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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hiroshimagedenktag

Am 6. und 9. August 1945 zer­stör­ten die USA mit zwei Atom­bom­ben die Städ­te Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki und brach­ten damit unvor­stell­ba­res Leid über die Bevöl­ke­rung, das bis heu­te andau­ert. Als die erste Bom­be 600m direkt über dem Shi­ma-Hos­pi­tal Hiro­shi­mas explo­dier­te, befan­den sich etwa 350.000 Men­schen in der Stadt. In einem Umkreis von 500 Metern um den »Ground Zero« waren 90 Pro­zent der Men­schen sofort tot. Die Tem­pe­ra­tur im Epi­zen­trum, dem Zen­trum der Explo­si­on, betrug eine Sekun­de lang mehr als eine Mil­li­on Grad Cel­si­us. Am Boden dar­un­ter, am Hypo­zen­trum, waren es noch 3000 bis 4000 Grad Cel­si­us, und es blie­ben nur die Schat­ten der Men­schen und Häu­ser übrig. Glas und Eisen schmol­zen, der Asphalt brann­te. Eine unge­heu­re Druck­wel­le, die noch im Umkreis von 40 Kilo­me­tern wahr­ge­nom­men wur­de, zer­stör­te die Stadt. Es folg­ten Feu­er­stür­me mit Wind­ge­schwin­dig­kei­ten über 250 km/​h. Am Ende des ersten Tages waren min­de­stens 70.000 Men­schen gestor­ben. Der Druck ließ die inne­ren Orga­ne der Men­schen zer­plat­zen, viel­fach tra­ten die Aug­äp­fel aus den Augen­höh­len. Die Klei­dung brann­te sich in die Haut hin­ein, vie­le Men­schen konn­ten nicht mal mehr iden­ti­fi­ziert werden.

In Hiro­shi­ma star­ben bis Ende des Jah­res 1945 etwa 140.000 Men­schen, in Naga­sa­ki waren es 74.000 Men­schen. Vie­le Men­schen erlit­ten oder star­ben an Ver­bren­nun­gen, an Trau­ma­ta durch die Zer­stö­rung ihrer Städ­te oder an der aku­ten Strah­len­krank­heit. Die­se hat viel­fäl­ti­ge Sym­pto­me: Schwin­del, Erbre­chen, Fie­ber, Haar­aus­fall, Durch­fall, schwe­rer Flüs­sig­keits­ver­lust. Durch die Schä­di­gung der blut­bil­den­den Zel­len im Kno­chen­mark kommt es zu Stö­run­gen der Blut­ge­rin­nung mit schwe­ren, oft töd­li­chen inne­ren Blu­tun­gen sowie zur Abwehr­schwä­che mit lebens­be­droh­li­chen Infektionen.

Vie­le über­leb­ten schwer ver­letzt oder lei­den bis heu­te an den Spät­fol­gen. An Lang­zeit­fol­gen sind neben Unfrucht­bar­keit, Fehl­ge­bur­ten und Fehl­bil­dun­gen bei Neu­ge­bo­re­nen vor allem Krebs­er­kran­kun­gen zu nen­nen: Krebs­er­kran­kun­gen des blut­bil­den­den Kno­chen­mar­kes (Leuk­ämien), Krebs­er­kran­kun­gen von Bla­se, Brust, Lun­ge, Spei­se­röh­re, Magen, Darm und Gehirn. Frau­en und Kin­der sind häu­fi­ger betroffen.

Die Atom­bom­ben­ab­wür­fe mar­kie­ren einen Wen­de­punkt in der Geschich­te der Mensch­heit – sie zeig­ten das uner­mess­li­che Zer­stö­rungs­po­ten­zi­al nuklea­rer Waf­fen. Trotz­dem steht die Doomsday Clock heu­te – 81 Jah­re danach – bei 85 Sekun­den vor 12, so nah an einer glo­ba­len Kata­stro­phe wie noch nie. Und die Atom­waf­fen­staa­ten erwei­tern ihre Arse­na­le – 119 Mil­li­ar­den US-Dol­lar gaben sie dafür im letz­ten Jahr aus. Doch es auch gibt Hoff­nung: Mit dem König­reich Ton­ga, einem Insel­staat im Süd­pa­zi­fik, haben seit dem 7. Juli 2026 inzwi­schen 100 Staa­ten den Atom­waf­fen­ver­bots­ver­trag (AVV) unterzeichnet.

