Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

☞

Menu
Menu

Eichmann und kein Ende

Manch­mal sind es auch die klei­nen Pres­se­mel­dun­gen, die einen zum Nach­den­ken anre­gen und Fra­gen aufwerfen.

In die­sen Tagen war zu lesen »Eich­mann – Akten: BND darf Schwär­zen«.  Ver­schie­de­ne Tages­zei­tun­gen berich­te­ten davon, dass der Bun­des­nach­rich­ten­dienst »den voll­stän­di­gen und unge­schwärz­ten Zugang zu Unter­la­gen zur Ent­füh­rung des Nazi-Ver­bre­chers Adolf Eich­mann durch israe­li­sche Agen­ten vor mehr als 65 Jah­ren in Argen­ti­ni­en ver­weh­ren« kann.  Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat­te inso­weit ent­schie­den, dass eine »vom Kanz­ler­amt abge­ge­be­ne Sper­rer­klä­rung aus Grün­den der Geheim­hal­tung recht­mä­ßig« sei. Zu dem Ver­fah­ren war es gekom­men, weil die Jour­na­li­stin Gaby Weber Kla­ge erho­ben hat­te und die voll­stän­di­ge Offen­le­gung der Akten errei­chen woll­te. Sie forscht seit vie­len Jahr­zehn­ten zur Per­son von Eich­mann, dem »Spe­di­teur des Todes«, der 1962 in Isra­el zum Tode ver­ur­teilt und gehängt wur­de. Mit gro­ßer Akri­bie hat sie sich die­ser Auf­ga­be ver­schrie­ben und auch über lan­ge Jah­re nicht ent­mu­ti­gen las­sen, die­ses Ziel zu errei­chen. Bereits im Jahr 2012 erschien ihr Buch »Eich­mann wur­de noch gebraucht«. Dar­in erhell­te sie die »Hin­ter­grün­de und die poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung der Ent­füh­rung des NS-Kriegs­ver­bre­chers«. Zwei Jah­re zuvor waren Akten des BND zu Eich­mann zumin­dest in wei­ten Tei­len frei­ge­ge­ben wor­den. Auch das hat­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt damals ent­schie­den und den Sperr­ver­merk des Bun­des­kanz­ler­am­tes für rechts­wid­rig erklärt. Damit wur­den wei­te Tei­le der vor­han­de­nen 3400 Sei­ten der Akten zugäng­lich. Dar­aus ergab sich, dass in Bonn, dem Sitz der dama­li­gen Bun­des­re­gie­rung, in den 1950er Jah­ren nicht das gering­ste Inter­es­se bestand, dass man der Per­son Eich­manns hab­haft wird. Zu ver­mu­ten war das immer, zumal der nazi­be­la­ste­te Staats­se­kre­tär im Bun­des­kanz­ler­amt Hans Glob­ke nicht in den Fokus öffent­li­cher Dis­kus­si­on gera­ten sollte.

Das war nicht nur dem dama­li­gen Hes­si­schen Gene­ral­staats­an­walt Fritz Bau­er bewusst, der des­halb durch einen Hin­weis zu Eich­manns Auf­ent­halt an die israe­li­sche Regie­rung des­sen Ergrei­fung ermög­li­chen woll­te. Jeder her­kömm­li­che Rechts­weg hät­te dazu geführt, dass Adolf Eich­mann gewarnt wor­den wäre und hät­te unter­tau­chen kön­nen. Fritz Bau­er nahm dafür ein hohes Risi­ko auf sich. Im Fal­le sei­ner Ent­tar­nung hät­te das nicht nur sein beruf­li­ches Aus, son­dern auch straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen zur Fol­ge gehabt. Sein uner­schüt­ter­li­ches Rechts­emp­fin­den sorg­te aber dafür, dass er alle Skru­pel bei­sei­te­schob. Die­ses muti­ge Han­deln wur­de erst lan­ge nach sei­nem Tod bekannt. Seit 1952 wuss­te der BND und sein Vor­gän­ger, die Orga­ni­sa­ti­on Geh­len, von Eich­manns Auf­ent­halt ohne dass etwas ver­an­lasst wor­den war.

Auch als Eich­mann längst in Isra­el vor Gericht stand, wur­de noch immer alles unter­nom­men, um auch von deut­scher Sei­te die Ereig­nis­se zu beein­flus­sen. DDR-Anwalt Fried­rich Karl Kaul hielt sich zum Zeit­punkt des Pro­zes­ses als Beob­ach­ter in Jeru­sa­lem auf. Eine zuvor von ihm ange­streb­te Neben­kla­ge war abge­lehnt wor­den, nach­dem das israe­li­sche Par­la­ment durch eine Ände­rung der dort gel­ten­den Straf­pro­zess­ord­nung die Neben­kla­ge abschaff­te und so ver­hin­der­te, dass Kaul als akti­ver Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter in dem Pro­zess agie­ren und mit ziem­li­cher Sicher­heit auch den Namen Glob­ke hät­te ins Spiel brin­gen kön­nen. Trotz­dem bra­chen BND-Mit­ar­bei­ter, deren Namen bekannt sind, in sein Hotel­zim­mer im »King-David-Hotel« ein und ent­wen­de­ten Unter­la­gen aus sei­nem Besitz. Genützt hat das letzt­lich wenig, da er auf einer vor Ort gege­be­nen Pres­se­kon­fe­renz vor den aus aller Welt ange­rei­sten Jour­na­li­sten die Per­son Glob­kes zur Spra­che brach­te. Die­ser Umstand dürf­te nicht uner­heb­lich dazu bei­getra­gen haben, dass die­ser 1963 zusam­men mit sei­nem dama­li­gen Chef Kon­rad Ade­nau­er in den Ruhe­stand ging. Als er spä­ter­hin sei­nen Alters­sitz in die Schweiz ver­le­gen woll­te, wur­de ihm dies dort mit Blick auf sei­ne Ver­gan­gen­heit als Kom­men­ta­tor der Nürn­ber­ger Ras­se­ge­set­ze verweigert.

Es bleibt die Fra­ge, wes­halb nach wie vor und nach 66 Jah­ren noch immer Mate­ria­li­en zur Fest­nah­me von Eich­mann in Argen­ti­ni­en in Tei­len geheim gehal­ten wer­den sol­len. Die Begrün­dung, man kön­ne anson­sten nach wie vor das all­ge­mei­ne Vor­ge­hen von Geheim­dien­sten, wel­ches auch heu­te noch rele­vant sei, nach­voll­zie­hen, erscheint zumin­dest wenig überzeugend.