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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Friedens-Enzyklika

»Wer Waf­fen in der Hand hält, lege sie nie­der! Wer die Macht hat, Krie­ge zu begin­nen, ent­schei­de sich für den Frie­den! Nicht für einen Frie­den, der mit Gewalt erzwun­gen wird, son­dern durch Dia­log! Nicht mit dem Wil­len, den ande­ren zu beherr­schen, son­dern ihm zu begeg­nen!« Dürf­te der Mann, der so redet, in Deutsch­land einen Vor­trag hal­ten? Wenn er von einer Welt spricht, »die lei­der von Krie­gen und von der Spra­che des Krie­ges ent­stellt ist«, und von der »Ver­gif­tung der Ver­nunft, die von der geo­po­li­ti­schen Ebe­ne in jede sozia­le Bezie­hung« ein­drin­ge – dürf­te er als Aus­län­der über­haupt ein­rei­sen? Und dann noch das: »Man darf eine Auf­rü­stung, die Span­nun­gen und Unsi­cher­heit ver­grö­ßert, Inve­sti­tio­nen in Bil­dung und Gesund­heit schmä­lert, das Ver­trau­en in die Diplo­ma­tie wider­legt und Eli­ten berei­chert, denen das Gemein­wohl gleich­gül­tig ist, nicht ›Ver­tei­di­gung‹ nen­nen«! All das wider­spricht doch den Grund­sät­zen deut­scher Poli­tik! Can­celt ihn!

Der in den letz­ten Wochen bei ver­schie­de­nen Gele­gen­hei­ten sol­che ket­ze­ri­schen Sät­ze sprach, ist der US-Ame­ri­ka­ner Robert Fran­cis Pre­vost, bes­ser bekannt unter sei­ner Berufs­be­zeich­nung Papst Leo XIV. Und er hat sich damit in Poli­tik und Wirt­schaft gewiss kei­ne Freun­de gemacht – auch nicht bei den Kir­chen in Deutsch­land. Die katho­li­sche Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz hat­te Rüstungs­lie­fe­run­gen an die Ukrai­ne für grund­sätz­lich legi­tim erklärt. Deutsch­land müs­se »die not­wen­di­gen Mit­tel« bereit­stel­len, so Bischof Georg Bät­zing. Auch die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land (EKD) stärkt den Rüstungs­fe­ti­schi­sten den Rücken; in ihrer Denk­schrift hält sie sogar den Besitz von Atom­waf­fen für not­wen­dig und Waf­fen­lie­fe­run­gen für ethisch verantwortbar.

Beim Deut­schen Katho­li­ken­tag im Mai war die Bun­des­wehr pro­mi­nent ver­tre­ten: Gene­ral­inspek­teur Car­sten Breu­er (»Die Bedro­hung ist real«), Hee­res­in­spek­teur Chri­sti­an Freu­ding und natür­lich auch Mili­tär­bi­schof Franz-Josef Over­beck, der für die Wehr­pflicht ein­tritt – »auch für die Frau­en«. Die katho­li­sche und die evan­ge­li­sche Kir­che haben ein gemein­sa­mes Rah­men­kon­zept erar­bei­tet (»Seel­sor­ge und Akut­in­ter­ven­ti­on im Span­nungs-, Bünd­nis- und Ver­tei­di­gungs­fall«). Dar­in über­neh­men sie die kriegs­er­tüch­ti­gen­de Pro­pa­gan­da der Poli­tik und der Leit­me­di­en bis in die Wort­wahl: »neue sicher­heits­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen«, »mili­tä­ri­sche Bedro­hung, die auch Deutsch­land unmit­tel­bar betref­fen« kön­ne, »Res­sour­cen bün­deln« gegen »hybri­de Bedro­hun­gen …«. Kei­ne Spur einer kri­ti­schen Ana­ly­se, geschwei­ge denn einer not­wen­di­gen Kri­sen­prä­ven­ti­on und Frie­dens­po­li­tik. Die deut­schen Kir­chen­füh­rer sind ideell und prak­tisch Teil der Kriegsmaschinerie.

Die Kir­chen haben sich also der Regie­rungs­po­li­tik ange­dient und wir­ken dabei genau­so heuch­le­risch und geschichts­ver­ges­sen wie die­se: Sie wischen die Ursa­chen und Hin­ter­grün­de der Kon­flik­te und Krie­ge weg und wäh­nen sich im Besitz einer höhe­ren Moral als der Feind, dem allein impe­ria­le Aggres­si­ons­plä­ne unter­stellt wer­den. Es gehört eine gehö­ri­ge Por­ti­on Igno­ranz und Hybris dazu, alle gegen­tei­li­gen Fak­ten aus­zu­blen­den. Mit ihrer staats­from­men und kriegs­för­dern­den Hal­tung ver­lie­ren die Kir­chen eben­so das Ver­trau­en wie die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, die Par­tei­en, die Regie­rung und die Pres­se. Wo bleibt ihre Kri­tik des Mili­ta­ris­mus, der Rüstungs­in­du­strie, der wahn­sin­ni­gen Kriegshysterie?

