Bevor ich zu dem hier vorzustellenden Buch komme, widme ich einige Zeilen dem Verfasser. Langjährige Leserinnen und Leser von Ossietzky kennen ihn »von Anfang an«. Die Nullnummer der von Eckart Spoo begründeten Zeitschrift erschien am 6. Dezember 1997, das reguläre Heft 1 am 31. Januar 1998. Schon eine Ausgabe später, in Heft 2/1998, war der erste Beitrag von Johann-Günther König zu lesen. Unter der Überschrift Telekom global befasste er sich mit den damals aktuellen Börsengängen fast aller Telefongesellschaften in der Europäischen Union und mit dem Bestreben der Deutschen Telekom, in dem internationalen Markt eine führende Rolle einzunehmen. Zu dem Thema hatte er gerade das Buch Global Player Telekom. Der Kampf um die Marktmacht. Wer verliert, wer profitiert in der Reihe rororo aktuell veröffentlicht.
Dieser fast 30 Jahre alte Band lässt sich auch heute noch mit Gewinn lesen. Die meisten der pessimistischen Voraussagen über die heraufziehende schöne neue Welt der Privatisierung haben sich erfüllt, zum Beispiel die folgende: »Es zeichnet sich eine verstärkte Kontrolle des Verhaltens der immer mehr Daten erzeugenden Individuen ab. Konkret: Die uns von der Politik als neue Hoffnung angepriesene Informationsgesellschaft wird aller Wahrscheinlichkeit nach keine informierte Gesellschaft sein. Sie betreibt vielmehr eine soziotechnische Integration, in der jedes einzelne Bit kommerzialisiert und der ›mündige Bürger‹ in immer kleinere Reservate abgedrängt wird.«
Zahlreiche Artikel folgten in Ossietzky seitdem, der bisher letzte vor kurzem in Heft 15/16 über Britanniens autokratische Mittelschicht. Da das digitale Gedächtnis der Zeitschrift im Jahr 2019 beginnt, kann, wer mag, im Archiv nach Eintragungen zu König suchen. Er hat auch weitere Bücher vorgelegt, gefühlt jedes Jahr mindestens eins.
2016 veröffentlichte er zum Beispiel Die spinnen, die Briten – was schon Asterix und Obelix wussten –, ein Buch über die britische Gesellschaft, die Hintergründe und die politischen Entscheidungen rund um den Brexit (Rowohlt), und 2021 beschrieb er zusammen mit dem Bremer Ökonomen Rudolf Hickel und dem Hamburger Wirtschaftspublizisten Hermannus Pfeiffer neoliberale Vorspiegelungen und Täuschungen in der Wirtschaftswissenschaft und Politik (Gewinn ist nicht genug. 21 Mythen über die Wirtschaft, die uns teuer zu stehen kommen, Rowohlt).
Dass Königs profundes Wissen bis in die (Geistes-)Geschichte der Linken und des Marxismus hineinreicht, bezeugt das 608 Seiten umfassende Buch über die Bremer Lehrzeit eines aus Wuppertal stammenden berühmten Kaufmannsschülers: Friedrich Engels: Die Bremer Jahre 1838-1841 (Kellner Verlag 2007).
Außer mit solchen Veröffentlichungen ist der 1952 in Bremen geborene Autor, der Mitglied von PEN Deutschland und des Verbands Deutscher Schriftsteller in Verdi ist, mit Publikationen zu kulturhistorischen und politökonomischen Themen rund um die Mobilität des Menschen hervorgetreten.
Hafen oder Tod. Schiffsreisende aller Zeiten erzählen, heißt sein Ende Mai erschienenes neues Sachbuch. In 14 Kapiteln kommen Seefahrer und Passagiere zu Wort, »die in den vergangenen 2500 Jahren seefest oder es eben nicht waren, die teils schon bei einem lauen Lüftchen lieber die Segel strichen oder frohgemut ins Blaue stachen«. Der Bogen spannt sich von der Antike bis ins 21. Jahrhundert, vom ersten erhaltenen Bericht einer nachgewiesen realen Reise um 470 vor unserer Zeit, verfasst von dem karthagischen Seefahrer Hanno, der entlang der afrikanischen Westküste segelte, bis zur – nur knapp gestreiften – Kreuzfahrt-Touristik des 21. Jahrhunderts.
