Die Frage, ob Deutschland »neutral« werden könnte, haben sich wohl die meisten Deutschen noch nie gestellt. Man weiß zwar, dass unsere Nachbarin, die Schweiz, »neutral« und gar nicht so schlecht damit gefahren ist. Dass man sich dasselbe für Deutschland gar nicht vorstellen kann – oder besser gesagt, sich gar nicht vorstellen will –, hängt wahrscheinlich mit fehlender Selbstsicherheit zusammen, die wiederum Ergebnis unserer ganz und gar unverdauten faschistischen Vergangenheit ist. Weil daraus – jedenfalls im Westen der Republik – nichts anderes als ein Schuldkomplex hervorgegangen ist, der sich auch nur auf das bezieht, was wir Juden angetan haben, nicht aber auf das in ganz Europa angerichtete Leid und Unrecht. Und schließlich befasst man sich wohl auch deshalb nicht mit der Neutralitätsfrage, weil wir doch mit unserer Nato-Bindung ganz gut gefahren sind – sogar als bis 1989 besetztes Land und weiterhin als treuer Verbündeter der USA. Diesem Bündnis verdanken wir »Freiheit« und »Wohlstand«. Um diese Errungenschaften auch anderswo durchzusetzen, haben wir schließlich indirekt und direkt an den Kriegen der USA teilgenommen. Bezüglich des Ukrainekriegs sind wir sogar bereit, den Vereinigten Staaten künftig die Hauptlast abzunehmen. Falls sie sich auf einen Krieg mit China kaprizieren sollten, könnte es sogar so weit kommen, dass wir doch noch einen größeren Part der »Drecksarbeit« im Nahen Osten schultern müssten.
Aber halt! Bereitschaft zur Kriegstüchtigkeit scheint sich doch weitgehend auf Gruppierungen um die politische Klasse und ihre Medien zu beschränken. Das geringe Echo, das die vom Verteidigungsministerium ausgesandten Fragebögen zur Kampfbereitschaft der deutschen Jugend gefunden hat, deutet darauf hin, dass diese keineswegs ihre besten Jahre und noch weniger ihr Leben dem Kriegsgott opfern will. Arnulf Rating – einer von 34 renommierten Autoren, die sich dem Thema »Deutschland neutral« mit einem beim Westend Verlag erschienenen Buch angenommen haben – warnt davor, dass fehlende Wehrbereitschaft der Jugend die Kriegslüsternheit der Mächtigen nicht dämpfen wird. Denn schließlich könnten Drohnen ja auch von Rentnern gesteuert werden. Die Rezensentin schlussfolgert: Die Wehrpflicht kommt bestimmt – für Männlein und Weiblein bis 70!
Die sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaaten Schweden und Finnland gaben kürzlich ihre Neutralität auf; Finnland soll es bereits bereuen. Nicht nur die Schweiz, auch Österreich hat die Chance, dem vielleicht schon Ende des Jahrzehnts drohenden Krieg zu entgehen. Denn auch dieser Nachbar ist »neutral«, obwohl er sich ähnlich schlechten Gewissens mit seiner Nazivergangenheit herumzuschlagen hätte. 1955 zogen die nach dem Zweiten Weltkrieg auch dort installierten Besatzungsmächte nach Abschluss eines Staatsvertrags ab, wonach sich die Alpenrepublik für immer und ewig verpflichten musste, keinem Militärbündnis beizutreten. Diether Dehm weist darauf hin, dass die österreichischen Staatsausgaben für Rüstung nur bei 0,8 Prozent des Bruttosozialprodukts liegen, weshalb sich das Land einen vergleichsweise großzügigen Sozialstaat leistet. Österreichs Armee und Bewaffnung ist strikt auf Verteidigungsaufgaben beschränkt. Reminiszenz der Rezensentin: Als ich vor zwei Jahren an einem schönen Maientag mitten auf einem Wiener Boulevard einen Trupp Soldaten in schwerer Ausrüstung unkoordiniert herantrollen sah, dachte ich zuerst: Mensch, was ist denn hier los? Dann fiel mir ein, dass es sich um eine Volksverteidigungsarmee handelte, die in der Öffentlichkeit weder Irritation noch Ärger hervorruft, und mir kamen vor Rührung die Tränen. Allerdings mehren sich sowohl in Österreich als auch in der Schweiz die Stimmen, die für eine Aufweichung der Neutralität eintreten. Die Schweiz, die gegen Russland härtere Sanktionen verhängte als die EU, hat deshalb bereits ihre historische Rolle als Vermittlerin bei internationalen Konflikten eingebüßt. Das Hotel Birkenstock über dem Vierwaldstätter See, in dem kürzlich Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran stattfanden, gehört dem Emirat Katar, das auch der eigentliche Vermittler war.
