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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ceuta

Der jüng­ste mas­sen­haf­te Ansturm auf die spa­ni­sche Exkla­ve Ceu­ta begann Ende Juli 2026. In nur weni­gen Stun­den ström­ten Zehn­tau­sen­de Men­schen aus dem Königs­reich Marok­ko über den Land­weg oder auch schwim­mend auf das extrem gesi­cher­te und von der Guar­dia Civil bewach­te spa­ni­sche Gebiet an der Küste von Marokko.

Die Geschich­te Marok­kos reicht von den frü­hen Ber­ber-Kul­tu­ren über die anti­ken Rei­che der Grie­chen und Römer sowie isla­mi­sche Dyna­stien bis zur kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie heu­te. Prä­gend blieb nicht nur der Ein­fluss von Grie­chen und Römern, auch von Por­tu­gie­sen und Spa­ni­ern, spä­ter von Fran­zo­sen. Im 7. Jahr­hun­dert unse­rer Zeit­rech­nung unter­hielt das spa­ni­sche Cádiz im Land eine Handelsstation.

Die por­tu­gie­si­sche Kolo­ni­al­ge­schich­te nahm ihren Anfang, als die Ara­ber aus dem spa­ni­schen Gra­na­da und der por­tu­gie­si­schen Algar­ve ver­trie­ben wor­den sind. Nach­dem Vas­co da Gama 1489 den See­weg um das Kap der guten Hoff­nung nach Cali­cut – heu­te Koz­hi­ko­de an der Mala­bar­kü­ste des indi­schen Bun­des­staats – gefun­den hat­te, wur­de das klei­ne Por­tu­gal zu einer füh­ren­den Han­dels- und See­macht der Alten Welt. An die­sem See­weg ent­stan­den auf Grund der gerin­gen Bevöl­ke­rung Por­tu­gals nur punk­tu­ell an wich­ti­gen Orten Han­dels­nie­der­las­sun­gen. Im Jahr 1580, nach dem Tod des por­tu­gie­si­schen Königs Seba­sti­an I., der in der Schlacht von Alcá­cer-Qui­bir 1578 ums Leben kam, über­nimmt der spa­ni­sche König Phil­lipp II. in Per­so­nal­uni­on auch den por­tu­gie­si­schen Thron. Im Zuge der Anne­xi­on Por­tu­gals bekommt Spa­ni­en die Kon­trol­le über Ceu­ta – bis heu­te. Im Restau­ra­ti­ons­krieg 1640 spal­te­te sich Por­tu­gal erneut von Spa­ni­en ab. Erst der Frie­de von Lis­sa­bon am 13. Febru­ar 1668 been­det die Jahr­zehn­te lan­gen krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den bei­den Län­dern. Spa­ni­en erkennt die voll­stän­di­ge Unab­hän­gig­keit Por­tu­gals an. So ende­te die seit 1580 de fac­to und de jure bestehen­de spa­nisch-por­tu­gie­si­sche Bin­dung endgültig.

Ceu­ta blieb jedoch spa­nisch. Seit Ende Juli die­ses Jah­res fül­len nun immer neue Mel­dun­gen aus die­ser Exkla­ve die Titel­sei­ten der Zei­tun­gen. Vom 31. Juli an beglei­te ich den Kon­flikt vor allem mit der Neu­en Zür­cher Zei­tung – in den 60er Jah­ren eine libe­ra­le Mei­nungs­zei­tung, heu­te dem Schwei­zer Rechtsd­rall der Schwei­zer Volks­par­tei fol­gend – und der jun­gen Welt aus Ber­lin. Zu Beginn ver­mit­tel­ten die Vor­gän­ge in Ceu­ta den Ein­druck, hier trei­be der US-Geheim­dienst gemein­sam mit dem israe­li­schen Mos­sad ein gemein­sa­mes Spiel gegen den Mini­sterp­t­ä­si­den­ten Pedro Sán­chez von der Part­ido Socia­li­sta Obre­ro Espa­ñol (PSOE), kein Freund des US-Prä­si­den­ten Donald Trump und des Israe­li­schen Mini­ster­prä­si­den­ten Ben­ja­min Netan­ja­hu, der die rei­ne jüdi­sche Leh­re ver­tritt und gegen alles kämpft was sich ara­bisch nennt.

