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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Odyssee

Die Bot­schaft ist ein­fach. Es gibt kei­ne Sie­ger. Der Krieg zer­stört alles. Die Kämp­fen­den, egal, wel­cher Par­tei sie ange­hö­ren, ihre Fami­li­en, ihre Hei­mat, die Mensch­heit, ihre Kul­tur, die Zeit, das Leben, die Res­sour­cen unse­res Pla­ne­ten. Nicht anders kann man die Odys­see lesen. Sie ist eine War­nung vor dem Krieg.

Odys­seus kann nicht heim­keh­ren. Er ist trau­ma­ti­siert von den furcht­ba­ren Bil­dern der Ver­nich­tung Tro­jas, an der er ent­schei­den­den Anteil trägt. Er riet zu der Kriegs­list, die nach zehn­jäh­ri­ger ver­geb­li­cher Bela­ge­rung die Ent­schei­dung her­bei­führ­te. Im Infer­no von Brand und Mord erkennt er sei­ne Schuld, die Frag­wür­dig­keit des gan­zen Kriegs-Unter­neh­mens, das ihn und alle Betei­lig­ten zu Besti­en und Mör­dern gemacht hat. Er weiß, es gibt kein Zurück.

Die Geschich­te sei­ner Irr­fahrt wird in Rück­blen­den erzählt. Uner­träg­li­ches Erin­nern, das Stück für Stück wie­der­kehrt. Er trägt die Ver­ant­wor­tung für sei­ne Mann­schaft. Die Last ist zu groß. Er ver­liert alles, zuletzt sich selbst, sei­ne Erin­ne­rung. Ans Ufer gespült als ein­zi­ger Über­le­ben­der des Schiff­bruchs, wird er von Kalyp­so geheilt, die ihm das Glück des Ver­ges­sens aus Lotosfrüch­ten bie­tet, dem er sich sie­ben Jah­re bereit­wil­lig hin­gibt. Schließ­lich emp­fängt er von ihr den ent­schei­den­den Slot, der ihm die Augen öff­net, und den Rat, der ihn heimbringt.

Dem Schick­sal wil­len­los preis­ge­ge­ben in einem Nuss­scha­len­floß, wird er end­lich ans Ufer von Itha­ka gespült, wo er, uner­kannt und sich als Bett­ler aus­ge­bend, sei­ne Mis­si­on erfüllt, den Bogen spannt, den Pfeil durch die Äxte schießt und die Frei­er bestraft, allen vor­an Anti­no­os, den Wort­füh­rer der Heim­tücke, über­zeu­gend gespielt von Twilight-Dar­stel­ler Robert Pattinson.

Als euro­pä­isch sozia­li­sier­ter Leser kennt man dies alles: die Plün­de­rung der Kiko­nen, Poly­phem und die Scha­fe, die rie­sen­haf­ten Lais­try­go­nen, Kir­ke und die Schwei­ne, den ver­häng­nis­vol­len Gesang der Sire­nen, den Besuch im Hades, die Pro­phe­zei­ung des blin­den Sehers Tei­re­si­as, Skyl­la und Cha­ryb­dis, die hei­li­gen Rin­der des Son­nen­got­tes Heli­os, Eumai­os, den treu­en Jagd­hund Argos, der sei­nen Herrn erwar­tet, ihn erkennt und stirbt, die Fuß­wa­schung der Eury­kleia, die Geschich­te von Pene­lo­pe, Tele­ma­chos und den Frei­ern, die Fami­li­en­tra­gö­di­en von Hele­na und Aga­mem­non sowie von Klytäm­ne­stra und Mene­la­os, der sei­ne Toch­ter Iphi­ge­nie opfer­te, von sei­ner Frau und ihrem zwei­ten Mann Aigist­hos getö­tet und von sei­nem Sohn Ore­stes gerächt wird, – ein trans­ge­ne­ra­ti­ves Trau­ma, das die Schrift­stel­ler aller Zei­ten beweg­te und das bis heu­te nicht bewäl­tigt ist.

Die Fra­ge ist, was hat die ame­ri­ka­ni­sche Film­in­du­strie, was hat Chri­sto­pher Nolan dar­aus gemacht? Ein Action- und Fan­ta­sy-Block­bu­ster ist der Film jeden­falls nicht, auch kein See­fahrts­ro­man­tik-Kitsch á la Fluch der Kari­bik, wo immer­hin auch eine wag­hal­si­ge Fahrt durch einen Mee­res­stru­del vor­kommt. Zuschau­er, die Sex, Gewalt und Effek­te auf der Lein­wand sehen wol­len, wer­den nicht auf ihre Kosten kom­men, obwohl die lite­ra­ri­sche Vor­la­ge gera­de dafür hin­rei­chend Poten­ti­al bie­tet. Nolan setzt auf ein­fa­che Mit­tel, nicht auf fil­mi­schen Bom­bast. Der Gang in die Unter­welt wird zu einer Toten­be­schwö­rung allein durch Fan­ta­sie in einem Nichts von Staf­fa­ge. Mee­res­stür­me und Schiff­bruch kom­men ganz ohne mysti­schen Zau­ber aus, das Ein­grei­fen der Göt­ter und das die Irr­fahrt des Odys­seus beglei­ten­de Pro­tek­to­rat der Athe­ne ohne jeden Hokus­po­kus. An den ent­schei­den­den Punk­ten ist sie da wie sein Alter Ego, rät ihm, lässt ihn sei­ne Gedan­ken fin­den, ord­nen und aussprechen.