Denn: schon vor 30 Jah­ren hat der Inter­na­tio­na­le Gerichts­hof Atom­waf­fen als völ­ker­rechts­wid­rig ein­ge­stuft. Und seit Inkraft­tre­ten des Atom­waf­fen­ver­bots­ver­tra­ges 2021 ist das Atom­waf­fen­ver­bot ein inter­na­tio­nal gel­ten­des Völ­ker­recht! Wir, die IPPNW, die »Inter­na­tio­na­len Ärz­tin­nen und Ärz­te zur Ver­hü­tung des Atom­krie­ges«, for­dern die Bun­des­re­gie­rung auf, sich an das Völ­ker­recht zu hal­ten. Ein erster Schritt wäre, dass Deutsch­land bei der inter­na­tio­na­len Über­prü­fungs­kon­fe­renz, die Ende Nov./Anfang Dez. in New York statt­fin­det, mit Beob­ach­ter­sta­tus teil­nimmt und den Bei­tritt zum AVV vor­be­rei­tet – das wäre ein star­kes Signal für das Völkerrecht!

Der nuklea­re Sicher­heits­schirm durch die USA war schon immer eine Lüge. Alle US-Krie­ge haben eines gemein­sam: Sie fin­den nie auf US-Ter­ri­to­ri­um statt. Die USA wer­den nie einen nuklea­ren Schlag­ab­tausch mit Russ­land ris­kie­ren, um Euro­pa zu ret­ten. Frü­her nicht und heu­te unter Trump auch nicht.

In die­sem Jahr will unse­re Bun­des­re­gie­rung – erst­mals seit 1991 – mit der Sta­tio­nie­rung hun­der­ter US-Mit­tel­strecken­ra­ke­ten mit Erst­schlag­ka­pa­zi­tä­ten auf deut­schem Boden begin­nen. Das ist ein neu­er Tabu­bruch im gegen­wär­ti­gen Rüstungs­wett­lauf. Er ver­schiebt das der­zeit bestehen­de, fra­gi­le Kräf­te­ver­hält­nis auf eine gefähr­li­che Art. Dabei spre­chen sich 54 Pro­zent der Befrag­ten in einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge für Initia­ti­ven der Bun­des­re­gie­rung zur Begren­zung von land­ge­stütz­ten Mit­tel­strecken­waf­fen und für Rüstungs­kon­trollin­itia­ti­ven aus. Wir haben also die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung hin­ter uns mit unse­rer For­de­rung, kei­ne US-Toma­hawk-Marsch­flug­kör­per zu sta­tio­nie­ren. Die IPPNW ver­misst – wie vie­le Men­schen in die­sem Land – eine Betei­li­gung des Par­la­ments bei die­ser weit­rei­chen­den Ent­schei­dung. Die­se Waf­fen schlie­ßen kei­ne Sicher­heits­lücke – wie uns erzählt wird –, sie bedeu­ten eine unge­heu­re Bedro­hung, nicht nur für Russ­land, son­dern vor allem für uns, weil sie Deutsch­land zur Ziel­schei­be für einen Prä­ven­tiv­schlag machen. Und es ist nicht nur die Bedro­hung durch eine nuklea­re Zer­stö­rung, wir müs­sen auch noch dafür bezah­len und sol­len jahr­zehn­te­lang erkämpf­te sozia­le Errun­gen­schaf­ten dafür opfern!

Die mili­tä­ri­sche Bedro­hung ist weit grö­ßer als in den Hoch­rü­stungs­zei­ten des Kal­ten Krie­ges der 80er Jah­re, denn

- der akti­ve Krieg in der und um die Ukrai­ne ist ein Pulverfass,
- die Vor­warn­zei­ten sind durch Hyper­schall­waf­fen 10x kür­zer, sie ver­kür­zen sich auf weni­ge Minu­ten, dadurch steigt das Feh­ler­po­ten­ti­al der ver­se­hent­li­chen Anwen­dung erheblich,
- alle begren­zen­den ato­ma­ren Abrü­stungs­ver­trä­ge sind gekündigt,
- es sind kei­ne beglei­ten­den Ver­hand­lun­gen zu ato­ma­rer Abrü­stung – wie in der 80er Jah­ren – auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne in Sicht,
- die Dia­log­fä­hig­keit und Kom­mu­ni­ka­ti­on über soge­nann­te rote Tele­fo­ne sind weit­ge­hend eingestellt,
- das Risi­ko durch die­se Waf­fen wird nicht – wie in den 80er Jah­ren – auf meh­re­re euro­päi­sche Län­der ver­teilt, son­dern allein Deutsch­land stellt sie auf.
- und durch die Künst­li­che Intel­li­genz kom­men noch unkal­ku­lier­ba­re Risi­ken dazu. Ope­nAI selbst sprach vor 2 Wochen von einem »bei­spiel­lo­sen« Cyber-     Zwi­schen­fall, als ihre eige­ne Soft­ware sich ver­selbst­stän­dig­te, ihre Anwen­dungs­um­ge­bung ver­ließ, sich Zugang zum Inter­net ver­schaff­te und in eine ande­re KI-Soft­ware einhackte.

