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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Spiel mit dem Feuer

Die Tages­schau berich­te­te am 3. August die­ses Jah­res, die Bun­des­wehr pla­ne, dass Atom­waf­fen im von den Mili­tärs »Ernst­fall« genann­ten Krieg gegen Russ­land auch dann ein­ge­setzt wer­den kön­nen, wenn es nicht um die soge­nann­ten »urei­ge­nen Sicher­heits­in­ter­es­sen« Deutsch­lands gehe, son­dern wenn Abschreckungs­struk­tu­ren die soge­nann­ten »Sicher­heits­in­ter­es­sen« ver­bün­de­ter Nato-Staa­ten berüh­ren. Es geht der Tages­schau zufol­ge um die nuklea­re Welt­ord­nung. Eine deutsch-fran­zö­si­sche »Steue­rungs­grup­pe« wird dazu in die Nato-Stra­te­gie integriert.

Die FAZ berich­te­te am 17.07.2026, wie weit­ge­hend kon­kret die­se Nukle­ar­stra­te­gie schon gedie­hen ist: »Der deutsch-fran­zö­si­sche Ver­tei­di­gungs- und Sicher­heits­rat wer­de (…) auf dem Flie­ger­horst im nord­rhein-west­fä­li­schen Nör­ve­nich zusam­men­tre­ten (…). Dort wer­den (…) ein nukle­ar­fä­hi­ger fran­zö­si­scher Rafa­le-Jet und deut­sche Euro­figh­ter betankt.« Das Gan­ze sei »ein erstes Stück« der Umset­zung zu einer enge­ren Zusam­men­ar­beit bei der nuklea­ren Abschreckung.«

Dazu tag­te ein soge­nann­ter »Sicher­heits- und Ver­tei­di­gungs­rat« bei­der Staa­ten kürz­lich auf Schloss Augu­stus­burg in Brühl, an dem zahl­rei­che Mini­ste­rin­nen und Mini­ster bei­der Sei­ten teil­nah­men; auch Kanz­ler Merz und Prä­si­dent Macron waren ein­be­zo­gen. Die erste Bun­des­wehr-Betei­li­gung an der Nukle­ar­übung der fran­zö­si­schen Armee sei »kom­ple­men­tär zu unse­rer nuklea­ren Teil­ha­be und der Abschreckung in der Nato, an der wir fest­hal­ten«, sag­te der Kanzler.

Für den kom­men­den Herbst pla­nen bei­de Sei­ten eine erst­ma­li­ge Betei­li­gung deut­scher Sol­da­ten an einem fran­zö­si­schen Nukle­ar-Manö­ver. Der Wider­stand gegen die­se erneu­te Stei­ge­rung der nuklea­ren Gefahr für die euro­päi­sche Zivi­li­sa­ti­on stützt sich aktu­ell auf die Frie­dens­be­we­gung und auf Tei­le alter­na­ti­ver Kräf­te in den eta­blier­ten Par­tei­en, in denen das Nar­ra­tiv der rus­si­schen Bedro­hung domi­niert, obwohl es laut einer Rede des ober­sten US-Kom­man­deurs der Nato, Gene­ral Ale­xus Gryn­ke­wich, auf der Luft­fahrt­mes­se ILA in Ber­lin am 11. Juni die­ses Jah­res dafür kei­ne Anzei­chen gebe. Die betei­lig­ten Regie­run­gen und die Nato ins­ge­samt erwei­sen sich damit erneut als ein Sicher­heits­ri­si­ko für das Über­le­ben der Menschheit.

Ein­stein warn­te nach den Ver­bre­chen von Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki: »Ich weiß nicht, mit wel­chen Waf­fen der Drit­te Welt­krieg aus­ge­tra­gen wird, aber im Vier­ten Welt­krieg wer­den sie mit Stöcken und Stei­nen kämp­fen.« Er enga­gier­te sich in der Atom­waf­fen­kon­troll­be­we­gung und for­der­te die Men­schen guten Wil­lens auf, die Ver­brei­tung und den Ein­satz von Atom­waf­fen zu verhindern.