Schon der Titel des Buches – den König dem Band Nautische Ekstasen des Philosophen Peter Sloterdijk entlehnte – macht deutlich: Der Abschied vom Land war in früheren Zeiten ein Wagnis auf Leben und Tod. Enge Unterbringung, unberechenbare Flauten und widriges Wetter ließen Ankünfte unsicher werden, Leib und Leben waren stets bedroht. Die Seeleute wussten: »Das Schiff, das dem Steuer nicht gehorcht, wird den Klippen gehorchen müssen.« In der Zwickmühle zwischen einer anhaltenden Windstille für Segelschiffe auf dem weiten Ozean und einem tobenden Orkan auf hoher See war der Unterschied so minimal wie zwischen Skylla und Charybdis.
König: »Wer einst an Bord ging, kam in Not. Denn bis zum Einsatz der Dampfschiffe im Laufe des 19. Jahrhunderts gestaltete sich nichts so ungewiss wie eine Seereise. Die hölzernen Segelschiffe waren von günstigen Winden abhängig und kamen nicht voran, wenn Flaute oder sogar Totenflaute herrschten. So dauerte um 1800 eine Reise von Holland um das Kap der Guten Hoffnung nach China gut acht bis neun Monate – wenn es keinen Schiffbruch gab.«
Ohne die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Einsatz kommenden Schiffsstabilisatoren – technische Systeme, die das Schaukeln um die Längsachse bei Seegang, das Rollen, verminderten – wurden die meisten Reisenden zu »seekranken Landwesen«, wie die Berichte bezeugen – bis hinein in die Literatur: Seekrankheit heißt beispielsweise im Buch der Lieder von Heinrich Heine ein Gedicht, in dem das seekranke lyrische Ich am Ende stoßseufzt: »Mag Torheit und Unrecht / Dich ganz bedecken, o Deutschland! / Ich sehne mich dennoch nach dir: / Denn wenigstens bist du noch festes Land.« Und über seine Rückfahrt von Helgoland nach Cuxhaven berichtete der Dichter in einem Brief: »Solche Seekrankheit, ohne gefährlich zu sein, gewährt sie dennoch die entsetzlichsten Missempfindungen, unleidlich bis zum Wahnsinn. Am Ende, im fieberhaften Katzenjammer, bildete ich mir ein, ich sei ein Walfisch und ich trüge im Bauche den Propheten Jonas.«
König beginnt seine Schiffsreise in der Antike mit dem Verweis auf Überlieferungen und von Sagen durchdrungene Werke wie dem babylonischen Gilgamesch-Epos oder Homers Odyssee. Auch Schiffsgeschichten aus der Bibel tauchen auf, zum Beispiel ein Bericht des Apostels Paulus: »Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer.«
Segeln wir weiter durch die Jahrhunderte in die Zeit, als die Erde auf den Karten der christlichen Kirche und der Mönche zu einer kleinen Scheibe im großen Meer geworden war, mit Jerusalem als Mittelpunkt, dem Ziel von Pilgerfahrten und Kreuzzügen auf nur bedingt seetüchtigen Segelschiffen. Zwar gibt es aus dem zwölften Jahrhundert weder Tage- noch Logbücher von Kapitänen, die Zeugnis ablegen könnten von den Fahrten, aber König kann »lebendige Darstellungen eines jüdischen und eines muslimischen Pilgers« präsentieren, die von Spanien aus übers Mittelmeer in den Orient segelten. Des Weiteren konnte er Sammelbänden, die bis ins 17. Jahrhundert erschienen, »zahlreiche aufschlussreiche persönliche Schilderungen« von Schiffsreisen ins Gelobte Land entnehmen.
