Kessler das Haus entdeckte, fand Herr Diekmann bei der Restaurierung den Umstand heraus, dass der Tondichter im Herbst 1906 hier einige Zeit zugebracht hatte. »Bei Diekmann war der journalistische Jagdinstinkt geweckt«, schrieb die in Regensburg erscheinende Neue Musikzeitung hundert Jahre nach des Komponisten Tod 2021. »Auf einer Auktion ersteigerte er ein Poesiealbum von Humperdincks Schwester Ernestine, die mit 17 Jahren an Tuberkulose gestorben war. In dem Album fand sich die zweitälteste Komposition Humperdincks mit dem Titel Erinnerung.« Der obsessive Geschichtenjäger Diekmann erwarb auch die Tagebücher von Humperdincks Sohn Wolfram, 48 Kladden. Und ihm fiel eine Postkarte in die Hände, 1916, während des Ersten Weltkrieges geschrieben in eben diesem Hause, gerichtet an die Türkstraße 8 in Potsdam. »Das ist hier bei uns gleich um die Ecke, sagt Diekmann. Humperdinck befindet sich also in unserem heutigen Ferienhaus und schreibt quasi an unseren Hauptwohnsitz.« Das sei doch »ein unglaublicher Zufall«.
Was es an Zufällen im Leben eines Top-Journalisten halt eben so gibt.
Vermutlich handelte es sich auch um einen Zufall, dass man bei dem von Diekmann entfachten Humperdinck-Hype auf der Insel vergaß, daran zu erinnern, dass der erfolgreiche Kompositeur – »Hänsel und Gretel« ist eine der meistgespielten Opern der Welt – auch zu den 93 Intellektuellen gehörte, die 1914 die Kriegsverbrechen deutscher Soldaten im überfallenen Belgien als verleumderische Propaganda der Feinde im Manifest »An die Kulturwelt!« empört zurückwiesen. Darin finden sich Sätze wie diese: »Es ist nicht wahr, daß unsere Kriegführung die Gesetze des Völkerrechts missachtet. Sie kennt keine zuchtlose Grausamkeit. Im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kinder die Erde, und im Westen zerreißen Dumdumgeschosse unseren Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbünden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen.«
Scham hin oder her, ob Hänsel oder Gretel, Max oder Moritz, Kai oder Kessler – sollen sie doch alle nach ihrer Façon leben und glücklich werden auf Usedom. Ich habe nichts dawider. Mich stört nur die Unverfrorenheit, mit der sie den privaten Kosmos der Welt präsentieren und ihren Maßstab zur Elle aller erklären. Diekmann: »Bevor wir darüber reden, was es alles Neues gibt, sollten wir darüber nachdenken, was es zu bewahren gilt.« Oder wie Frau Kessler in ihrem Video über ihre Kochplatte so wunderbar schlicht sagt: »Das ist der Bellybutton, der Bauchnabel.« Um den kann man schön kreisen auf dem Kulm. Wenn man’s sich halt leisten kann.