Der jüngste massenhafte Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta begann Ende Juli 2026. In nur wenigen Stunden strömten Zehntausende Menschen aus dem Königsreich Marokko über den Landweg oder auch schwimmend auf das extrem gesicherte und von der Guardia Civil bewachte spanische Gebiet an der Küste von Marokko.
Die Geschichte Marokkos reicht von den frühen Berber-Kulturen über die antiken Reiche der Griechen und Römer sowie islamische Dynastien bis zur konstitutionellen Monarchie heute. Prägend blieb nicht nur der Einfluss von Griechen und Römern, auch von Portugiesen und Spaniern, später von Franzosen. Im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung unterhielt das spanische Cádiz im Land eine Handelsstation.
Die portugiesische Kolonialgeschichte nahm ihren Anfang, als die Araber aus dem spanischen Granada und der portugiesischen Algarve vertrieben worden sind. Nachdem Vasco da Gama 1489 den Seeweg um das Kap der guten Hoffnung nach Calicut – heute Kozhikode an der Malabarküste des indischen Bundesstaats – gefunden hatte, wurde das kleine Portugal zu einer führenden Handels- und Seemacht der Alten Welt. An diesem Seeweg entstanden auf Grund der geringen Bevölkerung Portugals nur punktuell an wichtigen Orten Handelsniederlassungen. Im Jahr 1580, nach dem Tod des portugiesischen Königs Sebastian I., der in der Schlacht von Alcácer-Quibir 1578 ums Leben kam, übernimmt der spanische König Phillipp II. in Personalunion auch den portugiesischen Thron. Im Zuge der Annexion Portugals bekommt Spanien die Kontrolle über Ceuta – bis heute. Im Restaurationskrieg 1640 spaltete sich Portugal erneut von Spanien ab. Erst der Friede von Lissabon am 13. Februar 1668 beendet die Jahrzehnte langen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ländern. Spanien erkennt die vollständige Unabhängigkeit Portugals an. So endete die seit 1580 de facto und de jure bestehende spanisch-portugiesische Bindung endgültig.
Ceuta blieb jedoch spanisch. Seit Ende Juli dieses Jahres füllen nun immer neue Meldungen aus dieser Exklave die Titelseiten der Zeitungen. Vom 31. Juli an begleite ich den Konflikt vor allem mit der Neuen Zürcher Zeitung – in den 60er Jahren eine liberale Meinungszeitung, heute dem Schweizer Rechtsdrall der Schweizer Volkspartei folgend – und der jungen Welt aus Berlin. Zu Beginn vermittelten die Vorgänge in Ceuta den Eindruck, hier treibe der US-Geheimdienst gemeinsam mit dem israelischen Mossad ein gemeinsames Spiel gegen den Ministerptäsidenten Pedro Sánchez von der Partido Socialista Obrero Español (PSOE), kein Freund des US-Präsidenten Donald Trump und des Israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, der die reine jüdische Lehre vertritt und gegen alles kämpft was sich arabisch nennt.
Am 31. Juli schreibt die NZZ auf Seite 3 unter »Alarmzustand in der spanischen Exklave Ceuta«: Hunderte Migranten umschwimmen innert kurzer Zeit die Grenzzäune, um auf den Boden der EU zu gelangen. Die NZZ-Autorin Julia Monn teilt den Lesern mit: »Ceuta gehört zu Spanien und ist deshalb ein beliebtes Ziel für Migranten, die irregulär in die EU einreisen wollen. Die Exklave ist mit massiven Grenzschutzanlagen die zum Teil von der EU bezahlt wurden.« Weiter heißt es: »In den Medien sprachen Sicherheitskräfte vor Ort von einer ›kritischen Lage und von Chaos‹, mindestens sieben Personen seinen beim Übersetzen gestorben.« Am 1. August erscheint keine NZZ wegen des Feiertages, dem Rütli-Schwur der Eidgenossen. In Berlin erschien an diesem Tag die Wochenendausgabe der jungen Welt mit der Headline: »Flucht in die Exklave«. Die Autorin Carmela Negrete berichtet aus Sevilla: »Spanien: Tausende Menschen versuchen, vor der Not in Marokko nach Ceuta zu fliehen. Die Staaten der EU antworten mit Härte.« In dem sachlichen Beitrag heißt es weiter: »Bis tief in die Nacht kamen sie angeschwommen – mit Gummiringen, Schwimmflossen und Neoprenanzügen. Auch Frauen und kleine Kinder waren dabei. Bis zu 60.000 Menschen sollen in den vergangenen Tagen versucht haben, auf spanisches Territorium und in die EU zu gelangen – genauer in die Exklaven Ceuta und Melilla. Wie viele dabei ertrunken sind ist bisher nicht klar.« Weiter an anderer Stelle: »Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden spanischen Exklaven eine derartige ›Migrationskrise‹ erleben.«