Im Mani­fest, das er mit Bert­rand Rus­sel dazu ver­öf­fent­lich­te, sag­ten die bei­den welt­be­rühm­ten Frie­dens­ak­ti­vi­sten bereits 1955: »Im Ange­sicht der dro­hen­den Gefahr eines Atom­kriegs, der die Zivi­li­sa­ti­on aus­lö­schen könn­te, rufen wir die Wis­sen­schaft­ler und die Öffent­lich­keit dazu auf, sich für die Abschaf­fung von Atom­waf­fen ein­zu­set­zen. Wir for­dern die Regie­run­gen auf, Kon­flik­te durch Ver­hand­lun­gen und nicht durch Gewalt zu lösen. Die Mensch­heit steht vor einer Wahl: Ent­we­der sie schafft die Atom­waf­fen ab, oder die Atom­waf­fen schaf­fen die Mensch­heit ab.«

Im Inter­view mit dem Time Maga­zin (25. Mai 1946) ergänz­te Ein­stein: »Die Frei­set­zung der Atom­kraft hat alles ver­än­dert, außer unse­re Denk­wei­se. Wir schlit­tern einer bei­spiel­lo­sen Kata­stro­phe ent­ge­gen, wenn wir nicht ler­nen, in einer neu­en Art und Wei­se zu den­ken. Die Atom­ener­gie muss unter inter­na­tio­na­le Kon­trol­le gestellt wer­den, bevor sie uns alle vernichtet.«

Die Atom­bom­be ist ent­ge­gen allen Pro­pa­gan­da­lü­gen der Abschreckungs­stra­te­gen kei­ne Waf­fe, sie ist ein Mas­sen­ver­nich­tungs­mit­tel, das schon des­halb ver­bo­ten gehört, weil sie an Kriegs­hand­lun­gen Unbe­tei­lig­te tötet. Sie ist eine Waf­fe gegen uns alle, gegen unse­re Kin­der, gegen unse­re Städ­te, gegen die Zukunft. Mit der Legi­ti­ma­ti­ons­lü­ge einer ver­meint­li­chen Sicher­heits­po­li­tik ris­kie­ren die Ver­ant­wort­li­chen ein unend­li­ches und unbe­schreib­li­ches mensch­li­ches Leid, das die gesam­te Mensch­heit erfasst.

Die Lüge beglei­te­te bereits die US-Atom-Angrif­fe auf Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki: Die USA erklär­ten, sie hät­ten damit eine früh­zei­ti­ge Kapi­tu­la­ti­on Japans erwirkt und dadurch in der Gesamt­bi­lanz Leben geret­tet. Dem­ge­gen­über erklär­te der Enkel des dama­li­gen US-Prä­si­den­ten Tru­man: »Der Abwurf der Atom­bom­ben auf die Zivil­be­völ­ke­rung der bei­den japa­ni­schen Groß­städ­te habe sei­ner­zeit vor allem dem Zweck gedient, die Sowjet­uni­on abzu­schrecken.« In ande­ren Wor­ten: der Kal­te Krieg begann am 6. August 1945 in Hiroshima.

Im Inter­es­se des Lebens for­dern wir mit dem Ende des Wett­rü­stens den Beginn einer auf das Über­le­ben gerich­te­ten Diplo­ma­tie. Die Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Staa­ten und Kul­tu­ren dür­fen kein Grund sein, den Weg der Eska­la­ti­on und also immer wei­ter in Rich­tung Abgrund zu gehen.

Das von Ein­stein und Oppen­hei­mer einst gegrün­de­te Mit­tei­lungs­blatt (Bul­le­tin of the Ato­mic Sci­en­tists) warnt, die Mensch­heit sei noch nie so nahe am nuklea­ren Abgrund gewe­sen, wie heu­te. Die Äch­tung von Atom­waf­fen und Krieg, von Hoch­rü­stung und der mit dem NS-Wort »Kriegs­tüch­tig­keit« ver­klau­su­lier­ten Kriegs­trei­be­rei ist das Gebot des mah­nen­den Geden­kens an Hiro­shi­ma und Nagasaki.

Wir geden­ken dabei auch der bei­den Ange­hö­ri­gen der Roten Armee der UdSSR, denen wir ver­dan­ken, dass sie mit ihrem gesun­den Men­schen­ver­stand in inter­na­tio­nal zuge­spitz­ten Zei­ten nicht wie vor­ge­schrie­ben den roten Knopf gedrückt haben: In der Kuba-Kri­se war das Was­si­li Archipow, der sich mutig so ent­schied, als die US-Mari­ne Unter­was­ser­tor­pe­dos gegen sein U-Boot abge­feu­ert hat­te. Wäh­rend der Pha­se der Hoch­span­nun­gen zwi­schen Nato und War­schau­er Pakt, als der Nato-Rake­ten-Beschluss die Span­nun­gen stei­ger­te und die Frie­dens­be­we­gung mil­lio­nen­fach auf den Plan rief, war es Sta­nis­law Petrow, der mutig sei­ner Intui­ti­on folg­te und einen Atom­krieg, trotz des Alarms, dass die Sowjet­uni­on von US-Atom­ra­ke­ten ange­grif­fen wird, verhinderte.

In ihrem Sinn enga­giert sich die Frie­dens­be­we­gung seit jeher für das Über­le­ben der Menschheit.