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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Diese Welt ist nix für Kinder

Die Bun­des­re­gie­rung sorgt für die Men­schen. Finanz­mi­ni­ster Lars Kling­beil, SPD, bringt die »Früh­start­ren­te« auf den Weg. Schon Kin­der sol­len damit ein »Alters­vor­sor­ge­de­pot« bekom­men – und schon früh an den Finanz­markt her­an­ge­führt wer­den. Das sei ein Köder, um Fami­li­en Fonds­an­bie­tern in die Arme zu trei­ben, schimpft die IG Metall. Der Finanz­mi­ni­ster tritt damit in die Fuß­stap­fen sei­ner Partei»genossen« Schrö­der und Rie­ster, die den »Finanz­dienst­lei­stern« – Agen­da 2000 – schon ein­mal Mil­li­ar­den­um­sät­ze ver­schafft haben. Auch für Bun­des­kanz­ler Merz sind der Akti­en­markt und die Pri­vat­ren­te bekannt­lich grö­ße­re Anlie­gen als sozia­le Sicher­heit für alle Fami­li­en. Die Fol­ge: Laut einem Trend­ba­ro­me­ter mei­nen noch gan­ze zwölf Pro­zent der Befrag­ten, dass sich die Par­tei­en um die wirk­li­chen Pro­ble­me und Inter­es­sen der Men­schen kümmern.

Betrof­fen von dem sozia­len Desa­ster sind nicht zuletzt Kin­der und Jugend­li­che. Wie in feu­da­len Gesell­schaf­ten sind ihre Lebens­chan­cen in hohem Maße durch die sozia­le Lage vor­be­stimmt: Ob sie gesund auf­wach­sen, wie sie woh­nen, wel­chen Beruf sie ergrei­fen, ob ihre Mei­nung etwas gilt, ob ihnen Arbeits­lo­sig­keit und Alters­ar­mut dro­hen. Die sozia­le Situa­ti­on der Fami­lie ent­schei­det nicht nur, ob sie in Urlaub fah­ren kann; Selbst­ver­trau­en, Lebens­zu­frie­den­heit der Kin­der, die Fähig­keit, Kul­tur als Berei­che­rung zu erle­ben, sind stark von den mate­ri­el­len Bedin­gun­gen, aber auch wesent­lich von der gesell­schaft­li­chen Wert­schät­zung abhän­gig. Sag mir, wo du wohnst, wel­chen Beruf dei­ne Eltern haben, und ich sage dir, wel­che Mög­lich­kei­ten dir in die­ser Gesell­schaft offenstehen.

Die Welt vie­ler Kin­der wird beherrscht von Krieg und Per­spek­tiv­lo­sig­keit, aber sie lockt mit einer Flut von attrak­ti­ven Ange­bo­ten, Geschich­ten, Kon­takt­mög­lich­kei­ten, von Sex und Kriegs­bil­dern, seriö­sen Nach­rich­ten und coo­ler Anma­che von Influen­cern. Die unge­heu­re Fül­le von digi­ta­len Erleb­nis­sen auf Tik­Tok, Face­book oder X erschafft eine Wun­der­welt – und macht süch­tig und manch­mal krank, beein­flusst Bedürf­nis­se und Gewohn­hei­ten. Kin­der kön­nen unmög­lich zwi­schen bedeut­sa­men und bana­len Nach­rich­ten unter­schei­den. Sie emp­fin­den Likes als Zei­chen für Sym­pa­thie, kön­nen sich nicht gegen Mob­bing und Gewalt schüt­zen. Natür­lich lei­det in dem digi­ta­len Cha­os der Platt­for­men und Com­mu­ni­ties die Kon­zen­tra­ti­on und die Fähig­keit zu Aus­dau­er und Aufmerksamkeit.

Noch nach­hal­ti­ger und prä­gen­der ist das all die­sen Erfah­run­gen zugrun­de lie­gen­de Gefühl, dass man »unter Ein­fluss« steht. Das Netz beob­ach­tet und regi­striert alles, was ich tue, wo ich bin, wen ich mag und was ich gekauft habe. Likes oder gehäs­si­ge Reak­tio­nen kon­trol­lie­ren mich, schaf­fen ein Wech­sel­bad der Gefüh­le. Mei­ne Iden­ti­tät ist ein Pixel­bild der öffent­li­chen Reak­tio­nen. Alle wol­len mich zu etwas bewe­gen und ihr Köder sind Gefüh­le. Sind sie echt oder mani­pu­la­tiv? Was ist schö­ner Schein oder Fake? Wie soll man da wahr und falsch unter­schei­den? Jeder haut Sprü­che raus, egal, ob sie stim­men; Haupt­sa­che, sie erzeu­gen eine Wir­kung. Kennt ja jeder von den Poli­ti­kern. Poli­ti­ker sind Ava­tare. Die künst­li­che Intel­li­genz ent­zieht voll­ends den Sinn für Rea­li­tät und Wahrheit.

