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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Iran – imperialistisch?

Die mul­ti-impe­ria­li­sti­sche Welt, in der wir leben, ist so bunt und viel­fäl­tig wie die Völ­ker­schaf­ten, die von den impe­ria­li­sti­schen Staa­ten beherrscht werden.

Impe­ria­lis­mus ist eine umfas­sen­de poli­tisch-öko­no­mi­sche Kate­go­rie. Im Unter­schied zum Kolo­nia­lis­mus heißt Impe­ria­lis­mus weni­ger die Erobe­rung und Aus­plün­de­rung fer­ner (unent­wickel­ter) Län­der, viel mehr auch die Kon­kur­renz und zugleich gegen­sei­ti­ge Durch­drin­gung riva­li­sie­ren­der kapi­ta­li­sti­scher Län­der, ins­be­son­de­re durch Kapi­tal- und Waren­ex­port sowie mili­tä­ri­sche Macht­po­li­tik. Es herrscht – neben zeit­wei­li­gen Bünd­nis­sen, Abkom­men, »Frie­dens­ord­nun­gen« und »Regeln«, die zuneh­mend obso­let gewor­den sind – der Kampf um die Neu­auf­tei­lung von Roh­stoff­quel­len, Kapi­tal­an­la­ges­phä­ren und Absatz­märk­ten. Grund­la­ge ist der Kapi­ta­lis­mus, für den die inne­ren, natio­na­len Märk­te zu eng sind, nicht aus­rei­chen für sei­ne Akku­mu­la­ti­on, für das »Wachs­tum«, das dem Kapi­ta­lis­mus imma­nent ist und an Gren­zen stößt, was die Kon­fron­ta­tio­nen zwi­schen den Mäch­ten forciert.

Der impe­ria­li­sti­sche Cha­rak­ter des Iran ist umstrit­ten – ist er doch das Opfer der aktu­el­len völ­ker­rechts­wid­ri­gen Aggres­si­on durch Isra­el und die USA. Seit dem Sturz des Schah-Regimes 1979 durch die isla­mi­sche »Revo­lu­ti­on« unter Kho­mei­ni steht der Iran im Faden­kreuz des Westens.

Erste US-Sank­tio­nen gegen Iran gab es unter Jim­my Car­ter nach der Beset­zung der US-Bot­schaft in Tehe­ran 1979. Es folg­te der unter Sad­dam Hus­sein durch eine Inva­si­on begon­ne­nen Krieg Irak-Iran von 1980 bis 1988, der sei­tens des Irak mit west­li­cher Waf­fen­un­ter­stüt­zung geführt wur­de und schät­zungs­wei­se bis 1,5 Mil­lio­nen Todes­op­fer forderte.

Der theo­kra­ti­sche Macht­ap­pa­rat des Iran wird vom schii­ti­schen Kle­rus kon­trol­liert. Die Macht besteht aus den domi­nie­ren­den Revo­lu­ti­ons­gar­den (Pas­dar­an), der para­mi­li­tä­ri­schen Miliz (Basij) und der regu­lä­ren Armee. Das System kann sich auf eine reli­gi­ös fun­dier­te Mas­sen­ba­sis stüt­zen, auch wenn die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung kaum hin­ter dem Regime steht. Bei enor­mer Infla­ti­on und Ver­ar­mung kam es zum Jah­res­wech­sel 2025/​26 zu Mas­sen­pro­te­sten, denen tau­sen­de Pro­te­stie­ren­de zum Opfer fie­len. Dabei misch­ten CIA und Mos­sad und ihre ein­hei­mi­schen Agen­ten sowie Schah-Anhän­ger beim Mor­den kräf­tig mit.

Abar­ti­ger kön­nen die Auf­mär­sche von Anhän­gern des Schah-Sohns Reza Pahl­awi in diver­sen west­li­chen Län­dern nicht sein, wird doch dabei die Zer­trüm­me­rung ihres Lan­des durch Isra­el und USA gefei­ert. Mit US- und Isra­el-Fah­nen beju­beln sie die völ­ker­rechts­wid­ri­ge Aggres­si­on. Im Iran selbst haben Schah-Anhän­ger wenig Unterstützung.

Eine revo­lu­tio­nä­re Stra­te­gie im heu­ti­gen Iran müss­te sich vor­ran­gig gegen den »Feind im eige­nen Land« rich­ten, näm­lich gegen das Regime; also kei­ne »Vater­lands­ver­tei­di­gung« im Schlepp­tau der Mäch­ti­gen, son­dern Lenin­scher revo­lu­tio­nä­rer Defä­tis­mus. Die bru­tal­ste Unter­drückungs­ge­walt des Regimes wie die Spal­tung der ira­ni­schen Gesell­schaft in reli­gi­ös fun­dier­te Regime-Anhän­ger, eine unter­drück­te Mehr­heit und jene, die ihre Erwar­tun­gen auf USA und Isra­el set­zen, lässt der­zeit wenig Hoff­nun­gen auf eine sol­che revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung aufkommen.

