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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Von guten Winden und bösen Stürmen

Bevor ich zu dem hier vor­zu­stel­len­den Buch kom­me, wid­me ich eini­ge Zei­len dem Ver­fas­ser. Lang­jäh­ri­ge Lese­rin­nen und Leser von Ossietzky ken­nen ihn »von Anfang an«. Die Null­num­mer der von Eck­art Spoo begrün­de­ten Zeit­schrift erschien am 6. Dezem­ber 1997, das regu­lä­re Heft 1 am 31. Janu­ar 1998. Schon eine Aus­ga­be spä­ter, in Heft 2/​1998, war der erste Bei­trag von Johann-Gün­ther König zu lesen. Unter der Über­schrift Tele­kom glo­bal befass­te er sich mit den damals aktu­el­len Bör­sen­gän­gen fast aller Tele­fon­ge­sell­schaf­ten in der Euro­päi­schen Uni­on und mit dem Bestre­ben der Deut­schen Tele­kom, in dem inter­na­tio­na­len Markt eine füh­ren­de Rol­le ein­zu­neh­men. Zu dem The­ma hat­te er gera­de das Buch Glo­bal Play­er Tele­kom. Der Kampf um die Markt­macht. Wer ver­liert, wer pro­fi­tiert in der Rei­he rororo aktu­ell ver­öf­fent­licht.

Die­ser fast 30 Jah­re alte Band lässt sich auch heu­te noch mit Gewinn lesen. Die mei­sten der pes­si­mi­sti­schen Vor­aus­sa­gen über die her­auf­zie­hen­de schö­ne neue Welt der Pri­va­ti­sie­rung haben sich erfüllt, zum Bei­spiel die fol­gen­de: »Es zeich­net sich eine ver­stärk­te Kon­trol­le des Ver­hal­tens der immer mehr Daten erzeu­gen­den Indi­vi­du­en ab. Kon­kret: Die uns von der Poli­tik als neue Hoff­nung ange­prie­se­ne Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft wird aller Wahr­schein­lich­keit nach kei­ne infor­mier­te Gesell­schaft sein. Sie betreibt viel­mehr eine sozio­tech­ni­sche Inte­gra­ti­on, in der jedes ein­zel­ne Bit kom­mer­zia­li­siert und der ›mün­di­ge Bür­ger‹ in immer klei­ne­re Reser­va­te abge­drängt wird.«

Zahl­rei­che Arti­kel folg­ten in Ossietzky seit­dem, der bis­her letz­te vor kur­zem in Heft 15/​16 über Bri­tan­ni­ens auto­kra­ti­sche Mit­tel­schicht. Da das digi­ta­le Gedächt­nis der Zeit­schrift im Jahr 2019 beginnt, kann, wer mag, im Archiv nach Ein­tra­gun­gen zu König suchen. Er hat auch wei­te­re Bücher vor­ge­legt, gefühlt jedes Jahr min­de­stens eins.

2016 ver­öf­fent­lich­te er zum Bei­spiel Die spin­nen, die Bri­ten – was schon Aste­rix und Obe­lix wuss­ten –, ein Buch über die bri­ti­sche Gesell­schaft, die Hin­ter­grün­de und die poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen rund um den Brexit (Rowohlt), und 2021 beschrieb er zusam­men mit dem Bre­mer Öko­no­men Rudolf Hickel und dem Ham­bur­ger Wirt­schafts­pu­bli­zi­sten Her­man­nus Pfeif­fer neo­li­be­ra­le Vor­spie­ge­lun­gen und Täu­schun­gen in der Wirt­schafts­wis­sen­schaft und Poli­tik (Gewinn ist nicht genug. 21 Mythen über die Wirt­schaft, die uns teu­er zu ste­hen kom­men, Rowohlt).

