Die Bundesregierung sorgt für die Menschen. Finanzminister Lars Klingbeil, SPD, bringt die »Frühstartrente« auf den Weg. Schon Kinder sollen damit ein »Altersvorsorgedepot« bekommen – und schon früh an den Finanzmarkt herangeführt werden. Das sei ein Köder, um Familien Fondsanbietern in die Arme zu treiben, schimpft die IG Metall. Der Finanzminister tritt damit in die Fußstapfen seiner Partei»genossen« Schröder und Riester, die den »Finanzdienstleistern« – Agenda 2000 – schon einmal Milliardenumsätze verschafft haben. Auch für Bundeskanzler Merz sind der Aktienmarkt und die Privatrente bekanntlich größere Anliegen als soziale Sicherheit für alle Familien. Die Folge: Laut einem Trendbarometer meinen noch ganze zwölf Prozent der Befragten, dass sich die Parteien um die wirklichen Probleme und Interessen der Menschen kümmern.
Betroffen von dem sozialen Desaster sind nicht zuletzt Kinder und Jugendliche. Wie in feudalen Gesellschaften sind ihre Lebenschancen in hohem Maße durch die soziale Lage vorbestimmt: Ob sie gesund aufwachsen, wie sie wohnen, welchen Beruf sie ergreifen, ob ihre Meinung etwas gilt, ob ihnen Arbeitslosigkeit und Altersarmut drohen. Die soziale Situation der Familie entscheidet nicht nur, ob sie in Urlaub fahren kann; Selbstvertrauen, Lebenszufriedenheit der Kinder, die Fähigkeit, Kultur als Bereicherung zu erleben, sind stark von den materiellen Bedingungen, aber auch wesentlich von der gesellschaftlichen Wertschätzung abhängig. Sag mir, wo du wohnst, welchen Beruf deine Eltern haben, und ich sage dir, welche Möglichkeiten dir in dieser Gesellschaft offenstehen.
Die Welt vieler Kinder wird beherrscht von Krieg und Perspektivlosigkeit, aber sie lockt mit einer Flut von attraktiven Angeboten, Geschichten, Kontaktmöglichkeiten, von Sex und Kriegsbildern, seriösen Nachrichten und cooler Anmache von Influencern. Die ungeheure Fülle von digitalen Erlebnissen auf TikTok, Facebook oder X erschafft eine Wunderwelt – und macht süchtig und manchmal krank, beeinflusst Bedürfnisse und Gewohnheiten. Kinder können unmöglich zwischen bedeutsamen und banalen Nachrichten unterscheiden. Sie empfinden Likes als Zeichen für Sympathie, können sich nicht gegen Mobbing und Gewalt schützen. Natürlich leidet in dem digitalen Chaos der Plattformen und Communities die Konzentration und die Fähigkeit zu Ausdauer und Aufmerksamkeit.
Noch nachhaltiger und prägender ist das all diesen Erfahrungen zugrunde liegende Gefühl, dass man »unter Einfluss« steht. Das Netz beobachtet und registriert alles, was ich tue, wo ich bin, wen ich mag und was ich gekauft habe. Likes oder gehässige Reaktionen kontrollieren mich, schaffen ein Wechselbad der Gefühle. Meine Identität ist ein Pixelbild der öffentlichen Reaktionen. Alle wollen mich zu etwas bewegen und ihr Köder sind Gefühle. Sind sie echt oder manipulativ? Was ist schöner Schein oder Fake? Wie soll man da wahr und falsch unterscheiden? Jeder haut Sprüche raus, egal, ob sie stimmen; Hauptsache, sie erzeugen eine Wirkung. Kennt ja jeder von den Politikern. Politiker sind Avatare. Die künstliche Intelligenz entzieht vollends den Sinn für Realität und Wahrheit.
Agenturmeldung: Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen steht in Deutschland 2026 stärker im Fokus als je zuvor. Aktuelle Statistiken zeigen nicht nur eine hohe Belastung, sondern auch einen klaren Trend: Psychische Erkrankungen nehmen in vielen Bereichen messbar zu – insbesondere Angststörungen, Depressionen und Essstörungen.
Kinder und Jugendliche sind Objekte, Zielpersonen von Beeinflussung und Manipulation für fremde Zwecke. Haben sie das Glück, bei souveränen, kritischen Eltern aufzuwachsen, lernen sie Widerstand gegen die ununterbrochene Einwirkung auf Gedanken und Gefühle. Ansonsten sind sie schutzlos dem Druck fremder Interessen ausgesetzt. Staatliche Institutionen sollten eigentlich junge Menschen vor Ausbeutung jeder Art schützen; dafür haben wir ein Grundgesetz, eine UN-Kinderrechtskonvention und ein Kinder- und Jugendhilfegesetz. Doch was, wenn sie es nicht tun?
Alle Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte, alle Parteien der Regierungskoalitionen haben dafür gesorgt und sind dafür verantwortlich, dass eine wachsende Gruppe von Kindern unter Bedingungen aufwächst, die ihnen körperlich und seelisch schaden, ihr Wohlbefinden beeinträchtigen. Die krasse Vernachlässigung der Belange der Jugend zeigt sich deutlich in den Ergebnissen der UNICEF-Studie zum Wohlbefinden der Kinder. Die Folgen der deutschen Politik: Unter 37 Ländern rangiert Deutschland nach Kriterien wie Gesundheit und Bildung auf Platz 25.