Am 31. Juli schreibt die NZZ auf Sei­te 3 unter »Alarm­zu­stand in der spa­ni­schen Exkla­ve Ceu­ta«: Hun­der­te Migran­ten umschwim­men innert kur­zer Zeit die Grenz­zäu­ne, um auf den Boden der EU zu gelan­gen. Die NZZ-Autorin Julia Monn teilt den Lesern mit: »Ceu­ta gehört zu Spa­ni­en und ist des­halb ein belieb­tes Ziel für Migran­ten, die irre­gu­lär in die EU ein­rei­sen wol­len. Die Exkla­ve ist mit mas­si­ven Grenz­schutz­an­la­gen die zum Teil von der EU bezahlt wur­den.« Wei­ter heißt es: »In den Medi­en spra­chen Sicher­heits­kräf­te vor Ort von einer ›kri­ti­schen Lage und von Cha­os‹, min­de­stens sie­ben Per­so­nen sei­nen beim Über­set­zen gestor­ben.« Am 1. August erscheint kei­ne NZZ wegen des Fei­er­ta­ges, dem Rüt­li-Schwur der Eid­ge­nos­sen. In Ber­lin erschien an die­sem Tag die Wochen­end­aus­ga­be der jun­gen Welt mit der Head­line: »Flucht in die Exkla­ve«. Die Autorin Car­me­la Negre­te berich­tet aus Sevil­la: »Spa­ni­en: Tau­sen­de Men­schen ver­su­chen, vor der Not in Marok­ko nach Ceu­ta zu flie­hen. Die Staa­ten der EU ant­wor­ten mit Här­te.« In dem sach­li­chen Bei­trag heißt es wei­ter: »Bis tief in die Nacht kamen sie ange­schwom­men – mit Gum­mi­rin­gen, Schwimm­flos­sen und Neo­pren­an­zü­gen. Auch Frau­en und klei­ne Kin­der waren dabei. Bis zu 60.000 Men­schen sol­len in den ver­gan­ge­nen Tagen ver­sucht haben, auf spa­ni­sches Ter­ri­to­ri­um und in die EU zu gelan­gen – genau­er in die Exkla­ven Ceu­ta und Mel­il­la. Wie vie­le dabei ertrun­ken sind ist bis­her nicht klar.« Wei­ter an ande­rer Stel­le: »Es ist nicht das erste Mal, dass die bei­den spa­ni­schen Exkla­ven eine der­ar­ti­ge ›Migra­ti­ons­kri­se‹ erleben.«

Am Mon­tag, dem 3. August berich­tet die NZZ wie­der nach dem Fei­er­trag unter der Schlag­zei­le: »Ceu­ta befürch­tet meh­re hun­dert Ertrun­ke­ne. Spa­ni­en steht nach Ansturm von Migran­ten auf sei­ne Exkla­ve in Afri­ka unter Schock.« Nun berich­tet der NZZ-Kor­re­spon­dent Flo­ri­an Haupt aus Bar­ce­lo­na. Er teilt den Lesern mit: »Die Stim­mung in Spa­ni­en schwankt zwi­schen Trau­er, Schock und Zorn. König Feli­pe zeig­te sich ›indi­gniert‹ über den mas­si­ven Ansturm von bis zu 60 000 Men­schen, die beson­ders am Don­ners­tag zu Was­ser und zu Land aus Marok­ko die Gren­ze über­wun­den hat­ten.« Der Autor stellt fest: »Die Flücht­lin­ge, die ver­gan­ge­ne Woche nach Ceu­ta kamen, nah­men für den Traum von Euro­pa teil­wei­se eine ris­kan­te, kilo­me­ter­lan­ge Schwimm­strecke in Kauf.«

Anders die jun­ge Welt. Am 3. August schreibt C. Negre­te unter »Hyste­rie in der Festung« Spa­ni­en: Dut­zen­de Men­schen kom­men auf dem Weg nach Ceu­ta ums Leben. Madrid auf­ge­bracht über Reak­ti­on der EU. Die Spa­nie­rin schreibt: »In Euro­pa wird über einen ›Ansturm‹ und eine ›Inva­si­on‹ berich­tet. Es geht aber um Per­so­nen mit Ange­hö­ri­gen, Freun­den, Träu­men von einer Zukunft. 72 von geschätz­ten 60.000 Men­schen kamen am Don­ners­tag ums Leben. Sie hat­ten ver­sucht, schwim­mend oder über Schutz­zäu­ne hin­weg spa­ni­sches Ter­ri­to­ri­um in der Enkla­ve Ceu­ta in Nord­afri­ka zu errei­chen. Das Meer spül­te Dut­zen­de Lei­chen an den Strand: meist namen­lo­se Min­der­jäh­ri­ge, von denen man nicht weiß, war­um sie nach Ceu­ta woll­ten. Es wur­de auch nicht bekannt, ob Ver­wand­te gesucht und infor­miert wer­den. Wie die loka­le Zei­tung El Faro berich­te­te, wur­den zwei Jugend­li­che, die nicht iden­ti­fi­ziert wer­den konn­ten, sogleich mit den Num­mern 5-393 und 5-394 begraben.«