Dass Königs pro­fun­des Wis­sen bis in die (Geistes-)Geschichte der Lin­ken und des Mar­xis­mus hin­ein­reicht, bezeugt das 608 Sei­ten umfas­sen­de Buch über die Bre­mer Lehr­zeit eines aus Wup­per­tal stam­men­den berühm­ten Kauf­manns­schü­lers: Fried­rich Engels: Die Bre­mer Jah­re 1838-1841 (Kell­ner Ver­lag 2007).

Außer mit sol­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen ist der 1952 in Bre­men gebo­re­ne Autor, der Mit­glied von PEN Deutsch­land und des Ver­bands Deut­scher Schrift­stel­ler in Ver­di ist, mit Publi­ka­tio­nen zu kul­tur­hi­sto­ri­schen und polit­öko­no­mi­schen The­men rund um die Mobi­li­tät des Men­schen hervorgetreten.

Hafen oder Tod. Schiffs­rei­sen­de aller Zei­ten erzäh­len, heißt sein Ende Mai erschie­ne­nes neu­es Sach­buch. In 14 Kapi­teln kom­men See­fah­rer und Pas­sa­gie­re zu Wort, »die in den ver­gan­ge­nen 2500 Jah­ren see­fest oder es eben nicht waren, die teils schon bei einem lau­en Lüft­chen lie­ber die Segel stri­chen oder froh­ge­mut ins Blaue sta­chen«. Der Bogen spannt sich von der Anti­ke bis ins 21. Jahr­hun­dert, vom ersten erhal­te­nen Bericht einer nach­ge­wie­sen rea­len Rei­se um 470 vor unse­rer Zeit, ver­fasst von dem kar­tha­gi­schen See­fah­rer Han­no, der ent­lang der afri­ka­ni­schen West­kü­ste segel­te, bis zur – nur knapp gestreif­ten – Kreuz­fahrt-Tou­ri­stik des 21. Jahrhunderts.

Schon der Titel des Buches – den König dem Band Nau­ti­sche Eksta­sen des Phi­lo­so­phen Peter Slo­ter­di­jk ent­lehn­te – macht deut­lich: Der Abschied vom Land war in frü­he­ren Zei­ten ein Wag­nis auf Leben und Tod. Enge Unter­brin­gung, unbe­re­chen­ba­re Flau­ten und wid­ri­ges Wet­ter lie­ßen Ankünf­te unsi­cher wer­den, Leib und Leben waren stets bedroht. Die See­leu­te wuss­ten: »Das Schiff, das dem Steu­er nicht gehorcht, wird den Klip­pen gehor­chen müs­sen.« In der Zwick­müh­le zwi­schen einer anhal­ten­den Wind­stil­le für Segel­schif­fe auf dem wei­ten Oze­an und einem toben­den Orkan auf hoher See war der Unter­schied so mini­mal wie zwi­schen Skyl­la und Charybdis.

König: »Wer einst an Bord ging, kam in Not. Denn bis zum Ein­satz der Dampf­schif­fe im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts gestal­te­te sich nichts so unge­wiss wie eine See­rei­se. Die höl­zer­nen Segel­schif­fe waren von gün­sti­gen Win­den abhän­gig und kamen nicht vor­an, wenn Flau­te oder sogar Toten­flau­te herrsch­ten. So dau­er­te um 1800 eine Rei­se von Hol­land um das Kap der Guten Hoff­nung nach Chi­na gut acht bis neun Mona­te – wenn es kei­nen Schiff­bruch gab.«

