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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Déjà-vu mit der Reserve

Erstens: Am 17. Febru­ar 2005 wur­de – tief in der Nacht und weit­ge­hend unbe­ach­tet von den Medi­en – das Gesetz über die Neu­ord­nung der Reser­ve der Streit­kräf­te und zur Rechts­be­rei­ni­gung des Wehr­pflicht­ge­set­zes beschlos­sen. Der Kern des Geset­zes ist die Anhe­bung des Alters von 45 auf 60 Jah­re, bis zu dem Reser­vi­sten in Frie­dens­zei­ten ein­be­ru­fen wer­den kön­nen, und zwar nicht nur zu Übun­gen, wie bis­her, son­dern auch zu Ein­sät­zen. Die Beschluss­fas­sung im Bun­des­tag geschah ohne münd­li­che Aus­spra­che. Schrift­lich gab Petra Pau, eine der nur zwei frak­ti­ons­lo­sen PDS-Abge­ord­ne­ten im dama­li­gen Par­la­ment, zu Pro­to­koll: »Wir sind dage­gen, weil sie – (die Ände­run­gen zum bis­he­ri­gen Gesetz) ein tro­ja­ni­sches Pferd in Stel­lung brin­gen. Denn: Der Gesetz­ent­wurf ent­springt einer inhalt­li­chen Logik, der wir nicht fol­gen. Es geht dar­um, den Sta­tus und die Pflich­ten von Reser­vi­stin­nen und Reser­vi­sten an die offen­si­ven mili­tär­po­li­ti­schen Leit­li­ni­en anzu­pas­sen.« Und zwar durch eine gewal­ti­ge Ver­grö­ße­rung der Trup­pe. »Hin­zu kommt: Sie wol­len den Ein­satz der Bun­des­wehr im Inne­ren der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vorbereiten.«

Zwei­tens: Män­ner im Alter zwi­schen 17 und 45 Jah­ren brau­chen seit Janu­ar 2026 prin­zi­pi­ell eine Geneh­mi­gung, um Deutsch­land für län­ger als drei Mona­te zu ver­las­sen. Das bestä­tig­te das Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­ri­um der Nach­rich­ten­agen­tur dpa auf Nach­fra­ge. Die Ände­rung ist Teil des neu­en Geset­zes zur Anwen­dung des Wehr­dienst­ge­set­zes, das am 1. Janu­ar in Kraft getre­ten ist. Ein Mini­ste­ri­ums­spre­cher sag­te dazu: »Wir wer­den aber durch Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten klar­stel­len, dass die Geneh­mi­gung als erteilt gilt, solan­ge der Wehr­dienst frei­wil­lig ist.« Also bei Pflicht zum Kriegs­dienst gilt das Ver­bot, das Land län­ger als drei Mona­te zu ver­las­sen, und es gilt die Rege­lung vom Febru­ar 2005, dass Reser­vi­sten bis zum 60. Lebens­jahr zur Trup­pe geru­fen wer­den können.

Dazu muss man wis­sen, dass der Wehr­dienst grund­sätz­lich Pflicht ist. Die Anwen­dung des Wehr­pflicht­ge­set­zes wur­de am 24.3.2011 aus­ge­setzt; das Gesetz nicht abge­schafft. Der Arti­kel 12a des Grund­ge­set­zes besagt seit 1956: »1. Män­ner kön­nen vom voll­ende­ten acht­zehn­ten Lebens­jahr an zum Dienst in den Streit­kräf­ten, im Bun­des­grenz­schutz oder in einem Zivil­schutz­ver­band ver­pflich­tet wer­den. 2. Wer aus Gewis­sens­grün­den den Kriegs­dienst mit der Waf­fe ver­wei­gert, kann zu einem Ersatz­dienst ver­pflich­tet werden.«

Sowohl im ersten Fall als auch im zwei­ten han­del­te es sich um eine all­ge­mein unbe­ach­te­te, aber sehr tief­grei­fen­de Rege­lung. Nur die jun­ge Welt brach­te im Febru­ar 2005 einen – lei­der dümm­li­chen – Kom­men­tar über die Gruf­tis bis 60 Jah­ren, die nun die Bun­des­wehr auf­stocken sol­len. Ich bot immer wie­der den Medi­en Bei­trä­ge zum The­ma an. End­lich, am 4. April 2007 berich­tet das Neue Deutsch­land unter der Über­schrift: »Die Reser­ve­ar­mee wird neu for­miert. Es wer­den Tau­sen­de Kom­man­deurs­po­sten für den Ein­satz der Bun­des­wehr geschaffen.«

Geset­zes­tex­te soll­ten beach­tet und bis zu Ende gele­sen wer­den. Das lehrt das Déjà-vu.

Wenig beach­tet wur­de auch etwas Posi­ti­ves. Der Auf­ruf der Arbei­ter­be­we­gung zum poli­ti­schen – nicht nur wirt­schaft­li­chen – Streik, wie ihn Karl Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg pro­pa­gier­ten, wur­de von den Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit ihren Schul­streiks gegen die Wehr­pflicht auf­ge­grif­fen. Auch die Sache mit der Reser­ve wur­de durch die Schul­streiks erst rich­tig bekannt. Wenn die Jugend­li­chen ins Aus­land fah­ren wol­len, sol­len sie die Bun­des­wehr um Erlaub­nis fra­gen. Sie sol­len Reser­vi­sten sein – bis zum Rentenalter.

Der Bun­des­wehr­mi­ni­ster teil­te kürz­lich mit: In den näch­sten zehn Jah­ren soll die Zahl der akti­ven Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten von 180.000 auf 260.000, die Zahl der stän­dig ein­satz­be­rei­ten Reser­vi­sten auf 200.000 stei­gen. Es sol­len sich also min­de­stens 460.000 Sol­da­ten stän­dig zur Ver­fü­gung hal­ten. Und zwar für den Dienst im In- und Aus­land. Denn die Not­stands­ge­set­ze sehen auch die Amts­hil­fe der Sol­da­ten im Ein­satz gegen die eige­nen Lands­leu­te vor, selbst dann, wenn die­se end­lich mal zu einer volks­feind­li­chen »Kano­nen statt Butter«-Politik mas­sen­haft Nein sagen wür­den. Und auf die Stra­ße und in den Streik gehen.

Gan­ze Zei­tungs­sei­ten und hun­der­te Sen­de­mi­nu­ten mit Kriegs­hy­ste­rie müs­sen wir täg­lich hin­neh­men. Und nie auch nur eine Spal­te oder Stun­de mit Alter­na­ti­ven aus der Frie­dens­be­we­gung. Sol­che Medi­en ver­sto­ßen gegen das Frie­dens­ge­bot des Grund­ge­set­zes und gegen Arti­kel 26 zum Ver­bot der Vor­be­rei­tung eines Angriffs­krie­ges. Und gegen Arti­kel 139, Befrei­ung vom Nazis­mus und Mili­ta­ris­mus. In der Prä­am­bel der Ver­fas­sung heißt es, dass das deut­sche Volk »dem Frie­den der Welt zu die­nen« habe. Alles ande­re ist verfassungswidrig.