Jugendliche erleben an der Spitze der Politik Figuren, die lügen, heucheln, die mit Erpressung, Gewalt und Eroberung drohen und Kriege führen. Sie lernen aber auch farblose Funktionäre kennen, die sich stereotype Gesten antrainiert haben, um Eindruck zu schinden: Ihre Reden bestehen aus hohlen Floskeln. Sie sprechen nicht zu Menschen, sondern zu Konzernen und Investoren. Bei welchen Themen können junge Menschen das Gefühl haben, Politiker kümmern sich um sie, um ihre Zukunft?
Bei den Themen Krieg, Frieden und Menschenrechte gewiss nicht. Deutschlands beste Freunde ermorden tausende Menschen, töten Staatschefs anderer Länder, ohne dass unsere Regierung protestieren würde – ganz im Gegenteil. Darf man dann auch Trump und Netanjahu umbringen? Täglich werden junge Leute mit Bildern von Soldaten wie Kriegsrobotern traktiert, die mit immer tödlicheren Waffen morden. Sind Soldaten nicht junge Menschen, die leben wollen, mit ihren Lieben spielen und lernen und feiern wollen? Kinder lernen in der Kita und in der Schule, dass man Streit vermeiden, sich einigen und mit anderen teilen soll. Wieso gilt das in der realen Welt nicht? Wieso setzt sich Deutschland nicht für Friedensverhandlungen ein? Und: Wer will schon in diesen modernen Vernichtungskriegen als Kanonenfutter dienen? Nicht die Jugendlichen und ihre Eltern werden gefragt, ob sie fürs Vaterland sterben wollen; man fragt Wirtschaftsbosse und Generäle, wie viele Soldaten sie brauchen. Schätzt der Staat Kinder und Jugendliche nur nach Verwertbarkeit? Sparen bei den Armen – aber Soldaten können alle werden.
Agenturmeldung: Kinder und Jugendliche machen sich deutlich mehr Sorgen über Kriege, Terrorismus, Wirtschafts- und Klimakrise: Während im Herbst 2023 etwa die Hälfte berichtete, besorgt zu sein, waren es in diesem Jahr mehr als zwei Drittel, die sich wegen Kriegen (72 Prozent) und Terrorismus (70 Prozent) sorgten sowie mehr als die Hälfte wegen wirtschaftlicher Krisen (62 Prozent) und der Klimakrise (57 Prozent).
Die meisten Erwachsenen sind kein Vorbild für die Jugend. Sie protestieren nicht, wenn unsere »Freunde« Länder überfallen, Schulen, Krankenhäuser und ganze Ortschaften vernichten mit allen Menschen, die sich darin aufhalten. Alle klagen über hohe Mieten, unpünktliche Züge und über Politiker, die nie das tun, was die Mehrheit braucht. Aber wieso wählen sie die denn überhaupt? Wieso sagen sie nicht: Jetzt ist aber Schluss, macht gefälligst das, wofür wir euch gewählt haben! Und ältere Jugendliche denken: Ich soll Soldat werden, mich kaputt schießen lassen, damit ein paar Milliardäre noch mehr abzocken können? Wer zahlt eigentlich die hunderte Milliarden für die Kriegsförderung?
Nein, diese Welt ist nichts für Kinder und Jugendliche. Sie spüren die gesellschaftlichen Erwartungen, unausgesprochene Regeln und Tabus. Anpassen oder rebellieren? Sie spüren die Angst ihrer Eltern, Lehrer, lernen sich anzupassen, wegzusehen, gleichgültig zu werden, die Realität hinzunehmen und nur ihr Abbild spielerisch zu verändern, am besten mit KI. Für all das waren die Maßnahmen bei Corona eine fatale Einübung. Manche Ältere protestieren gegen Krieg und Wehrpflicht, gegen Israels Vernichtungskrieg oder die Zerstörung der Natur. Sie brauchen Mut, denn sie werden dann vom Geheimdienst überwacht und von der Polizei verfolgt. Die meisten passen sich an. Immer mehr werden aber seelisch krank, haben Angst, sind deprimiert – oder sie agieren ihre Perspektivlosigkeit in Form gehässiger Posts und aggressiver Ausbrüche aus.
Agenturmeldung: Berlins Schülerinnen und Schüler leiden massiv unter Gewalt, Bedrohung, Mobbing und Diskriminierung. Aber auch Schulbeschäftigte werden häufig zu Opfern und beklagen eine zunehmende Verrohung der Kinder und Jugendlichen.
Unmöglich, dass das alle gut finden. Warum kommt kaum Protest, kein Widerstand? Sind für Jugendliche Erwachsene Heuchler und Feiglinge? Nein, nicht alle. Zum Beispiel der alte SPD-Politiker Michael Müller, Bundesvorsitzender der Naturfreunde: »Wir kritisieren nachdrücklich die verantwortungslose Stationierung von ›Tomahawk‹-Marschflugkörpern in Deutschland. Das verschärft die Konfrontation mit Russland sowie den Militarismus in Deutschland. Mit der neuen Mentalität der ›Kriegstüchtigkeit‹ ist unser Land auf einem sehr gefährlichen Kurs, der ganz Europa auf die schiefe Bahn bringt. Deutschland muss zurück zur Friedens- und Entspannungspolitik.« Ein Aufrechter.