Agen­tur­mel­dung: Die psy­chi­sche Gesund­heit von Kin­dern und Jugend­li­chen steht in Deutsch­land 2026 stär­ker im Fokus als je zuvor. Aktu­el­le Sta­ti­sti­ken zei­gen nicht nur eine hohe Bela­stung, son­dern auch einen kla­ren Trend: Psy­chi­sche Erkran­kun­gen neh­men in vie­len Berei­chen mess­bar zu – ins­be­son­de­re Angst­stö­run­gen, Depres­sio­nen und Essstörungen.

Kin­der und Jugend­li­che sind Objek­te, Ziel­per­so­nen von Beein­flus­sung und Mani­pu­la­ti­on für frem­de Zwecke. Haben sie das Glück, bei sou­ve­rä­nen, kri­ti­schen Eltern auf­zu­wach­sen, ler­nen sie Wider­stand gegen die unun­ter­bro­che­ne Ein­wir­kung auf Gedan­ken und Gefüh­le. Anson­sten sind sie schutz­los dem Druck frem­der Inter­es­sen aus­ge­setzt. Staat­li­che Insti­tu­tio­nen soll­ten eigent­lich jun­ge Men­schen vor Aus­beu­tung jeder Art schüt­zen; dafür haben wir ein Grund­ge­setz, eine UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on und ein Kin­der- und Jugend­hil­fe­ge­setz. Doch was, wenn sie es nicht tun?

Alle Bun­des­re­gie­run­gen der letz­ten Jahr­zehn­te, alle Par­tei­en der Regie­rungs­ko­ali­tio­nen haben dafür gesorgt und sind dafür ver­ant­wort­lich, dass eine wach­sen­de Grup­pe von Kin­dern unter Bedin­gun­gen auf­wächst, die ihnen kör­per­lich und see­lisch scha­den, ihr Wohl­be­fin­den beein­träch­ti­gen. Die kras­se Ver­nach­läs­si­gung der Belan­ge der Jugend zeigt sich deut­lich in den Ergeb­nis­sen der UNICEF-Stu­die zum Wohl­be­fin­den der Kin­der. Die Fol­gen der deut­schen Poli­tik: Unter 37 Län­dern ran­giert Deutsch­land nach Kri­te­ri­en wie Gesund­heit und Bil­dung auf Platz 25.

Jugend­li­che erle­ben an der Spit­ze der Poli­tik Figu­ren, die lügen, heu­cheln, die mit Erpres­sung, Gewalt und Erobe­rung dro­hen und Krie­ge füh­ren. Sie ler­nen aber auch farb­lo­se Funk­tio­nä­re ken­nen, die sich ste­reo­ty­pe Gesten antrai­niert haben, um Ein­druck zu schin­den: Ihre Reden bestehen aus hoh­len Flos­keln. Sie spre­chen nicht zu Men­schen, son­dern zu Kon­zer­nen und Inve­sto­ren. Bei wel­chen The­men kön­nen jun­ge Men­schen das Gefühl haben, Poli­ti­ker küm­mern sich um sie, um ihre Zukunft?

Bei den The­men Krieg, Frie­den und Men­schen­rech­te gewiss nicht. Deutsch­lands beste Freun­de ermor­den tau­sen­de Men­schen, töten Staats­chefs ande­rer Län­der, ohne dass unse­re Regie­rung pro­te­stie­ren wür­de – ganz im Gegen­teil. Darf man dann auch Trump und Netan­ja­hu umbrin­gen? Täg­lich wer­den jun­ge Leu­te mit Bil­dern von Sol­da­ten wie Kriegs­ro­bo­tern trak­tiert, die mit immer töd­li­che­ren Waf­fen mor­den. Sind Sol­da­ten nicht jun­ge Men­schen, die leben wol­len, mit ihren Lie­ben spie­len und ler­nen und fei­ern wol­len? Kin­der ler­nen in der Kita und in der Schu­le, dass man Streit ver­mei­den, sich eini­gen und mit ande­ren tei­len soll. Wie­so gilt das in der rea­len Welt nicht? Wie­so setzt sich Deutsch­land nicht für Frie­dens­ver­hand­lun­gen ein? Und: Wer will schon in die­sen moder­nen Ver­nich­tungs­krie­gen als Kano­nen­fut­ter die­nen? Nicht die Jugend­li­chen und ihre Eltern wer­den gefragt, ob sie fürs Vater­land ster­ben wol­len; man fragt Wirt­schafts­bos­se und Gene­rä­le, wie vie­le Sol­da­ten sie brau­chen. Schätzt der Staat Kin­der und Jugend­li­che nur nach Ver­wert­bar­keit? Spa­ren bei den Armen – aber Sol­da­ten kön­nen alle werden.

