Die multi-imperialistische Welt, in der wir leben, ist so bunt und vielfältig wie die Völkerschaften, die von den imperialistischen Staaten beherrscht werden.
Imperialismus ist eine umfassende politisch-ökonomische Kategorie. Im Unterschied zum Kolonialismus heißt Imperialismus weniger die Eroberung und Ausplünderung ferner (unentwickelter) Länder, viel mehr auch die Konkurrenz und zugleich gegenseitige Durchdringung rivalisierender kapitalistischer Länder, insbesondere durch Kapital- und Warenexport sowie militärische Machtpolitik. Es herrscht – neben zeitweiligen Bündnissen, Abkommen, »Friedensordnungen« und »Regeln«, die zunehmend obsolet geworden sind – der Kampf um die Neuaufteilung von Rohstoffquellen, Kapitalanlagesphären und Absatzmärkten. Grundlage ist der Kapitalismus, für den die inneren, nationalen Märkte zu eng sind, nicht ausreichen für seine Akkumulation, für das »Wachstum«, das dem Kapitalismus immanent ist und an Grenzen stößt, was die Konfrontationen zwischen den Mächten forciert.
Der imperialistische Charakter des Iran ist umstritten – ist er doch das Opfer der aktuellen völkerrechtswidrigen Aggression durch Israel und die USA. Seit dem Sturz des Schah-Regimes 1979 durch die islamische »Revolution« unter Khomeini steht der Iran im Fadenkreuz des Westens.
Erste US-Sanktionen gegen Iran gab es unter Jimmy Carter nach der Besetzung der US-Botschaft in Teheran 1979. Es folgte der unter Saddam Hussein durch eine Invasion begonnenen Krieg Irak-Iran von 1980 bis 1988, der seitens des Irak mit westlicher Waffenunterstützung geführt wurde und schätzungsweise bis 1,5 Millionen Todesopfer forderte.
Der theokratische Machtapparat des Iran wird vom schiitischen Klerus kontrolliert. Die Macht besteht aus den dominierenden Revolutionsgarden (Pasdaran), der paramilitärischen Miliz (Basij) und der regulären Armee. Das System kann sich auf eine religiös fundierte Massenbasis stützen, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung kaum hinter dem Regime steht. Bei enormer Inflation und Verarmung kam es zum Jahreswechsel 2025/26 zu Massenprotesten, denen tausende Protestierende zum Opfer fielen. Dabei mischten CIA und Mossad und ihre einheimischen Agenten sowie Schah-Anhänger beim Morden kräftig mit.
Abartiger können die Aufmärsche von Anhängern des Schah-Sohns Reza Pahlawi in diversen westlichen Ländern nicht sein, wird doch dabei die Zertrümmerung ihres Landes durch Israel und USA gefeiert. Mit US- und Israel-Fahnen bejubeln sie die völkerrechtswidrige Aggression. Im Iran selbst haben Schah-Anhänger wenig Unterstützung.
Eine revolutionäre Strategie im heutigen Iran müsste sich vorrangig gegen den »Feind im eigenen Land« richten, nämlich gegen das Regime; also keine »Vaterlandsverteidigung« im Schlepptau der Mächtigen, sondern Leninscher revolutionärer Defätismus. Die brutalste Unterdrückungsgewalt des Regimes wie die Spaltung der iranischen Gesellschaft in religiös fundierte Regime-Anhänger, eine unterdrückte Mehrheit und jene, die ihre Erwartungen auf USA und Israel setzen, lässt derzeit wenig Hoffnungen auf eine solche revolutionäre Bewegung aufkommen.
Ökonomisch kontrollieren die Revolutionsgarden beinahe die Hälfte der privaten und staatlichen Betriebe; die engste Vermengung von Religion, Macht und Wirtschaft ist bei einer endemischen Korruption verantwortlich für die anhaltende ökonomische Stagnation mit einer kriegsbedingt wachsenden Arbeitslosigkeit von über 30 Prozent. Maßgeblich ist eine Handelsoligarchie, die wenig Interesse an einer Ausdehnung von Industrie und Beschäftigung hat und ebenso wenig an einer Bekämpfung von Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit. Die Oligarchen profitieren vielmehr vom Import der Konsumgüter und vom Export von Öl- und Gasprodukten sowie von Devisenspekulationen. Hinzu kommt die Inflation, die der Staat selbst durch seine beinahe grenzenlose Kreditaufnahme zur Deckung des steigenden Haushaltsdefizits hervorruft, während die überwältigende Mehrheit verarmt und eine kleine Elite von Superreichen immer reicher wurde.
Damit ist eines der wesentlichen Merkmale des iranischen Imperialismus genannt: Export von Rohstoffen, besonders von Öl und Gas. Vor dem Krieg gingen 90 Prozent der iranischen Ölexporte nach China. Hinzu kommt eine enorme militärische Rüstung speziell mit Raketen und Drohnen, die von den Angreifern unterschätzt wurde – insbesondere die praktisch unzerstörbaren, tief unterirdisch im Fels angelegten Raketen-Abschussanlagen. Die Blockade der Straße von Hormus erweist sich zudem als eine wesentliche Waffe des Iran.
Der Iran fordert für Friedensverhandlungen ein Ende der US-Blockade, Sicherheitsgarantien, ein Ende aller Sanktionen, die Anerkennung seiner Souveränität auch über die Straße von Hormus und eine Entschädigung für alle Kriegsfolgen durch die USA. Ein Frieden erscheint jedenfalls mittelfristig ohne Chancen. Zumal der Schwiegersohn »von Beruf«, Jared Kushner, als einer der Chef-Unterhändler dem Chabad-Netzwerk, einer zionistischen messianischen Bewegung angehört. Benjamin Netanjahu residiert regelmäßig im Haus der Familie Kushner.
Eine entscheidende Frage für den Westen ist die nach dem Sinn und Zweck des »umstrittenen« iranischen Atomprogramms. Soll es nur friedlichen Zwecken dienen? Die Bombe ist schließlich mehr als ein Statussymbol eines wahrhaft imperialistischen Staates. Die Atombewaffnung Israels, Pakistans und Indiens ist im »Wertewesten« jedenfalls nicht umstritten.
Der spezielle Kampf um eine (schiitische) antiisraelische Einflusszone im Nahen Osten besteht – neben der seit dem Ende des Schah-Regimes traditionellen Feindschaft gegen die USA und Israel – darin, eine Reihe von »Proxies« als »Achse des Widerstands« gegen den völkermörderischen Zionismus zu unterstützen. Das rechtsradikal-zionistische Israel unter Netanjahu ist unterdessen dabei, mit dem Ziel eines »Eretz Israel vom Euphrat bis zum Nil«, mit Hilfe der USA nahezu sein gesamtes Umfeld in Schutt und Asche zu legen. Iran ist dabei das ultimative Ziel. Der Iran unterstützt die Hamas in Gaza, die Hisbollah im Libanon, die Huthis im Jemen, hat Assad in Syrien unterstützt und hat wichtige Anhänger u. a. im Irak.
Politische Unterdrückung im Inneren mit gefüllten Foltergefängnissen und zahlreichen Hinrichtungen zählen zur religiös unterfütterten »Reaktion auf der ganzen Linie« als imperialistisches Merkmal.
Last not least ist der Iran am erweiterten BRICS-Bündnis beteiligt, dessen Staaten sich mehr oder weniger als multi-imperialistisches Gegengewicht gegenüber dem Westen mit dem Weltpolizisten USA verstehen.
Nach alldem lässt es sich nicht bezweifeln, dass der Iran Teil der multi-imperialistischen Gemengelage ist.