In die­sem Stil geht die Bericht­erstat­tung, mit Betrof­fen­heit im Ber­li­ner Blatt, wei­ter, bis sich die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung am 7. August 2026 auf Sei­te 10 unter der Über­schrift: »Von Madrid im Stich gelas­sen« der Sache annimmt. Der Kor­re­spon­dent für Spa­ni­en, Por­tu­gal und den Maghreb, Hans-Chri­sti­an Röß­ler, schreibt: »Juan Jesús Vivas hat schon gewarnt, bevor es rich­tig los ging. Bereits vor dem 30. Juli schwam­men immer mehr Marok­ka­ner und Migran­ten nach Ceu­ta. Doch wie so oft stie­ßen sei­ne Not­ru­fe auf tau­be Ohren. Am Don­ners­tag sucht der Regio­nal­prä­si­dent von Ceu­ta König Feli­pe VI. auf, um ihn einen Ein­druck von der Lage der Stadt am süd­li­chen Mit­tel­mee­r­u­fer zu ver­mit­teln, die wei­ter dra­ma­tisch ist: Von der Rück­kehr zum All­tag, die die Zen­tral­re­gie­rung in Madrid ver­kün­det hat, kön­ne ange­sichts von 6000 Migran­ten in den Stra­ßen noch kei­ne Rede sein, sagt Vivas. Seit 2001 ist der 73 Jah­re alte Poli­ti­ker der rech­ten Part­ido Popu­lar Regie­rungs­chef der 84.000 Ein­woh­ner zäh­len­den spa­ni­schen Stadt Ceu­ta. Die PP brem­ste ein Gesetz aus, das nicht nur für Ceu­ta, auch für Mel­il­la und die Kana­ren über­le­bens­wich­tig ist. Mit einem Schlüs­sel soll­te eine Umver­tei­lung von min­der­jäh­ri­gen Migran­ten in Spa­ni­en durch­ge­führt wer­den.« Doch vier von der PP gemein­sam mit der rechts­po­pu­li­sti­schen Vox regier­te Regio­nen stell­ten sich quer. Somit sind die marok­ka­ni­schen jugend­li­chen Flücht­lin­ge ein zen­tra­les The­ma zwi­schen den spa­ni­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten und der Part­ido Popu­lar, in der noch immer fran­quisti­sche Ansich­ten und Mei­nun­gen vor­han­den sind. So ist in Ceu­ta neben der Guar­dia Civil und der Poli­cia Natio­nal auch die Frem­den­le­gi­on aktiv.

Wer die über 50.000 Migran­ten auf den Weg nach Ceu­ta brach­te, ist noch unge­klärt. In einem Bei­trag in der FAZ vom 10. August for­dert der Vor­sit­zen­de der Euro­päi­schen Volks­par­tei (EVP) und ihr Vor­sit­zen­der im EU-Par­la­ment Man­fred Weber »Return Hubs« in Afri­ka. Unmensch­li­cher kann eine For­de­rung des Mit­glieds der christ­li­chen sozia­len Par­tei CSU nicht sein.

Mitt­ler­wei­le bröckeln in der Asyl­po­li­tik alle Tabus. Es tref­fen sich unglei­che Paa­re wie die ita­lie­ni­sche Mini­ster­prä­si­den­tin Geor­gia Melo­ni, die einen Hang zum Faschi­sten Mus­so­li­ni hat, mit der küh­len däni­schen Kol­le­gin Met­te Fre­de­rik­sen von den Sozi­al­de­mo­kra­ten, die sich Innen­po­li­tisch zu einer Rechts­par­tei gewan­delt haben. In einer gemein­sa­men Erklä­rung äußer­ten sich die bei­den Frau­en, dass es ihr Wunsch sei, das christ­li­che Erbe Euro­pas zu schüt­zen. Sozia­li­sten, Kom­mu­ni­sten und Libe­ra­le haben bis heu­te kei­ne Ant­wort auf das unglei­che Duo gefun­den. Statt­des­sen nimmt euro­pa­weit eine Debat­te um die Abschaf­fung des indi­vi­du­el­len Rechts auf ein Asyl­ver­fah­ren erneut Fahrt auf. Die Euro­päi­sche Volks­par­tei, in der CDU und CSU die Poli­tik bestim­men, for­dert, bereits an den Außen­gren­zen der EU ein Asyl­ge­such ableh­nen zu kön­nen, wenn Asy­lan­ten aus »siche­ren« Dritt­staa­ten ein­rei­sen. Am Euro­päi­schen Gerichts­hof läuft der­zeit ein Ver­fah­ren zu sol­chen »Push­backs« an den EU-Außen­gren­zen. Die­se Ent­schei­dung wird in Zukunft weg­we­send für Euro­pa werden.