Agen­tur­mel­dung: Kin­der und Jugend­li­che machen sich deut­lich mehr Sor­gen über Krie­ge, Ter­ro­ris­mus, Wirt­schafts- und Kli­ma­kri­se: Wäh­rend im Herbst 2023 etwa die Hälf­te berich­te­te, besorgt zu sein, waren es in die­sem Jahr mehr als zwei Drit­tel, die sich wegen Krie­gen (72 Pro­zent) und Ter­ro­ris­mus (70 Pro­zent) sorg­ten sowie mehr als die Hälf­te wegen wirt­schaft­li­cher Kri­sen (62 Pro­zent) und der Kli­ma­kri­se (57 Prozent).

Die mei­sten Erwach­se­nen sind kein Vor­bild für die Jugend. Sie pro­te­stie­ren nicht, wenn unse­re »Freun­de« Län­der über­fal­len, Schu­len, Kran­ken­häu­ser und gan­ze Ort­schaf­ten ver­nich­ten mit allen Men­schen, die sich dar­in auf­hal­ten. Alle kla­gen über hohe Mie­ten, unpünkt­li­che Züge und über Poli­ti­ker, die nie das tun, was die Mehr­heit braucht. Aber wie­so wäh­len sie die denn über­haupt? Wie­so sagen sie nicht: Jetzt ist aber Schluss, macht gefäl­ligst das, wofür wir euch gewählt haben! Und älte­re Jugend­li­che den­ken: Ich soll Sol­dat wer­den, mich kaputt schie­ßen las­sen, damit ein paar Mil­li­ar­dä­re noch mehr abzocken kön­nen? Wer zahlt eigent­lich die hun­der­te Mil­li­ar­den für die Kriegsförderung?

Nein, die­se Welt ist nichts für Kin­der und Jugend­li­che. Sie spü­ren die gesell­schaft­li­chen Erwar­tun­gen, unaus­ge­spro­che­ne Regeln und Tabus. Anpas­sen oder rebel­lie­ren? Sie spü­ren die Angst ihrer Eltern, Leh­rer, ler­nen sich anzu­pas­sen, weg­zu­se­hen, gleich­gül­tig zu wer­den, die Rea­li­tät hin­zu­neh­men und nur ihr Abbild spie­le­risch zu ver­än­dern, am besten mit KI. Für all das waren die Maß­nah­men bei Coro­na eine fata­le Ein­übung. Man­che Älte­re pro­te­stie­ren gegen Krieg und Wehr­pflicht, gegen Isra­els Ver­nich­tungs­krieg oder die Zer­stö­rung der Natur. Sie brau­chen Mut, denn sie wer­den dann vom Geheim­dienst über­wacht und von der Poli­zei ver­folgt. Die mei­sten pas­sen sich an. Immer mehr wer­den aber see­lisch krank, haben Angst, sind depri­miert – oder sie agie­ren ihre Per­spek­tiv­lo­sig­keit in Form gehäs­si­ger Posts und aggres­si­ver Aus­brü­che aus.

Agen­tur­mel­dung: Ber­lins Schü­le­rin­nen und Schü­ler lei­den mas­siv unter Gewalt, Bedro­hung, Mob­bing und Dis­kri­mi­nie­rung. Aber auch Schul­be­schäf­tig­te wer­den häu­fig zu Opfern und bekla­gen eine zuneh­men­de Ver­ro­hung der Kin­der und Jugendlichen. 

Unmög­lich, dass das alle gut fin­den. War­um kommt kaum Pro­test, kein Wider­stand? Sind für Jugend­li­che Erwach­se­ne Heuch­ler und Feig­lin­ge? Nein, nicht alle. Zum Bei­spiel der alte SPD-Poli­ti­ker Micha­el Mül­ler, Bun­des­vor­sit­zen­der der Natur­freun­de: »Wir kri­ti­sie­ren nach­drück­lich die ver­ant­wor­tungs­lo­se Sta­tio­nie­rung von ›Tomahawk‹-Marschflugkörpern in Deutsch­land. Das ver­schärft die Kon­fron­ta­ti­on mit Russ­land sowie den Mili­ta­ris­mus in Deutsch­land. Mit der neu­en Men­ta­li­tät der ›Kriegs­tüch­tig­keit‹ ist unser Land auf einem sehr gefähr­li­chen Kurs, der ganz Euro­pa auf die schie­fe Bahn bringt. Deutsch­land muss zurück zur Frie­dens- und Ent­span­nungs­po­li­tik.« Ein Aufrechter.