Am Montag, dem 3. August berichtet die NZZ wieder nach dem Feiertrag unter der Schlagzeile: »Ceuta befürchtet mehre hundert Ertrunkene. Spanien steht nach Ansturm von Migranten auf seine Exklave in Afrika unter Schock.« Nun berichtet der NZZ-Korrespondent Florian Haupt aus Barcelona. Er teilt den Lesern mit: »Die Stimmung in Spanien schwankt zwischen Trauer, Schock und Zorn. König Felipe zeigte sich ›indigniert‹ über den massiven Ansturm von bis zu 60 000 Menschen, die besonders am Donnerstag zu Wasser und zu Land aus Marokko die Grenze überwunden hatten.« Der Autor stellt fest: »Die Flüchtlinge, die vergangene Woche nach Ceuta kamen, nahmen für den Traum von Europa teilweise eine riskante, kilometerlange Schwimmstrecke in Kauf.«
Anders die junge Welt. Am 3. August schreibt C. Negrete unter »Hysterie in der Festung« Spanien: Dutzende Menschen kommen auf dem Weg nach Ceuta ums Leben. Madrid aufgebracht über Reaktion der EU. Die Spanierin schreibt: »In Europa wird über einen ›Ansturm‹ und eine ›Invasion‹ berichtet. Es geht aber um Personen mit Angehörigen, Freunden, Träumen von einer Zukunft. 72 von geschätzten 60.000 Menschen kamen am Donnerstag ums Leben. Sie hatten versucht, schwimmend oder über Schutzzäune hinweg spanisches Territorium in der Enklave Ceuta in Nordafrika zu erreichen. Das Meer spülte Dutzende Leichen an den Strand: meist namenlose Minderjährige, von denen man nicht weiß, warum sie nach Ceuta wollten. Es wurde auch nicht bekannt, ob Verwandte gesucht und informiert werden. Wie die lokale Zeitung El Faro berichtete, wurden zwei Jugendliche, die nicht identifiziert werden konnten, sogleich mit den Nummern 5-393 und 5-394 begraben.«
In diesem Stil geht die Berichterstattung, mit Betroffenheit im Berliner Blatt, weiter, bis sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 7. August 2026 auf Seite 10 unter der Überschrift: »Von Madrid im Stich gelassen« der Sache annimmt. Der Korrespondent für Spanien, Portugal und den Maghreb, Hans-Christian Rößler, schreibt: »Juan Jesús Vivas hat schon gewarnt, bevor es richtig los ging. Bereits vor dem 30. Juli schwammen immer mehr Marokkaner und Migranten nach Ceuta. Doch wie so oft stießen seine Notrufe auf taube Ohren. Am Donnerstag sucht der Regionalpräsident von Ceuta König Felipe VI. auf, um ihn einen Eindruck von der Lage der Stadt am südlichen Mittelmeerufer zu vermitteln, die weiter dramatisch ist: Von der Rückkehr zum Alltag, die die Zentralregierung in Madrid verkündet hat, könne angesichts von 6000 Migranten in den Straßen noch keine Rede sein, sagt Vivas. Seit 2001 ist der 73 Jahre alte Politiker der rechten Partido Popular Regierungschef der 84.000 Einwohner zählenden spanischen Stadt Ceuta. Die PP bremste ein Gesetz aus, das nicht nur für Ceuta, auch für Melilla und die Kanaren überlebenswichtig ist. Mit einem Schlüssel sollte eine Umverteilung von minderjährigen Migranten in Spanien durchgeführt werden.« Doch vier von der PP gemeinsam mit der rechtspopulistischen Vox regierte Regionen stellten sich quer. Somit sind die marokkanischen jugendlichen Flüchtlinge ein zentrales Thema zwischen den spanischen Sozialdemokraten und der Partido Popular, in der noch immer franquistische Ansichten und Meinungen vorhanden sind. So ist in Ceuta neben der Guardia Civil und der Policia National auch die Fremdenlegion aktiv.
Wer die über 50.000 Migranten auf den Weg nach Ceuta brachte, ist noch ungeklärt. In einem Beitrag in der FAZ vom 10. August fordert der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei (EVP) und ihr Vorsitzender im EU-Parlament Manfred Weber »Return Hubs« in Afrika. Unmenschlicher kann eine Forderung des Mitglieds der christlichen sozialen Partei CSU nicht sein.
Mittlerweile bröckeln in der Asylpolitik alle Tabus. Es treffen sich ungleiche Paare wie die italienische Ministerpräsidentin Georgia Meloni, die einen Hang zum Faschisten Mussolini hat, mit der kühlen dänischen Kollegin Mette Frederiksen von den Sozialdemokraten, die sich Innenpolitisch zu einer Rechtspartei gewandelt haben. In einer gemeinsamen Erklärung äußerten sich die beiden Frauen, dass es ihr Wunsch sei, das christliche Erbe Europas zu schützen. Sozialisten, Kommunisten und Liberale haben bis heute keine Antwort auf das ungleiche Duo gefunden. Stattdessen nimmt europaweit eine Debatte um die Abschaffung des individuellen Rechts auf ein Asylverfahren erneut Fahrt auf. Die Europäische Volkspartei, in der CDU und CSU die Politik bestimmen, fordert, bereits an den Außengrenzen der EU ein Asylgesuch ablehnen zu können, wenn Asylanten aus »sicheren« Drittstaaten einreisen. Am Europäischen Gerichtshof läuft derzeit ein Verfahren zu solchen »Pushbacks« an den EU-Außengrenzen. Diese Entscheidung wird in Zukunft wegwesend für Europa werden.