Sie wäre so dring­lich, etwa so: »Ein ent­schei­den­des Ele­ment der gegen­wär­ti­gen Lage ist das Wachs­tum der Rüstungs­in­du­strie, die in eini­gen Län­dern zu einem Schlüs­sel­sek­tor der Wirt­schaft gewor­den ist. Die enge Ver­bin­dung zwi­schen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen, poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen und Mili­tär­ap­pa­rat schafft eine ›bewaff­ne­te Nati­on‹, in der Krieg fast wie eine natür­li­che Fort­set­zung der Poli­tik erscheint und der Rüstungs­markt zu einer eigen­stän­di­gen Trieb­kraft für krie­ge­ri­sche Ent­schei­dun­gen wird.« Die­se kla­re Fest­stel­lung for­mu­liert Papst Leo XIV. in sei­ner kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Enzy­kli­ka »Magni­fi­ca Huma­ni­tas« über die »Bewah­rung des Men­schen im Zeit­al­ter der Künst­li­chen Intel­li­genz«. Vie­le Text­stel­len wir­ken, als woll­te er der aktu­el­len deut­schen Poli­tik der Kriegs­er­tüch­ti­gung und den Bischö­fen den Spie­gel hin­hal­ten: »So wird Krieg nicht nur geführt, son­dern auch kul­tu­rell vor­be­rei­tet: durch ver­ein­fa­chen­de Nar­ra­ti­ve, Freund-Feind-Logik, Des­in­for­ma­ti­on und Angst.« Es sei »wich­ti­ger denn je, die Über­win­dung der Theo­rie des ›gerech­ten Krie­ges‹ zu bekräf­ti­gen, die all­zu oft her­an­ge­zo­gen wird, um alle mög­li­chen Krie­ge zu rechtfertigen«.

Weder die »Frie­dens­denk­schrift« der Evan­ge­li­schen Kir­che vom letz­ten Jahr noch das aktu­el­le »Öku­me­ni­sche Rah­men­kon­zept« haben die Bedeu­tung einer Enzy­kli­ka. Den­noch: Beim The­ma Kriegs­för­de­rung und Kriegs­ver­hin­de­rung sind intel­lek­tu­el­le Red­lich­keit und poli­ti­sche Auf­rich­tig­keit gefor­dert, die jene ver­mis­sen las­sen und die nur die Enzy­kli­ka erreicht. Da die Stel­lung­nah­me des Pap­stes aber nicht in das Kon­zept der deut­schen Macht­eli­te passt, ver­wun­dert es nicht, dass die Leit­me­di­en nur spär­lich über sie berich­ten. Sie grei­fen – sofern sie über­haupt berich­ten – das The­ma KI her­aus. Auch in die­ser Ver­kür­zung igno­rie­ren sie Fun­da­men­tal­kri­tik der Wirt­schafts- und Macht­in­ter­es­sen im päpst­li­chen Papier: KI kön­ne eine gro­ße Hil­fe sein, aber fak­tisch wer­de sie zum Instru­ment der Herr­schaft, da sie in pri­va­ten Hän­den gewinn­ori­en­tiert ein­ge­setzt sei und nicht kon­trol­liert wer­de. Die Poli­tik unter­wer­fe beim Pushen der KI »per­sön­li­che, gesell­schaft­li­che und wirt­schaft­li­che Ent­schei­dun­gen allein der Logik der Effi­zi­enz, der Kon­trol­le und des Profits«.

Die Stär­ke der Enzy­kli­ka besteht dar­in, dass sie die poli­tisch-wirt­schaft­li­che Rea­li­tät ana­ly­siert, die die Mensch­heit gefähr­det. End­lich nimmt hier eine eta­blier­te kon­ser­va­ti­ve Insti­tu­ti­on Stel­lung gegen Mili­ta­ris­mus, Krieg und Pro­pa­gan­da. Die Eck­pfei­ler des herr­schen­den Systems sei­en nicht Men­schen­rech­te, Gemein­wohl und sozia­le Gerech­tig­keit, son­dern Pro­fit und Kom­mer­zia­li­sie­rung. In die­ser Welt des Pro­fits sei­en Wahr­heit, Wür­de, Frei­heit zu Schlag­wor­ten dege­ne­riert. So herr­sche eine »Kul­tur der Macht«, es ent­ste­he »ent­grenz­te Gewalt« und eine »Nor­ma­li­sie­rung des Krieges«.