Papst Leo der XIV schreibt zu die­sem The­ma in sei­ner kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Enzy­kli­ka Magni­fi­ca Huma­ni­tas: »Künst­li­che Intel­li­genz muss ent­waff­net wer­den, befreit von den Logi­ken, die sie zu einem Instru­ment der Herr­schaft, der Aus­gren­zung und des Todes machen.«

Wir hören immer häu­fi­ger die For­de­rung nach einer deut­schen Atom­bom­be. Das wider­spricht allen völ­ker­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen, die bis­her die deut­schen Regie­run­gen ein­ge­gan­gen sind. Wer Frie­den will, darf nicht den Krieg, son­dern muss den Frie­den vor­be­rei­ten. Des­halb haben wir ein Frie­dens­ge­bot in unse­rem Grundgesetz!

Unse­re Regie­rung aber hat offen­sicht­lich den Kom­pass ver­lo­ren. Sie hat sich in einer Kriegs­lo­gik ver­strickt, statt nach frie­dens­lo­gi­schen Optio­nen zu suchen, z. B. nach ver­trau­ens­bil­den­den Maß­nah­men wie Rüstungs­kon­troll- und Abrü­stungs­in­itia­ti­ven oder nach einer gemein­sa­men (und nicht ein­sei­tig defi­nier­ten) Sicher­heits­stra­te­gie in Euro­pa, was ja auch Vor­aus­set­zung für eine Been­di­gung des schreck­li­chen Krie­ges in der Ukrai­ne ist.

Der berühm­te Atom­wis­sen­schaft­ler und Pazi­fist Albert Ein­stein pro­phe­zei­te schon in den 1950iger Jah­ren zur nuklea­ren Gefahr: »Ent­we­der wir schaf­fen die Bom­be ab oder die Bom­be schafft uns alle ab.«

Und des­halb for­dert die IPPNW von der Bun­des­re­gie­rung den Bei­tritt zum Atom­waf­fen­ver­bots­ver­trag. Es kann nicht ange­hen, dass neun Atom­waf­fen­staa­ten – plus Deutsch­land, mit dem recht­lich frag­wür­di­gen Kon­strukt der nuklea­ren Teil­ha­be – die­ses inter­na­tio­na­le Recht miss­ach­ten und gegen den Wil­len der Mehr­heit die gesam­te Mensch­heit in Gei­sel­haft neh­men! Und es kann nicht ange­hen, dass unse­re Bun­des­re­gie­rung auch in die­ser Fra­ge auf der fal­schen Sei­te steht, denn immer noch lehnt eine Mehr­heit der Befrag­ten eige­ne und US-Atom­waf­fen in Deutsch­land ab!

Aus medi­zi­ni­scher Sicht müs­sen wir »Inter­na­tio­na­len Ärz­tin­nen und Ärz­te zur Ver­hü­tung des Atom­krie­ges« Euch sagen: Wir wer­den Euch nicht hel­fen können!

Des­halb gibt es kei­ne Alter­na­ti­ve zur ato­ma­ren Abrü­stung! Es gibt nur ein Nein zu die­ser hoch­ge­fähr­li­chen mili­tä­ri­schen Macht­po­li­tik! Denn Sicher­heit ist und bleibt ein Frie­dens­pro­jekt und kein Mili­ta­ri­sie­rungs- und Aufrüstungsprojekt!

Der Text ist die leicht ver­än­der­te Ver­si­on einer Rede, die der Autor, Mit­glied der IPPNW-Regio­nal­grup­pe Meck­len­burg-Vor­pom­mern, bei einer Gedenk­kund­ge­bung zum 81. Jah­res­tag der Atom­waf­fen­ab­wür­fe auf Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki am 6. August auf dem Schwe­ri­ner Markt­platz gehal­ten hat.