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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gefährliche US-Hegemonie

Der in Iran gebo­re­ne Mohs­sen Mass­ar­rat wird in sei­nem hier emp­foh­le­nen neu­en Buch als Pro­fes­sor für Wirt­schaft und Poli­tik vor­ge­stellt. Ich habe ihn als jun­ger Stu­dent Anfang der 1980er Jah­ren als Polit­öko­no­men ken­nen­ge­lernt. Er war nicht von mei­ner Fach­schaft der Poli­tik­wis­sen­schaf­ten, son­dern von der Fach­schaft Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten nach Mar­burg ein­ge­la­den wor­den. In sei­nem Vor­trag the­ma­ti­sier­te er die poli­ti­sche Öko­no­mie des Kapi­ta­lis­mus auf der Grund­la­ge von Karl Marx‘ »Das Kapi­tal«. Daher ist es ver­ständ­lich, dass er jetzt in die­sem Buch »eine polit­öko­no­mi­sche Ana­ly­se« des hege­mo­nia­len, mono­pol­ka­pi­ta­li­sti­schen Systems der Ver­ei­nig­ten Staa­ten vor­nimmt. Aber der Autor »ana­ly­siert« nicht nur, son­dern er legt wie ein Archäo­lo­ge die gesam­te impe­ria­li­sti­sche US-Poli­tik offen, wobei Schutt und Rui­nen sowie unzäh­li­ge Krie­ge, Put­sche und »Regime Chan­ge« zum Vor­schein kommen.

Am Anfang behan­delt der Autor detail­liert, wie die USA die ara­bi­schen Ölstaa­ten an sich gebun­den und auf deren Ter­ri­to­ri­en Mili­tär­stütz­punk­te errich­tet haben, um ihr eige­nes stra­te­gi­sches Inter­es­se in der Regi­on auch gewalt­sam durch­zu­set­zen. Er weist auf die Ver­schmel­zung von Macht­res­sour­cen des Mili­tä­risch-Indu­stri­el­len-Kom­ple­xes (MIK) in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka hin und zeigt des­sen Rol­le im Rah­men der US-Stra­te­gie. Die Kon­trol­le über die glo­ba­le Ener­gie­ver­sor­gung sowie die »neo­ko­lo­nia­li­sti­sche Welt­ar­beits­tei­lung« gel­ten als öko­no­mi­sche Grund­la­ge der Hege­mo­nie der USA. Die inter­na­tio­na­le Arbeits­tei­lung wur­de nach dem Zwei­ten Welt­krieg durch die ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­mäch­te und vor allem durch die USA durch­ge­setzt. Damit wur­den die Län­der des Glo­ba­len Südens in Unter­ent­wick­lung gehal­ten, wie in den Zei­ten des klas­si­schen Kolo­nia­lis­mus. Sie fun­gie­ren als Roh­stoff­lie­fe­ran­ten für den ent­wickel­ten kapi­ta­li­sti­schen Glo­ba­len Nor­den. Real wer­den jähr­lich gigan­ti­sche Men­gen an Wert­schöp­fung der süd­li­chen Heim­sphä­re ein­sei­tig durch die US-Mono­po­le ange­eig­net. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten nut­zen ihre bil­li­ge Ener­gie­ver­sor­gung aus dem Glo­ba­len Süden und die neo­ko­lo­nia­li­sti­sche Arbeits­tei­lung für die Auf­recht­erhal­tung ihrer Hege­mo­nie. Dazu wer­den wei­te­re sehr wirk­sa­me Mit­tel, wie die Welt­bank und der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds (IWF), ein­ge­setzt. Es fin­det eine gigan­ti­sche Süd-Nord-Umver­tei­lung und ein Wer­te­trans­fer zum Nach­teil des Glo­ba­len Südens statt. Allein im Jahr 2021 eig­ne­ten sich die USA und ihre Finanz­in­sti­tu­tio­nen ins­ge­samt 17 Bil­lio­nen US-Dol­lar aus den Län­dern des Glo­ba­len Südens ein­sei­tig an. Das ent­spricht »dem Brut­to­in­lands­pro­dukt aller 27 EU-Staa­ten im sel­ben Jahr«. Sol­che Mecha­nis­men und ihre Fol­gen wer­den in zwei Kapi­teln aus­führ­lich ana­ly­siert. Der Finanz-Impe­ria­lis­mus mit dem Dol­lar als Leit­wäh­rung wird detail­liert behan­delt. Nicht nur hier kommt exem­pla­risch der polit­öko­no­mi­sche Ansatz des Autors zum Ausdruck.

Für die Absi­che­rung die­ser hege­mo­nia­len Stel­lung der USA wur­den über 800 Mili­tär­stütz­punk­te in allen Tei­len der Welt geschaf­fen. Das ist nicht nur als Macht­de­mon­stra­ti­on gedacht, son­dern wird auch gna­den­los ein­ge­setzt. Unter ande­rem bele­gen dies fol­gen­de Bei­spie­le: 1953 ein CIA-Putsch gegen den demo­kra­tisch gewähl­ten libe­ra­len ira­ni­schen Mini­ster­prä­si­den­ten Moham­mad Mos­sa­degh, 1999 der Krieg gegen die Bun­des­re­pu­blik Jugo­sla­wi­en, 2001gegen Afgha­ni­stan und wei­te­re Krie­ge gegen Irak, Liby­en, Syri­en sowie die aktu­el­le israe­lisch-US-ame­ri­ka­ni­sche völ­ker­rechts­wid­ri­ge Aggres­si­on gegen Iran.

