Die Botschaft ist einfach. Es gibt keine Sieger. Der Krieg zerstört alles. Die Kämpfenden, egal, welcher Partei sie angehören, ihre Familien, ihre Heimat, die Menschheit, ihre Kultur, die Zeit, das Leben, die Ressourcen unseres Planeten. Nicht anders kann man die Odyssee lesen. Sie ist eine Warnung vor dem Krieg.
Odysseus kann nicht heimkehren. Er ist traumatisiert von den furchtbaren Bildern der Vernichtung Trojas, an der er entscheidenden Anteil trägt. Er riet zu der Kriegslist, die nach zehnjähriger vergeblicher Belagerung die Entscheidung herbeiführte. Im Inferno von Brand und Mord erkennt er seine Schuld, die Fragwürdigkeit des ganzen Kriegs-Unternehmens, das ihn und alle Beteiligten zu Bestien und Mördern gemacht hat. Er weiß, es gibt kein Zurück.
Die Geschichte seiner Irrfahrt wird in Rückblenden erzählt. Unerträgliches Erinnern, das Stück für Stück wiederkehrt. Er trägt die Verantwortung für seine Mannschaft. Die Last ist zu groß. Er verliert alles, zuletzt sich selbst, seine Erinnerung. Ans Ufer gespült als einziger Überlebender des Schiffbruchs, wird er von Kalypso geheilt, die ihm das Glück des Vergessens aus Lotosfrüchten bietet, dem er sich sieben Jahre bereitwillig hingibt. Schließlich empfängt er von ihr den entscheidenden Slot, der ihm die Augen öffnet, und den Rat, der ihn heimbringt.
Dem Schicksal willenlos preisgegeben in einem Nussschalenfloß, wird er endlich ans Ufer von Ithaka gespült, wo er, unerkannt und sich als Bettler ausgebend, seine Mission erfüllt, den Bogen spannt, den Pfeil durch die Äxte schießt und die Freier bestraft, allen voran Antinoos, den Wortführer der Heimtücke, überzeugend gespielt von Twilight-Darsteller Robert Pattinson.
Als europäisch sozialisierter Leser kennt man dies alles: die Plünderung der Kikonen, Polyphem und die Schafe, die riesenhaften Laistrygonen, Kirke und die Schweine, den verhängnisvollen Gesang der Sirenen, den Besuch im Hades, die Prophezeiung des blinden Sehers Teiresias, Skylla und Charybdis, die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios, Eumaios, den treuen Jagdhund Argos, der seinen Herrn erwartet, ihn erkennt und stirbt, die Fußwaschung der Eurykleia, die Geschichte von Penelope, Telemachos und den Freiern, die Familientragödien von Helena und Agamemnon sowie von Klytämnestra und Menelaos, der seine Tochter Iphigenie opferte, von seiner Frau und ihrem zweiten Mann Aigisthos getötet und von seinem Sohn Orestes gerächt wird, – ein transgeneratives Trauma, das die Schriftsteller aller Zeiten bewegte und das bis heute nicht bewältigt ist.
Die Frage ist, was hat die amerikanische Filmindustrie, was hat Christopher Nolan daraus gemacht? Ein Action- und Fantasy-Blockbuster ist der Film jedenfalls nicht, auch kein Seefahrtsromantik-Kitsch á la Fluch der Karibik, wo immerhin auch eine waghalsige Fahrt durch einen Meeresstrudel vorkommt. Zuschauer, die Sex, Gewalt und Effekte auf der Leinwand sehen wollen, werden nicht auf ihre Kosten kommen, obwohl die literarische Vorlage gerade dafür hinreichend Potential bietet. Nolan setzt auf einfache Mittel, nicht auf filmischen Bombast. Der Gang in die Unterwelt wird zu einer Totenbeschwörung allein durch Fantasie in einem Nichts von Staffage. Meeresstürme und Schiffbruch kommen ganz ohne mystischen Zauber aus, das Eingreifen der Götter und das die Irrfahrt des Odysseus begleitende Protektorat der Athene ohne jeden Hokuspokus. An den entscheidenden Punkten ist sie da wie sein Alter Ego, rät ihm, lässt ihn seine Gedanken finden, ordnen und aussprechen.