Der erste umfassende Bericht über die Abenteuer auf See stammt von Marco Polo. Er schrieb ein Buch über seine Reise auf dem Landweg ins Kaiserreich China und über seine Fahrt mit einer aus 14 viermastigen Dschunken bestehenden Flotte sowie mit 600 Mann Besatzung von Venedig aus zum Persischen Golf. Diese Seereise über mehrere tausend Kilometer dauerte drei Jahre, in denen Stürme, Hunger, Durst und Krankheiten ihren Tribut forderten. König: »Von den siebenhundert Personen, die sich (…) außer den Matrosen an Bord der Schiffe befunden hatten, lebten nur noch achtzehn. Marco Polo und seine Freunde blieben am Leben. Sie kehrten schließlich 1295 in die Republik Venedig zurück«, wo Polo dann seinen Reisebericht verfasste.
Die nächsten »risikofreudigen Männer«, die »im Zeitalter der europäischen Expansion« in See stachen und ihre Seefahrterlebnisse niederschrieben, waren solch bekannte Personen wie Christoph Kolumbus, Vasco da Gama und Ferdinand Magellan sowie der berberische Rechtsgelehrte Ibn Battūta: der Nil, das Rote Meer, der Indische Ozean, die ostafrikanische Küste, die Straße von Hormus gehörten zu seinen Schiffsrouten, insgesamt soll er auf dem Wasser und zu Land 120.000 Kilometer zurückgelegt haben: viel Stoff zum Erzählen.
Machen wir gewaltige Sprünge durch die Zeit. Zu viele sind der Berichte, schier endlos ist die Reihe allein der prominenten Berichterstatter: Charles Dickens, Otto von Bismarck, Friedrich Wilhelm, der preußische Kronprinz, Weltumsegler wie Bougainville und James Cook, Georg Forster, der berühmte Naturforscher und Ethnologe, Alexander von Humboldt, Adelbert von Chamisso, Charles Darwin, Ernest Shackleton, Sigmund Freud, Thomas und Katia Mann, die im Frühjahr 1929 auf dem Turbinenschiff Volendam nach New York unterwegs waren. Die Reflexionen des Schriftstellers sind nachlesbar in dem literarischen Text Meerfahrt mit Don Quijote, König zitiert daraus.
Zahlreich sind auch die Zeugnisse von Schiffskatastrophen. Der Untergang der Titanic soll stellvertretend stehen. Ein weiteres düsteres Kapitel ist das Thema »Kannibalismus auf hoher See«: bei Seenot nicht ausgeschlossen. Das Gemälde »Das Floß der Medusa« von Géricault zeigt anschaulich die existenzielle Not der Schiffbrüchigen.
Schließen möchte ich mit dem Verweis auf ein besonderes Kapitel. In ihm stellt König dar, dass Reisen und Seefahrt auch eine Domäne mutiger Frauen waren: »Sie sind seit vielen Jahrhunderten zu nicht minder entlegenen Gebieten und Zielen aufgebrochen, schon um den ihnen auferlegten gesellschaftlichen Zwängen aus dem Weg zu gehen.« König lässt neun Frauen zu Wort kommen, »die ganz unabhängig von ihrer Herkunft und sozialen Position ungewöhnliche Individualität, spezifische Wesenszüge und Entdeckungsfreude sowie großes Selbstbewusstsein zeigten« – oft als einzige Frau an Bord.
Aber das lassen Sie sich am besten von den Seefahrerinnen selbst und von König erzählen, empfehlenswerter Weise von Heinrich Heines ersehntem Festland aus. Denn Sie wissen ja: Wasser hat keine Balken, und auch heute noch gibt es gute Winde und böse Stürme.
Johann-Günther König: Hafen oder Tod. Schiffsreisende aller Zeiten erzählen, zu Klampen Verlag!, Springe 2026, 272 S., 28 €.