Isra­el wird von Mass­ar­rat als Vor­po­sten der US-Hege­mo­nie im Mitt­le­ren-Osten cha­rak­te­ri­siert. Als eng­ster Ver­bün­de­ter und unter dem Schutz der USA erlau­ben sich die israe­li­schen Regie­run­gen fast jedes Ver­bre­chen ohne nen­nens­wer­te Fol­ge. Isra­el hat den Hamas-Über­fall am 7. Okto­ber 2023 auf den Kib­buz Kfar Aza, »zwei­fels­oh­ne ein Kriegs­ver­bre­chen«, zum Anlass genom­men, um »ein gan­zes Volk in Gei­sel­haft« zu neh­men. Gaza wur­de in Schutt und Asche gelegt und über 70.000 Men­schen, über­wie­gend Frau­en und Kin­der ermor­det. Die israe­li­schen Regie­run­gen hal­ten sich an kei­nen UN-Beschluss, weil die USA als Schutz­macht bedin­gungs­los hin­ter ihnen ste­hen. Allein von 2001 bis 2011 ist Isra­el 16-mal von der UNO wegen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen sowie Kriegs­ein­sät­zen gegen ihre Nach­barn ver­ur­teilt wor­den. In allen die­sen Fäl­len haben die USA durch ihr Veto UN-Reso­lu­tio­nen blockiert.

Die Trans­for­ma­ti­on von einer US-domi­nier­ten uni- zu einer mul­ti­po­la­ren Welt­ord­nung stellt die größ­te Her­aus­for­de­rung in der moder­nen Geschich­te für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka dar. In dem Zusam­men­hang spielt der Auf­stieg der Volks­re­pu­blik Chi­na mit ihrem ambi­tio­nier­ten welt­weit umspan­nen­den Neu­en Sei­den­stra­ße-Pro­jekt zu einer künf­ti­gen Super­macht und ernst­zu­neh­men­den Riva­len der USA eine wich­ti­ge Rol­le. Dazu kommt noch die Ent­ste­hung der BRICS-Staa­ten (Bra­si­li­en, Russ­land, Indi­en, VR-Chi­na und Süd-Afri­ka). Hier scheint sich eine neue Welt­ord­nung her­aus­zu­bil­den, um die Mono­pol­stel­lung der USA zu bre­chen. Dadurch kann es mög­lich wer­den, den USA »hege­mo­nia­le Instru­men­te, wie das Mono­pol an der Welt­wäh­rung, das Mono­pol an mili­tä­ri­scher Stär­ke, die Domi­nanz in den inter­na­tio­na­len Finanz­in­sti­tu­tio­nen« zu ent­zie­hen. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten könn­ten sich auf eine koope­ra­ti­ve und fried­li­che Hal­tung ein­las­sen, meint Mohs­sen Mass­ar­rat – und ent­wickelt eine »opti­mi­sti­sche Per­spek­ti­ve«. Das hät­te jedoch eine Ablö­sung der USA als Hege­mo­ni­al­macht zur Vor­aus­set­zung. Ange­sichts der rea­len mili­tä­ri­schen Macht und der glo­ba­len Ambi­tio­nen der USA scheint mir sol­cher Opti­mis­mus doch höchst frag­lich. Durch die For­schungs­ar­bei­ten des US-Poli­to­lo­gen von der Har­vard Uni­ver­si­ty, Pro­fes­sor Gra­ham Alli­son, »Desti­ned for War« oder »Can Ame­ri­ca and Chi­na Escape Thucydides›s Trap?« wis­sen wir aus der Geschich­te der letz­ten 500 Jah­re, dass es welt­weit 16-mal zu krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen gekom­men ist, wenn eine auf­stre­ben­de Macht eine domi­nie­ren­de Macht her­aus­for­der­te. In 12 Fäl­len ende­te das in einem Krieg, und nur in 4 Fäl­len gelang eine fried­li­che Lösung. Zuletzt betont der Autor fol­ge­rich­tig, dass die hege­mo­nia­le US-Bestre­bung eine Gefahr für den Welt­frie­den dar­stellt. Hier gilt nur noch das Prin­zip Hoff­nung, dass die­se Gefahr durch den Glo­ba­len Süden zumin­dest mini­miert wer­den könnte.

Die­se kur­ze Rezen­si­on ist für so ein fun­dier­tes, inter­es­san­tes und aktu­el­les Werk eigent­lich unzu­rei­chend. Mei­ne herz­li­che Emp­feh­lung wäre des­halb, das Buch gründ­lich zu lesen und weiterzuempfehlen!

Mohs­sen Mass­ar­rat: Ana­to­mie der US-Hege­mo­nie – vom ame­ri­ka­ni­schen Zeit­al­ter zur mul­ti­po­la­ren Welt, Pro­me­dia Ver­lag, Wien 2026, 251 S., 25 €.