Es gelingt auch nicht alles. Der einäugige Riese Polyphem und das Monster Charybdis bleiben vage als grauenhafte Schreckensgestalten, und man möchte sich aus dem Kinoabend wirklich auch keine Alpträume mit nach Hause nehmen. Kirkes Zauberei wird als harte körperliche Arbeit einer Frau gezeigt, die sich in einer Welt der Gewalt schützen muss und die dazu ihre besonderen Mittel einsetzt. Es gehört auch nicht viel dazu, aus diesen Kriegsveteranen Schweine zu machen. Nolan weigert sich geradezu, in die verführerische cineastische Trickkiste zu greifen. Das einzige Monster, das bei ihm in seiner realen Gestalt gezeigt wird, ist der Mensch.
In seinem Drehbuch erweist sich Nolan als meisterhafter Dramaturg. Er konzentriert sich auf die Plot-Punkte und erzählt die Geschichte stringent nach dem Text, den er als Vorlage kreativ entwickelt, was besonders an Sinon auffällt, dem tapferen Jungen, dessen Schicksal vom Krieg geprägt wird und dessen Tod Odysseus auf der Seele lastet. Im Epos wird an dieser Gestalt die verheerende Wirkung von Fake-News gezeigt. Auch die Verführungskraft der Bilder steht für Nolan nicht im Vordergrund. In den entscheidenden Szenen setzt er ganz auf die Kraft des Dialogs, der Worte. Man möchte seine Sätze, die zum Frieden mahnen, mitschreiben. Der heimgekehrte Odysseus und Penelope verständigen sich durch ein Gitter, hinter dem die zurückgelassene Frau sich vor der Welt männlicher Gewalt verschanzt hat. Das ist ganz großes Kino mit ganz einfachen Mitteln.
Bemerkenswert ist allerdings das Casting. Selbst kleine Rollen sind mit großartigen Darstellern besetzt. Matt Damon (der Soldat James Ryan und Leslie R. Groves in Oppenheimer), gibt Odysseus feinnervig reflektierend und körperstark, seine vielleicht beste Rolle. Anne Hathaway, Charlize Theron und Zendaya stehen ihm als Penelope, Kalypso und Athene zur Seite. Das Verhältnis von Odysseus zu Kirke (Samantha Morton) bleibt blass, auch die Verhandlung über die Rückverwandlung der Schweine überzeugt nicht recht, aber mit der Auffassung der Rolle ist den Beteiligten ein Kabinettstück gelungen. Auffällig ist, dass die Crew bei der Auswahl der Darsteller ethnische Vielfalt anstrebte. Helena, der Inbegriff antiker Schönheit, und Klytaimnestra – beide Königinnen gespielt durch Lupita Nyong’o, das ist eine deutliche Botschaft an eine Welt, die sich bis heute nicht aus ihren rassistischen Vorurteilen lösen kann und lieber einen größenwahnsinnigen Maulhelden zum Präsidenten wählt und duldet als eine kluge Frau. Warum kann Penelope nicht den Thron besteigen? Es ist nicht einzusehen.
Schade, dass der Film am Ende doch wieder im Heroenkult des weißen Mannes stecken bleibt und nicht auf die Stärke der Frauen setzt. Eine feministische Sicht auf die Dinge befördert er jedenfalls. Vor allem ist er ein Mahnruf zur Umkehr in einer Welt, in der erneut eine aberwitzige Rüstungsspirale in Gang gesetzt ist, in der der Krieg als Mittel zur Durchsetzung imperialer Ziele wieder als gängiges Mittel hingenommen wird. In der der Beruf des Tötens, des Massenmordes wieder opportun wird. Ein Kinoabend zum Nachdenken über unsere Kultur, eine Aufforderung zur Suche nach Alternativen, nach dem dritten Weg, der weit und beschwerlich ist und der in den Homer zugeschriebenen Versen schon vor 3000 Jahren aufgezeigt wurde: dem Weg des Friedens. Der Rapper Travis Scott (La Flame) peitscht die Gesänge der Odyssee als skandierender Barde mit schrillem Stakkato in die Welt hinaus. Jede Silbe ein Aufschrei: Hört endlich auf!