Ohne die erst in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts zum Ein­satz kom­men­den Schiffs­sta­bi­li­sa­to­ren – tech­ni­sche Syste­me, die das Schau­keln um die Längs­ach­se bei See­gang, das Rol­len, ver­min­der­ten – wur­den die mei­sten Rei­sen­den zu »see­kran­ken Land­we­sen«, wie die Berich­te bezeu­gen – bis hin­ein in die Lite­ra­tur: See­krank­heit heißt bei­spiels­wei­se im Buch der Lie­der von Hein­rich Hei­ne ein Gedicht, in dem das see­kran­ke lyri­sche Ich am Ende stoß­seufzt: »Mag Tor­heit und Unrecht /​ Dich ganz bedecken, o Deutsch­land! /​ Ich seh­ne mich den­noch nach dir: /​ Denn wenig­stens bist du noch festes Land.« Und über sei­ne Rück­fahrt von Hel­go­land nach Cux­ha­ven berich­te­te der Dich­ter in einem Brief: »Sol­che See­krank­heit, ohne gefähr­lich zu sein, gewährt sie den­noch die ent­setz­lich­sten Miss­emp­fin­dun­gen, unleid­lich bis zum Wahn­sinn. Am Ende, im fie­ber­haf­ten Kat­zen­jam­mer, bil­de­te ich mir ein, ich sei ein Wal­fisch und ich trü­ge im Bau­che den Pro­phe­ten Jonas.«

König beginnt sei­ne Schiffs­rei­se in der Anti­ke mit dem Ver­weis auf Über­lie­fe­run­gen und von Sagen durch­drun­ge­ne Wer­ke wie dem baby­lo­ni­schen Gil­ga­mesch-Epos oder Homers Odys­see. Auch Schiffs­ge­schich­ten aus der Bibel tau­chen auf, zum Bei­spiel ein Bericht des Apo­stels Pau­lus: »Drei­mal habe ich Schiff­bruch erlit­ten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tie­fen Meer.«

Segeln wir wei­ter durch die Jahr­hun­der­te in die Zeit, als die Erde auf den Kar­ten der christ­li­chen Kir­che und der Mön­che zu einer klei­nen Schei­be im gro­ßen Meer gewor­den war, mit Jeru­sa­lem als Mit­tel­punkt, dem Ziel von Pil­ger­fahr­ten und Kreuz­zü­gen auf nur bedingt see­tüch­ti­gen Segel­schif­fen. Zwar gibt es aus dem zwölf­ten Jahr­hun­dert weder Tage- noch Log­bü­cher von Kapi­tä­nen, die Zeug­nis able­gen könn­ten von den Fahr­ten, aber König kann »leben­di­ge Dar­stel­lun­gen eines jüdi­schen und eines mus­li­mi­schen Pil­gers« prä­sen­tie­ren, die von Spa­ni­en aus übers Mit­tel­meer in den Ori­ent segel­ten. Des Wei­te­ren konn­te er Sam­mel­bän­den, die bis ins 17. Jahr­hun­dert erschie­nen, »zahl­rei­che auf­schluss­rei­che per­sön­li­che Schil­de­run­gen« von Schiffs­rei­sen ins Gelob­te Land entnehmen.

Der erste umfas­sen­de Bericht über die Aben­teu­er auf See stammt von Mar­co Polo. Er schrieb ein Buch über sei­ne Rei­se auf dem Land­weg ins Kai­ser­reich Chi­na und über sei­ne Fahrt mit einer aus 14 vier­masti­gen Dschun­ken bestehen­den Flot­te sowie mit 600 Mann Besat­zung von Vene­dig aus zum Per­si­schen Golf. Die­se See­rei­se über meh­re­re tau­send Kilo­me­ter dau­er­te drei Jah­re, in denen Stür­me, Hun­ger, Durst und Krank­hei­ten ihren Tri­but for­der­ten. König: »Von den sie­ben­hun­dert Per­so­nen, die sich (…) außer den Matro­sen an Bord der Schif­fe befun­den hat­ten, leb­ten nur noch acht­zehn. Mar­co Polo und sei­ne Freun­de blie­ben am Leben. Sie kehr­ten schließ­lich 1295 in die Repu­blik Vene­dig zurück«, wo Polo dann sei­nen Rei­se­be­richt verfasste.

