Der in Iran geborene Mohssen Massarrat wird in seinem hier empfohlenen neuen Buch als Professor für Wirtschaft und Politik vorgestellt. Ich habe ihn als junger Student Anfang der 1980er Jahren als Politökonomen kennengelernt. Er war nicht von meiner Fachschaft der Politikwissenschaften, sondern von der Fachschaft Wirtschaftswissenschaften nach Marburg eingeladen worden. In seinem Vortrag thematisierte er die politische Ökonomie des Kapitalismus auf der Grundlage von Karl Marx‘ »Das Kapital«. Daher ist es verständlich, dass er jetzt in diesem Buch »eine politökonomische Analyse« des hegemonialen, monopolkapitalistischen Systems der Vereinigten Staaten vornimmt. Aber der Autor »analysiert« nicht nur, sondern er legt wie ein Archäologe die gesamte imperialistische US-Politik offen, wobei Schutt und Ruinen sowie unzählige Kriege, Putsche und »Regime Change« zum Vorschein kommen.
Am Anfang behandelt der Autor detailliert, wie die USA die arabischen Ölstaaten an sich gebunden und auf deren Territorien Militärstützpunkte errichtet haben, um ihr eigenes strategisches Interesse in der Region auch gewaltsam durchzusetzen. Er weist auf die Verschmelzung von Machtressourcen des Militärisch-Industriellen-Komplexes (MIK) in den Vereinigten Staaten von Amerika hin und zeigt dessen Rolle im Rahmen der US-Strategie. Die Kontrolle über die globale Energieversorgung sowie die »neokolonialistische Weltarbeitsteilung« gelten als ökonomische Grundlage der Hegemonie der USA. Die internationale Arbeitsteilung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch die ehemaligen Kolonialmächte und vor allem durch die USA durchgesetzt. Damit wurden die Länder des Globalen Südens in Unterentwicklung gehalten, wie in den Zeiten des klassischen Kolonialismus. Sie fungieren als Rohstofflieferanten für den entwickelten kapitalistischen Globalen Norden. Real werden jährlich gigantische Mengen an Wertschöpfung der südlichen Heimsphäre einseitig durch die US-Monopole angeeignet. Die Vereinigten Staaten nutzen ihre billige Energieversorgung aus dem Globalen Süden und die neokolonialistische Arbeitsteilung für die Aufrechterhaltung ihrer Hegemonie. Dazu werden weitere sehr wirksame Mittel, wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF), eingesetzt. Es findet eine gigantische Süd-Nord-Umverteilung und ein Wertetransfer zum Nachteil des Globalen Südens statt. Allein im Jahr 2021 eigneten sich die USA und ihre Finanzinstitutionen insgesamt 17 Billionen US-Dollar aus den Ländern des Globalen Südens einseitig an. Das entspricht »dem Bruttoinlandsprodukt aller 27 EU-Staaten im selben Jahr«. Solche Mechanismen und ihre Folgen werden in zwei Kapiteln ausführlich analysiert. Der Finanz-Imperialismus mit dem Dollar als Leitwährung wird detailliert behandelt. Nicht nur hier kommt exemplarisch der politökonomische Ansatz des Autors zum Ausdruck.
Für die Absicherung dieser hegemonialen Stellung der USA wurden über 800 Militärstützpunkte in allen Teilen der Welt geschaffen. Das ist nicht nur als Machtdemonstration gedacht, sondern wird auch gnadenlos eingesetzt. Unter anderem belegen dies folgende Beispiele: 1953 ein CIA-Putsch gegen den demokratisch gewählten liberalen iranischen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh, 1999 der Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, 2001gegen Afghanistan und weitere Kriege gegen Irak, Libyen, Syrien sowie die aktuelle israelisch-US-amerikanische völkerrechtswidrige Aggression gegen Iran.
Israel wird von Massarrat als Vorposten der US-Hegemonie im Mittleren-Osten charakterisiert. Als engster Verbündeter und unter dem Schutz der USA erlauben sich die israelischen Regierungen fast jedes Verbrechen ohne nennenswerte Folge. Israel hat den Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 auf den Kibbuz Kfar Aza, »zweifelsohne ein Kriegsverbrechen«, zum Anlass genommen, um »ein ganzes Volk in Geiselhaft« zu nehmen. Gaza wurde in Schutt und Asche gelegt und über 70.000 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder ermordet. Die israelischen Regierungen halten sich an keinen UN-Beschluss, weil die USA als Schutzmacht bedingungslos hinter ihnen stehen. Allein von 2001 bis 2011 ist Israel 16-mal von der UNO wegen Menschenrechtsverletzungen sowie Kriegseinsätzen gegen ihre Nachbarn verurteilt worden. In allen diesen Fällen haben die USA durch ihr Veto UN-Resolutionen blockiert.
Die Transformation von einer US-dominierten uni- zu einer multipolaren Weltordnung stellt die größte Herausforderung in der modernen Geschichte für die Vereinigten Staaten von Amerika dar. In dem Zusammenhang spielt der Aufstieg der Volksrepublik China mit ihrem ambitionierten weltweit umspannenden Neuen Seidenstraße-Projekt zu einer künftigen Supermacht und ernstzunehmenden Rivalen der USA eine wichtige Rolle. Dazu kommt noch die Entstehung der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, VR-China und Süd-Afrika). Hier scheint sich eine neue Weltordnung herauszubilden, um die Monopolstellung der USA zu brechen. Dadurch kann es möglich werden, den USA »hegemoniale Instrumente, wie das Monopol an der Weltwährung, das Monopol an militärischer Stärke, die Dominanz in den internationalen Finanzinstitutionen« zu entziehen. Die Vereinigten Staaten könnten sich auf eine kooperative und friedliche Haltung einlassen, meint Mohssen Massarrat – und entwickelt eine »optimistische Perspektive«. Das hätte jedoch eine Ablösung der USA als Hegemonialmacht zur Voraussetzung. Angesichts der realen militärischen Macht und der globalen Ambitionen der USA scheint mir solcher Optimismus doch höchst fraglich. Durch die Forschungsarbeiten des US-Politologen von der Harvard University, Professor Graham Allison, »Destined for War« oder »Can America and China Escape Thucydides›s Trap?« wissen wir aus der Geschichte der letzten 500 Jahre, dass es weltweit 16-mal zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist, wenn eine aufstrebende Macht eine dominierende Macht herausforderte. In 12 Fällen endete das in einem Krieg, und nur in 4 Fällen gelang eine friedliche Lösung. Zuletzt betont der Autor folgerichtig, dass die hegemoniale US-Bestrebung eine Gefahr für den Weltfrieden darstellt. Hier gilt nur noch das Prinzip Hoffnung, dass diese Gefahr durch den Globalen Süden zumindest minimiert werden könnte.
Diese kurze Rezension ist für so ein fundiertes, interessantes und aktuelles Werk eigentlich unzureichend. Meine herzliche Empfehlung wäre deshalb, das Buch gründlich zu lesen und weiterzuempfehlen!
Mohssen Massarrat: Anatomie der US-Hegemonie – vom amerikanischen Zeitalter zur multipolaren Welt, Promedia Verlag, Wien 2026, 251 S., 25 €.