Öko­no­misch kon­trol­lie­ren die Revo­lu­ti­ons­gar­den bei­na­he die Hälf­te der pri­va­ten und staat­li­chen Betrie­be; die eng­ste Ver­men­gung von Reli­gi­on, Macht und Wirt­schaft ist bei einer ende­mi­schen Kor­rup­ti­on ver­ant­wort­lich für die anhal­ten­de öko­no­mi­sche Sta­gna­ti­on mit einer kriegs­be­dingt wach­sen­den Arbeits­lo­sig­keit von über 30 Pro­zent. Maß­geb­lich ist eine Han­dels­olig­ar­chie, die wenig Inter­es­se an einer Aus­deh­nung von Indu­strie und Beschäf­ti­gung hat und eben­so wenig an einer Bekämp­fung von Hun­ger, Armut und Arbeits­lo­sig­keit. Die Olig­ar­chen pro­fi­tie­ren viel­mehr vom Import der Kon­sum­gü­ter und vom Export von Öl- und Gas­pro­duk­ten sowie von Devi­sen­spe­ku­la­tio­nen. Hin­zu kommt die Infla­ti­on, die der Staat selbst durch sei­ne bei­na­he gren­zen­lo­se Kre­dit­auf­nah­me zur Deckung des stei­gen­den Haus­halts­de­fi­zits her­vor­ruft, wäh­rend die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit ver­armt und eine klei­ne Eli­te von Super­rei­chen immer rei­cher wurde.

Damit ist eines der wesent­li­chen Merk­ma­le des ira­ni­schen Impe­ria­lis­mus genannt: Export von Roh­stof­fen, beson­ders von Öl und Gas. Vor dem Krieg gin­gen 90 Pro­zent der ira­ni­schen Ölex­por­te nach Chi­na. Hin­zu kommt eine enor­me mili­tä­ri­sche Rüstung spe­zi­ell mit Rake­ten und Droh­nen, die von den Angrei­fern unter­schätzt wur­de – ins­be­son­de­re die prak­tisch unzer­stör­ba­ren, tief unter­ir­disch im Fels ange­leg­ten Rake­ten-Abschuss­an­la­gen. Die Blocka­de der Stra­ße von Hor­mus erweist sich zudem als eine wesent­li­che Waf­fe des Iran.

Der Iran for­dert für Frie­dens­ver­hand­lun­gen ein Ende der US-Blocka­de, Sicher­heits­ga­ran­tien, ein Ende aller Sank­tio­nen, die Aner­ken­nung sei­ner Sou­ve­rä­ni­tät auch über die Stra­ße von Hor­mus und eine Ent­schä­di­gung für alle Kriegs­fol­gen durch die USA. Ein Frie­den erscheint jeden­falls mit­tel­fri­stig ohne Chan­cen. Zumal der Schwie­ger­sohn »von Beruf«, Jared Kush­ner, als einer der Chef-Unter­händ­ler dem Cha­bad-Netz­werk, einer zio­ni­sti­schen mes­sia­ni­schen Bewe­gung ange­hört. Ben­ja­min Netan­ja­hu resi­diert regel­mä­ßig im Haus der Fami­lie Kushner.

Eine ent­schei­den­de Fra­ge für den Westen ist die nach dem Sinn und Zweck des »umstrit­te­nen« ira­ni­schen Atom­pro­gramms. Soll es nur fried­li­chen Zwecken die­nen? Die Bom­be ist schließ­lich mehr als ein Sta­tus­sym­bol eines wahr­haft impe­ria­li­sti­schen Staa­tes. Die Atom­be­waff­nung Isra­els, Paki­stans und Indi­ens ist im »Wer­te­we­sten« jeden­falls nicht umstritten.

Der spe­zi­el­le Kampf um eine (schii­ti­sche) anti­is­rae­li­sche Ein­fluss­zo­ne im Nahen Osten besteht – neben der seit dem Ende des Schah-Regimes tra­di­tio­nel­len Feind­schaft gegen die USA und Isra­el – dar­in, eine Rei­he von »Pro­xies« als »Ach­se des Wider­stands« gegen den völ­ker­mör­de­ri­schen Zio­nis­mus zu unter­stüt­zen. Das rechts­ra­di­kal-zio­ni­sti­sche Isra­el unter Netan­ja­hu ist unter­des­sen dabei, mit dem Ziel eines »Eretz Isra­el vom Euphrat bis zum Nil«, mit Hil­fe der USA nahe­zu sein gesam­tes Umfeld in Schutt und Asche zu legen. Iran ist dabei das ulti­ma­ti­ve Ziel. Der Iran unter­stützt die Hamas in Gaza, die His­bol­lah im Liba­non, die Hut­his im Jemen, hat Assad in Syri­en unter­stützt und hat wich­ti­ge Anhän­ger u. a. im Irak.

Poli­ti­sche Unter­drückung im Inne­ren mit gefüll­ten Fol­ter­ge­fäng­nis­sen und zahl­rei­chen Hin­rich­tun­gen zäh­len zur reli­gi­ös unter­füt­ter­ten »Reak­ti­on auf der gan­zen Linie« als impe­ria­li­sti­sches Merkmal.

Last not least ist der Iran am erwei­ter­ten BRICS-Bünd­nis betei­ligt, des­sen Staa­ten sich mehr oder weni­ger als mul­ti-impe­ria­li­sti­sches Gegen­ge­wicht gegen­über dem Westen mit dem Welt­po­li­zi­sten USA verstehen.

Nach all­dem lässt es sich nicht bezwei­feln, dass der Iran Teil der mul­ti-impe­ria­li­sti­schen Gemenge­la­ge ist.