Hören die christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en, die Gene­rä­le der Bun­des­wehr und der Nato oder auch die Bischö­fe dem Papst zu? Wer­den sie wenig­stens zum Nach­den­ken ange­regt – oder sind sie schon alle so fest­ge­fah­ren in ihrer »Kriegs­men­ta­li­tät« (Nato-Chef Rut­te) und Russ­land­pho­bie, so gefan­gen in der Leit­idee der mili­tä­ri­schen Stär­ke für hege­mo­nia­le Inter­es­sen, dass sie von sol­chen Ana­ly­sen unbe­rührt blei­ben? Die Zie­le der herr­schen­den Poli­tik wider­spre­chen dia­me­tral der War­nung des Pap­stes: »Die enge Ver­bin­dung zwi­schen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen, poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen und Mili­tär­ap­pa­rat schafft eine ›bewaff­ne­te Nati­on‹, in der Krieg fast wie eine natür­li­che Fort­set­zung der Poli­tik erscheint und der Rüstungs­markt zu einer eigen­stän­di­gen Trieb­kraft für krie­ge­ri­sche Ent­schei­dun­gen wird. Wir dür­fen die enor­men wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen hin­ter dem Krieg nicht igno­rie­ren«, hält ihnen der Papst entgegen.

Es herrscht Ruhe im Land; als hät­te man sich mit der Zwangs­läu­fig­keit eines neu­en welt­um­fas­sen­den Krie­ges schon abge­fun­den. Fas­sungs­los schaut man auf die täg­li­chen Nach­rich­ten über stei­gen­de Armut und sozia­len Abbau, neue Mil­li­ar­den für Rüstung und Krieg, auf das Ster­ben in der Ukrai­ne, in Palä­sti­na, im Iran, in Liba­non, viel­leicht mor­gen schon in Kuba und zahl­rei­chen ande­ren Län­dern, auf die Ver­ach­tung der Wahr­heit, der Men­schen­rech­te, der Diplo­ma­tie und der mensch­li­chen Bedürf­nis­se. Ohn­macht, Resi­gna­ti­on, Gleich­gül­tig­keit, Abstump­fung? Kön­nen wir nichts ändern? Es sei eine ele­gan­te Form der Kapi­tu­la­ti­on, die sich als Rea­lis­mus tar­ne, wenn wir uns damit her­aus­re­den, wir könn­ten eh nichts bewir­ken, meint der Papst. Wir müss­ten uns ent­schei­den, ob wir die Logik der Macht näh­ren oder die Logik des Frie­dens hochhalten.

Man muss kein Katho­lik sein, um die­se War­nung von Leo XIV. ernst zu neh­men: »Auch die­je­ni­gen, die sich auf gro­ße mora­li­sche Prin­zi­pi­en beru­fen, kön­nen die­sem histo­ri­schen Nihi­lis­mus ver­fal­len und sich der Illu­si­on hin­ge­ben, dass sich die Gräu­el­ta­ten des 20. Jahr­hun­derts nicht mehr wie­der­ho­len kön­nen. In Wirk­lich­keit tau­chen die­sel­ben Dyna­mi­ken unter neu­en For­men wie­der auf. Die Logik des mili­tä­ri­schen Gleich­ge­wichts und der Abschreckung scheint sich wie­der durch­zu­set­zen. Die ver­schärf­ten Kon­flik­te füh­ren zu asym­me­tri­schen und ›hybri­den‹ Krie­gen, die auch auf wirt­schaft­li­cher, finan­zi­el­ler und digi­ta­ler Ebe­ne aus­ge­tra­gen wer­den, wobei Des­in­for­ma­ti­on und Kam­pa­gnen, die Äng­ste schü­ren, ein­ge­setzt wer­den, um die öffent­li­che Mei­nung zu beein­flus­sen. In vie­len Län­dern, auch im Glo­ba­len Süden, wer­den erhöh­te Mili­tär­aus­ga­ben als ein­zi­ge Ant­wort auf eine unge­wis­se Zukunft oder auf ver­meint­li­che Bedro­hun­gen dar­ge­stellt, wäh­rend die tat­säch­li­chen Kosten auf die Armen abge­wälzt wer­den, die zuse­hen müs­sen, wie die Mit­tel für Gesund­heits­ver­sor­gung, Bil­dung und sozia­le Dien­ste schwinden.«