Das Buch bietet nützliche Informationen über vertane historische und komplizierte künftige Chancen deutscher Neutralität. Gabriele Gysi erinnert daran, dass die Erkenntnis, nur Verhandlungen und Interessenausgleich führten zu belastbarem Frieden, auf den Westfälischen Frieden zurückgeht. Allerdings kam man erst nach dreißig Kriegsjahren darauf, dass es nicht nur darum gehen darf, auf der eigenen Position zu bestehen, sondern auch darum, die Position des Anderen zu erfassen. Weil der im Buch mit einem Interview vertretene ehemalige Schweizer Nachrichtenoffizier Jacques Baud genau dieses Verfahren auf internationalen alterativen Plattformen praktiziert, wurde er von der Europäischen Kommission mit Sanktionen belegt, die nicht nur seine bürgerliche, sondern auch seine physische Existenz bedrohen. Gysi bekam auch heraus, dass nicht nur die Kommission, sondern auch die hierzulande übliche KI hinter die Lehren des Westfälischen Friedens zurückgefallen sind. Auf Gysis Befragungen zum Ukrainekrieg antwortete die KI, nur mit westlichen Narrativen gefüttert worden zu sein. Unverfroren gab sie an, dass die EU »mindestens 27 russische Medienquellen sanktioniert« habe – aufgrund ihrer »systematischen Desinformationskampagnen«.
Wolfgang Effenberger behauptet in seinem Beitrag, Deutschland hätte nach dem Zweiten Weltkrieg die Chance verpasst, neutral zu werden. Er zeichnet aber selber nach, dass das nicht im Interesse der westlichen Siegermächte lag, insbesondere nicht der USA, die ein wirtschaftliches Zusammenwachsen des eurasischen Kontinents bereits damals unbedingt verhindern wollten – ein Ziel, dem sie mit dem Ukrainekrieg näher denn je gekommen sein könnten. Sollte der Krieg eskalieren, wäre Deutschland nicht nur wegen der hier gebrauchsfertig lagernden amerikanischen Atomwaffen primäres Ziel von Gegenschlägen, sondern auch als »zentrale Drehscheibe für 800 000 Nato-Soldaten«.
Die von mehreren Autoren behandelte »Stalin-Note« von 1952 enthielt ähnliche Perspektiven für Deutschland, die später in Österreich realisiert wurden. Für die Verpflichtung zu militärischer Neutralität sollten wir die volle Souveränität erhalten, damit auch die Möglichkeit der Wiedervereinigung und gesamtdeutscher freier Wahlen. Mit Konrad Adenauer hatten die Siegermächte jedoch den Partner gefunden, der sich konsequent der »Stalin-Note« entgegenstellte. Schon, dass das Grundgesetz weder eine Bindung an das damals von der Uno beschlossene Völkerrecht noch an die von ihr ebenfalls beschlossenen universalen Menschenrechte enthält, entlarvt für Werner Rügemer ein Einknicken vor den westlichen Besatzungsmächten. Der US-Hochkommissar Jack McCloy hatte die Einbindung der Westzonen in ein künftiges westliches Militärbündnis bereits fest im Auge. McCloy war Deutschlandexperte. 1936 hatte er samt Gattin neben Hitler und Göring auf der Ehrentribüne der Olympischen Spiele gesessen.
Doch die Geschichte der Bundesrepublik enthält nicht nur Dunkles. Albrecht Müller – ehemals Wahlkampfleiter Willy Brandts – erinnert daran, dass dieser mit der Losung »Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein« eine Entspannungspolitik gegenüber Osteuropa und der Sowjetunion einleitete. Da Brandt keinem souveränen Land vorstand, konnte er sich jedoch aus dem Nato-Bündnis nicht lösen.
Seine zunächst von den konservativen Parteien stark bekämpfte Entspannungspolitik hallte dann aber doch bei späteren CDU-Regierungen nach – allerdings immer schwächer. Und dann rief ausgerechnet ein SPD-Kanzler 2022 die »Zeitenwende« aus. Wie man heute zum Ukrainekrieg und seinen wirtschaftlichen Folgen für Deutschland auch stehen mag – dass es keinerlei öffentliche Überlegungen gibt, wie eine künftige europäische Sicherheitsstruktur hergestellt werden könnte, ohne Russland »zu ruinieren«, beschwört düsterste Zukunftserwartungen herauf.
Dass diese Aggressivität nicht nur die Bundesrepublik prägt, sondern den gesamten Westen, führt Hauke Ritz darauf zurück, dass seine fünfhundertjährige weltweite Hegemonie über Menschen und Rohstoffe im Schwinden begriffen ist. Um dem drohenden Katastrophenszenarium zu entgehen, müsste sich nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa von den USA abkehren und seine weitgehend verlorengegangene säkulare, dem egalitären Universalismus verpflichtete Kultur der Aufklärung wiederbeleben. Angesichts bislang unregulierter Entwicklung von KI und Gentechnik wäre »die Wiederbelebung des europäischen Humanismus nicht nur ein europäisches, sondern ein Menschheitsinteresse«. Ein echter Dialog mit anderen Kulturen und Zivilisationen würde Europa den Weg in »ein neues postatlantisches und postimperiales Zeitalter eröffnen«.
Ulrike Guérot legt dar, dass Deutschland auf Grund seiner vielfältigen Bindungen den Weg in die Neutralität allein nicht gehen kann. Der Kampf für eine neutrale EU stünde auf der Tagesordnung. Mit dem wahrscheinlichen Rückzug der USA aus der Nato würde sich diese Möglichkeit eröffnen.
Da die 34 Autoren fast nur auf alternativen Plattformen zu Wort kommen, wünscht man dem Buch angemessene Verbreitung. Der wehrunwilligen Jugend sowie den Zweifelnden liefert es nützliche Informationen über vertane historische und über künftige Chancen deutscher Neutralität.
Uli Gellermann, Arnulf Rating, Jens Fischer Rodrian: Deutschland neutral! Mit Sicherheit für Frieden, Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026. 224 S., 24 €.