Es gelingt auch nicht alles. Der ein­äu­gi­ge Rie­se Poly­phem und das Mon­ster Cha­ryb­dis blei­ben vage als grau­en­haf­te Schreckens­ge­stal­ten, und man möch­te sich aus dem Kino­abend wirk­lich auch kei­ne Alp­träu­me mit nach Hau­se neh­men. Kir­kes Zau­be­rei wird als har­te kör­per­li­che Arbeit einer Frau gezeigt, die sich in einer Welt der Gewalt schüt­zen muss und die dazu ihre beson­de­ren Mit­tel ein­setzt. Es gehört auch nicht viel dazu, aus die­sen Kriegs­ve­te­ra­nen Schwei­ne zu machen. Nolan wei­gert sich gera­de­zu, in die ver­füh­re­ri­sche cinea­sti­sche Trick­ki­ste zu grei­fen. Das ein­zi­ge Mon­ster, das bei ihm in sei­ner rea­len Gestalt gezeigt wird, ist der Mensch.

In sei­nem Dreh­buch erweist sich Nolan als mei­ster­haf­ter Dra­ma­turg. Er kon­zen­triert sich auf die Plot-Punk­te und erzählt die Geschich­te strin­gent nach dem Text, den er als Vor­la­ge krea­tiv ent­wickelt, was beson­ders an Sinon auf­fällt, dem tap­fe­ren Jun­gen, des­sen Schick­sal vom Krieg geprägt wird und des­sen Tod Odys­seus auf der See­le lastet. Im Epos wird an die­ser Gestalt die ver­hee­ren­de Wir­kung von Fake-News gezeigt. Auch die Ver­füh­rungs­kraft der Bil­der steht für Nolan nicht im Vor­der­grund. In den ent­schei­den­den Sze­nen setzt er ganz auf die Kraft des Dia­logs, der Wor­te. Man möch­te sei­ne Sät­ze, die zum Frie­den mah­nen, mit­schrei­ben. Der heim­ge­kehr­te Odys­seus und Pene­lo­pe ver­stän­di­gen sich durch ein Git­ter, hin­ter dem die zurück­ge­las­se­ne Frau sich vor der Welt männ­li­cher Gewalt ver­schanzt hat. Das ist ganz gro­ßes Kino mit ganz ein­fa­chen Mitteln.

Bemer­kens­wert ist aller­dings das Casting. Selbst klei­ne Rol­len sind mit groß­ar­ti­gen Dar­stel­lern besetzt. Matt Damon (der Sol­dat James Ryan und Les­lie R. Gro­ves in Oppen­hei­mer), gibt Odys­seus fein­ner­vig reflek­tie­rend und kör­per­stark, sei­ne viel­leicht beste Rol­le. Anne Hat­ha­way, Char­li­ze The­ron und Zen­da­ya ste­hen ihm als Pene­lo­pe, Kalyp­so und Athe­ne zur Sei­te. Das Ver­hält­nis von Odys­seus zu Kir­ke (Saman­tha Mor­ton) bleibt blass, auch die Ver­hand­lung über die Rück­ver­wand­lung der Schwei­ne über­zeugt nicht recht, aber mit der Auf­fas­sung der Rol­le ist den Betei­lig­ten ein Kabi­nett­stück gelun­gen. Auf­fäl­lig ist, dass die Crew bei der Aus­wahl der Dar­stel­ler eth­ni­sche Viel­falt anstreb­te. Hele­na, der Inbe­griff anti­ker Schön­heit, und Kly­taim­ne­stra – bei­de Köni­gin­nen gespielt durch Lupi­ta Nyong’o, das ist eine deut­li­che Bot­schaft an eine Welt, die sich bis heu­te nicht aus ihren ras­si­sti­schen Vor­ur­tei­len lösen kann und lie­ber einen grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Maul­hel­den zum Prä­si­den­ten wählt und dul­det als eine klu­ge Frau. War­um kann Pene­lo­pe nicht den Thron bestei­gen? Es ist nicht einzusehen.

Scha­de, dass der Film am Ende doch wie­der im Heroen­kult des wei­ßen Man­nes stecken bleibt und nicht auf die Stär­ke der Frau­en setzt. Eine femi­ni­sti­sche Sicht auf die Din­ge beför­dert er jeden­falls. Vor allem ist er ein Mahn­ruf zur Umkehr in einer Welt, in der erneut eine aber­wit­zi­ge Rüstungs­spi­ra­le in Gang gesetzt ist, in der der Krieg als Mit­tel zur Durch­set­zung impe­ria­ler Zie­le wie­der als gän­gi­ges Mit­tel hin­ge­nom­men wird. In der der Beruf des Tötens, des Mas­sen­mor­des wie­der oppor­tun wird. Ein Kino­abend zum Nach­den­ken über unse­re Kul­tur, eine Auf­for­de­rung zur Suche nach Alter­na­ti­ven, nach dem drit­ten Weg, der weit und beschwer­lich ist und der in den Homer zuge­schrie­be­nen Ver­sen schon vor 3000 Jah­ren auf­ge­zeigt wur­de: dem Weg des Frie­dens. Der Rap­per Tra­vis Scott (La Fla­me) peitscht die Gesän­ge der Odys­see als skan­die­ren­der Bar­de mit schril­lem Stak­ka­to in die Welt hin­aus. Jede Sil­be ein Auf­schrei: Hört end­lich auf!