Die näch­sten »risi­ko­freu­di­gen Män­ner«, die »im Zeit­al­ter der euro­päi­schen Expan­si­on« in See sta­chen und ihre See­fahrt­er­leb­nis­se nie­der­schrie­ben, waren solch bekann­te Per­so­nen wie Chri­stoph Kolum­bus, Vas­co da Gama und Fer­di­nand Magel­lan sowie der ber­be­ri­sche Rechts­ge­lehr­te Ibn Bat­tūta: der Nil, das Rote Meer, der Indi­sche Oze­an, die ost­afri­ka­ni­sche Küste, die Stra­ße von Hor­mus gehör­ten zu sei­nen Schiffs­rou­ten, ins­ge­samt soll er auf dem Was­ser und zu Land 120.000 Kilo­me­ter zurück­ge­legt haben: viel Stoff zum Erzählen.

Machen wir gewal­ti­ge Sprün­ge durch die Zeit. Zu vie­le sind der Berich­te, schier end­los ist die Rei­he allein der pro­mi­nen­ten Bericht­erstat­ter: Charles Dickens, Otto von Bis­marck, Fried­rich Wil­helm, der preu­ßi­sche Kron­prinz, Welt­um­seg­ler wie Bou­gain­ville und James Cook, Georg For­ster, der berühm­te Natur­for­scher und Eth­no­lo­ge, Alex­an­der von Hum­boldt, Adel­bert von Cha­mis­so, Charles Dar­win, Ernest Shack­le­ton, Sig­mund Freud, Tho­mas und Katia Mann, die im Früh­jahr 1929 auf dem Tur­bi­nen­schiff Volen­dam nach New York unter­wegs waren. Die Refle­xio­nen des Schrift­stel­lers sind nach­les­bar in dem lite­ra­ri­schen Text Meer­fahrt mit Don Qui­jo­te, König zitiert daraus.

Zahl­reich sind auch die Zeug­nis­se von Schiffs­ka­ta­stro­phen. Der Unter­gang der Tita­nic soll stell­ver­tre­tend ste­hen. Ein wei­te­res düste­res Kapi­tel ist das The­ma »Kan­ni­ba­lis­mus auf hoher See«: bei See­not nicht aus­ge­schlos­sen. Das Gemäl­de »Das Floß der Medu­sa« von Géri­cault zeigt anschau­lich die exi­sten­zi­el­le Not der Schiffbrüchigen.

Schlie­ßen möch­te ich mit dem Ver­weis auf ein beson­de­res Kapi­tel. In ihm stellt König dar, dass Rei­sen und See­fahrt auch eine Domä­ne muti­ger Frau­en waren: »Sie sind seit vie­len Jahr­hun­der­ten zu nicht min­der ent­le­ge­nen Gebie­ten und Zie­len auf­ge­bro­chen, schon um den ihnen auf­er­leg­ten gesell­schaft­li­chen Zwän­gen aus dem Weg zu gehen.« König lässt neun Frau­en zu Wort kom­men, »die ganz unab­hän­gig von ihrer Her­kunft und sozia­len Posi­ti­on unge­wöhn­li­che Indi­vi­dua­li­tät, spe­zi­fi­sche Wesens­zü­ge und Ent­deckungs­freu­de sowie gro­ßes Selbst­be­wusst­sein zeig­ten« – oft als ein­zi­ge Frau an Bord.

Aber das las­sen Sie sich am besten von den See­fah­re­rin­nen selbst und von König erzäh­len, emp­feh­lens­wer­ter Wei­se von Hein­rich Hei­nes ersehn­tem Fest­land aus. Denn Sie wis­sen ja: Was­ser hat kei­ne Bal­ken, und auch heu­te noch gibt es gute Win­de und böse Stürme.

 Johann-Günther König: Hafen oder Tod. Schiffs­rei­sen­de aller Zei­ten erzäh­len, zu Klam­pen Ver­lag!, Sprin­ge 2026, 272 S., 28 €.